Ein Krimiabend mit Dominique Manotti (Französischstunde Nr. 31)

Letzte Woche war auf Einladung der Duisburger deutsch-französischen Gesellschaft und der Duisburger VHS die französische Krimiautorin Dominique Manotti im Café Museum im Kantpark zu Gast. Ich hatte letztes Jahr auf ARTE einen Bericht über die Stadt Marseille gesehen und dort trat u.a. auch Frau Manotti auf. Da ich sie sehr sympathisch fand, besuchte ich jetzt ihre Lesung.

Waltraud Schleser und  Wolfgang Schwarzer von der deutsch-französischen Gesellschaft führten durch den Abend und machten dies sehr gut. Da Frau Manotti kein Deutsch spricht, übersetzten die beiden abwechselnd Frau Manottis Ausführungen, so dass man selbst bei geringen Französischkenntnissen einen unterhaltsamen Abend verbrachte.
Zuerst erzählte Frau Manotti ein bisschen über ihr Leben, das in den 60er und 70er Jahren geprägt war durch politisches Engagement und Arbeit für die Gewerkschaft. Die Machtübernahme Mitterands bedeutete für sie einen großen Einschnitt, denn nach ihrer Meinung hat Mitterand die politischen Ideen der Linken verraten. Ihr Leben bekam eine neue Richtung und sie begann im Alter von 50 Jahren, Kriminalromane zu schreiben. Ausschlaggebend war die Lektüre eines Buches des amerikanischen Autors Ellroy. Ihr wurde klar, dass man mit Kriminalromanen Menschen erreichen und aufklären kann.
Manotti wurde schnell erfolgreich, denn in ihren „Crime noir“ verarbeitet sie tatsächlich stattgefundene  Skandale in Frankreich.

In ihrem neusten Buch, aus dem sie zwei Passagen vorlas,

geht es um Rassismus in Frankreich. Die Quelle vieler Übel dieser Art ist der Algerienkrieg in den 60er Jahren und in ihrem Krimi erzählt Manotti von mehreren Morden an algerischen Mitbürgern in Marseille. Diese Straftaten werden von der Polizei und noch höheren Behörden kleingeredet oder noch lieber unter den Teppich gekehrt. Aber es gibt glücklicherweise eine Handvoll Polizisten und Anwälte, die dagegen angehen. 
Am Anfang fand ich den Krimi (knapp 400 Seiten) etwas schwierig zu lesen, da viele Organisationen pro/ contra Einwanderer, Arbeiter, Franzosenalgerier in der Geschichte involviert sind und ich erst lernen musste, die Gruppierungen auseinander zu halten.  Aber insgesamt ist es ein sehr lesenswertes Buch, da es, wenngleich es in den 70ern spielt, an Aktualität nichts verloren hat.

Auf den Geschmack gekommen, wurde Manottis ersten Krimi, der 1995 erschien, meine nächste Lektüre.

1980, Paris. Im Stadtteil Sentier waren damals wie noch heute viele Schneidereien und Läden angesiedelt, die von den bekannten Modehäusern Aufträge bekamen. (Siehe auch Beitrag „Frischlufttherapie“). Damals arbeiteten hauptsächlich nur Männer in diesem Metier, viele kamen aus der Türkei. Die meisten von ihnen besaßen keine Arbeitsgenehmigung und wurden ausgebeutet.

Das führte irgendwann dazu, dass sich die Arbeiter organisierten und auflehnten. Inspektor Daquin, den ich aus dem Marseiller Krimi bereits kannte, versucht mit seinen Kollegen einen Drogenhandel aufzudecken und gerät dabei in die Arbeitskämpfe.
Manotti hat für die Gewerkschaft lange in dem Viertel Sentier gearbeitet, so verwundert es nicht, dass sie ihren ersten Krimi hier ansiedelt. Ich fand diesen Krimi härter, aber man ist schneller Thema drin.

Markttage in Paris

Wer Paris liebt und/oder gerne auf Märkten einkauft, der wird dieses Buch genießen:

Der Autor hat zeitlebens das Gefühl von Heimat vermisst. Sein Vater war der Autor und Zukunftsforscher Robert Jungk und Peter Stephan Jungk beschreibt seine Kindheit, die von seinen rastlosen Eltern geprägt ist. Das unstete Leben führt er als junger Mann fort, denn ihm fehlt seine wahre Berufung und er probiert immer wieder Neues aus, wenn er nicht gerade zusammen mit Hank (später als Charles Bukowski bekannt) in Los Angeles versackt. Erst als Jungk sich in Paris in der Nähe des Marché d‘Aligre einquartiert und länger bleibt, erfährt er so etwas wie ein Gefühl der Zugehörigkeit zu den Marktleuten und den Besitzern der umliegenden Läden und Cafés. Beim Lesen des Buches begleitet man Jungk auf seinen Einkäufen, die jedes Mal ein Fest der Sinne sind. Diese Düfte, diese Farben, diese Geschmacksverlockungen von perfektem Obst, frischem Fisch, noch warmen Gebäck!

