Humorvoller Sommerabschied und Winterankunft mit Martin Parr

Am Sonntagnachmittag war ich mal wieder in Düsseldorf, um die Retrospektive des britischen Fotografen Martin Parr zu besuchen. Es ist schon lange her, dass ich so oft in einer Ausstellung schmunzeln musste. Da ich aus Copyrightgründen keine Fotos von Parr zeigen darf, füge ich in diesen Beitrag ein paar Fotos von mir ein und versuche damit, ein bisschen die Atmosphäre der Ausstellung wiederzugeben.

Hauptthema der Ausstellung sind Fotos von Kleingartenbesitzern in Düsseldorf und Krefeld. In jedem Foto stecken Details, die obskur, anheimelnd oder auch überraschend sind. Wo und wie lassen sich die Besitzer in ihrem Garten fotografieren? Das zu sehen ist sehr aufschlussreich.

Aber genauso gelungen sind Parrs Bilder von Menschen in englischen und belgischen Seebädern- da kamen bei mir viele eigene Urlaubserinnerungen und Sommergefühle auf.

Engländer- das Volk der Hardcore-Picknicker
Des einen Leid, des anderen Freud…

Auch seine farbenfrohen Bilder aus Mexiko stimmten mich noch einmal sommerlich.

Was in den nächsten Monaten auf uns zukommt, nämliche graue Regentage, war für Parr aber auch Grund genug, mit seiner Kamera loszuziehen. Schwarzweiße Fotos, trübe, grau und dann entdeckt man plötzlich wieder ein Augenzwinkern des Fotografen. Herrlich!

Und was kann man noch im Winter machen, wenn man sich mit dem Fotografieren beschäftigen will? Parr hat über Jahrzehnte Fotostudios besucht und wünschte dort, dass man von ihm ein Porträt in ungewöhnlicher Umgebung. anfertigen. So sehen wir Herrn Parr z.B. zusammen mit Herrn Putin, er ist Astronaut oder schwebt in einer Schneekugel.

Die Ausstellung geht noch bis zum 10.November. Gönnen Sie sich den Spaß und schaufeln Sie sich zwei Stunden Zeit für die Ausstellung frei. Weitere Infos finden Sie hier:

https://www.nrw-forum.de/ausstellungen/martin-parr

Und noch ein Tipp: Wenn Sie an einem Sonntag die Ausstellung besuchen, parken Sie auf der Emmericher Straße kostenlos und gehen Sie dann über den alten Golzheimer Friedhof zum Museum. Oder Sie kommen wegen des Friedhofs noch einmal extra, denn hier gibt es auch Einiges zu entdecken.

https://www.duesseldorf.de/stadtgruen/park/golzheimer-friedhof.html Golzheimer Friedhof – Landeshauptstadt Düsseldorf

Brontë Erinnerungen

Samantha Whipple ist die letzte Nachkommin der berühmten Brontë Schwestern. Sie geht, dem Wunsch ihres Vaters folgend, auf das Old College in Oxford und studiert Literaturwissenschaft. Ihr Leben dort ist nicht einfach. Ihr Zimmer in einem alten Turm ist feucht, ohne Fenster und sehr spartanisch eingerichtet. Einmal pro Woche wird eine Touristengruppe durch ihr Zimmer geschleust, denn vor Samantha haben viele berühmte Studenten das Zimmer bewohnt. Ihr Tutor ist ein junger Professor, der sehr eigene Vorstellungen von Literaturkonzeption hat und beide geraten oft aneinander. Das Schlimmste allerdings ist die Tatsache, dass man gegen Samanthas Willen sie als Erbin der Brontë Schwestern outet. Sie rückt dadurch in den Focus rückt bei der Frage, ob sie Erbstücke der Brontës zurückhält, die für die Literaturforschung von großer Wichtigkeit sind, da sie in den Brontë-Büchern erwähnt werden. Samantha weiß von nichts, doch dann tauchen plötzlich Brontë-Bücher bei ihr auf, die ihrem Vater gehörten und die bei einem Brand, bei dem der Vater ums Leben gekommen ist, als zerstört galten. Samantha kennt die Brontë Bücher fast alle in- und auswendig, doch sie liest die väterlichen Ausgaben erneut, da er viele Randnotizen gemacht hat. Findet sie Hinweise auf die Erbstücke?

