Bretagne 6-Der Süden

Die zweite Hälfte unserer Ferien übernachteten wir in Concarneau. Eigentlich wollte ich dort nicht hin, denn ich befürchtete besonders viele deutsche „Krimipilger“, die sich die Stadt wegen der Krimiserie mit Kommissar Dupin von Jean-Luc Bannalec ansehen wollten.
Fun Fact zwischendurch: Dupin war nicht der erste Polizist, der in Concarneau für Recht und Ordnung sorgt. Bereits in den 60er Jahren ließ Georges Simenon in seinen Krimi „Der gelbe Hund“ seinen Kommissar Maigret in dieser Stadt ermitteln. Interessant zu lesen, war damals Concarneau doch eine sehr kleinbürgerliche Stadt ohne viel Abwechslung, die durch mehrere Morde erschüttert wird.

Es stellte sich heraus, dass Concarneau als Übernachtungsort eine gute Wahl war, denn abends, nachdem viele Tagestouristen abgereist waren, wurde es beschaulich. Die Lage des Ortes ist toll, man kann wunderbar am Meer spazieren gehen, die Auswahl der Restaurants lässt nichts zu wünschen übrig. Was mir besonders gut gefiel war die Tatsache, dass sich die touristischen Neppangebote und Souvenirläden hauptsächlich auf die Ile de Clos beschränkten, so dass die eigentliche Innenstadt den Einwohnern von Corcarneau gehört und sie dort ihre zum Alltagsleben benötigten Geschäfte finden.

Oben der Blick auf die Innenstadt von der Ile de Clos aus, darunter ein paar Schnappschüsse aus der Innenstadt.
Auf der Ile de Clos, einer Insel mit einer Festungsanlage.

Wir machten von Concarneau aus Tagesfahrten und diese führten uns u.a. nach Pont-Aven und Vannes.

Pont-Aven wirbt für sich als Künstlerstadt, da hier Gaugin und andere Kreative bereits im 19. Jahrhundert die malerischen Ecken als Motive für ihre Werke entdeckten. Es gibt heute zahlreiche Galerien in dem Städtchen.

Vannes beeindruckt durch seine Prachtbauten und alten Fachwerkhäuser.

Eine Stadt, die zum Bummeln einlädt oder auch zum Ausprobieren von Spezialitäten in der alten Markthalle. Wir ließen uns ohne Karte treiben und waren dann höchst erfreut, als wir plötzlich am Hafen standen. Hier ließen sich die 34 Grad (Mitte Mai!) besser aushalten.

Mehr um das Thema Landschaft ging es bei unserer Fahrt durch das „Pays Bigouden“. Hier war es auch deutlich frischer. Ein Ziel war der „Phare d‘Eckmühl“, auf den man bis nach oben steigen kann. Auch lässt sich gut am Meer spazieren gehen.

Ausführlicher gehe ich im nächsten Beitrag auf die Städte Quimper und Douarnenez ein, die für uns neben dem Gebiet des „Phare d‘Eckmühl“ die beiden schönsten Ausflügsziele waren.

Palermo aus meiner Buchsicht (Sizilien 3)

Bevor wir nach Sizilien geflogen sind, las ich zur Einstimmung drei Bücher.

Diesen sehr atmosphärischen Krimi konnte ich in Palermo lebendig werden lassen, denn das Hotel „Grand Hotel des Palmes“ , in dem die Geschichte meistens spielt, gibt es noch heute. Berühmt wurde es u.a. deshalb, weil Richard Wagner hier seine Oper „Parzival“ zu Ende geschrieben hat.

Unten Mitte: In der Empfangshalle hat Richard Wagner seinen Platz gefunden.
Links unten: In dieser „Lounge“ tranken wir Kaffee und aßen jeweils ein großes Stück leckeren Orangenkuchen. Rechts daneben eine beeindruckende Bar.