Dazu kommen die Besuche in den Flohmarktgängen, immer dieses leichte Kribbeln, vielleicht etwas Besonderes zu finden. Und als i-Tüpfelchen: Die Verkäufer bieten ihre Ware feil, als würden sie ein Theaterschauspiel aufführen. Manchmal möchte man Beifall klatschen.
Zusammen mit dem Autor blickt man aber auch hinter die Kulissen dieses Markttheaters, denn er findet unter den Marktstandbesitzern Freunde, die ihm von ihren oftmals tragischen Schicksalen, sowie von den Rivalitäten untereinander und der täglichen harten Arbeit erzählen.
Sich nach Paris aufmachen mit dem Buch im Gepäck, sich in ein Café setzen und einzelne Kapitel noch einmal lesen, das kann ich mir sehr gut vorstellen…

P.S. Der Marché d‘Aligre liegt im 12. Arrondissement, Nähe „Place de la Bastille“.

Mein französischer Weihnachtstisch

Ich habe in unserer Wohnung zwei weihnachtliche Tische, mit denen ich meine Vorfreude auf die Feiertage nach und nach erhöhe. Dieser ist der kleine Tisch:

Jeden Tag esse ich eine Madeleine (ist quasi ein französischer Adventskalender) und blättere dabei ein bisschen in den Parisbüchern. Der Tintin Comic und das Reclambändchen werden u.a. meine Feiertagslektüre sein. Den Paris-Armreif schenkte mir eine liebe Freundin, das SW-Foto erinnert mich an einen weiteren schönen Parisaufenthalt. Die Dame mit dem Hündchen-Karte ist eine Wackelkarte, wenn man sie bewegt, wird Madame auch mal sehr schlank. (Vor und nach Madeleinegenuss).
Der Tisch ist meine Art, das Fernweh etwas einzudämmen.
Das Samstagrätsel hilft auch dabei. Es dreht sich um Wörter, die aus dem Französischen in die deutsche Sprache übernommen wurden. Finden Sie bei diesem Silbenrätsel die 15 Wörter? Um es etwas leichter zu machen, fangen die Silben der Wortanfänge mit großen Buchstaben an:

Kar – heur – Sou – don – Pro – pas – Ti -ge- te – Char – tier – na – Bla – gon – mee – de – Ma – ment – Par – Pen – sü – nir – ra – dant – me – Faux -ga – meur – ma – ge – Mal – ve – de – Me – rot – na – Re – to – En – ge – Jar

Jetzt kommen die Lösungen vom letzten Samstag:

„Welcher Familienname ist in welcher Stadt am häufigsten vertreten?“ Das war die Frage der letzten Woche. Wie sieht Ihre „Richtigquote“ aus?

Kiel = Petersen / Rostock = Schmidt /  Oldenburg = Janssen /  Osnabrück = Meyer Siegen = Schneider / Aachen = Schmitz /  Cottbus = Lehmann /  Frankfurt (Oder)  = Schulz / Bauzen = Richter / Regensburg = Bauer / Rosenheim = Huber

Wenn Sie auch einen weihnachtlichen Hot Spot haben, dann wünsche ich Ihnen dort einen schönen dritten Advent!.

Sind Sie Ihrem Körper dankbar?