Das Buch machte mich noch einmal zu dem jungen Mädchen, das vor langer Zeit die Brontë Bücher gelesen hat und sich nun erinnerte. Ich litt mit Samantha, deren schweres Erbe sie fast aus der Bahn geworfen hätte, wäre da nicht der gut aussehende und auch geheimnisvolle Professor gewesen. Hört sich schön kitschig an, oder? Aber ganz so ist es nicht, denn es gibt diverse Diskussionen zwischen der Studentin und ihrem Mentor, wie man ein Buch richtig liest und interpretiert. Das ist schon ein ganzes Stück anspruchsvoller, so dass mich das Buch wegen dieser „Mischung“ gut unterhalten hat.

Lesen im Freibad

Wenn Sie dieses Buch

in den nächsten Wochen mit ins Freibad nehmen, wird es lebendig. Sie lesen, schauen auf und sehen die eben gelesene Szene vor Augen. Fragen Sie sich jetzt: „Warum dann überhaupt noch lesen?“ Doch, sollten Sie, weil

-es auch die Geschichte zweier Frauen ist

-es auch um die Menschen eines ganzen Stadtteils geht

-es zeigt, wie wichtig es ist, um etwas zu kämpfen

-es zwei Liebesgeschichten bietet

und es eine Hymne auf das Schwimmen ist.

Wer jetzt noch nicht überzeugt ist, hier eine kurze Zusammenfassung:

Rosemary ist 86 Jahre alt und geht jeden Tag schwimmen. Das ist so wichtig für sie wie das Atmen, denn neben der körperlichen Betätigung bringt es auch immer wieder Erinnerungen an George, ihren Ehemann, der vor zwei Jahren gestorben ist. Sie beide haben viel Zeit im Freibad verbracht und waren hier glücklich. Als Rosemary erfährt, dass das Freibad geschlossen werden soll, muss sie irgendetwas tun und beginnt, Flugblätter zu verteilen. Dadurch lernt sie Kate kennen, eine noch junge Journalistin bei einem Lokalblatt, die über die Schließung und was sie für den Stadtteil bedeutet, schreiben soll. Der Stadtteil ist das Londoner Brixton, eine sehr bunte, aber auch eher ärmliche Gegend, die allerdings durch erste Luxuswohnungen einer Immobilienfirma langsam ein anderes Gesicht bekommt. Das Freibad soll zubetonniert werden, Tennisplätze und ein Fitnessstudio sind eher im Sinne der neuen reichen Bewohner.

Kate, vor zwei Jahren nach London gezogen, ist sehr unglücklich. Sie hat keine Freunde, wohnt in einer anonymen WG und bekommt immer häufiger Panikattacken. Das Kennenlernen von Rosemary ändert ihr Leben. Zuerst sind es nur die beiden, am Ende des Buches sind es der ganze Stadtteil und Halb-London, die um den Erhalt des Freibades kämpfen.

Leichte, nein, ich schreibe lieber passend zum Thema spritzige Unterhaltungslektüre mit dem Tiefgang eines Nichtschwimmerbeckens- also genau richtig für einen heißen Tag im Freibad.( Balkon,Garten sind auch ok).

Möchten Sie die Zeit anhalten?

 

Tom Hazard, Anfang 40, ist Geschichtslehrer an einer Londoner Schule. Er hat permanent schlimme Kopfschmerzen, denn seine Erinnerungen an Vergangenes belasten ihn sehr. Es sind viele Erinnerungen, denn Tom ist in Wahrheit über 400 Jahre alt. Seine Mutter wurde als Hexe ertränkt, er spielte Musik in Shalespeares Theater, fuhr mit James Cook zur See oder saß mit F. Scott Fitzgerald zusammen an der Bar. Immer musste er fliehen, wenn die Mitmenschen mißtrauisch wurden, weil er nicht sichtbar alterte. Einmal war er mit Rose verheiratet und hatte eine Tochter Mary, doch auch die beiden musste er verlassen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Seine Frau ist gestorben, doch seine Tochter lebt noch, denn sie ist wie er und altert nur sehr langsam. Doch wo ist Mary? Sie wiederzufinden ist für Tom der einzige Grund, weiter am Leben zu bleiben. Er hat alles gesehen und es kann ihn nichts mehr überraschen, er hat keine Illusionen mehr über Menschen und ihr Handeln.

