History is sexy

Emma Southon (40) ist Althistorikerin, lebt in Belfast und hat bisher drei Bücher über die römische Geschichte geschrieben. Dieses Buch ist das erste, das ins Deutsche übersetzt wurde.

Wir kennen Cäsar, Nero, Brutus, Cicero oder Augustus, aber fallen Ihnen auch so viele berühmte Frauen ein? Wer sind diese 21 Frauen?
Sie kommen fast alle aus der Oberschicht, sind selbstbewusste Königsmacherinnen, Geschäftsfrauen, Dichterinnen oder auch zwei ausländische Feindinnen von römischen Kriegern. Emma Southon hat tief in Archiven gegraben und widmet sich u.a. auch römischen Geschichtsschreibern, die von heutigen männlichen Historikern oft als unbedeutend angesehen werden. In diesen Aufzeichnungen hat sie z.T. Material gefunden, das bisher keiner breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Chronologisch von der Gründung Roms, über das Königreich, der Republik, dem Imperium bis zum Verfall des Römischen Reiches erzählt sie von Frauen und wir begegnen z.B. einer Sabinerin, lernen die Bräuche der mächtigen Vestalinnen kennen oder sind bei dem Bacchanalienskandal mit dabei.
Beim Schmökern lernt man einiges über die römische Vorstellung von Luxus, die geltenden Gesetzen bezüglich Frauen und Sklaven, über typische Alltagsprobleme, das queere Leben in Rom oder auch über das Frauenleben während der Kriegszeiten.

„History is sexy“- so heißt ein Podcast, den die Autorin veröffentlicht. Sie liebt die römische Geschichte, erzählt aber nicht zum x-ten Mal detailliert über die Schlachten, sondern sucht nach anderen Blickwinkeln. Sie schreibt sehr lebendig, frech, mit Humor und ohne Tabus. So kann ein Geschichtsbuch Spaß machen. Römermuseum in Xanten….Ich komme!


Vom Wegwerfen und dem Tod

Ich hatte in der Vergangenheit schon zwei größere Anwandlungen, Dinge wegzuwerfen und das war danach jedes Mal ein tolles Gefühl. In den letzten Monaten wollte ich mich gerne mal wieder trennen, aber konnte mich nicht so recht überwinden. Also las ich erst einmal ein Buch, um mir einen geistigen „Überbau“ zu geben.


In diesem Reclamheft beschreibt die Autorin, wie sie nach dem Tod der Eltern deren Haus ausräumen muss. Viele Dinge behält sie und packt sie erst einmal in Kisten. Nach einer Zeit der Trauer will sie die Kartons „angehen“, doch sie schafft es nicht und schreibt stattdessen dieses Buch.
Zuerst die gute Nachricht: Es gibt zu der berühmten Konmari-Methode des Wegwerfens inzwischen eine Gegenbewegung, sie heißt „Cluttercore“ und befürwortet laut „Brigitte“ eine gewisse Unordnung, da sie Kreativität fördert. Musste ich das Buch überhaupt noch weiterlesen? Doch, es sollte in meinem Leben leerer werden.
Wie beeinflussen uns Dinge, die wir zuhause aufheben, horten oder dekorieren? Sie schenken uns schöne Erinnerungen, bringen kurzzeitig Frustverminderung, können uns ermahnen, drücken unsere Persönlichkeit aus und sind der Beweis, dass wir noch zu den Lebenden gehören. Deshalb fällt es uns oftmals so schwer, uns mit den toten Dingen unserer verstorbenen Eltern zu beschäftigen. Beim Ansehen und Aussortieren werden wir auch an den eigenen Tod erinnert und dagegen wehren wir uns.
In unserer heutigen Welt, in dem wir angehalten sind, möglichst wenig wegzuwerfen und lieber zu recyceln, kann das Wegwerfen zum Problem werden. Wie froh sind wir, wenn wir Sachen gemeinnützigen Anlaufstellen bringen können und damit das schlechte Gewissen, etwas wegzuwerfen, weitergeben. Die gute Tat ist eigentlich etwas Scheinheiliges. Diese Stellen platzen aus allen Nähten und nein, vieles kann man nicht mehr gebrauchen, die Zeit des Gegenstandes ist abgelaufen. Weg damit!
Die These der Autorin und da orientiert sie sich u.a. an dem Philosophen Michel de Montaigne: Wenn wir bewusst ein Ding wegwerfen, lernen wir auch ein bisschen, von der Welt Abschied zu nehmen. Der Tod verliert nach und nach seinen Schrecken, da wir uns an den Abschied und unser Verschwinden langsam gewöhnen.
Darüber musste ich erst einmal grübeln, kann diesem Gedanken aber etwas abgewinnen. Allerdings benutze ich bei einigen Dingen einen Krückstock, der mir das Wegwerfen erleichtert. Es ist dieses Heft:

Hier notiere ich vor dem Wegwerfen Dinge wie Souvenirnippes, Bücher, Kleidung, Schmuck, Fotos, u.v.m. und mein Gedächtnis hat dann immer mal wieder eine schöne Lektüre.

Die unbeschwerte Zeit ist vorbei oder ich möchte nicht in einem rechten Deutschland leben

Eigentlich wollte ich Ihnen heute ein paar Tipps geben, wie man seine Zeit im verregneten München am besten verbringen kann. Aber ich habe nach der Wahl in Brandenburg dieses Buch gelesen und seitdem kreisen meine Gedanken um ein anderes Thema.

Ich habe Ihnen im Februar schon ein ähnliches Buch vorgestellt (siehe unten „Demonstrieren ist gut, reicht aber nicht), aber Ruprecht Polenz listet noch mehr Ideen auf, was man selbst tun kann, um dem zunehmenden Rechtsruck in unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen.
Aus verschiedenen Gründen habe ich mich seit langer Zeit nicht mehr auf Instagram bewegt, doch bietet sich laut Polenz gerade hier eine Möglichkeit an, rechtspopulistischen Strömungen entgegenzuwirken. Möchte man es sich einfach machen, verteilt man auf den Seiten, die über die AfD aufklären oder zu friedlichen Demonstrationen aufrufen, „Likes“ und unterstützt dieses Engagement moralisch.
Inzwischen habe ich viele rechte Beiträge und deren Erwiderungen gelesen. Unverständnis, Fassungslosigkeit, Wut kamen immer wieder hoch. Ich empfinde die Instagramzeit besonders dann als Belastung, wenn ich den Eindruck habe, dass die Kluft zwischen den Menschen in Deutschland zunehmend unüberbrückbar wird und es kein Miteinander mehr gibt. Was tun?
Ich werde einen neuen Account eröffnen und versuchen, mit humorvollen Beiträgen zur Entspannung beizutragen. Das ist ein langer Weg, aber ich habe Hoffnung, dass sich etwas ädern kann.
Diese Hoffnung ist bei mir durch die Lektüre dieses Buches wieder größer geworden. Es beinhaltet einige sehr kluge Gedanken, die ich hier nicht wiedergebe. Bitte selber lesen!

Wenn die Beiträge in meinem Blog weniger werden oder sich vielleicht auch verändern, dann wissen Sie jetzt, liebe Blogstammkunden, woran es liegt. Ich weiß noch nicht, wohin mich der Weg führt.


Jarvis Cocker räumt auf

Der Sänger Jarvis Cocker (Jahrgang 1963) der britischen Musikgruppe „Pulp“ beschließt, den übervollen Dachboden seines Elternhauses auszumisten. Was er auf dem Dachboden findet, nennt Cocker „Selbstausgrabung“, denn Erinnerungen an seine Musikerkarriere und die Ära von Margret Thatcher werden freigelegt.
Jarvis Cocker hat über diese Dachbodenfunde ein Buch geschrieben:

Schon mit Anfang der Pubertät weiß Cocker, dass er eine Band gründen und berühmt werden will und erstellt ganz professionell einen „Masterplan“. Dazu gehören die einzelnen Schritte wie beispielsweise einen besonderen Kleidungsstil ( nicht zu punkig, aber auch nicht zu brav) entwerfen, Bandmitglieder finden, Songs schreiben (am besten ein Mix aus Punk und Barry White), Bühnen-, Radio-,und Fernsehauftritte organisieren, die Gründung eines eigenen Labels, um unabhängig von den kapitalistischen Großlabels zu werden. Ja, Jarvis ist ein Linker, der in Sheffield lebt, in der Stadt, die von den Maßnahmen Margret Thatchers in den 80er Jahren am schlimmsten betroffen ist.
Der Masterplan erfüllt sich Schritt für Schritt, aber alles ist sehr mühsam und dauert lange, es gibt immer wieder Rückschläge und nach der Schule muss Cocker von Arbeitslosenhilfe leben. Er gibt seinen Traum nicht auf, bis er kurz vor einem sehr wichtigen Konzert aus einem Fenster fällt und schwer verletzt wird. Mehrere Monate verbringt er in Krankenhäusern und es wird ihm klar, dass er aus Sheffield raus muss und sich dem tatsächlichen Leben stellen muss. Er beginnt 1988 ein Kunst & Design Studium in London und hier endet das Buch. Was dann in den 90er Jahren mit Pulp geschah, das ist eine andere Geschichte.


Leider habe ich es nicht geschafft, in meiner Buchbesprechung den Witz und die Selbstironie von Jarvis Cocker mit einzubauen. So möchte ich jetzt explizit darauf hinweisen. Cockers Zeitreise mit seinen Gedanken zu Popmusik und dem Erwachsenwerden sind sehr vergnüglich zu lesen. Und ich muss noch ein Video zeigen, in dem ich in dem Buch blättere. Die Dachbodenfunde werden nämlich dokumentiert und dazu gibt es noch Erinnerungsfotos und Popkunst.

Und es gibt auch noch eine Playlist zum Buch https://ffm.to/goodpopbadpop
Welche Lieder haben Jarvis Cocker geprägt, welche waren die ersten Songs von Pulp? Über 3 Sunden Musik zum Entdecken.

Die Weisheiten des Herrn Krabbenhöft

In diesem Video lernen Sie kurz den Autor dieses Buches kennen:

In 14 Kapiteln schreibt Krabbenhöft über sein Leben und was es ihn gelehrt hat. Er heiratete jung, das Paar bekam eine Tochter. Dann entdeckte er die Liebe zu einem Mann, die Ehe wird geschieden, die Tochter entscheidet sich, bei ihrem Vater zu bleiben. In den 80er Jahren ist er in Berlin Mitbegründer des Vereins „Schwule Väter“. Durch verschiedene Zeitungsartikel, z.B. in „Viva“ oder dem „Spiegel“ wird er immer bekannter, in den 90er bekommen er, seine Ex-Frau und seine Tochter eine Einladung zu der Talkshow „Bios Bahnhof“. Dieser Auftritt macht ihn deutschlandweit berühmt und in den folgenden Jahren tritt er noch häufiger im Fernsehen auf. In Berlin wird er zur „Marke“ dank seiner Liebe zum Tanzen in Clubs.
Dieses außergewöhnliche Leben wird immer wieder begleitet von tiefen Abstürzen und Depressionen. Sein Engagement für die Rechte Homosexueller lassen ihn als einen starken Mann erscheinen, doch er ist voller Selbstzweifel. In einer depressiven Phase zieht er sich für zwei Jahre in ein kleines Häuschen an einem See zurück und lebt wie ein Einsiedler. In diesen Monaten findet er nach und nach heraus, was für ihn und sein restliches Leben wichtig ist und genießt von da an jeden Tag.
“Sei du selbst“ ist seine Kernbotschaft, aber er gibt noch viele weitere Einsichten weiter, wie beispielsweise die Tatsache, dass man die Schuld nicht immer bei anderen suchen sollte. Veränderungen hat man selbst in der Hand, wenn man es wirklich will! Was er auch herausgefunden hat: Wenn Kopf und Körper Pausen und Stille brauchen, sollte man sich diese zugestehen und auf die üblichen Leistungserwartungen der anderen an die eigene Person pfeifen.

Krabbenhöfts Weisheiten werden auch in zig anderen Büchern zum Thema „Durchblick im Leben“ empfohlen. Doch in seinem, im Plauderton geschriebenen, Buch liest sich dies, kombiniert mit seiner Lebensgeschichte, nicht abgedroschen, es ist authentisch. Es eignet sich deshalb gut, sein eigenes Wissen um die wichtigsten Lebensregeln noch einmal aufzufrischen, bzw. zu verfestigen.

