Was verrät Ihr Einkaufszettel über Sie?

Die Kunsthistorikerin und Journalistin Sandra Danicke sammelt seit dem Jahr 2000 Einkaufszettel, nachdem sie im Rinnstein auf einen Zettel aufmerksam wurde, auf dem „15 x Kohlwurst für Frau Jäger“ notiert war. Die Frage „Was macht Frau Jäger mit so viel Kohlwurst?“ schoss der Autorin durch den Kopf und sie sah sich den Einkaufszettel genauer an. Auf welchem Papier, mit welchem Stift und in welcher Handschrift war er geschrieben worden? Weitere aufgesammelte Zettel aus Einkaufswagen, auf Parkplätzen oder im Altpapier kamen dazu und ein ganz spezielles psychologisches Universum tat sich Sandra Danicke auf. Für sie ist jeder Einkaufszettel zudem ein Kunstwerk, Joseph Beuys hätte an manchen seine Freude gehabt.

In dem Buch kann man sich auf knapp 160 Seiten in dem Einkaufszetteluniversum verlieren. Der Abbildung eines Zettels auf der rechten Seite wird links eine Interpretation dieses Schriftstücks gegenüber gestellt. Das ist witzig zu lesen, beißender Spott ist der Autorin nicht fremd.

Das Papier ist meistens weiß, gefolgt von pink, grün, gelb. Alte Briefumschläge, Pappunterteller aus der Bäckerei, Zettel von einem Hotel- oder Apothekennotizblock werden gerne genommen. Auch die Größe der Zettel variiert. Mikroskopische Schnipsel messen sich mit fleckigen DIN A 5 Karoblättern.
Geschrieben wird zumeist mit Kugelschreiber, Filzstift (gerne pinke Farbe), Bleistift oder Buntstift (mal eben geklaut vom Sohnemann). Ein Zettel ist aber auch am PC verfasst worden und sticht hervor durch seine Akkuratesse.

Die Handschrift- ein ganz weites Feld für Deutungen! Romantisch, zielstrebig, chaotisch, es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch interessant, wo auf dem Zettel Wörter geschrieben werden. Zumeist linksbündig untereinander, aber es gibt auch kreative Geister, die Wörter wild verteilen und dann im Supermarkt ihrem Gehirn direkt eine kleine Challenge anbieten. Ein Einkaufszettel sieht wie ein waagerechtes Silbenrätsel aus.

Kommen wir zu den Dingen, die eingekauft werden müssen. Das nächste Saufgelage wird geplant, am Samstag startet eine Grillorgie, hat da jemand etwa einen Putzfimmel? Die Aussagen mancher Zettel sind eindeutig. Einige notierende Personen scheinen ein schlechtes Gedächtnis zu haben, denn Wörter tauchen mehrmals auf ihrem Zettel auf. Werden Markenprodukte aufgeschrieben oder einfach nur „Schokolade“, „Klopapier“ oder „Kaffee“?
Spannend oder lustig wird es bei Abkürzungen oder Einkaufszetteln aus der Schweiz, wo man dann untereinander Müsli-Küchli-Käsli lesen kann.

Besonders interessant fand ich die Einkaufszettel, die von mehreren Personen geschrieben wurden. Mal waren die verschiedenen Handschriften vermischt, dann wieder exakt getrennt. Oder jemand hat einen Einkaufszettel geschrieben, eine andere Person kommentiert ihn mit Ausrufezeichen, verbessert, streicht durch oder macht exakte Angaben. Ein Hauch von Ehedrama haftet einigen Zetteln an.

Drei Einkaufszettelthemen werden in diesem Buch nicht besprochen. Welche Dramen können sich abspielen, wenn
a) man die Schrift nicht lesen kann, mit der der Einkaufszettel geschrieben wurde, man Abkürzungen nicht versteht oder im Laden die gewünschten Produkte nicht findet.
b) man den Einkaufszettel zuhause vergessen hat! Ein paar Stichworte: Zermartern des Gehirns, wenn man weiß, dass im Einkaufswagen noch irgendetwas fehlt, sich aber nicht erinnert, was es ist.
Vergebliche Versuche, eine Person telefonisch zu erreichen, um Auskunft zu erbitten oder erfolgreiche Versuche, die mit spitzen Bemerkungen am anderen Ende der Leitung begleitet werden.
c) Zuhause merken, dass man etwas Wichtiges vergessen hat…

Das Universum des Einkaufszettels ist bedroht, denn immer mehr Menschen starren auch beim Einkaufen auf ihr Handy. Der Einkaufszettel ist tot? Lang lebe der Einkaufszettel- Freigeister, schreibt Einkaufszettel!

