„Sie spielt schneller, als ich hören kann“

Vorgestern besuchten wir in der Essener Philharmonie ein Konzert der Jazzpianistin Hiromi. Die Überschrift ist ein Zitat meines Mannes am Ende des Konzerts. Ein weiteres Zitat meines Sitznachbarns: „Ich fasse mein Klavier nie wieder an!“ Oh ja, nach dem Konzert überkam auch mich eine Welle der Frustration, ich fühlte mich wie ein klavierspielendes Würmchen. Aber das hielt nur bis zum nächsten Morgen an, dann klappte ich den Klavierdeckel wieder hoch.

Das Konzert, das wir übrigens 2020 besuchen wollten (siehe unten, da mache ich Ihnen in meinem Artikel Appetit auf das Konzert) und das dann viermal verschoben wurde, war einzigartig. Chilli Gonzales und Igor Levit, meine beiden Lieblingspianisten, haben Konkurrenz bekommen. Ihr Einfallsreichtum, was man wie mit den Tasten alles machen kann, scheint unendlich. In ihren Kompositionen zeigt sie ihre eigene Gefühlswelt ungeschminkt. Manchmal scheint ein Hauch von Wahnsinn in ihrem Spiel zu liegen, doch dann zeigt sich der Schalk in ihrem Nacken und es wird klar, dass alles ein großer Spaß für sie ist.

Hiromi spielt „Isolation“

Bild 165 von 365

Spielte Hiromi vor Corona zumeist nur solo, hat sie nun ein vierköpfiges Streichquartett an ihrer Seite. Dadurch trat der „Jazztouch“ ihrer Musik in der zweiten Hälfte des Konzerts etwas in den Hintergrund und ihr Stilrepertoire hat sich dadurch positiv erweitert.

Dieses Video wurde letzte Woche in Wien aufgenommen. Die Qualität ist nicht so gut, aber Sie lernen die aktuelle Hiromi kennen. Ein besseres Video finden Sie unten unter „Related Posts“.

Unhaltbare Zustände

Robert Stettler, 59jähriger Junggeselle, führt ein unspektakuläres Leben in einer schweizer Großstadt. Sein Beruf ist seine Passion: Er ist Schaufenstergestalter im größten Kaufhaus der Stadt und seine Fenster werden immer zum Tagesgespräch. Der Briefwechsel mit der von ihm verehrten Pianistin Lotte Zerbst bringt ein weitere kleine Abwechslung. Stettlers Leben ändert sich, als der Kaufhausinhaber ihm einen zweiten jungen Schaufensterdekorateur zur Seite stellt und dessen innovative Fenster sogar in überregionalen Zeitungen und im Spiegel besprochen werden. Neben diesen privaten Einschnitten verunsichern Stettler aber auch äußere Veränderungen. 1968- Vietnamkrieg, Jugenddemonstrationen, der neue Alltag lässt Stettler wanken und er fühlt sich in die Ecke gedrängt, so dass seine Handlungen immer irrationaler werden.
Auch das Leben von Lotte wird erzählt. Sie wurde vor vielen Jahren während ihrer Ausbildung zur Pianistin vom berühmten Pianisten Mereschkowsiki über Jahre hin missbraucht. Ihr Ziel, vom besten Lehrer unterrichtet zu werden, ließ sie bleiben. Nun lebt sie zurückgezogen und geht in ihrer Arbeit aus Pianistin auf. Gerne würde sie ihren Verehrer Stettler einmal persönlich kennenlernen, er wäre der Fremde, dem sie ihre Lebensgeschichte vielleicht anvertrauen könnte. Sie wird in Stettlers Heimatstadt ein Konzert geben, ob ein Treffen stattfindet?

Ein leiser Unterhaltungsroman. Er gefiel mir aus zwei Gründen gut: In die Welt der Schaufensterdekoration einzutauchen und zu lesen, wie viel Mühe hinter einer gelungenen Schaufenster steckt, das war mal wieder ein Moment, in dem mir klar wurde, dass man alles mehr wertschätzen sollte. Der zweite Grund: Die unterschiedliche Entwicklung der beiden Hauptpersonen. Während Robert Stettlers Selbstbewusstsein sich in Zweifel, Angst und Irrsinn umwandelt, wächst Lottes Persönlichkeit, die weiß, wo sie im Leben steht und was sie will.