Dieses Buch sollte mich auf das Thema „Palermo und die Mafia“ einstimmen. Auch im ersten Buch spielt die Mafia eine Rolle, aber in diesem Krimi geht es um eine Staatsanwältin, die gegen einen Minister vorgeht, weil er über Jahre hinweg mit der Mafia zusammen gearbeitet hat. Ein deutscher Journalist erlebt dies mit und gerät zwischen die Fronten. Ein unterhaltender Krimi, in dem manche Vorgänge überzeichnet wurden, um die Spannung zu erhöhen. Allerdings geht es auch darum, dass es bei der Mafia kein Schwarz-Weiss gibt, sondern durchaus auch Grautöne, die durch die Abwesenheit oder das Desinteresse der Staatsmacht erzeugt werden.
Das Buch erschien 2015. Seitdem ist auf Sizilien viel passiert. Immer mehr Politiker, aber vor allen Dingen immer mehr Bürger beziehen eindeutig Position gegen die Mafia. An mehreren Stellen sahen wir Erinnerungsschilder oder Plaketten, die an von der Mafia ermordete Menschen erinnern.

Diese Gedenktafel hat ein für Sizilien ikonisches Foto als Vorbild: Die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Gespräch. Sie wurden 1992 in Palermo bei Bombenattentaten ermordet.

Ich spreche kein Italienisch und habe versucht, mit Hilfe mehrerer Sprach-KIs, die sich in der Übersetzung teilweise unterscheidet haben, den Texte unterhalb des Wandtafel zu übertragen:
„In Sizilien“
„So intelligent und fleißig man auch sein mag, es ist nicht gesagt, dass man Karriere macht und es ist auch nicht gesagt, dass man es schafft,
zu überleben. Sizilien hat den Klientelismus zu einer Lebensregel gemacht. In diesem Umfeld ist es schwierig, reine und einfache
berufliche Fähigkeiten zu haben. Was zählt, ist der Freund oder die Bekanntschaft, die einem einen kleinen Schubs gibt. Und die Mafia, die für die Übertreibung sizilianischer Werte steht, was letztendlich dazu führt dass das, was eigentlich das Recht jedes Bürgers ist, als Gefallen erscheint.“
Glovanni Falcone
Dinge der Cosa Nostra 1991
GIOVANNI FALCONE UND PAOLO BORSELLINO


In Palermo gibt es inzwischen sogar touristische Führungen unter dem Motto „No Mafia“, denen ich aber zwiespältig gegenüber stehe, da hier auch Orte gezeigt werden, wo Attentate stattgefunden haben.
Palermo war 2019 die sicherste Stadt in Italien und auch heute liegt sie noch vor Mailand, Rom oder Florenz. Die Mafia ist nicht verschwunden, Drogenhandel oder Erpressung gibt es noch immer. Aber die „Cosa Nostra“ agiert nun mehr stärker im Hintergrund und versucht, in den einzelnen Vierteln staatliche Aufgaben zu übernehmen, in dem sie Armen hilft oder „Ordnung schafft“. Tourismus als Einnahmequelle wurde inzwischen entdeckt und es wird viel dafür getan, dass Besucher ein sicheres Gefühl haben.

Dieses Buch gefiel mir am besten. Drei Kurzgeschichten zeigen das Leben der Leute, die hart für ein kleines Glück arbeiten und gelernt haben, sich zu gedulden und mit ihrem Schicksal nicht zu sehr zu hadern. In den Vierteln dieser Menschen spielt sich das wahre Leben ab, es wird gestritten, man versöhnt sich, es wird geklatscht oder man hegt Umsturzgedanken. Dabei ist Essen und Trinken oft der Kitt oder auch Trost, wenn die Melancholie zu groß wird.
Besonders beim Besuch der Märkte in Palermo, auf den Fotos ist es der „Mercato di Ballarò“, musste ich öfter an diese Geschichten denken.

Zum Schluss noch ein Tipp: Unten rechts sehen Sie einen Street Food Stand auf dem Markt. Das Angebot an Köstlichkeiten ist riesig (und war uns zumeist unbekannt) und ich bedauere es ein wenig, hier nicht an einer geführten Tour teilgenommen zu haben, bei der man an mehreren Ständen hält und das Street Food erklärt bekommt. Sitzplatzgelegenheiten gibt es genügend, man kann also in Ruhe genießen.

Was tun, bzw. nicht tun, wenn es in Palermo regnet? Dazu schreibe ich etwas in der nächsten Woche.