Stoffverliebt

Die Autorin Monika Helfer ist Anfang August verstorben.

Dieses Buch mit 758 Seiten steht bei mir seit 2024 immer griffbereit im Regal. Zu finden sind in ihm 365 Geschichten. Ich habe noch längst nicht alle gelesen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es beinhaltet Geschichten, die mich begeistern, sie wirken einige Tage, bis ich neuen Nachschub brauche. Andere Geschichten gefallen mir überhaupt nicht, dann lese ich sie ein zweites oder drittes Mal, um zu verstehen, was mich an der Geschichte stört.
Immer angetan bin ich von Monika Helfers Beobachtungsgabe, ihrem Schreibstil, ihrer Neugierde und ihrer Menschenkenntnis. Der Grundton der Geschichten ist meistens ernst und das Buch hilft mir, die unendlichen Möglichkeiten von menschlichem Handeln besser zu erfassen und auch zu verstehen.

In einem Nachruf wurde auf andere Bücher von ihr eingegangen, u.a. auch auf dieses.

Ein literarisches Buch über Stoffe? Das musste ich lesen!

Hier erlebt man eine andere Monika Helfer, die ihr ganzes Leben lang stoffverliebt war und mit ihrer Begeisterung für alles Gewebte ansteckend ist.
Schon als Schülerin hat sie in Heften Stoffquadrate gesammelt, konnte sich der Sinnlichkeit und auch den Düften der verschiedenen Stoffarten nie entziehen. Den zur Herstellung von Gewebtem nötigen Handwerkskünsten zollt sie großen Respekt. Mit Stoffen zu experimentieren und aus alten Kleidungsstücken Unikate herzustellen, ist für sie ein andauerndes Glück.
In mehreren Kapiteln erzählt sie heitere und auch traurige Stoffepisoden über sich und ihre Familie und ich überlegte, ob es bei mir auch Stoffgeschichten gab. Vier sind mir schon eingefallen, vielleicht sollte ich sie auch einmal aufschreiben.
Es geht bei Monika Helfer aber nicht nur um Stoffe, Bordüren, Spitzen, sondern sie nähert sich dem Thema auch philosophisch: Was machen Stoffe aus Menschen? Was war überhaupt das erste menschliche Gewand? Waren es die Zärtlichkeit oder die Hände?

Dieses Buch ist ein so freundliches Buch, dazu gehört auch sein Ende, das Monika Helfers Liebe zu Stoffen selbst im Abschied bezeugt.

Bretagne 4 – Feine Steine und Vögel

Wer im Norden der Bretagne an der „Côte de Granit Rose“ nicht von den Felsen beeindruckt ist, dem kann man nicht mehr weiterhelfen.

Trotz der Touristenströme gingen wir den Weg „Sentier des Douaniers“ zwischen Trestraou und Ploumanac‘h entlang und in einigen Momenten hatte ich die Felsen sogar für mich alleine.

In Ploumanac’h gibt es einen Skulpturenpark, in dem man sich aus diesem Granit angefertigte Figuren ansehen kann. Sie haben alle einen Bezug zu bretonischen Mythen. Uns gefiel diese Ausstellung gut, wenngleich ich mich fragte, welche großartigen Felsen eventuell dafür gesprengt worden sind und inwieweit Menschen das Recht dazu haben, auf der Erde etwas unwiederbringlich zu zerstören, selbst, wenn es „nur“ ein Stein ist.

Solche Gedanken kamen mir, da ich zuvor dieses Buch gelesen habe:

Möchte man ähnlich beeindruckende Steinformationen ohne zu viele Touristen besuchen, empfehle ich eine Fahrt nach Port Blanc, nördlich von Plevénan:

Das Thema Steine bezieht sich bei mir auch auf die vielen kleinen Inseln, die vor den Küsten der Bretagne lagern. Wir machten eine kleine Bootsfahrt entlang der „Sept Îles“ im Norden, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie schwierig es für Schiffe ist, in diesen Gewässern zu manövrieren.

