Rufus Coates und Jess Smith entdeckt (Urlaub im Havelland 1)

Die letzte Woche verbrachten wir im Nordwesten von Berlin in der Nähe von Oranienburg. In den nächsten Beiträgen möchte ich Ihnen das Havelland schmackhaft für einen Urlaub machen. Das Geniale an dieser Gegend sind die Möglichkeiten, seine Ferien in toller Natur verbringen und jederzeit auch ein kulturelles Angebot zu nutzen, das in seiner Vielfältigkeit in Deutschland wohl einzigartig ist. Berlin und Potsdam liegen vor der Haustür und in vielen kleineren Orten gibt es ebenfalls hochgradige Veranstaltungen.

Heute fange ich an mit dem Thema „Abendaktivitäten“ an. Da wir tagsüber viel unterwegs waren, haben wir abends zumeist dankbar die Füße hochgelegt, doch am letzten Abend besuchten wir ein Konzert. Der Ort des Konzerts:

Dieser Lastkahn liegt auf der Havel in Potsdam in der Schiffbauergasse, wo in den letzten Jahren ein neues kulturelles Zentrum entstanden ist. Hier gibt es z.B. noch ein Fluxus Museum oder auch das Hans Otto Theater. Ergänzend dazu eine Auswahl von Restaurants. (Zu empfehlen: Das Schiffsrestaurant John Barnett).

Das Hans Otto Theater

Auf dem Theaterschiff kann man die Wartezeit in einer kleinen gemütlichen Bar unter Deck oder auf dem Oberdeck verbringen. Die Aussicht von hier ist bei Sonnenuntergang nicht schlecht:

Im Vordergrund viele kleine Flöße, die man tagsüber mieten kann, im Hintergrund der Turm auf der Freundschaftsinsel (Auf diese komme ich in einem anderen Beitrag noch einmal zurück.)

Wir hörten an diesem Abend zum ersten Mal Rufus Coates und Jess Smith. Beide kommen aus Irland und leben seit einiger Zeit in Berlin. Nur mit einer Gitarre begleitet, singen beide zumeist melancholische Balladen oder Bluesstücke. Die Baritonstimme von Rufus Coates erinnert manchmal ein bisschen an die Stimme von Nick Cave, die Stimme seiner Partnerin Jess Smith ist ein wunderbarer Gegenpol. Ich war von dem Konzert begeistert und freue mich sehr über diese musikalische Neuentdeckung.

Mein nächster Beitrag, voraussichtlich am Ende der Woche, befasst sich mit der Havel und den vielen Seen.

Alfred Brendel – Igor Levit

Kurz und schmerzlos:

Der Untertitel „Lesebuch für Klavierliebende“ bedeutet: Sie sollten Klavier spielen und das schon länger. Alfred Brendel setzt voraus, dass seine Leserschaft die Fachausdrücke des Klavierspiels parat hat und die Standardwerke der üblichen Verdächtigen Bach, Mozart, Beethoven, Händel, Schubert kennt. Erst dann kann man den subjektiven Ausführungen Brendels folgen und sie genießen, bejahen oder ablehnen.
Die Lektüre war mir zu konservativ, zu staubig. Das lag vielleicht aber auch daran, dass ich zuvor dieses Buch gelesen habe:

Was bietet das Buch?
Beschreibung des Werdegangs von Igor Levit. Seine Entwicklung zu einem weltberühmten Pianisten unterscheidet sich erheblich von den Lebenswegen anderer junger Klavierspieler.
Wie läuft ein Tag, eine Woche, ein Monat im Leben des Igor Levits ab? Man fährt mit ihm zusammen Fahrrad durch Berlin, isst kurz mit ihm zu Mittag, hat mit ihm mal grandiose Laune, mal sitzt man mit ihm in tiefen schwarzen Löchern und ist immer auf dem Sprung, etwas Neues anzufangen, neue musikalische Herausforderungen zu finden. So habe ich en passant mir noch unbekannte Komponisten kennengelernt.
Das politische Engagement Levits ist ebenso ein Thema. Es wird Vergangenes erzählt und auch richtiggestellt, er macht Aussagen zum aktuellem Medienschwachsinn. (Das Buch endet Juni 2020).
Ja und dann ist da noch Igor Levit der Künstler, der durch Corona fast aus der Bahn geworfen wird und der eines Tages mit seinem Handy ein Konzert zuhause aufnimmt und bei Twitter veröffentlicht. Wenigstens auf diesem Wege seinen Zuhörern nahe sein… Daraus entwickeln sich die Hauskonzerte.