Die Hölle in einer Familie

Diesen Roman hatte ich mir aus der Bücherei ausgeliehen, da der Titel für mich nach viel Musik und Klavierspielen klang. Aber das war nur die angenehme Seite der 460 seitigen Geschichte.

Karl Wittgenstein ist ein äußerst erfolgreicher österreichischer Stahlmagnat Anfang des 20. Jahrhundert. Er und seine Frau Poldi haben acht Kinder und wohnen im einem prachtvollen Wiener Palais. Sie nehmen rege am luxuriösen Leben teil, Karl betätigt sich als Mäzen für Komponisten und Maler. Dazu gehören u.a. Klimt, Kokoschka, Mahler und Brahms. Von außen betrachtet muss es eine glückliche Familie sein, der es an nichts fehlt. Doch dem ist nicht so.
Drei Söhne nehmen sich als junge Männer das Leben, bzw. verschwinden spurlos. Sie passen nicht in das Weltbild ihres mächtigen Vaters. Auch Paul und Ludwig Wittgenstein leiden unter Karl. Luki, später bekannt als der Philosoph Ludwig Wittgenstein, ist als Kind labil und versucht später durch extreme Entscheidungen, dem Fluch des Reichtums zu entkommen.
Paul Wittgenstein ist immer wie seine drei Schwestern bemüht, seinem Vater zu gefallen. Dabei treten sie in einem Wettstreit, bei dem von Geschwisterliebe nur in ganz wenigen Momenten etwas zu spüren ist. Paul ist der Verlierer. Selbst als ihm im ersten Weltkrieg der recht Arm abgenommen werden muss und er trotzdem danach eine Weltkarriere als Pianist aufbaut, ist er für die Familie nie gut genug. Um nicht wie seine Brüder ebenfalls durch die Familie mental kaputt gemacht zu werden, führt er ein Doppelleben mit diversen Geliebten, die nicht aus den entsprechenden Kreisen kommen. Es dauert lange, bis er eine Frau findet, die ihm etwas mehr Seelenruhe verschafft. Hilde, eine blinde Pianistin, schenkt ihm zwei Kinder. Zuerst versteckt er seine kleine Familie, doch dann ändert sich das Leben schlagartig. Im Jahr 1938 sind die Nationalsozialisten in Österreich an der Macht. Die jüdische Bevölkerung und alle Menschen mit Behinderungen müssen um ihr Leben bangen. In letzter Sekunde schafft es Paul, eine Flucht für sich und seine Familie zu organisieren. Damit endet der Roman. (In einem Epilog erfährt man kurz, wie das weitere Leben der Familie Wittgenstein verläuft).
Auf den ersten 100 Seiten war ich von diesem Roman enttäuscht, denn der Titel hatte mich anscheinend in die Irre geführt. Ich las einen Roman über eine Familie, über die es nur wenig Gutes zu sagen gibt. In dem Roman fand ich keine Sympathieträger. Ludwig Wittgenstein ist für mich dabei die unangenehmste Person, die sich den Schein der Armut gibt, um immer wieder in den Schoß des Reichtums zurückzukehren, wenn er das Zusammensein mit „Normalbürgern“ nicht mehr aushält. Aber auch Paul verhält sich fragwürdig. Selbst als gestandener Mann kann er sich den ungeschrieben Gesetzen der Familie nicht entziehen und lässt eine schwangere Geliebte im Stich, was in einer Katastrophe endet.
Was das Thema Musik angeht, so lernt man in diesem Roman viel über das Verhältnis von Pianisten und Komponisten. So beauftragt Paul beispielsweise den Komponisten Ravel, ein Konzert für die linke Hand zu komponieren. Dies endet in einem Debakel.
Ein gut zu lesender Roman mit dem Reiz, Blicke in das Leben einer berühmten Familie zu werfen und gleichzeitig Zeit- und Musikgeschichte präsentiert zu bekommen.