„Die Brandung“ – Ist ein Krimi der bessere Roman?

In Paris kommt eine Frau, 49, verheiratet, eine Tochter, Synchronsprecherin, gestresst von der Arbeit an einem Novemberabend gerade nach Hause, als ihr Telefon klingelt. Die Polizei von Le Havre ist am Apparat und fordert sie auf, am nächsten Tag für eine Aussage nach Le Havre zu kommen. Man hat am Strand eine männliche Leiche ohne Papiere gefunden, in der Jackentasche war nur ein Zettel mit ihrer Telefonnummer. Kennt sie den Mann? Warum hatte er ihre Nummer?
Nach dem vergeblichen Versuch, dieser Aufforderung nicht nachzukommen, fährt sie am nächsten Tag ans Meer und je näher sie Le Havre kommt, desto mehr Erinnerungen stürmen auf sie ein. Sie lebte mit ihren Eltern während ihrer Kindheit und Jugend in Le Havre und wäre fast an ihrer ersten Liebe zerbrochen. Sie war mit Carven zusammen, einem charismatischen Jungen, der für ein paar Monate nach Montreal ging und sich nach seiner Abfahrt nie wieder bei ihr gemeldet hat.
Sie macht eine Aussage bei der Polizei, gibt an, den Toten auf den Fotos nicht zu kennen. Der Kommissar glaubt ihr nicht, auch ist es seltsam, dass sie nicht nach Paris zu ihrer Familie zurückfährt, sondern in Le Havre bleibt. Sie recherchiert auf eigene Faust, denn sie selbst möchte wissen, was es mit der Telefonnummer auf sich hat und sie weiß, dass ihr Aufenthalt eine Chance für sie ist, mit der noch nicht verarbeiteten Vergangenheit abzuschließen.
Dieser Krimi ist ein toller, sehr abwechslungsreicher Roman! Die Spannung ist rund um vielschichtige Themen gewebt. Da ist zuerst einmal die Kriegsgeschichte von Le Havre, das von den Alliierten fast völlig zerbombt wurde. Die Straßennamen sind geblieben, doch die meisten Häuser wurden in einem für damalige Verhältnisse futuristischen Betonstil gebaut und die Erinnerungen der Einwohner wurden vernichtet. Wenn diese Stadtteile auch heute zum UNESCO Weltkulturerbe gehören, so bedeuten sie auch Tristesse und die Farbe Grau, die sich im Meer widerspiegelt. Aber beim Lesen erfährt man noch so viel mehr. Beispielsweise wird die Geschichte zweier ukrainischen jungen Frauen erzählt, die in einer Kneipe auf ihr Visum via App warten, um nach England auszureisen. Man erfährt, wie eine Schiffstaufe vor sich geht, über den Fechtkampf der Tochter, die Kunst des Synchronsprechens und deren Bedrohung durch Künstliche Intelligenz wird geschrieben oder, um noch einmal auf Le Havre zurückzukommen, wie Le Havre zum zeitweise größten Umschlagplatz für Drogen wurde.
Wenn die Frau durch das kalte Le Havre im November streift, von stürmischen Wellen am Hafen nass wird, hat man das Bedürfniss, einen heißen Tee zu trinken und riecht das Meer. Mit wenigen Worten arbeitet die Autorin Stimmungen in ihr Buch ein, das ist beste Literatur.
Wie schon bei dem Krimi „Die nackte Haut“ ist hier auch mein Urteil: Krimis können bessere Romane sein, denn sie haben als roten Faden die Spannung und ermöglichen damit den Autoren, ihre Herzensthemen in die Handlung einzubringen.

Die nackte Haut

Die deutsche Jazzpianistin Jutta Hipp inspirierte den Autor bei seiner Hauptperson.