Ein anderer Grund waren die möglichen Vogelbeobachtungen auf diesen Inseln. Basstölpel fühlten sich hier sehr wohl.

Aber auch Kormorane wählen die Inseln als Brutgebiet und wir sahen tatsächlich auch einige wenige Papageientaucher! Das war ein schönes Wiedersehen, nachdem wir Stomer Island im letzten Jahr in Wales besucht hatten, eine Lieblingsinsel dieser niedlichen Vögel.

Das ist ein guter Übergang zu einem weiteren meiner Ferienbücher in der Bretagne.

Zwei Tage, bevor wir gen Frankreich aufbrachen, habe ich mir dieses Buch noch zugelegt in der Annahme, es könnte gut zu den französischen Steinkreisen passen, die wir uns ansehen wollten. Das tat es auch, sofern es die Stimmungen wiedergibt, die an solchen Orten herrschen können. Ansonsten wurde ich von dem Inhalt überrascht, da die Autorin ihren Megalithenführer mit der Geschichte der Krebserkrankung ihres Mannes verbindet- ich hatte nur die Vorderseite des Buches gelesen.
Bis ca. zur Hälfte des Buches fand ich diese Kombination recht gelungen, denn es tauchen einige kluge Sätze in den Schilderungen auf. Doch dann kippte es irgendwann bei mir, da sich die Berichte wiederholten über die Wirkung der Steinkreise, Dolmen und Megalithen auf das Ehepaar. Auch die wiederkehrenden Erwähnungen, dass ihre beiden Kinder nur selten wirklich Lust hatten, ihre Eltern bei solchen Begehungen zu begleiten, nervten mich ein bisschen.
Für enthusiastische GB-Urlauber, die immer wieder auf die Insel fahren, kann dieses Buch aber eine schöne Ergänzung zum Reiseführer sein. Die Beschreibungen der geschichtsträchtigen Orte sind fundiert, eine Karte gibt es jedes Mal dazu und man bekommt durchaus eine weitere Facette dieses Landes „geschenkt“. Ich wünschte, ich hätte das Buch vor zwei Jahren bei einem Urlaub auf den Orkney-und Hebrideninseln mit dabei gehabt.

Der „Cairn von Barnenez“ liegt bei Plouezoc’h im Département Finistère. Barnenez entstand etwa 4500 v. Chr. und gilt als eine der ältesten Megalithanlagen der Welt.
Mehr Infos unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Cairn_von_Barnenez

In Berlin zu Fuß aus der Blase heraus

Die Autorin lebt seit mehreren Jahren in Berlin Kreuzberg. Sie möchte aus ihrer Blase ausbrechen und das Berliner Umland kennenlernen und sehen, wie sich das Leben unterscheidet und welche Beziehungen es von Stadt und Land gibt. So macht sie sich an einem Rosenmontag auf und geht nach Osten. Ihr Konzept:
Nur ca. 20 km pro Tag laufen, um Zeit für Beobachtungen und Gespräche zu haben, kein Smartphone mitnehmen, die Unterkunft will sie jeweils bei Freunden von denjenigen finden, bei denen sie am Tag zuvor übernachtet hat.
In dem Buch beschreibt sie 15 Etappen, davon hat sie dreizehn zu Fuß bewältigt.
Die ersten acht Tage ist sie noch in Deutschland. Die Örtchen sind propper, allerdings sind immer wieder Geschäfte oder Restaurants geschlossen und die Stimmung ist manchmal trostlos. Wett gemacht wird dies von der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen, bei denen sie übernachtet. Sie führt abends interessante Gespräche, bald merkt sie, dass sie hier noch immer in ihrer Blase ist. Es sind Menschen, die von der Stadt aufs Land gezogen sind, um sich Lebensträume zu erfüllen. Themen sind u.a. das Miteinander zwischen den alten Dorfbewohnern und Zugezogenen und der Einfluss der AfD, die manche an die Rückkehr nach Berlin denken lassen. Aber tragen die Zugezogenen vielleicht Mitschuld an der starken AfD, weil sie das Fremde verkörpern?
In Polen angekommen, sind für die Autorin Sprachbarrieren und ungewohnte Alltagsrituale die größte Herausforderung. Aber auch hier erlebt sie wieder eine große Freundlichkeit und Interesse an ihrer Wanderung und man ist stolz, ihr historische Baudenkmäler und Museen im Heimatort zu zeigen und über die Geschichte zu erzählen.
Am Ende der Wanderung ist Millay Hyatt beglückt, denn sie weiß nun, dass es zwischen den Menschen in der Stadt, auf dem Land oder auch in einem anderen Staat Verbindungen gibt. Es sind Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit.
Das Buch bietet viel Stoff zum Nachdenken: Naturbeschreibungen, zum Teil witzigen Alltagsbeobachtungen, Gedanken zur deutschen und polnischen Geschichte, Überlegungen zum Feminismus, Fragen des Miteinanders in der Gesellschaft, diese Themen sind miteinander verwoben. Auch machte mich das Buch neugierig auf den Osten jenseits von Berlin, ganz besonders die kleinen polnischen Städte wären für mich eine Reise wert.
hat viel erlebt und das quasi „vor der Haustür“. Das passt bestens in unsere Zeit mit Angst vor Kerosinmangel und damit bedrohten Auslandsurlauben.