Wer ein kurzes Video mit Paul Wittgenstein am Klavier sehen möchte:


Musikalischer Auftakt in den Februar

Podcasts sind z.Zt. sehr angesagt und ich muss gestehen, dass ich inzwischen auch schon mehrere abonniert habe. Mein derzeitiger Favorit ist „Klassiker für Klugscheißer“ vom Bayerischen Rundfunk mit Laury Reichart und Uli Knapp (+ manchmal einem Gast). Jede Sendung dauert zwischen einer halben und ganzen Stunde und die Bandbreite der Themen ist groß. Wussten Sie, dass die Nationalhymne Neuseelands während der olympischen Spiele 1972 in München „erfunden“ wurde? Dass Georg Händel einer der passioniertesten Musikmotivausleihers war? Bisher werden 40 Themen mit viel Humor und einer Menge Musikbeispielen präsentiert. Besonders gut gefallen hat mir u.a. die Sendung über Komponistinnen. Ich lernte Kassia kennen, eine byzantinische Musikerin aus dem 9. Jahrhundert, habe etwas über das musikalische Werk von Hildegard von Bingen erfahren, empörte mich über Robert Schumann und seine Einstellung zu seiner Frau Clara Schumann und wurde richtig knatschig, als ich die Geschichte von Fanny Hensel hörte, der Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn. Ihr großes Talent wurde von ihrem Bruder ausgenutzt und gedeckelt, die gesellschaftlichen Konventionen taten den Rest, um der jungen Frau jegliche Lust am Komponieren und Musizieren zu nehmen. Fanny Hensel hat u.a. „Das Jahr“ komponiert, jeder Monat bekommt von ihr ein musikalisches Kleid. Gefällt mir gut und deshalb stelle ich Ihnen heute den Februar vor:

Wer mehr über Fanny Hensel wissen möchte: Ich habe dieses Buch in der Bücherei gefunden:

Liegt auf meinem Nachttisch, bin schon sehr gespannt!

John Cage für den Garten

Diese Komposition von John Cage höre ich besonders gerne im Winter , wenn ich nach draußen in den Garten sehe und es regnet, schneit oder windig ist. Das Stück lässt mich einen Moment lang alles um mich herum vergessen. Der Garten wird zu einer Traumwelt.

Behalten Sie diese Musik im Kopf, denn am Freitag bespreche ich ein Buch, das bestens zu dem Stück passt. (Es ist kein Gartenbuch!)

Stürmischer Buchtag

Momentan findet in Frankfurt wieder die Buchmesse statt. Vielleicht kam mein Unterbewusstsein deshalb auf die Idee, gestern einen Buchtag einzulegen? Um der alten Zeiten willen?

Gestern gab es Sturm und Regen,
das war für mich ein wahrer Segen.
Konnte mit gutem Gewissen zuhause bleiben
und mir ein paar Bücher einverleiben.

Morgens um sieben fange ich mit Eckengas Gedichten an,
Humor zu Beginn,
das ist für meine noch müde Stimmung ein Gewinn.

Danach widme ich mich dem Buch von Herta Müller,
hier wird es schon etwas anspruchsvoller.
Die Nobelpreisträgerin schneidet Wörter aus
und setzt sie neu zusammen.
Da verdient sie doch Applaus,
denn damit konnte sie mich entflammen.

Schnell selbst ein paar Wörter aus einer Zeitung ausgeschnitten,
darf ich Sie zu meinem Œuvre um Ihre Meinung bitten?

Noch einmal macht die Buchmesse sich in meinem Kopf breit…

Zum zweiten Frühstück sind Tintin und Milou dran,
ihre Abenteuer ziehen mich noch heute in den Bann.
Ich fühle mich wie ein Kind,
das sich vom Schulstress eine kleine Auszeit nimmt.

Kein Mittagessen und die Siesta ist auch nicht lang,
jetzt ist mir nach einem Buch über den musikalischen Klang.

Ein Roman mit einem japanischen Klavierstimmer,
über dieses Instrument zu lesen, das geht bei mir doch immer.

It‘s teatime, dazu noch ein paar Plätzchen,
danach suche ich mir ein neues Bücherschätzchen.
Einen Bildband möchte ich jetzt haben,
denn meine Augen sollen sich auch mal laben.