Die Träume anderer Leute

Meine heutige Buchbesprechung fängt mit einem Lied an, welches für ein Buch den Titel zur Verfügung stellte und bestens auf den Buchinhalt einstimmt:

2022 erschien dieses Buch von Judith Holofernes, laut einer Zwei-Sätze-Buchbesprechung in einer Zeitung eine „gnadenlose Abrechnung mit dem heutigen Musikgeschäft“. Mal hinter die Kulissen von Konzerten, Spotify und Sony zu gucken, fand ich reizvoll.

Vielleicht schütteln jetzt manche Leser und Leserinnen ungläubig den Kopf, aber ich wusste von Judith Holofernes nur, dass sie Sängerin ist. Wann, wie, warum- keine Ahnung. Sie als Frontsängerin von „Wir Sind Helden“- keine Ahnung. Hits von „Wir Sind Helden“-keine Ahnung. Also las ich das Buch völlig unvoreingenommen und das war vielleicht gar nicht so schlecht.
2012 löst sich die Gruppe „Wir Sind Helden“ auf, u.a. auch wegen der Tatsache, dass Judith, sie ist verheiratet mit Pola, dem Schlagzeuger der Gruppe und beide haben zwei Kinder, das Familienleben auf Konzert-und Promotouren nicht mehr aufrecht erhalten kann, ohne dauernde gesundheitliche Schäden davonzutragen. Nach dem Ende fällt der Druck endlich von ihr ab, endlich kann sie wieder durchatmen, endlich Zeit, ihr „eigenes Ding“ zu machen, sprich, eine CD mit ihren aufmüpfigen Liedern herauszubringen. Ohne Stress mit Garageband! Dann macht sie den Fehler, Berater aus der Heldenzeit mit einzubeziehen und schnell ist sie wieder in der alten Maschinerie des Musikgeschäfts gefangen. Ihre Solokarriere beginnt holprig, denn ihre Lieder handeln vom Muttersein und anderen Themen einer Frau von 38 Jahren, nicht unbedingt kompatibel mit den Ansprüchen der Musikbeschallungssender. Hier ein Beispiel:

Erneut ist ihre seit der Kindheit labile Gesundheit ausschlaggebend, dass sie aus dem Musikzirkus aussteigen muss.
2015 bringt sie einen Band mit Tiergedichten heraus, 2017 erscheint „Ich bin das Chaos“, die zweite Solo CD. Sie hat aus den Fehlern früherer Jahre gelernt, lässt sich nicht durch Verträge einengen, hat keine zu großen Erwartungen an den Erfolg. Trotzdem verlangt ihr diese CD auf andere Weise viel ab. Sie ist eine Frau über 40, deren Jungmädchenstimme nicht mehr zu ihr passt, wie sie selbst spürt.

Der Versuch, ihre Stimme zu verändern, scheitert, denn die Stimme verweigert den Dienst und beendet vorerst das Leben als Musikerin.
Aber sie seitdem hat andere Träume wahr gemacht. Sie bringt u.a. einen Podcast heraus, hat dieses Buch geschrieben und ist nun Hundebesitzerin- es scheint ihr gut zu gehen, Ende des Buches.
Judith Holofernes bekommt dieses Jahr den Fred Jay Preis für ihre Liedtexte verliehen. „Mit ihrem breiten Themenspektrum beweist sie, dass sich politisches Engagement, Verletzlichkeit, Sprachwitz und populäre deutsche Musik nicht ausschließen“, betonte die Jury.
Der Sprachwitz war auch für mich das größte Plus beim Lesen ihres Buches. Holofernes schreibt sehr ehrlich über sich, ihre Familie, Freunde und das Musikgeschäft, was ich ihr hoch anrechne. Sie irrlichtert durch ihr Leben, manchmal hätte das Selbstmitleid vielleicht etwas kleiner sein dürfen.
In den Texten kommen immer wieder Buchtitel vor, von denen sie begeistert schreibt oder sie erwähnt Musikgruppen oder besondere Lieder. Da musste ein Notizzettel her, um das alles nachzuarbeiten- sehr anregend!