IQ, EQ- und wie hoch ist Ihr KIQ = Künstlicher Intelligenz Quotient?

Der KIQ ist die Fähigkeit des Menschen, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz sein Arbeitsleben und sein Privatleben zu gestalten und diese Fähigkeit wird in unserer heutigen Welt immer wichtiger.
Über Künstliche Intelligenz lesen wir z.Zt. jeden Tag in der Zeitung, mal Gutes, mal Schlechtes. Öfter höre ich: „Das will ich nicht, das brauche ich nicht!“ oder „Das ist nur eine Modeerscheinung!“ In China und Indien lernen bereits heute Kinder in der Schule den Umgang mit KI- ob Modeerscheinung da die richtige Einschätzung ist?
Ich wollte wissen, wohin die KI-Reise geht und welche Verbesserungen für mein Leben möglich sind und las dieses Buch:

Die beiden Autoren erklären kurz, was unter KI verstanden wird und geben einen Überblick, wie sich die KI seit dem 30.11.2022 entwickelt hat- an diesem Tag wurde die erste KI „Chat GPT“ für die Öffentlichkeit freigeschaltet. „Atemberaubend“ fasst den Werdegang in einem Wort zusammen. Das Buch zeigt die Bereiche auf, in denen bereits heute KI eingesetzt wird und welche Anwendungen zukünftig möglich sind. Auf die Gefahren und Probleme durch KI wird ebenso eingegangen.
Das Hauptanliegen des Buches ist allerdings, auf spielerische Weise den KIQ des Lesers/ der Leserin Schritt für Schritt zu erhöhen.

Schritt 1 ist ein Bild, das man sich immer wieder vor Augen führen sollte: Der Mensch lenkt und entscheidet, wohin die Reise geht, die KI unterstützt ihn dabei.

Foto einer Flusslandschaft mit einem Tandem, vorne sitze ich, dahinter die KI in Darstellung eines Roboters, der mir Antrieb gibt.

Schritt 2: Für mich persönlich der wichtigste Tipp: Ein kleines Heftchen parat legen, um Fragen aufzuschreiben, die man im Alltag gerne beantwortet hätte und zu notieren, welche Fragestellungen die befriedigendsten Antwortergebnisse brachten. Das habe ich gemacht und fand es bei meiner bewussten Selbstbeobachtung erstaunlich, wie viele Fragen tagsüber kurz in meinem Kopf aufploppen, aber bisher nie beantwortet wurden.

Schritt 3: Diese notierten Fragen der KI stellen. Und hier beginnt das Training, denn je detailierter die Fragen sind, desto präziser sind die Antworten. Das Buch bietet Aufgaben an, um ein Gefühl für gutes „Prompten“ ( =Fragen stellen, Arbeitsanweisungen geben), zu bekommen.

Ich habe das Buch durchgearbeitet und gelernt:
– Ja, man muss das Fragestellen tatsächlich üben und dabei Erfahrungen sammeln.
– Es blieb nicht bei der Beantwortung von Fragen, sondern langsam habe ich auch zusammen mit der KI für mich völlig Neues entwickelt. Ein Beispiel: Einen auf meine Wünsche zugeschnittenen 3-Monate-Übungsplan zum Thema Jazzpiano, bei dem die KI zum Sparringspartner wurde. Die KI fragt immer weiter, bis man durch die eigenen Antworten selbst das beste Ergebnis für sich erzielt hat.
– Man darf sein Gehirn nicht abschalten und alles kritiklos übernehmen. Die Plausibilität zu hinterfragen, ist oberstes Gebot. KIs neigen zum „Halluzinieren“, sprich, sie antworten ohne echtes Wissen, um überhaupt eine Antworten präsentieren zu können.