Igor Levit hat zu Zinnecker wirklich Vertrauen gefasst und die Offenheit, mit der Levit über seine Gefühle spricht, könnte kaum größer sein. So ist ein Buch entstanden, das in der Reihe der Musikerbiografien etwas Besonderes darstellt.

Wochenstart mit Sommerlaune (Französischstunde Nr. 30)

Ich möchte Ihnen zum Wochenanfang ein bisschen Sommer schenken. Und wer Französisch lernt, kann gleich noch ein bisschen üben. Der Text des Liedes ( von 1986) ist nicht schwer zu verstehen.

Ça fait rire les oiseaux.
Ça fait chanter les abeilles.
Ça chasse les nuages
et fait briller le soleil.
Ça fait rire les oiseaux et danser les écureuils.
Ça rajoute des couleurs aux couleurs de l’arc-en-ciel.
Ça fait rire les oiseaux,
oh, oh, oh, rire les oiseaux.
Ça fait rire les oiseaux,oh, oh, oh, rire les oiseaux. 

Une chanson d’amour,
c’est comme un looping en avion:
ça fait battre le cœurdes filles et des garçons.
Une chanson d’amour,c’est l’oxygène dans la maison.
Tes pieds touchent plus par terre,
t’es en lévitation.
Si y a de la pluie dans ta vie,
le soir te fait peur,la musique est là pour ça.
Y a toujours une mélodie pour des jours meilleurs.
Allez, tape dans tes mains: ça porte bonheur.
C’est magique, un refrain qu’on reprend tous en chœur. 

 T’es revenu chez toi
la tête pleine de souvenirs:
des soirs au clair de lune,des moments de plaisir.
T’es revenu chez toi et tu veux déjà repartir
pour trouver l’aventure qui n’aurait pas dû finir.
Si y a du gris dans ta nuit,
des larmes dans ton cœur,la musique est là pour ça.
Y a toujours une mélodie pour des jours meilleurs.
Allez, tape dans tes mains :ça porte bonheur.
C’est magique, un refrain qu‘on reprend tous en chœur. 

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Moerser Schlosstheater bietet Frischzellenkur fürs Gehirn

Unter dieser Überschrift stand am Samstag in der Rheinischen Post folgender Artikel:

Mit „21 Lovesongs“ streamt das Schlosstheater erstmals eine Premiere live aus dem Schloss in die Wohnzimmer der Zuschauer. Das Stück ist eine musikalische Antwort auf die Pandemie. Das Ensemble liefert eine großartige Leistung ab.VON ANJA KATZKE 

Mein Mann und ich waren neugierig geworden und da am Samstagabend eine Aufführung stattfand, lösten wir ein virtuelles Ticket. Uns stand eine außergewöhnliche Erfahrung bevor:
Nach einer Viertelstunde wollte ich aufgeben und meinem Mann vorschlagen, uns lieber einen Krimi im Fernsehen anzusehen. Was ich sah und hörte war schrill, laut und chaotisch. Ich war genervt. Da mein Mann aber anscheinend anders empfand oder größeres Stehvermögen hatte, sagte ich nichts und von Minute zu Minute fand ich Details im Bühnenbild, die mir gefielen, die Lieder wurden besser und den Leistungen der Schauspieler musste ich meinen Respekt zollen. Am Ende des Stücks hatte ich nach 100 Minuten den Eindruck, dass mein Gehirn eine Frischzellenkur hinter sich hatte und mir schwirrten zig Ideen für Fotos im Kopf herum. Wie gerne würde ich im Bühnenbild einmal fotografieren…Dieses Theaterstück ist eine pure Kunst-und Kulturerfahrung und anscheinend musste ich mich nach so langer Abstinenz in den ersten Minuten erst einmal wieder daran gewöhnen, mich mit Kunst und Kultur auseinanderzusetzen.

Worum geht es in dem Stück? Hier der Rest des Zeitungsartikels:

MOERS | In der Krise, sagt man, zeigt sich, was in den Menschen steckt. Das Ensemble des Moerser Schlosstheaters hat die Krise zu Höchstleistungen angespornt. Mit der neuen Inszenierung „21 Lovesongs“ legt das Theater eine zweifache Premiere hin: Regisseur Ulrich Greb und seine Schauspieler präsentieren nicht nur ein neu erarbeitetes Bühnenstück, den Lieblingsliederabend, sondern meistern bravourös erstmals den Livestream zum Publikum, in der Spitze sitzen am Premierenabend bis zu 120 Zuschauer vor dem heimischen PC und Laptop, eingeloggt auf der auf der Plattform „Dringeblieben“. „Moers-Landung“ kommentiert jemand im parallel zur Aufführung laufenden Chat in Anlehnung an die Mars-Landung von „Rover Perseverance“. Stimmt.