Der letzte Satz des Buches: „Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten.“ Paul Auster ist 64 Jahre alt, als er 2011 dieses Journal schreibt und er widmet das Buch seinem eigenen Körper. Was hat dieser in über sechzig Jahren aushalten müssen? Welche Freuden durfte er genießen? Was hat sein Körper für den Menschen Paul Auster alles getan, damit dieser so ein Leben führen durfte?
Die Aufzeichnungen beginnen mit großen und kleinen Blessuren, die das Kind und der Jugendliche sich beim Sport, bei Raufereien oder durch Unachtsamkeit zugezogen haben. Es folgen die Sturm und Drang Jahre. Auster verliebt sich schnell, besonders in Frauen, bei denen er ein inneres, individuelles Leuchten entdeckt. Allerdings sind diese Jahre nicht nur lustvoll, sein Liebesleben fordert auch gesundheitlichen Tribut.
Als junger und armer Schriftsteller zieht er insgesamt 21mal in den USA und in Paris um, mehrmals haust er in verwahrlosten Löchern. Eine frühe Ehe, sein erstes Kind hinterlassen Spuren, ebenso die baldige Scheidung. Erst als er seine zweite Frau kennenlernt, inzwischen ist er über dreißig, wird sein Leben etwas ruhiger. Sie kaufen gemeinsam ein Haus in Brooklyn, bekommen auch ein Kind, beide sind erfolgreiche Schriftsteller ohne große finanzielle Sorgen.
Auster schreibt nicht über das erste graue Haar und die zunehmende Anzahl von Falten bei einem Mann „im besten Alter“. Ein neues Kapitel beginnt, als seine Eltern und Schwiegereltern krank werden und sterben. Gedanken über den Tod nehmen immer mehr Raum ein, er hat eine schlimme Panikattacke und muss danach Medikamente einnehmen, um nicht weiter darunter zu leiden. Er registriert bei sich geistige Veränderungen, die u.a. einen schweren Autounfall zur Folge haben, bei dem nur durch viel Glück nichts Schlimmes passiert. Körperlich machen sich Unpässlichkeiten bemerkbar. Auster gesteht diese seinem Körper zu, denn unzählige Aufgaben verrichtete er jahrzehntelang ohne großes Murren. Eine Zeit beginnt, in der Auster mehr denn je für ruhige, liebevolle und gesunde Augenblicke dankbar sein wird- der Winter.
Besuchte Paul Auster früher auf der Frankfurter Buchmesse den Rowohlt Stand, war das Chaos vorprogrammiert dank vieler junger Buchhändlerinnen, die ihn umschwärmten, ich mittendrin. So las ich dieses Buch anfangs mit viel Interesse. Ein weltberühmter Schriftsteller stößt sich selbst vom Sockel. Er ist „nur“ ein Mensch mit Schwächen, Fehlern und Verletzungen, der weiß, dass er jetzt alt ist. Seine Schilderungen sind dabei nicht nur eine Aneinanderreihung von Körpergeschichten, sondern sie erzählen auch lebendig von einem Leben in den USA nach dem 2.Weltkrieg.
Aus meinem Interesse wurde beim Lesen schließlich Faszination, denn seine Körpererinnerungen ließen mich auch über meinen Körper nachdenken. Was musste er mit mir alles aushalten? Meine eigenen alten Geschichten waren plötzlich wieder präsent. Ich werde sie aufschreiben, damit ich sie nicht endgültig verliere und auch als Mahnung an mich, öfter meinem Körper ein Dankeschön zu sagen.

P.S. Diesen Lesetipp bekam ich übrigens beim Lesen dieses Buches:

Die Protagonistin verschlingt Bücher und da fallen halt auch Lesetipps ab. Buchbesprechung siehe unten „Ein Tattoo zum 75. Geburtstag“.

P.S.2: Am Donnerstag gibt es einen Füße-Beine-Hüfte Beitrag.

Paris als roter Faden- Nr. 1

Heute und nächste Woche möchte ich Ihnen vier Bücher kurz vorstellen, in denen Paris eine Rolle spielt.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts lebte Kurt Tucholsky zuerst in Berlin und zog dann nach Paris. In 17 Kurzgeschichten vergleicht er die beiden Städte (Berlin: Arbeit, Arbeit, Arbeit+darüber klagen+telefonieren + unhöflich sein, Paris: Arbeit,Arbeit,Arbeit, aber im nonchalantem Trott+ lecker essen+freundlich sein ) oder gibt Momentaufnahmen vom Alltag in beiden Städten wieder. Die Geschichte über den täglichen Spaziergang nach der Arbeit im Tiergarten, bei dem Paare sich erst einmal ihre Herzen über den doofen Chef, unverschämte Kunden oder intrigante Kollegen ausschütten, ist wunderbar. Ebenso auch die Betrachtung, was es bedeutet, wenn ein Pariser „Ah ça…“ sagt oder seine Begegnung auf der Champs-Elysees mit einer Katze, die ursprünglich aus Insterburg kommt und mit ihm Ostpreussisch spricht.

Tucholskys Berichte sind wie seine Gedichte: witzig, politisch, manchmal skurril und geschrieben mit kritischem aber immer auch gütigem Blick auf die Fehler der Menschen. An manchen Stellen ist die Aktualität der Geschichten bemerkenswert.