Bei der Suche nach Mary helfen könnte der Chef der Albatrosse, jener Gruppierung, die Menschen wie Tom hilft, sich immer wieder eine neue Identität zu erschaffen. Heute gibt es zwar keine Hexenverfolgung mehr, doch für skrupellose Firmen, die Mittel gegen den Alterungsrozess suchen, wären „Albas“ ideale Forschungsobjekte. Tom hat die Dienste der Albatrosse schon öfter in Anspruch genommen, zahlte dafür allerdings bisher auch eine hohen Preis: Die Bedingungen sind, dass er für eine neue Identität erstens als Gegenleistung einen Auftrag des „Alba“-Chefs erfüllen muss und hier geht es u.a. um Mordaufträge und zweitens es absolut verboten ist, sich jemals zu verlieben. Tom war seit Jahrhunderten nicht mehr verliebt, doch jetzt hat er an der Schule eine neue Kollegin, Camille, und bei ihr ist alles anders…

Dieses Buch habe ich in der Hörversion (9 1/2 Stunden) genossen, vorgetragen von Christoph Maria Herbst. (Wie immer souverän). Die Geschichte ist sehr unterhaltsam und spannend, das Ende könnte nach meinem Geschmack etwas weniger pathetisch sein. Aber ich werde mir noch das Buch kaufen und es später auch lesen, denn es stehen einige sehr kluge Sätze in ihm, die einen das Leben abgeklärter betrachten lassen.

Der Himmel über London

Leonard wird in Kürze sterben. Aber vorher möchte er noch seinen 70sten Geburtstag in einem teuren Londoner Restaurant feiern, zusammen mit seiner Lebensgefährtin Maud und deren beiden Kinder. Und zwei weiteren Gästen, von denen er den anderen aber nichts erzählt. Um die Feier perfekt vorbereiten zu können, reisen Leonard und Maud schon ein paar Tage früher in die Hauptstadt. Leonard schickt Maud auf Sightseeing Touren, er selbst kämpft mit seinen Schmerzen, trifft sich mit seinem Anwalt, der auf der Feier das Testament vorlesen soll und liest in einem alten gelben Notizbuch. Dieses beinhaltet die Geschichte seiner einzigen Liebe. Carla hieß sie, eine Spionin aus dem Osten, die ihn in den 70er Jahren aus Liebe dazu brachte, für sie zu arbeiten.

Der Tag der Geburtstagsfeier rückt näher, Leonard geht es immer schlechter. Maud vermutet, das er durch Medikamente unzurechnungsfähig wird, behauptet er doch plötzlich, ein anderer zu sein, nämlich der Schwede Lars Gustav Selén. Auch dessen Geschichte wird im Roman erzählt. Er lebt sehr zurückgezogen und schreibt an einem Roman. Dieser spielt in London und Hauptpersonen sind Leonard, Maud, deren Kinder, ein Rechtsanwalt und Leonards unbekannter Sohn Milos…

Der Roman erinnerte mich manchmal an eine Denksportaufgabe, denn er spielt abwechselnd auf verschiedenen Ebenden und in verschiedenen Zeiten. Da muss man dann schon Lust auf Fantastisches haben. Mal wird es ein bisschen philosophisch, sozialkritisch, geschichtlich, auch mal ein bisschen unappetitlich. Aber es ist immer, mal mehr, mal weniger eine gewisse Spannung da, schließlich läuft alles auf das große Geburtstagsfinale hinaus. So schaffte ich die 571 Seiten.

Mein Urteil: Ich würde das Buch nicht verschenken, denn es ist schon recht speziell. Aber vielleicht haben Sie ja Lust, im Urlaub mal so einen Roman zu lesen?

 

Heile Gartenwelt

15 Jahre lang sind mein Mann und ich 2-3/Jahr nach England gefahren, Menschen, Landschaft, Gärten, alles stimmte für uns. So war dieses Buch für mich in den letzten Tagen quasi ein Ersatzurlaub, der mich allerdings auch etwas nachdenklich machte.

Die Autorin kehrt nach mehreren Jahren Aufenthalt in München nach England zurück. Sie bezieht mit ihrer Familie eine altes, heruntergekommenes Cottage, das früher eine kleine Milchfarm war. In den ersten Kapiteln des Buches bangen und leiden wir mit ihr, wie sie Haus, aber besonders natürlich Hof, bzw. Garten wieder auf Vordermann bringt und sich mit vielen tierischen Nachbarn ( von Kühen, über Dachse bis hin zu frechen Eichhörnchen) arrangieren muss. 

Als echte englische Gärtnerin ist sie aber natürlich auch an anderen Gärten interessiert und nimmt Leser und Leserinnen mit auf diverse Besichtigungstouren. Ganz oben steht dabei eine Fahrt zum Anwesen von Prinz Charles oder eine Besichtigung der Gärten vom Buckingham Palace. Zum gärtnerischen Pflichtprogramm gehören darüberhinaus  auch noch Besuche zu diversen Pflanzenmärkten oder dörfliche Gartenwettbewerbe, nicht zu vergessen die Tage der offenen privaten Gärten. Tee spielt bei allen Besuchen eine große Rolle, ist quasi eins der Lebenselexiere eines Vollblutgärtners und in einem Kapitel werden wir in die Geheimnisse eines guten Afternoon Teas eingeweiht.