Auch das Schlosstheater erforscht das Leben – aber nicht auf einem fernen Planeten, sondern hier auf der Erde – das das Coronavirus fast zum Stillstand bringt. In der atmosphärisch verdichteten Inszenierung sezieren Ulrich Geb und die fünf Schauspieler das, was Isolation, Vereinsamung, Frust, Wut, aber auch die Sehnsucht nach Zusammensein und Liebe aus uns und unserer Gesellschaft machen. Die Bühne steht im Moerser Schloss. Bühnenbildnerin Birgit Angele hat das „Pest“-Zelt aus der Camus-Inszenierung in transparente Zellen umgebaut, damit die Schauspieler sich darin einrichten und ihre Charaktere entwickeln, so einsam wie Jona im Bauch des Wals. Da gibt es den Leser, der seine Enzyklopädien auf dem Boden neu ordnet, den Videospieler, der virtuell die Tour de France abstrampelt, oder die junge Frau, die nur beim Sex ihre Ängste vergisst. Gemeinsam arbeiten sie sich an ihrem Phobien ab, beklagen die dem Untergang geweihte Kohlmeise und sinnieren darüber, wie man den Bildschirm zu küssen lernt.

Dabei spielen Matthias Heße, Patrick Dollas, Roman Mucha, Emiliy Klinge und Elsia Reining auf der Klaviatur der Emotionen, phasenweise sehr melancholisch – und schaffen so ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, das viel weiter reicht als die Corona-Pandemie. Denn die Vereinzelung gab es schon vorher, und sie wird wohl auch danach bleiben.

Die Inszenierung von Ulrich Greb schafft es, das Publikum vergessen zu machen, dass es nicht im Theater sitzt. Das liegt an der wohldurchdachten und klugen Kameraführung: Der Kameramann geht nah an die Schauspieler heran, um dann alle gleichzeitig wie in einer Zoom-Konferenz auf den Bildschirm zu bringen. Dazu filmen sich Dollas, Heße und Co. live mit ihren Smartphones und blicken ihre Zuschauer unvermittelt und direkt an, winken ihnen sogar manchmal zu. Dass der Stream einmal wegen einer technischen Störung offline geht, nimmt das Publikum dem Theater nicht krumm. Den Mehrwert des Abends bietet sowieso die Musik, die vielen Lieblingslieder. Mit Unterstützung von Jan Lammert (Piano), der die musikalische Leitung innehat, und Jens Lammert (Gitarre und Bass) rocken, röhren, headbangen, singen und chansonnieren sich die Schauspieler querbeet durch die Musikgenres, die immer die passgenaue Stimmung vermitteln.

Sie lassen mit „Ton, Steine Scherben“ den Turm einstürzen, singen Miley Cyrus’ „Bad Karma“, träumen mit Rio Reiser. Songs von Billie Eilish, Hans Eisler, Richard Strauss, Max Raabe, Savages, Georg Kreisler und Bell Book & Candle komplettieren das Arrangement.

Das Publikum ist hellauf begeistert von den fünf Gesangstalenten und kommentiert virtuell mit zahllosen roten Herzen, fliegenden Hüten und klatschenden Händen. Das Schlosstheater hat den Stoff zu bieten, der zwar nicht vor Corona schützt, aber anderthalb Stunden lang Trost spendet: „21 Lovesongs“ als musikalische Antwort auf die Pandemie. „Danke für das wunderbare Stück Kultur in diesen kulturlosen Zeiten“, schreibt ein anderer Zuschauer im Chat. Es ist der Dank für einen großartigen Theaterabend.

Matthias Heße im Bühnenbild der neuen Schlosstheater-Premiere. Wegen der Corona-Pandemie findet sie zurzeit nur im Livestream statt. Das Foto stammt von Jakob Studnar.

Weitere Aufführungen: Das Schlosstheater überträgt die Inszenierung im Livestream am 27. Februar, jeweils 19.30 Uhr, am 7. März, 18 Uhr, sowie am 13., 21. und 27. März, jeweils 19.30 Uhr.

Tickets Eintrittskarten ab fünf Euro gibt es über die Streamingplattform „dringeblieben.de“.