Dieses Buch las ich jetzt zum zweiten Mal:

Der Autor Peter Gethers, u.a. Drehbuchschreiber für Roman Polanski, hasst 10 Dinge und auf Platz 1 stehen Katzen. Das hält seine Freundin allerdings nicht davon ab, ihm eines Tages ein winziges graues Fellknäuel in die Hand zu legen, weil sie meint, Gethers hätte zuhause ein bisschen mehr Gesellschaft nötig. Der Widerstand Gethers ist schnell gebrochen, denn „Norton“ ist erstens süßer als süß. Er gehört zu der Scottish Fold Rasse und hat damit allerliebste Knicköhrchen. Zweitens ist er aber auch klug, abgeklärt, fast immer mutig und charmant. Mit ihm zusammen entspannt spazieren gehen? Kein Problem. Mit ihm verreisen, z. B. in der Concorde nach Paris? Die Crew frisst Norton aus der Hand. In einem Pariser Nobelhotel absteigen? Beim nächsten Mal fragt der Portier zuerst nach dem Wohlergehen Nortons, wie es Gethers geht, ist zweitrangig.

Jahre vergehen. Wir lesen, wie Norton nach der Trennung von der Freundin Gethers in Fragen von neuen Frauenbekanntschaften beratend zur Seite steht oder wie er Gethers Vater, ein noch größerer Katzenhasser, tröstet.

Tipp: Falls Sie eine Katze haben und Ihnen das Buch gefällt, lesen Sie es nicht Ihrer Katze vor. Ich machte einmal diesen Fehler, danach herrschte ganz dicke Luft zwischen meinem Kater und mir. Ich hatte beim Vorlesen zu begeistert geklungen und mein Gesichtsausdruck drückte wohl ab und zu mal ein „ Aach jaaa“ aus…

Der Sezierer des „grauen“ Alltags

Und hier ein weiterer Autor, den ich dieses Jahr neu entdeckt habe:

Georges Perec, ein französischer Autor, legt in seinen Büchern den Alltag unter das Mikroskop und erfasst minutiös jede Art von Handlung, die zu einem Vorgang gehört, hält jede noch so unbedeutende Beobachtung fest und erkundet Möglichkeiten des Ordnens. Er ist nicht auf Sensationen aus wie beispielsweise Zeitungen. Perec ist von Zeitungen gelangweilt, denn sie berichten nicht über Dinge, die sein Leben betreffen, nicht über den gewöhnlichen Alltag oder über Selbstverständliches.

Im rechten Buch listet er die Beobachtungen auf, die er 1974 an drei Tagen gemacht hat. Täglich hat er mehrere Stunden auf dem Pariser Place Saint-Sulpice gesessen und notiert: Menschen, Fahrzeuge, Tiere, Geräusche, Düfte, wechselnde Schriftzüge, Beleuchtungen, Farben. An den drei Tagen gibt es Regelmäßigkeiten, wie beispielsweise immer wieder vorbeifahrende Busse oder Menschen, die zu ihrer Arbeit gehen, aber auch viele „Mikro-Ereignisse“, die so unterschiedlich sind, dass selbst der langweiligste Alltag interessant sein kann, wenn man nur genau hinschaut.

Im linken Buch erhebt er mit dem Thema „Denken/Ordnen“ den Alltag ebenfalls in eine andere Sphäre. Als Leserin stachen bei mir zuerst die Kapitel über die Kunst des Bücherordnens, über das Lesen und die Betrachtungen über Brillen heraus, doch seine Anmerkungen über die Gegenstände, die auf seinem Schreibtisch liegen oder seine drei Erinnerungen an früher besuchte Zimmer gefielen mir auch sehr gut.

Wer mehr über Georges Perec wissen möchte:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Georges_Perec

Erstaunlich und erstaunlich

Seit Anfang der Woche bietet die Duisburger VHS jeweils um 19 Uhr ein „Webinar“ an. Es wird zu ganz verschiedenen Themen via Internet ein Vortrag von ca. 20 Minuten gehalten, danach kann man an den Moderator und den Referenten Fragen stellen. Ich nahm vorgestern und gestern teil und bin begeistert. Endlich mal eine etwas andere Art von Kulturimput! Vorgestern befasste sich Axel Voss mit dem Bild „Melencolia I“ von Albrecht Dürer, gestern nahm Wolfgang Schwarzer die Besucher mit auf eine Fahrt durch Paris mit der Metro Ligne Nr. 1. Die Endstation war das Château de Vincennes, von dem ich bisher noch nie gehört hatte. Zwei erstaunliche Abende, die sehr viel Lust auf weitere Vorträge machten. (Nächste Woche geht es weiter, am Mittwoch gibt es z.B. einen Rundgang durch Berlin. Jeder kann sich beteiligen, man muss sich vorher nur über die Seite der der VHS Duisburg anmelden.)