Wenn Sie sich auf den Krimi einstimmen möchte, hören Sie sich dieses Musikstück von Jutta Hipp an:

https://www.youtube.com/watch?v=Ki-qirkrvhw&list=PLpsdq8Ur_ubTeiaFAGqGbtz6eopgZxSYM&index=2

Das Buch:

Martha Kiesler ist Jazzpianistin aus Hamburg und wandert während des Krieges in die USA aus. In Deutschland wurde Jazz von den Nazis verboten und ihr Freund Willy kam durch einen Unfall ums Leben. In New York wird sie immer erfolgreicher, spielt sogar als weiße Frau in den Jazzlokalen von Harlem.
Ein O-Ton Dokument mit Jutta Hipp:

https://link.deezer.com/s/32qDvoFVrZg1vUGZPenW5

Doch dann kommt es zum großem Streit mit ihrem Manager und 1951 kehrt sie nach Hamburg zurück. Das ist die Vorgeschichte.
In St. Pauli trifft sie auf einige bekannte Gesichter. Friedhelm, ehemaliger Nazischerge, ist jetzt Polizist. Jack, der ein Jazzlokal eröffnen will, möchte, dass Martha bei ihm spielt. Martha nimmt das Angebot an unter der Bedingung, dass Jack auch den Bassisten Paul einstellt. Ihn hat Martha kurz zuvor kennengelernt. Er ist für Martha „ihr Musiker im Geiste“, hängt allerdings an der Nadel und wird als Deserteur von der US-Army gesucht. Doch Martha hält zu ihm, vielleicht weil er sie auch an Willy erinnert.
Jack stimmt schließlich zu, doch damit beginnt der Ärger, denn Paul hat noch andere Geheimnisse. Da sind Josie, ein zwölfjähriges Mädchen, das plötzlich bei Paul im Zimmer auftaucht, der gewalttätige Mike, mit dem Paul mehrmals aneinander gerät und ein Mann mit Strohhut, der auch gefährlich ist.
Über St.Pauli „thront“ darüber hinaus der Baulöwe Winter, der seine Finger nach Jacks Immobilie ausstreckt. Mit Winters Freundin Blondie ist Martha befreundet und durch sie bekommt sie die ersten Hinweise, dass Willy damals nicht durch einen Unfall gestorben ist.

St.Pauli liegt in Trümmern. Jeder Tag ist ein Kampf und alle versuchen, ihre nackte Haut zu retten und Kriegserinnerungen zu verkraften. Martha kann diese Welt vergessen, wenn sie einen gewissen Whiskypegel intus hat und auf der Bühne mit Paul und anderen Musikern Jazz spielen kann. Dann vibriert die Luft.
Leser/Leserin: Schnell auf einer Musikplattform die Musikstücke heraussuchen, die Martha spielt! Sich dann in der Musik verlieren, die damalige Atmosphäre nachspüren, das ist der große Anreiz dieses Buches. Dass es auch Krimizutaten enthält, das ist eine erfreuliche Begleiterscheinung.

Ein Trauerredner ermittelt

Mads Madsen und Patrick Schulze sind in ihrer Kindheit unzertrennliche Freunde, bis eines Tages Patrick mit seiner Mutter plötzlich aus Glücksburg verschwindet und nicht mehr zurück kehrt.
Mads, inzwischen erwachsen, ist Trauerredner geworden und lebt in Flensburg. Eines Tages liegt unter seiner Wohnungstür ein weißer Briefumschlag, darin ein unbeschriebener weißer Briefbogen. Wenig später erfährt er, dass Patrick bei einem Unfall gestorben ist. Viele Erinnerungen kommen zurück, u.a., dass sie beiden sich immer mit Geheimtinte Botschaften geschrieben haben. Mads behandelt daraufhin das Briefpapier, es ist eine Nachricht von Patrick. Er bittet Mads, seine Trauerrede zu halten und „wie ein Agent“ nachzuforschen, es würde sein Schaden nicht sein.
Schon nach den ersten Begegnungen mit Menschen aus Patricks Umfeld ist Mads der Überzeugung, dass der Unfall ein Mord war und sein ehemaliger Freund mit üblen Geschäften zu tun hatte. Mills, die leitende Kommissarin bei diesem Fall, verdächtigt Mads, mit in diesem Geschäften zu stecken, besonders, als Mads mit einem weiteren Todesfall in Zusammenhang gebracht werden kann. Doch trotz der Warnung von Mills, sich nicht weiter einzumischen, forscht Mads weiter, zumal er dabei auch einer Erklärung immer näher kommt, warum Patrick und dessen Mutter damals verschwunden sind. Damit bringt er sich, seine Familie und Freunde in Lebensgefahr und die Rettung kommt wahrhaftig erst in allerletzter Sekunde.
Mir hat dieser Krimi gut gefallen. Er ist unaufgeregt geschrieben, bei einigen Passagen und Figuren blitzt nordischer Humor durch. Ich wäre geneigt, ein Wochenende mit einem zweiten Teil zu verbringen, sollte dieser erscheinen.