Zwei Männer in ihrer eigenen Welt

Im Mai 2018 berichtete ich Ihnen von einem Besuch im Museum von Kevelaer. Dort lernte ich den Künstler Heinz Henschel kennen. (Siehe unten unter „Erdmännchen sind Katzen“).
Noch bis zum 23.7.2023 gibt es in Kevelaer erneut eine Ausstellung mit Werken von Heinz Henschel, die ich Ihnen sehr ans Herz lege!

Im Jahr 2018 wusste man über den Künstler Heinz Henschel nur sehr wenig. Er war 2016 gestorben und hatte seine 1200 Bilder und Objekte Matthias David vererbt, einem Mann, den er aus der Nachbarschaft kannte. David war anfangs mit dieser Erbschaft überfordert, erkannte aber den Wert von Henschels Schaffen und setzte alles daran, die Werke auszustellen.
Diese Kunstwerke und der Mann, der viele Jahre im Verborgenen tätig gewesen war, faszinierten mich von Anfang an und so war ich sehr erfreut, als 2022 dieses Buch über Heinz Henschel erschien, in dem David beschreibt, wie er seit 2016 Puzzlesteine gesammelt hat, um das Leben Henschels zu rekonstruieren und auch seine teilweise bizarren Bilder zu entschlüsseln. (Henschel benutzte u.a. eine Geheimsprache). Das Buch liest sich streckenweise wie ein Krimi.

In die aktuelle Ausstellung fließt nun dieses Wissen um Heinz Henschel mit ein. Es werden z.T. andere Bilder gezeigt und es wird der Kontext erklärt, wann und warum die Bilder entstanden.

Was diese Ausstellung aber darüber hinaus noch so einzigartig macht ist die Tatsache, dass Objekte eines zweiten Künstlers mit ausgestellt werden, dessen Leben auch das eines Außenseiters war. Erwin Hapke lebte in der Nähe von Unna in dem Haus seiner Eltern und hatte die Vorstellung, dass das Haus nach seinem Tod zu einem Museum wird. Das ist schon etwas ungewöhnlich, aber Hapke, der promovierter Biologe war, verließ ab 1981 bis zu seinem Tod 2016 das Haus nie, wurde nur einmal pro Woche von seiner Schwester mit Lebensmittel versorgt und widmete sich ausschließlich dieser Kunst:

Die Fotos beschreiben nicht annähernd, welche Wirkung diese Wände voller gefalteter Objekte haben, wenn man „live“ davor steht. Man ist sprachlos. Und wenn man sich dann jedes einzelne Objekt vornimmt, möchte man sich vor dieser großen Kunstfertigkeit verneigen. Wie in der Ausstellung u.a. zu lesen ist, hat Erwin Hapke unzählige neue Faltformen erfunden, die in Japan, dem Land des Origami, völlig unbekannt sind.

Erwin Hapke vererbte das Haus mit den über 100000 Objekten seinem Neffen Matthias Burchardt. Das Haus wird kein Museum werden, da es komplett restauriert werden müsste und es kein längerfristiger Ort für solche fragilen Papierarbeiten sein kann. Was mit der Sammlung geschieht, ist derzeit noch unklar, auch deshalb ist die Ausstellung in Kevelaer etwas Besonderes.

Ein Tag mit Hermann Hesse (GSLI Nr. 5)

Nicht weit von Lugano liegt der Ort Montagnola , in dem der Schriftsteller Hermann Hesse von 1919 bis zu seinem Tod 1962 gelebt hat.
Ich war bisher kein großer Hermann Hesse Fan. In der Vergangenheit las ich einige Bücher von ihm, die mir gut gefielen, aber Hermann Hesse als Mensch war mir, ohne das ich es richtig begründen konnte, nicht sympathisch. Der Auslöser für den jetzigen Besuch war dieses Buch, das ich vor meinem Urlaub gelesen hatte:

Hermann Hesse wird in dem Buch als sehr höflich, bescheiden und humorvoll, aber auch als teilweise depressiv und schwierig beschrieben. Von seiner ersten Ehefrau trennte er sich wegen ihrer Schizophrenie und gab die drei gemeinsamen Kinder zu Freunden, die Ersatzeltern wurden. Danach zog Hesse nach Montagnola. Die zweite Ehe hielt nur kurz, zu groß war der Altersunterschied. Die dritte Ehefrau, Ninon, behütete und beschützte Hesse wie den heiligen Gral und war im Umgang wohl auch eher kompliziert. Das Haus der Hesses war in Friedenszeiten und während des 2. Weltkrieges ein Anlaufpunkt für viele Berühmtheiten. Einige Freunde ließen sich ebenfalls in Montagnola oder in Nachbardörfern oder in nahen Städten nieder und so gibt es in dem Buch diverse kleine Geschichten über Prominente der damaligen Zeit zu lesen. Mehr gefallen haben mir aber die Lebensläufe und Interviews von den Personen, die dafür sorgten, dass das Leben der Hesses in Montagnola so angenehm war. Da sind beispielsweise der Leibarzt von Hesse, seine Italienischlehrerin, die einen schweren Stand hatte, da Italienisch für Hesse ein Buch mit sieben Siegeln blieb oder der Postbote und seine Familie, die bis zu 1000 Briefe am Tag zu Hesses Haus bringen mussten, als dieser den Nobelpreis für Literatur gewonnen hatte. Auch die Beschreibungen der politischen Landschaft las ich gerne, erinnerten sie mich doch teilweise an „Don Camillo und Peppone“. Das Buch ist reich bebildert mit Alltagsfotos, Fotos von Dokumenten, Briefen und anderen Texten.

Unser Ausflug nach Montagnola hat sich gelohnt. Dank des Museums und des „Hermann Hesse“ Wanderwegs konnte man noch ein bisschen die Welt des Schriftstellers nachempfinden.

Rechts das Hessemuseum in Montagnola, oben der Schreibtisch mit der originalen Schreibmaschine
Links der Friedhof mit dem Grab von Hermann und Ninon Hesse

Als ich jetzt wieder zuhause war, verleitete mich dieses Buch dann, mich an einem Hesse Motiv zu versuchen.

Dieses Buch lege ich allen sehr ans Herz, die das Malen für sich als Hobby pflegen. Hesse beschreibt u.a. wunderbar, welche glücklichen Stunden er verbringt, wenn er alleine ist und malt. Da er mit dem Malen erst angefangen hat, als er über 40 war und die Welt damals in Kriegsangst lebte, ist seine Dankbarkeit, diese Malstunden erleben zu dürfen und alles Schlimme für kurze Zeit vergessen zu können, sehr groß. Es ist nach dem Malen fast süchtig, beobachtet die Welt immer mehr mit „Maleraugen“ und mehrere Abbildungen belegen, wie er im Laufe der Zeit seinen eigenen Stil gefunden hat.

Eins der Lieblingsbilder von Hermann Hesse

Mein zweiter Buchtipp:

Zu diesem Band mit kurzen Betrachtungen und kleinen Geschichten habe ich freundschaftliche Gefühle aufgebaut und lese immer mal wieder einen Text. Der Mensch, der dort schreibt, hat Gedanken, die meinen sehr nahe kommen und die 100 Jahre später oft noch aktuell sind. Auch drücken seine Betrachtungen Gelassenheit und Fokussierung auf das Wesentliche aus, davon schneide ich mir immer wieder gerne eine Scheibe ab!

Der nächste Beitrag zu der Italienreise erscheint heute in einer Woche!

Das Beste was wir tun können, ist nichts

…, wenn wir die Welt wieder lebenswerter machen möchten.