In der Arbeitswelt ist es in fast allen Sparten unerlässlich, sich mit den Möglichkeiten der KI auseinander zu setzen, um nicht in Kürze auf einem Abstellgleis zu landen. Dabei sollte man bedenken, dass durch KI die Arbeit auch wieder mehr Spaß machen kann, wenn man langweilige Arbeiten delegiert oder plötzlich neue Ideen für seinen Bereich bekommt.
Als Privatmensch weiter am „KI-Ball“ zu bleiben, trainiert mich für die Zukunft, wenn fremde Menschen mir ihre KI – Antworten/Fake News vorsetzen wollen. Ich hoffe, gewappnet und kritischer zu sein.
Die Gedanken, dass ich zukünftig ein Werkzeug an der Hand habe, das mir jederzeit meine Fragen in Sekundenschnelle erklärt, mit dem ich Probleme im Alltag besser lösen kann oder meine Kreativität große Unterstützung bekommt, empfinde ich als positiv.
Die KI erweitert meinen Horizont und deshalb werde ich sie auf mein Tandem öfter mal aufsteigen lassen.

Welche KI bevorzuge ich?

Wenn Sie googeln, wird Ihnen seit ein paar Monaten direkt am Anfang eine KI-Antwort präsentiert. Da ich den Umgang mit Benutzerdaten bei Google ablehne, kommt diese Nutzung nicht für mich in Frage.
Auch beim amerikanischen Chat GPT ist der Umgang mit Daten ein weites Feld, wie inzwischen hinreichend bekannt ist und ich habe inzwischen kein gutes Gefühl mehr bei der Benutzung von Chat GPT.

Die beiden Buchautoren sprechen sich für Perplexity aus, einer KI aus den USA, die in Privathand ist und auf Datenschutz achtet. Was mir daran nicht so gefällt, ist die Teilhaberschaft von Jeff Bezos, dem Inhaber von Amazon.
Eine zweite Empfehlung ist „Lumo“, eine KI aus der Schweiz, ins Leben gerufen von Wissenschaftlern des CERN Instituts ( u.a. Erfinder des World Wide Web). Bei ihnen hat die Privatsphäre der Benutzer oberste Priorität.
Vergleiche ich diese beiden KIs mit Autos, so spreche ich von einem BMW SUV und einem VW Caddy. Die „Pferdestärken“, bzw. Möglichkeiten von Perplexity sind beeindruckend und man wird von ihnen in das Weltall des Wissens katapultiert. Bei einigen Versuchen hat mich das teilweise überfordert und ich fand die Begrenztheit von Lumo für meine Zwecke völlig ausreichend. Sobald Lumo etwas nicht oder nicht genau weiß, wird darauf hingewiesen. Für mich ist das ein Pluspunkt.
Beide Anwendungen gibt es in einer kostenlosen Version und in einer Pro-Version. Nach einem Zwei-Wochentest, habe ich für 96 Euro/Jahr die Lumo-Pro Version abonniert.

Wem das Buch über den KIQ nicht weit genug geht bezüglich derzeitige Möglichkeiten, Zukunftsvisionen und Einordnung der Gefahren, dem empfehle ich dieses Buch. Es ist von 2025, also noch relativ aktuell. Es bietet viele Einsatz-Anregungen und Argumente, warum der Mensch von KI nicht abgeschafft werden wird. Der Schreibstil ist wie bei allen „Dummies“-Büchern locker und humorvoll.



Der Text dieses Beitrages wurde nicht von einer KI geschrieben. Das Tandemfoto habe ich mit der KI meiner Foto-App „Picsart“ erstellt.



Berlin erlesen und ersehen!

Letzte Woche waren wir ein paar Tage in Berlin. Der Hauptgrund war der Besuch einer Theatervorstellung: Der Schauspieler Lars Eidinger spielt seit 2008 Shakespeares „Hamlet“ in der Schaubühne auf dem Kurfürstendamm.