Link https://dringeblieben.de/schlosstheater-moers/videos

www.schlosstheater-moers.de

Bollywoodstunde

Eine Freundin liebt Musik aus Bollywood-Filmen und schickte mir vor einiger Zeit eine Liste mit ihren Lieblingsliedern. Als ich gerade dabei war, ein paar neue Postkarten zu produzieren, kam mir die Idee, dabei diese Musik zu hören. Das blieb nicht ohne Auswirkungen, denn die nächsten Postkarten bekamen plötzlich einen „indischen Touch“.

Damit Sie sich einen Eindruck verschaffen können, welche Art von Musik mich inspirierte, habe ich ein Stück herausgesucht:

Sibiriens vergessene Klaviere Nr. 3

Dieses Foto hat mit dem Thema nichts zu tun, nach dem gestrigen grauen Tag fand ich einen „sonnigen“ Textanfang einfach nur freundlicher.


Gestern schrieb ich, dass ich mich sofort in die transsibirische Eisenbahn setzen würde, hätte ich eine Gelegenheit. Dies habe ich dem Buch „Sibiriens vergessene Klaviere“ von Sophy Roberts zu verdanken, denn die Autorin schreibt nicht nur über die Geschichte Sibiriens und dessen Klaviere, sondern sie ließ mich beim Lesen mit lebhaften Beschreibungen in die Natur Sibiriens eintauchen. Sibirien vermittelt das Gefühl, dass es noch möglich ist, in diesen unendlichen Weiten noch wahre Abenteuer „ ohne Netz der Zivilisation“ zu erleben. Sie erzählt von Begegnungen mit Menschen, von denen ich gerne viele selbst getroffen hätte, denn es gibt neben Russen verschiedene andere Völkergruppen mit eigenen Kulturen. Man hört oft von der „ russischen Seele“, auf der Fahrt mit der Eisenbahn hätte ich vielleicht die Gelegenheit, einen winzigen Eindruck von ihr zu erhaschen. Ja und ich würde auf der Fahrt auch das andere Extrem Sibiriens kennenlernen: Millionenstädte und zerstörte Landschaft, was meine Idealisierung wieder gerade rücken würde.

Gut, die transsibirische Eisenbahn wird mich vermutlich nie oder zumindest nicht in naher Zukunft kennenlernen, also muss ich mich mit anderen Hilfsmitteln Sibirien weiter nähern. Auch dabei hilft mir das Buch, denn diverse Musiker, die mit Sibirien verbunden waren, bzw. sind, werden vorgestellt. Eine kleine Auswahl:

Hier hören Sie die international bekannte sibirische „Oleg Lundstrem Big Band“:

Der legendäre russische Pianist Swjatoslaw Richter bereiste 1986 Sibirien und trat in vielen kleinen Orten auf. Die Resonanz der Bevölkerung wurde mit der verglichen, die Franz Liszt bei seinen Konzerten in St.Petersburg auslöste: Die Zuhörer gerieten teilweise in Extase oder waren zumindest beseelt von seinem Vortrag. Richters Reise wurde zu einer Legende.

Der sibirische Pianist Denis Matsuev engagiert sich heute sehr dafür, dass der russischen Klaviertradition wieder mehr Beachtung geschenkt wird:

Und wenn Sie noch weitere Zeit erübrigen können, habe ich noch eine YouTube Perle für Sie: Einen 45 minütigen russischen Film (mit englischen Untertiteln) über die Pianistin Vera Lotar -Schewtschenko. Eine außergewöhnliche Frau mit einem außergewöhnlichen Leben. Wenn Sie das Leben nicht so interessiert, fangen Sie den Film erst ab der 16. Minute an. Sie lernen Menschen aus Sibirien kennen, die in ihrer gewohnten Umgebung sich an Begegnungen mit der Pianistin erinnern.

Ach, fast hätte ich noch etwas vergessen: Odgerel Samplinov bekommt ein altes neues Klavier, ein Grotrian-Steinweg aus den 30er Jahren, ein Glücksfund, wie sich herausstellt. Wie das Instrument zu der Pianistin gelangt ist, das ist wieder eine ganz andere Geschichte, aber auch sie erzählt Roberts in ihrem formidablen Buch.

Sibiriens vergessene Klaviere Nr.2

Im SWR 2 gab es im letzten Herbst eine Besprechung zu diesem Buch.