Bilder von František Kupka

Viele bunte Farben gegen das so graue Wetter,
wie schnell wird das Leben durch ein Buch doch viel netter!
Ich blättere und versinke, fast wie in einem Traum,
vergesse die Zeit und um mich herum den unaufgeräumten Raum.
Plötzlich streift mich das schlechte Gewissen,
ist Putzen und Aufräumen heute ein Müssen?
Nö, beschließe ich und blättere weiter,
meine Stimmung bleibt deshalb auch heiter.
Mein Kater möchte auf meinen Schoß,
da ist der Bildband jetzt doch zu groß.
Schnell nehme ich einen Krimi zur Hand,
dieses Buch ist ein Unterhaltungsgarant.

Wolf Haas, er ist mein Favorit,
denn seine Bücher haben österreichischen Kolorit.
Mein Kater schnurrt laut und ich werde dösig,
ein weiteres Buch zu suchen ist dann wohl müßig.

Um halbzehn habe ich mich hingelegt,
von diesem Tag noch tief bewegt.
Zufrieden schlafe ich schnell ein,
dankbar für mein schönes Bücherheim.

P.S. Morgen habe ich einen zum Wetter passenden Rätselbeitrag für Sie.





Ein bisschen Stephen King Feeling

Ich lese gerade das neuste Buch von Stephen King und finde es gut. Es ist sehr unterhaltsam, phantasie- und humorvoll. Die Rheinische Post meinte in einem Artikel, jetzt sei King reif für den Nobelpreis. Da stimme ich nicht unbedingt zu, aber wer auch mal ein Buch mit Merkwürdigkeiten ganz besonderer Art lesen möchte, der sollte zugreifen.

Warum beginne ich so meinen Beitrag? In diesem Monat hat es irritierende Momente gegeben und ich frage mich, ob ich ein bisschen zu viel King gelesen habe. In meinem Blog gibt es ja die „Es gibt Momente“-Kategorie, in welcher schon lange keinen Textbeitrag erschienen ist, aber jetzt ist es soweit:

Wir besuchten eine Dürerausstellung in Aachen. Auf der Rückfahrt lief uns ein großer Hase über die Straße (Es ist nichts passiert).

Ich lese früh morgens einen Bericht über die Neukonzeption des Museums „Schloss Morsbroich“ in Leverkusen. Das Telefon klingelt, der Anruf kommt aus Leverkusen.

Ich sitze in der Sonne auf der Bank vor unserer Tür und lese dieses Buch.

Am Ende des Romans lebt Ortheil in Rom, weil er dort ein Liszt-Stipenium bekommen hat.
Ein Nachbar sieht mich auf der Bank, geht in sein Haus, kommt wieder und drückt mir ein Buch in die Hand.“Das solltest du mal lesen, Linda, ist sehr interessant!“ Sie ahnen, was für ein Buch er mir gibt? Ich hatte ihm nichts über meine Lektüre erzählt, er kannte das Ortheil Buch nicht.

Nr. 4: Ich las in einer Zeitung ein Wort, das ich bisher noch nicht kannte. Es heißt „nixen“ und bedeutet, dass man nichts tut, d.h., das stimmt nicht ganz, man sitzt und guckt. Nicht Fernsehen, sondern man sieht sich ein Bild intensiv an, beobachtet Leute oder schaut, was in der Natur so alles los ist. Einen Tag später hole ich aus meinem Bücherregal ein Buch heraus. Aus diesem fällt eine Postkarte mit….

Zufälle…

So, hier ist das Ende der „Es gibt Momente“-Kategorie. Sollten Sie noch Lust auf mehr Text haben, es kommen jetzt noch einige Ergänzungen zu diesen Momenten:

Dürer-Ausstellung: Mit Dürer kann man ein Wochenende gestalten. Auf YouTube gibt es eine Dokumentation (ca. 45 Minuten lang)„LIDO- Ich, Albrecht Dürer“, die als Einstimmung für den Museumsbesuch sehr gut geeignet ist.
Bei der Dürer-Ausstellung muss man sich vorher anmelden. Mich hat an dieser Ausstellung besonders berührt, dass die meisten Bilder über 500 Jahre alt sind und eine Ausstrahlung haben, die für mich teilweise magisch war. Sehr deutlich kann man die Meisterschaft Dürers bewundern, denn es werden von anderen Künstlern aus der selben Zeit Werke mit gleichem Motiv gezeigt.
Die Ausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum geht noch bis
zum 24. 10.2021, weitere Informationen finden Sie hier: https://duerer2020.de/

Leverkusen bietet eine andere sehr interessante Ausstellung an. Diese habe ich noch nicht besucht, aber ich finde diesen Zeitungsartikel überzeugend.