Screenshot der Schaubühne- Internetseite

Zweieinhalb Stunden tauchten wir ein in die Hamletwelt Eidingers, der sich die Seele aus dem Leib spielte, besonders als anscheinend wahnsinnig gewordener Prinz von Dänemark. Es war ein denkwürdiger Theaterbesuch, den ich Ihnen sehr empfehle. Wenn Sie in Berlin sind, versuchen Sie Karten zu bekommen, Restkarten werden immer wieder angeboten.
Da wir Berlin schon ganz gut kennen, las ich zuvor dieses Buch, um ein paar Anregungen für die anderen Tage zu bekommen.

In 55 ausführlichen Beiträgen werden Besichtigungstipps für Literaturliebhaber gegeben. Sortiert nach Berliner Bezirken (einige Ziele liegen auch in der näheren Umgebung von Berlin), bekommt man beispielsweise Lust, besondere Bibliotheken, Museen, Friedhöfe, Buchhandlungen, Cafés oder Autorenhäuser aufzusuchen und auf Entdeckungsreise zu gehen.
Ich lernte durch dieses Buch das „Museum für Kommunikation“ kennen und sehr schätzen. Über den Besuch werde ich demnächst berichten.

Das Wetter war sehr winterlich und grau. Ein paar Erinnerungsfotos wollte ich aber doch gerne mitnehmen und so kamen diese Nachtaufnahmen als Doppelbelichtungen mit nach Duisburg:

Beim Anhalterbahnhof
Am Checkpoint Charlie, abends um 22 Uhr – Wie ausgestorben…
Beim Görlitzer Bahnhof
Am Lausitzer Platz
Am Alex
Memoria Urbania Berlin

Goethes merkwürdige Wörter: Kannegießern, düttig, schmeicheln oder dreist

Letzte Woche diskutierte ich mit einer Bekannten über des Wandel der deutschen Sprache. Sie ist keine Freundin des zunehmenden Gebrauchs von Wörtern, die aus der englischen Sprache kommen. Ich gebe zu, dass ich manchmal auch meine Schwierigkeiten habe, die Bedeutung zuzuordnen. ( z.B. Unhinged, yappen, Yassification, slayen- Auflösung am Ende des Textes).

Winkte mir das Schicksal zu, als ich einen Tag später zufällig in einem Bücherschrank dieses Buch fand?

Ungefähr 1000 Wörter werden aufgelistet, die Goethe in seinen Werken benutzt hat. Das Wort „merkwürdig“ im Titel ist dabei dreideutig, denn in diesem Buch kann man Wörter entdecken, die aus heutiger Sicht seltsam, da vergessen, sind oder es gibt Wörter, die man sich merken kann, überraschen diese doch dadurch, dass wir sie heute zwar noch benutzen, aber dies mit einer ganz anderen Bedeutung. Merkwürdig sind dann auch noch diese Wörter, die Goethe sich quasi ausgedacht hat und die wir heute noch anwenden.

Ich gebe Ihnen gerne ein paar Beispiele. Bei jedem Wort gibt es im Buch mindestens ein Textbeispiel aus seinen Werken oder Briefen.

Von Goethe ausgedachte Wörter:

Anmut, bedenklich, Behagen, betrübt, Diät, Fabrik, Hosenscheißer, Kapitalist, lallen, Vorsatz, schauderhaft, Schicht machen

Wörter, die heute eine andere Bedeutung haben:

„dreist“ war früher positiv besetzt und meinte mutig oder beherzt

“Durchschnitt“ = Durchquerung (Er machte einen Durchschnitt des Gartens)

“Elend“ = Fremde, Heimatlosigkeit. Zitat aus dem Theaterstück „Hermann und Dorothea“: Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend?“

„Extremität“ = Notlage Zitat aus „Götz von Berlichingen“: „Achtest du meinen Mann so wenig, dass du in dieser Extremität seine Hilfe verschmähst?“

“feiern“ = Nichts tun, ausruhen

“kompromittieren“ = jemanden zum Schiedsrichter wählen

„Penetration“ = Scharfsinn, Einsicht

“schmeicheln“ = lindern, mildern

Untergegangene Wörter und Redewendungen:

abmüßigen- Mußezeit erübrigen — Für 2026 nahm er sich vor, mindestens drei Stunden am Tag für seine Lifebalance abzumüßigen.

Affabilität- Umgänglichkeit, Leutseligkeit — Die Affabilität des neuen Chefs entsprach nicht den Vorstellungen seiner Angestellten, er war ein Muffelkopp.