Das schwarze Manuskript

Ashok Oswald wird in jungen Jahren in Wien von einem entfernten Bekannten gebeten, für ihn ein schwarzes Manuskript aufzubewahren. Es beinhaltet seinen Roman „Hunger“ und ist so brisant, dass er Ashok warnt, die Seiten zu lesen. Oswald nimmt das Manuskript an sich, kurz danach begeht sein Bekannter Selbstmord.
Oswald wird in den darauf folgenden Jahren der sehr erfolgreiche CEO eines Weltkonzerns, zieht nach Köln und vergisst das Manuskript, das irgendwo im Keller seiner riesigen Villa liegt.
41 Jahre später stehen an einem Morgen zwei Männer und eine Frau an Oswalds Pool, als dieser gerade seine Bahnen zieht und verlangen von ihm unter Gewaltandrohung und ohne Erklärung das Manuskript zurück. Oswald findet es glücklicherweise und händigt es den Fremden aus, die darauf wieder verschwinden.
Oswald ist inzwischen 64 Jahre alt und hat sich vorgenommen, sich von seinem alten Leben zu verabschieden, da er merkt, dass er als CEO nicht mehr richtig „funktioniert“. Dieser Vorfall ist für ihn der Auslöser, seinen Plan in die Tat umzusetzen, denn er will unbedingt wissen, was es mit dem schwarzen Manuskript auf sich hat. Er entlässt seine Hausangestellten, entledigt sich seines Handys – seine Reise beginnt… Mehr darf und will ich nicht verraten!
Ich lese die Bücher von Heinrich Steinfest sehr gerne, denn er schafft es immer wieder, Geschichten zu erzählen, die wohltuend anders sind als 80% der heutigen Neuerscheinungen. (Keine Familiengeschichte, keine Buch über Kind/Elternteilbeziehung, Kriegserfahrungen, dunkles Geheimnis, sie findet ihren Prinzen-Geschichte). „Das schwarze Manuskript“ kann man als Mischung lesen aus Krimi mit irischen Einsprengseln, Geschichte über ältere Männer und auch als Hommage an Gabriel Garcia Marquez und seinem magischen Realismus. Und alles ist erzählt mit einem Hauch Augenzwinkern und dem speziellem österreichischen Humor, wie man ihn beispielsweise auch bei Wolf Haas findet.

Im Stau und bei der Tour de France

Aktuelle Anlässe bewegen mich dazu, Ihnen zwei Buchtipps zu geben. Die Schulferien beginnen bald, Staus auf den Straßen sind vorprogrammiert. Da habe ich Lesestoff für Sie:

Ich habe den Krimi als Beifahrerin teilweise in einem Stau gelesen. Das brachte eine authentische Lesestimmung zugunsten des Buches.
Auf einer Autobahn Richtung London kommt der Verkehr zum Erliegen. Eine Bombe ist in der Nähe detoniert. Unter den leidtragenden Autofahrern befindet sich auch Billy Kidd, eine Polizistin, die gerade aus dem Urlaub kommt und auf dem Weg nach Hause ist. Sie ahnt nicht, was in den nächsten Stunden auf sie zukommt: Ganz in ihrer Nähe wird ein Mann in einem Auto tot aufgefunden, ermordet mit einer Fahrradspeiche. Da die Autobahn an beiden Seiten auf einer langen Strecke durch hohe Wände eingegrenzt ist, muss die Person, die die Tat begangen hat, noch anwesend sein. Billy, die sofort den Tatort absperrt und alleine mit Ermittlungen beginnt, befragt die Autofahrer und niemand hat jemanden weglaufen sehen.
Unter den Insassen der Fahrzeuge befinden sich einige Personen, die in besonderen Situationen stecken und verdächtig sind. Billy trägt die Puzzlesteine zusammen und kommt einem mörderischen Komplott auf die Spur.
Leichte Krimiunterhaltung mit Autobahnambiente.