Ich hörte nur einen kleinen Teil der Rezension und gewann den Eindruck, dass es sich in dem Buch hauptsächlich um das Klavierspielen und um die Instrumente selbst dreht. Mein Interesse war geweckt. Als ich dann die Lektüre anfing, war ich anfangs überrascht und enttäuscht. Das Thema „Klavier“ ist für mich eher ein roter Faden, um die Geschichte Sibiriens ab dem 18. Jahrhundert zu erzählen. Darüber zu lesen hatte ich eigentlich keine Lust, doch ich blieb dran und wurde belohnt.

Im letzten Beitrag stellte ich Ihnen bereits die Pianistin Odgerel Samplinov vor, die die Autorin dieses Buches, Sophy Roberts, mit ihrem Klavierspielen so sehr beeindruckte, dass Roberts sich aufmachte, für die Pianistin in Sibirien ein altes wertvolles Klavier zu finden. Auf dieser Karte sind die Orte eingezeichnet, die Roberts während ihrer Reisen besucht hat.

Roberts beschreibt nicht akribisch ihre Reisen, sondern widmet sich Geschichtsepochen. Nach einem ganz kurzen Abriss der gesamten sibirischen Geschichte geht sie ins Detail und beginnt mit der Zeit von 1792 bis 1917. Meine Vorstellung von Sibirien beschränkte sich bisher auf extreme Natur, Kriegsgeschehnisse und den von Solschenizyn beschriebenen furchtbaren Vorkommnissen in den Gulags. Auch in Roberts Buch sind dies Themen, aber ihr Buch zeigt auch ein ganz anderes Sibirien, ein Sibirien, in dem Städte wegen ihres kulturellen Angebots und der Lebensweise z.B. mit Paris verglichen wurden. Musik war damals essentiell, es gab Opernhäuser, Konzertsäle und Musikschulen. Wie in vielen westlichen europäischen Städten gehörte ab der Mitte des 19.Jahrhunderts ein Klavier in den Haushalt einer Familie. So ist es nicht verwunderlich, dass deutsche Klavierfirmen gen Osten zogen, um sich am Markt zu etablieren. Aus dieser Zeit findet Roberts auf ihren Reisen beispielsweise alte Bechsteinflügel oder Instrumente von Becker.
Teil 2 des Buches beschreibt die Zeit von 1917 bis 1991. Oktoberrevolution, der zweite Weltkrieg, die Jahre der UdSSR. Auch in Sibirien hinterließ die Geschichte tiefe Narben. Mit Geschichten einzelner Familien erzählt Roberts von diesen Umwälzungen. Es gibt unendlich viel Schmerz und Leid, aber die Autorin findet auch Geschichten, in denen Menschen für sich kämpfen und gewinnen und bei ihnen ist….ein Klavier.
Teil 3: 1991 bis heute. Wieder große Veränderungen und dieses Mal auch für die Welt der Klaviere. Die letzte Fabrik, die auf russischem Boden Klaviere baut, wurde vor ein paar Jahren geschlossen. Es gibt einige sehr berühmte russische Pianisten, aber im Alltag des heutigen Russlands spielt das Klavier keine große Rolle mehr.

Hier endet der zweite Teil meiner Buchbesprechung. Morgen erzähle ich Ihnen, ob die Suche nach einem alten Klavier für Odgerel Samplinov erfolgreich war, stelle Ihnen drei weitere Musiker vor, die ich durch dieses Buch kennengelernt habe und verrate Ihnen, warum ich sofort eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn machen würde.

Sibiriens vergessene Klaviere Nr. 1

Dieses Buch beendete ich am Wochenende und widme ihm die nächsten drei Blogbeiträge.
Zuerst möchte ich Ihnen die Dame vorstellten, die „Schuld“ daran trägt, dass das Buch geschrieben wurde. Es ist die Pianistin Odgerel Sampilnorov aus der Mongolei. Die Buchautorin besuchte einen Freund in der Mongolei und lernte dort die Musikerin kennen. Sampilnorov spielte in einer Jurte (landestypisches Zelt) auf einem alten Steinway Stutzflügel Stücke von Bach und Roberts war fasziniert von ihrem großen Können. Wie würde die Musik erst klingen, wenn Sampilnorov einen besseren Flügel besäße? Daraus entstand eine Art Schnapsidee, so dass Roberts sich schließlich aufmachte, in Sibirien einem ehrwürdigen Flügel für die Pianistin zu finden. Diese Suche dauerte insgesamt gute zwei Jahre und ist Inhalt des Buches.

Zurück zu Odgerel Sampilnorov. In den beiden Musikvideos spielt sie Stücke des mongolischen Komponisten B. Sharev. Lassen Sie sich verzaubern!

Übermorgen erzähle ich Ihnen noch mehr über das Buch.