Neuanfang im Museum Morsbroich

70 Jahre nach der Eröffnung startet am Sonntag die Jubiläumsschau mit rund 100 Werken.VON BERND BUSSANG

LEVERKUSEN | Das 1951 gegründete Museum Morsbroich hat eine Vergangenheit. Es war das erste Museum für Moderne Kunst in der damals noch jungen Bundesrepublik. Doch hat es auch eine Zukunft? Diese Frage versuchen der neue Museumsleiter, Jörg van den Berg, und sein Team mit einer Jubiläumsausstellung zu beantworten. „Das Ensemble schreibt das Stück. 70 Jahre heute“, lautet der beziehungsreiche Titel der Schau, die noch bis zum 14. November zu sehen ist. Sie zeigt einen „kollektiven Blick“ in die nach wie vor imposante Sammlung des Leverkusener Hauses. Rund 5000 moderne Kunstwerke lagern dort, darunter viele heute hochgehandelte Meisterstücke. Einen Zukaufsetat gibt es in Leverkusen schon seit vielen Jahren nicht mehr. Die meisten Stücke aus jüngerer Zeit sind Leihgaben oder Schenkungen. Waren es bisher die Kuratoren, die Schaustücke auswählen, so sind es diesmal die 16 Mitarbeiter. Jeder durfte sechs Werke bestimmen, die in jeweils einem Raum präsentiert werden.

Auf diese Weise kommt eine Ausstellung mit fast 100 Werken zustande, die Chronologie und kunsthistorische Bezüge bewusst aushebelt, ein subjektiv gesetztes Spektrum: vom Haustechniker über die Verwaltungsangestellte, die beiden Kuratoren, Thelka Zoll und Fritz Emslander, bis hin zum Chef selbst, der mit 50 Tagen als dienstjüngster Mitarbeiter nehmen musste, was noch übrig war. Dabei ist Jörg van den Berg nicht traurig darüber, dass „etwa 50 Werke“ im Keller bleiben mussten, die er sich zum Jubiläum gewünscht hätte. Zu sehen gibt es im historischen Ensemble des Schlosses, mit sicherer Hand platziert, immer noch eine Menge: Neben bekannten und hochgehandelten Künstlern wie Graubner, Picasso, Warhol, Richter, Heerich, Blinky Palermo und Yves Klein sind auch weniger populäre oder vergessene Meister ausgestellt.

„Hier geht es nicht um einen nackten Rückblick, sondern um die Frage, was können wir aus der Historie lernen, also eine Übersetzung in die Zukunft“, sagt van den Berg. Dabei sind die neuerdings geöffneten Türen sämtlicher auch nicht für Ausstellungen genutzter Räume durchaus als Symbol einer neuen Offenheit gedacht. Und der Neuanfang könnte durchaus auch radikal ausfallen. „Wie könnte ein neues, ein unbedingtes Museum aussehen, ein Ort, an dem nichts außer Frage steht?“, heißt es im Pressetext zur Ausstellung.

Liszt-Zufall: Das Buch von Ortheil hat mir sehr gut gefallen. Wieder beschreibt der Autor eine Phase seiner Kindheit und seines jungen Erwachsenseins, in der er sehr viel lernt. (Siehe auch unten eine weitere Buchbesprechung). Natürlich können Menschen, die eine Beziehung zum Klavierspielen haben, dieses Buch am meisten genießen. Aber auch für diejenigen, die gerne klassische Musik hören und dabei auch mal in ein Konzert gehen, ist dieses Buch lesenswert. Was gehört bei einem Kind dazu, um später ein berühmter Musiker zu werden? Talent sollte vorhanden sein, aber es gibt noch viele andere Hürden, physische und psychische, die das Kind bewältigen muss. Das gilt nicht nur für Pianisten, sondern auch für andere Musiker.
Ortheil entscheidet sich letztendlich, Schriftsteller zu werden und den „poetischen Weg“ des Klavierspielens zu gehen, d.h. Klavierspielen ist eine lebenslange Passion, die von dem „technischen Weg“ nicht übertrumpft wird.
Meine Sympathie hat er.