So kann man sich auch fortbewegen… Die Tour de France hat am Samstag begonnen und passend dazu erschien letzte Woche dieses Buch:

Rick Zabel ist der Sohn des bekannten Radprofis Erik Zabel. Wie sein Vater hat er ebenfalls eine Radprofikarriere gemacht und er erzählt in diesem Buch von seinem Werdegang bis zum Ende seiner Profilaufbahn.

Als Tour de France Fan las ich dieses Buch mit großem Interesse. Von den Stars der Radmanege erfährt man schon häufiger etwas in den üblichen Medien, aber die Lektüre über den Lebensweg eines Fahrers der „zweiten Reihe“ lässt mich jetzt anstehende Radrennen mit etwas anderen Augen sehen. Ich erfuhr u.a. viele Details, wie die Radrennindustrie funktioniert.
Der Erzählstil von Rick Zabel ist offen und ehrlich. Das macht ihn sympathisch und man glaubt ihm die Schilderungen seiner Höhen und Tiefen. Er hat nie den übergroßen Ehrgeiz seines Vaters gehabt, war damit zufrieden, an der Tour de France mehrmals teilzunehmen und in seiner Blütezeit als Edelhelfer für einen Star zu fahren. Zabel trainierte fast immer pflichtbewusst („Fun-Fact“: Zwischen 30000 und 40000 km / Jahr erreichen Radprofis auf ihren Trainingsfahrten), doch er feierte auch mal gerne, kümmerte sich mehr um Frau und Kinder als sein Vater es tat oder versuchte schon früh, sich neue Standbeine für das Leben nach dem Profisport aufzubauen.
Mit 30 Jahren beendete er 2024 seine Profilaufbahn, um nicht den Spaß am Radfahren zu verlieren. Wie zu lesen ist, hat er einige Projekte für seinen neuen beruflichen Lebensabschnitt, mögen sie ihm ein gutes Leben bescheren!

Nordirland Nr. 1-Carrickfergus

Bevor ich mit meinen Reiseberichten beginne, möchte ich zwei Dinge vorab erwähnen. Wenn Sie mit einer Reise nach Nordirland oder Südwales liebäugeln und sehr an Ihrer Internetverbindung hängen, sollten Sie sich seelisch darauf vorbereiten, dass Sie oft keine oder eine nur sehr instabile Verbindung haben. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass ich nicht mal eben gucken konnte, wann ein Museum geöffnet ist oder bis wann eine Fähre übersetzt. Man muss es nehmen wie es ist.
Wir sind mit unserem Caddy auf die beiden Insel gefahren. Ein Festlandauto mit der Fahrerseite links bedeutet, dass man als Mitfahrer aktiv mitfahren muss, denn als Fahrer sieht man öfter nicht den Gegenverkehr. Da heißt es dann: Frei, frei, frei, stop- Auto! Besonders auf solchen Straßen:

Und solche Straßen sind wir viel gefahren, um Landschaften zu bewundern, die nicht mit Bussen zugestellt waren. Das heißt dann aber auch, dass Sie nicht zu penibel sein dürfen, wenn es um Ihr Auto geht. Sie können an Büschen, Böschungen oder kleinen Mauern vorbei schrammen, abgesehen mal von den Autos, die Ihnen auf solchen Straßen entgegenkommen. Die meisten Fahrer waren sehr vorsichtig und nur wenige hatten es eilig oder waren selbst blind.

Als Unterkunft in Nordirland hatten wir eine Ferienwohnung in Carrickfergus gemietet, knapp 20 km von Belfast entfernt. Von hier aus machten wir verschiedene Fahrten ins Land und nach Belfast.

Vielleicht ist Ihnen dieser Name schon einmal begegnet? Es gibt ein bekanntes Lied, das viele Musiker in ihr Repertoire aufgenommen haben.