Das Buch ist vor zehn Jahren geschrieben worden, also ist es noch nicht so alt. Aber sie kam mir manchmal fast etwas surreal vor, diese heile Welt, von der die Autorin erzählt und die ich während meiner Urlaube als gegeben angesehen habe. Fünf Jahre waren wir nicht mehr auf der Insel, der Abstand  zu England hat sich in dieser Zeit bei mir vergrößert, die rosarote Brille ist verblasst. Will ich das? Nein, das Rosa muss unbedingt mal wieder aufgefrischt werden!

 

Die Lieferantin

Ellie mischt den Londoner Drogenmarkt auf. Im Gegensatz zu den „konservativen“ Drogendealern vertreibt sie ihre Ware nur im Darknet, lässt sich ausschließlich in Bitcoins bezahlen und liefert die Drogen innerhalb kürzester Zeit per Drohne aus. Den alten Drogendealern ist sie schon länger ein Dorn im Auge, doch wissen sie nicht, wer Ellie ist. Als jedoch einer von ihnen plötzlich spurlos verschwindet und ein zweiter sich als Polizeispitzel entpuppt, wird es zur obersten Priorität, Ellie auszuschalten und die Jagd nach ihr beginnt.

Ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt für „die Lieferantin“.  Ellie, die ihren Bruder wegen Drogenproblemen verloren hat und sich deswegen Vorwürfe macht, braucht viel Geld, um ihre Freundin zu unterstützen.  Diese fordert eine Legalisierung  leichter Drogen und bekämpft die anstehende Abstimmung für schärfere Drogengesetze mit Gegenkampagnen. Um nicht entdeckt zu werden, setzt Ellie ihren Handel aus und entschließt sich, auf anderen Weg das Geld zu beschaffen. Die Drohnen machen Fotos bei der Übergabe der Drogen an die Kunden und so gibt es z. B. auch Bilder vom Gesundheitsminister, der für die Verschärfung der Drogengesetze eintritt. Er und alle anderen sind damit erpressbar…

Mehr verrate ich nicht, aber ich kann Ihnen versprechen, dass die Geschichte rasant weitergeht und London für einige Tage ins  Chaos gestürzt wird. 

Ein ungewöhnlicher Krimi, dessen Hörbuch die Zeit verfliegen lässt.

 

Wie Mr. Rosenblum in England sein Glück fand

Die jüdische Familie Rosenblum flüchtet aus dem Nazideutschland nach England. Jack Rosenblum ist von der ersten Sekunde an sehr darauf bedacht, ein typischer Engländer zu werden. Sein Hobby ist eine Liste, auf der er täglich neue Punkte notiert, die zu seiner Perfektion beitragen. Seine Frau Sarah allerdings weigert sich, ihre Haare blau gefärbt zu tragen und ist auch sonst wenig begeistert von den Ambitionen ihres Ehemannes. Sie trauert sehr um ihre verlorene Heimat und das Fehlen der jüdischen Traditionen.

Die Jahre vergehen, Jack wird ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, dem allerdings zu seinem Glück noch ein Stein fehlt: Er muss Mitglied in einem Golfclub sein. Als er merkt, dass er als „Kraut“ keine Chance hat, in einem Club aufgenommen zu werden, beschließt er, in Dorset Land zu kaufen einen eigenen Golfplatz zu bauen und seinen eigenen Club zu gründen. Am Tag der Krönung Elisabeth II soll der Platz eröffnet werden. Jack ist ein sehr großer Optimist, voller Tatendrang, doch hat er auch Feinde: missgünstige Dorfbewohner, ein riesiges Wollschwein, einen Lord, das Wetter und letztendlich auch teilweise seine eigene Frau. Die Zeit läuft…

Am Anfang des Romans dominiert die Figur des Jacks, der wirklich alles rosarot sieht und sich nie unterkriegen lässt. Doch nach und nach bekommt Sarah auch eine Stimme mit ihrer großen Traurigkeit und ihrer ablehnenden Haltung gegenüber England. Das Ehepaar driftet immer mehr auseinander. Doch schließlich gibt es ein gutes Ende in diesem humorvollen und anrührenden Buch.