Der Autor verbrachte in jungen Jahren einige Zeit in Frankreich und arbeitete bei dem Paar Marie und Pierre. Dieses lebte auf einem kleinen Bauernhof von dem Geld, das es vom Verkauf von selbstproduziertem Ziegenkäse verdiente. Ansonsten lassen die beiden den lieben Gott einen guten Mann sein. Björn ist begeistert und das Paar wird sein großes Vorbild. In Deutschland zurück, vergisst er allerdings erst einmal seine Vorbilder, fängt zu studieren an, ergreift in Berlin den Beruf eines Redakteurs. Bald jedoch wird ihm die Stadt zu hektisch, zu laut, die Luft ist zu schlecht, das Arbeiten verliert immer mehr seinen Sinn- er will endlich so ein Leben wie Marie und Pierre führen! Um die Rahmenbedingungen für diese Lebensumstellung zu schaffen, kauft er sich einen alten Bauernhof nahe der polnischen Grenze. Seine Freundin fragt er nicht, es wird sich schon ein Weg des Zusammenlebens für sie und ihren gemeinsamen Sohn finden.
Nichtstun und in einem baufälligen Haus wohnen verträgt sich schlecht, das merkt Björn schnell. Frühere Verhaltensmuster brechen immer wieder durch, wie z.B. alles neu im Baumarkt zu kaufen, anstatt es sich bei Nachbarn auszuleihen oder im Internet Sachen zu bestellen, die er gar nicht braucht. Welch ein Glück, dass er als Nachbarn einen Nichtstunprofi hat, der Björn nicht nur einmal den Kopf gerade rückt und ihn in dem langen Lernprozess des Nichtstuns an die Hand nimmt.
Björn ist am Ende des Buches ein großer Nichtstunkönner. Ihm gelingt es, sich immer mehr von dem üblichen Alltagsleben zu verabschieden. Er arbeitet nicht mehr für das neuste Handy, den exotischen Urlaub oder für eine teure Wohnung. Er sitzt auf der Bank unter seinem Birnbaum und beobachtet die Natur, wenn er nicht etwas Anderes tut, das ihm Spaß macht.
Sein Resümee: Man braucht keinen Bauernhof, um aus dem Hamsterrad auszusteigen. Das ist eine Kopf- und keine Ortssache. Was wäre, wenn mehr Menschen so leben würden? Der Welt ginge es besser.

Bald kommen sie wieder zurück

Im letzten Herbst erzählte ich Ihnen von einem Ausflug zu den Kranich-Rastplätzen in der Umgebung von Diepholz. Mich hat dieser Besuch sehr beeindruckt und ich wollte mehr über Kraniche wissen. In der Stadtbücherei fand ich dieses Buch:

Kraniche leben, abgesehen von der Antarktis und Südamerika, überall auf der Welt. Der Autor Christopher Schmidt hat die Welt bereist und lernte dabei alle 15 Kranicharten kennen und beobachtete sie ausgiebig. Aber anstatt zu fotografieren, brachte er Aquarellbilder von seinen Reisen mit und diese ergänzen seine Texte in diesem Buch auf ganz bezaubernde Weise.

Im ersten Teil des Buches wird Allgemeinwissen über Kraniche vermittelt, wie z.B. Körperbau, Federkleid, Nahrungsaufnahme, Flugverhalten, Paarung, Brutzeit und Aufzucht des Nachwuchses. Auch geht er hier schon auf die allgemeine Bedrohung des Aussterbens der Kraniche ein, wie beispielsweise durch die immer geringer werdende Anzahl von geeigneten Brutplätzen oder dem Wegfall von Nahrungsangeboten. Abgerundet wird der erste Teil durch einen kleinen Ausflug in die Mythologie der Kraniche. Über diese Vögel gibt es unzählige Legenden, Märchen und Überlieferungen, die ein eigenes Buch füllen könnten.

Teil 2 des Buches stellt die fünfzehn Kranicharten im Einzelnen vor. Man erkennt schnell: Kranich ist nicht gleich Kranich. Im Aussehen gibt es Unterscheidungen, die eine Art liebt das Feuchte, die andere lebt in der Steppe. Eine fliegt am liebsten gar nicht, die andere schafft locker mehrere tausend Kilometer an Distanz, Jungfernkraniche fliegen bis in zu 8000 m Höhe, wenn sie den Himalaya überqueren. Bei jeder Kranichart geht der Autor noch einmal detailliert auf die Gefährdung dieser Art ein. Er nennt weitere Gründe, zeigt aber auch auf, welche Gegenmaßnahmen in den letzten Jahren eingeleitet wurden, um das Aussterben aufzuhalten.

Bei Lesen des dritten Teils ist mir das Herz aufgegangen. Christopher Schmidt lebt an der Ostsee in der Nähe von Brutplätzen einiger Graukraniche. Er beschreibt seine Beobachtungen während eines Jahres so liebevoll und man spürt, wie sehr Schmidt der Natur verbunden ist. Er kennt sich auch bei anderen Vogelarten sehr gut aus, weiß Pflanzen und Schmetterlinge zu bestimmen.
Das Lesen und Verweilen in diesem Buch ist genau das Richtige bei winterlichem Schmuddelwetterblues oder wenn man in die Schönheit und die Geheimnisse der Natur versinken möchte.