Bekannt ist die Stadt auch durch die normannische Burg aus dem 12. Jahrhundert. Diese gilt als eine der best erhaltenen Burgen Großbritanniens und wir statteten ihr einen Besuch ab.

Fotocollage oben links: Festtafel, dann König und Königin, unten rechts: Eine Ritterin der 21. Jahrhunderts als Ausdruck des nordirischen Feminismus.

In der Burg werden Szenen aus dem normannischen Alltagsleben dargestellt. Dabei werden einige Puppen eingesetzt. Zu zeigen, wie König John auf der Toilette sitzt und seine Frau Affreca schmachtend in die Ferne sieht, ist für mich ein Indiz für den speziellen englischen Humor.
Die Innenstadt von Carrickfergus ( oder auch nur Carrick genannt) ist eher trist, ein kleines Museum versucht, mit Kultur die Stadt etwas zu beleben.

Bei der Suche nach Urlaubslektüre entdeckte ich durch Zufall einen Krimi, der 1981 in Carrick spielt, also in einer Zeit, in der die Kämpfe in Nordirland noch tobten und in Belfast und anderen Städten der Ausnahmezustand herrscht. Bombenattentate, Hungerstreiks, Ausgangssperren, das war damals der Alltag.

Der junge Polizist Sean Duffy geht nach Beendigung seiner Ausbildung nach Carrick, weil er hofft, dass diese Stelle als Sprungbrett in die nahe Hauptstadt Belfast dient. Seine Entscheidung wiegt im Laufe der Geschichte immer schwerer, denn er ist Katholik und Carrick ist fast rein protestantisch. Zu seinen Kollegen und Nachbarn hat er zumeist ein gutes Verhältnis, doch bei den Ermittlungen in zwei Mordfällen kommt er Geheimnissen mächtiger Männern aus beiden politischen Lagern gefährlich nah und man versucht, ihn zu töten.
Dieser Krimi war spannend zu lesen und ich bekam eine erste Ahnung, was vor dem Friedensabkommen vor 27 Jahren in Nordirland im Detail passiert ist. Das Thema Nordirlandkonflikt wird uns permanent auf unserer Reise begleiten.

Erinnerungen an das Ahrtal sind gewollt

4. Juni 2024 in der Tagesschau: Der Deutsche Wetterdienst warnt in der kommenden Nacht vor einer Unwetterfront mit der Gefahr von schweren Gewittern und Überflutungen.

Innerhalb weniger Stunden wird in Unterlingen der kleine Rurbach zum reißenden Fluß, der erst die Straßen überschwemmt und dann mit seinem Wasser in die Häuser eindringt und auch viele Tiere tötet. Fast alle Dorfbewohner sind geflohen, aber die 81jährige Gudelia harrt in der oberen Etage ihres Hauses aus. Als der technische Hilfsdienst kommt, um sie zu retten, weigert sie sich, ihr Haus zu verlassen, erzählt allerdings dem jungen Mann, dass sie zwei Leichen mit gefesselten Händen im Fluss gesehen hätte. Es waren keine Dorfbewohner. Am nächsten Morgen, als das Wasser zurückgeht, kommen zwei Polizisten zur Befragung, aber auch sie glauben Gudelia eher nicht, obwohl sie ihnen den Hinweis gibt, dass die Leichen eventuell Gäste eines Reiterhofes waren.
Nach der Unwetterkatastrophe überprüfen Statiker, in welche Häuser die Bewohner wieder zurückkehren dürfen, bzw. welche Häuser abgerissen werden müssen. Durch einen Trick schafft es Gudelia, dass ihr Haus bei der Prüfung übersprungen wird. Auf keinen Fall darf jemand die Rückseite ihres Hauses sehen, denn dort geht ein breiter Riss durch die Wand und Gudelias Geheimnis, das sie seit 40 Jahren bewahrt hat, ist plötzlich sichtbar. Und dann taucht plötzlich ein Kommissar auf, der Interesse an Gudelias beiden Leichen hat. Seine Besuche werden Gudelia zunehmend lästig.