Als ganz anders erstaunlich empfand ich folgende Momente:

Erstaunlich…. wenn ein solches Horoskop jetzt erscheint:

Zwillinge 21.5. – 21.6.

Sie verspüren im Augenblick große Reiselust. Setzen Sie diese doch einfach einmal in die Tat um.

oder

…wenn in einer Apotheke eine Kundin zwei Masken kauft und dabei erzählt, dass im Radio gerade verkündet wurde, dass ab Montag in NRW das Tragen von Masken zur Pflicht wird. Eine andere Kundin meint daraufhin: „Das ist aber auch vernünftig!“ Pause „Aber ich werde keine tragen.“

Schade.

Der Akazienkavalier

„Von Menschen und Gärten“ ist der Untertitel dieses Buches und ich fing bereits im Januar an, es zu lesen, weil ich mich in den Gärten andere Menschen „umsehen“ wollte. Das ging ziemlich schief, denn in den meisten Kapiteln ist entweder nur eine Pflanze das Thema (z.B. ein Ficus in einer Küche oder der Seidelbast als Pflanze der Bettler) oder es geht um einen Garten, dieser dient aber eher nur als Schauplatz für Begegnungen mit Menschen.

Ich war deshalb von diesem Buch enttäuscht und legte es wieder weg. Jetzt, wo ich meinen eigenen blühenden Garten habe, gab ich dem Buch aber eine zweite Chance. Die Autorin erzählt von Begegnungen mit Menschen in mehreren Ländern Europas, deren Leben zeitweise oder ganz vom Leben im Garten oder mit einer Pflanze geprägt wurde. Beeindruckend das Kapitel, in dem sie von einem Treffen mit einer blinden Gärtnerin erzählt. Zu Herzen gehend ist die Familiengeschichte von vier Schwestern, die sich regelmäßig unter einem alten Birnbaum treffen. Der Autorin Colette wird eine Geschichte gewidmet, wie sie im zweiten Weltkrieg aus ihrer Wohnung den Garten des Palais Royal sieht und den Alltag unter der deutschen Besatzung beschreibt. Ja und dann ist da noch der bekannte deutsche Schauspieler Walter Sittler, der auf einer Fensterbank einen Wüstengarten pflegt oder ein Wolkengarten über dem Memelland, den man entdecken kann.

Ich mag die achtzehn Geschichten dieses Buches inzwischen sehr. Es sind z.T. ergreifende Schicksale, von denen die Autorin erzählt, aber auch ihre Gabe, Details und Stimmungen zu beschreiben, hat mir gut gefallen.

Dirigentin gefunden

Hier nun mein letzter Parisbeitrag. Erstmalig besuchten wir die Pariser Philharmonie.

Ein weiteres architektonisches Prunkstück in Frankreichs Hauptstadt, das 2015 erst eröffnet wurde. Es liegt im „Musikerviertel“ direkt neben dem Parc du Villette im Nordosten von Paris. Früher eher eine Gegend, in der die Menschen arm waren, ist das Viertel heute dank der musischen Ausrichtung mit vielen Musikschulen und anderen Gebäuden prosperierend.

Der Besuch hielt zwei sehr positive Überraschungen für uns parat. Für mich war es das erste Konzert mit klassischer Musik, bei dem ich das Gefühl hatte, dass die Menschen wegen der Musik kamen und nicht um gesehen zu werden oder weil ein Besuch in den Kreisen „dazugehört“. Das konnte man an der Kleidung ausmachen, aber auch an den Einkaufstaschen, Rucksäcken oder Aktenkoffer, die in den Konzertsaal mitgebracht wurden. Die Eintrittspreise von 8 Euro bis 50 Euro ermöglichten einer viel größeren Zahl an Musikinteressierten, sich auch ein Ticket leisten zu können.

Wir hörten Musik von Sibelius und Schostakowich, dirigiert von Karina Canellakis, einer knapp vierzig jährigen Amerikanerin. Ihr gefühlvoller Stil des Dirigierens macht Musik sichtbar und noch besser erlebbar- nichts für Anhänger des minimalistischen Dirigierens. Möchten Sie einen Eindruck gewinnen?

Wer sie live erleben möchte, der hat vom 24.-26.Mai in der Kölner Philharmonie die Möglichkeit. Weil wir so begeistert waren, haben wir dann Karten für Sitze hinter dem Orchester, um ihr beim Dirigieren von vorne zusehen zu können.