Nixen: Ich nixe sehr gerne im Garten und beobachte Vögel und Insekten. Jetzt habe ich mir die neue App vom Bundesumweltministerium heruntergeladen, um endlich mal Hummeln und Bienen auseinanderzuhalten.

https://www.bienabest.de/app-wildbienen-id-bienabest

Der nächste Blogbeitrag: Wie versprochen, eine Einstimmung auf einen Berlinbesuch.

Alfred Brendel – Igor Levit

Kurz und schmerzlos:

Der Untertitel „Lesebuch für Klavierliebende“ bedeutet: Sie sollten Klavier spielen und das schon länger. Alfred Brendel setzt voraus, dass seine Leserschaft die Fachausdrücke des Klavierspiels parat hat und die Standardwerke der üblichen Verdächtigen Bach, Mozart, Beethoven, Händel, Schubert kennt. Erst dann kann man den subjektiven Ausführungen Brendels folgen und sie genießen, bejahen oder ablehnen.
Die Lektüre war mir zu konservativ, zu staubig. Das lag vielleicht aber auch daran, dass ich zuvor dieses Buch gelesen habe:

Was bietet das Buch?
Beschreibung des Werdegangs von Igor Levit. Seine Entwicklung zu einem weltberühmten Pianisten unterscheidet sich erheblich von den Lebenswegen anderer junger Klavierspieler.
Wie läuft ein Tag, eine Woche, ein Monat im Leben des Igor Levits ab? Man fährt mit ihm zusammen Fahrrad durch Berlin, isst kurz mit ihm zu Mittag, hat mit ihm mal grandiose Laune, mal sitzt man mit ihm in tiefen schwarzen Löchern und ist immer auf dem Sprung, etwas Neues anzufangen, neue musikalische Herausforderungen zu finden. So habe ich en passant mir noch unbekannte Komponisten kennengelernt.
Das politische Engagement Levits ist ebenso ein Thema. Es wird Vergangenes erzählt und auch richtiggestellt, er macht Aussagen zum aktuellem Medienschwachsinn. (Das Buch endet Juni 2020).
Ja und dann ist da noch Igor Levit der Künstler, der durch Corona fast aus der Bahn geworfen wird und der eines Tages mit seinem Handy ein Konzert zuhause aufnimmt und bei Twitter veröffentlicht. Wenigstens auf diesem Wege seinen Zuhörern nahe sein… Daraus entwickeln sich die Hauskonzerte.

Igor Levit hat zu Zinnecker wirklich Vertrauen gefasst und die Offenheit, mit der Levit über seine Gefühle spricht, könnte kaum größer sein. So ist ein Buch entstanden, das in der Reihe der Musikerbiografien etwas Besonderes darstellt.

Sibiriens vergessene Klaviere Nr. 1

Dieses Buch beendete ich am Wochenende und widme ihm die nächsten drei Blogbeiträge.
Zuerst möchte ich Ihnen die Dame vorstellten, die „Schuld“ daran trägt, dass das Buch geschrieben wurde. Es ist die Pianistin Odgerel Sampilnorov aus der Mongolei. Die Buchautorin besuchte einen Freund in der Mongolei und lernte dort die Musikerin kennen. Sampilnorov spielte in einer Jurte (landestypisches Zelt) auf einem alten Steinway Stutzflügel Stücke von Bach und Roberts war fasziniert von ihrem großen Können. Wie würde die Musik erst klingen, wenn Sampilnorov einen besseren Flügel besäße? Daraus entstand eine Art Schnapsidee, so dass Roberts sich schließlich aufmachte, in Sibirien einem ehrwürdigen Flügel für die Pianistin zu finden. Diese Suche dauerte insgesamt gute zwei Jahre und ist Inhalt des Buches.

Zurück zu Odgerel Sampilnorov. In den beiden Musikvideos spielt sie Stücke des mongolischen Komponisten B. Sharev. Lassen Sie sich verzaubern!

Übermorgen erzähle ich Ihnen noch mehr über das Buch.