Während das Wasser in der Nacht unaufhörlich steigt, denkt Gudelia über ihr Leben nach. Die Jahre 1984 und 1998 waren prägend, denn 84 verloren sie und ihr Mann Heinz ihren 15jährigen Sohn Nico. 14 Jahre später ergreift Gudelia die Gelegenheit und erpresst den Besitzer des Reiterhofes. Mit dem Geld löst sie den Kredit für ihr Haus ab. Heinz, der inzwischen Alkoholiker geworden ist und auf der Arbeit nicht mehr klarkommt, schickt sie in den Entzug. Danach lebt Gudelia mit ihrem Geheimnis alleine im Haus.

Dieser Krimi ist keiner für einen Kuschelsonntag auf dem Sofa, sondern eher etwas für Spezialisten, die eine außergewöhnliche Geschichte suchen. Das Buch bietet Spannung, Humor, eine gewisse Morbidität und extreme Gefühle, Gudelia wird mir in Erinnerung bleiben.

Anna O-Schlafwandlerin oder Mörderin?

30.8.1999-Sally Turner wird in ihrer Gefängniszelle tot aufgefunden. War es Mord oder Selbstmord?
30.8.2019- Die junge Anna O ermordet brutal ihre beiden Freunde und Geschäftspartner mit einem Messer, schreibt danach ihren Eltern eine Nachricht per Whats App, dass sie glaubt, die beiden umgebracht zu haben und fällt danach in einen Schlaf, der über vier Jahre lang dauert. Wie gehören diese beiden Ereignisse zusammen, war Anna O eine Mörderin oder begann sie die Tat, während sie schlafwandelte?

Dieser Krimi ist seit heute auf dem Markt und hat viele Vorschusslorbeeren bekommen.
Die Geschichte beginnt mit der Verlegung von Anna O nach London in die Schlafklinik „The Abbey“, wo u.a. der Spezialist für forensische Schlafforschung Benedict Prince arbeitet. Er bekommt vom Justizministerium den Auftrag, Anne O aus dem Schlaf zu holen, um sie endlich vor Gericht stellen und den Fall abschließen zu können. Baxter ist von Anna O und ihrem Fall fasziniert und auch besonders involviert, da seine Ex-Frau Clara damals als erste Polizistin am Tatort war. Die schlafende Anna O leidet an dem Resignationssyndrom und Baxter versucht, ihr durch Stimulationen wie z.B. Musik, die sie an glückliche Tage erinnert, wieder Hoffnung auf ein besseres Leben zu vermitteln und ihr damit einen Grund zu geben, wieder aufzuwachen. Der Plan geht auf, doch dann wird Baxters Chefin, Doktor Bloom, ebenfalls mit einem Messer ermordet und Baxter wird der Tat verdächtigt.
Der Autor des Buches, Matthew Blake schafft es, die Spannung Seite für Seite zu erhöhen, denn er unterbricht diese Geschichte immer wieder mit den Kommentaren einer anfangs unbekannten Person, die sich auch mit dem Fall intensiv beschäftigt und anscheinend mehr weiß, da sie ein Tagebuch von Anna O besitzt. Dieses Tagebuch ist ein weiterer Teil des Krimis und man erfährt viel über die geistige Verfassung von Anna O, die schon seit ihrer Kindheit Schlafwandlerin ist. Als junge Frau hatte sie journalistische Ambitionen und will über einen Fall berichten, der 20 Jahre zurückliegt und sich mit Sally Turner beschäftigt, die ihre beiden Stiefsöhne umgebracht haben soll. In den Aufzeichnungen schreibt Anna O über ihre letzten Tage vor dem 30. August und warum sie ein Motiv hatte, ihre beiden Freunde umzubringen.
Der Krimi ist, was die Themen angeht und die Möglichkeiten, wie sich alles erklären lasst, sehr vielschichtig und weicht erfrischend von den typischen Krimischemata ab. Besonders gefielen mir auch die Schilderungen, wie die Ermittlungen von der öffentlichen Meinung und deren Verschwörungstheorien beeinflusst werden. Auch als Leser ist man gegen diese Spekulationen nicht immer immun. Meine Vermutungen, wer die fadenziehende Person in der Geschichte ist, erwiesen sich bis zum Ende des Buches alle als falsch. Deshalb bekommt der Krimi von mir ein 👍.