Blumist/in- Blumenliebhaber/in — Bei dem Speed-Dating erzählte sie ihm, dass sie eine Blumistin sei. Er kannte den Ausdruck nicht und war erst einmal impressed.

düttig- einfältig — Sie zeigte mir stolz ihre neue Duttfrisur und erzählte dann etwas düttig, dass die Hairstylistin gesagt hätte, dass die Duttfrisur sie zehn Jahre jünger mache.

kannegießern – ohne großen Sachverstand über Politik diskutieren

Lappsack – antriebsloser Mensch — Im November begegnet man öfter Lappsäcken, die nicht aus den Puschen kommen, weil die trübe Jahreszeit sie triggert.

Murmelchen – kleines Kind — Ein Gruppe von 25 Murmelchen kam ins Schwimmbad und die schwimmende Silvergeneration hatte den Eindruck, dass ein Sack Flöhe ins Schwimmbecken sprang.

propalieren – ausplaudern, unter die Leute bringen — Wenn er diese Neuigkeit auf Social Media propalieren würde, würden seine Followerzahl explodieren.

Rätzel – Der frühere Finanzminister Theo Waigel war ein Rätzel….Er hatte zusammengewachsene Augenbrauen!

vervitzen/turlupinieren – Ich hoffe, dass ich Sie mit diesen Wörtern und Beispielsätzen nicht zu sehr vervitzt oder turlupiniert habe! (vervitzen= verwirren, turlupinieren = foppen)

Auflösung:
Unhinged= völlig übertriebenes Verhalten
yappen= Übermäßig quatschen oder tratschen
Yassification= etwas übertrieben glamourös machen, loben, dramatisieren
slayen= etwas sehr gut machen

Besser leben und besser sterben

Mit zunehmendem Alter macht sich die Autorin Milena Michiko Flašar Gedanken über ihre eigene und unser aller Vergänglichkeit. Wir geben uns unendlich viel Mühe, am Leben zu bleiben und doch sterben wir jeden Tag ein bisschen. Dummerweise gehört der Tod „nicht zu dem Erprobbaren. Wer ihn einmal erfahren hat, der hat mit der Generalprobe bereits das letzte, allerletzte Mal auf der Bühne gestanden.“
Dezember 2024: Auf einer Rundreise in Japan, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat, erhofft sie sich deshalb, Eck- und Anhaltspunkte zu finden, die ihr helfen, das Sterben zu lernen. Japaner haben aus verschiedenen Gründen eine andere Affinität zum Tod.
In Osaka wird ihr bewusst, dass es das „Carpe Diem!“ nicht ohne das „Memento mori!“ gibt, Lebenslust wohnt in direkter Nachbarschaft mit dem Tod. Für den Tod gibt es in der japanischen Sprache verschiedene ehrwürdige Wörter, die nuanciert aufzeigen, wie ein Mensch gewesen und gestorben ist. Bevor er sich auf die unbekannte Reise macht, entsendet der Sterbende mit einem Todesgedicht einen Abschiedsgruß an die Hinterbliebenden. Die Botschaft: Nichts bleibt, nichts währt, aber jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, alle tragen durch ihr Geborenwerden und dem Sterben dazu bei, dass die Idee des Lebens weiterbestehen kann.
In Kinosaki Onsen, einem Gebiet mit heißen Quellen, macht die Autorin sich Gedanken über Japan, das geprägt ist durch Naturgewalten wie Erdbeben, Taifune, Tsunamis. Die Menschen sind gezwungen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, um im Notfall zu überleben. Wären wir nicht auch gelassener, wenn wir gezwungen wären, „diese Schule“ zu durchlaufen?
Auf der Reise besucht Flašar ihre alte Tante. Beide verbringen eine gute Zeit miteinander, doch ist der Autorin bewusst, dass jeder Moment einzigartig und nicht wiederholbar ist. Eine sanfte Schwermut, ein „ Mono no aware“, stellt sich ein, in der die Freude und die Trauer über die Vergänglichkeit des Moments nebeneinander stehen.
Lernt man zu akzeptieren, dass „alles fließt“, wird das Leben leichter. Nicht mehr eine perfekte Welt ohne altersbedingte Abnutzung manifestieren wollen, sondern die stetige eigene Veränderung, zu der auch der Tod gehört, bejahen und dabei sich eigene Fehler und Unsicherheiten verzeihen.
Kyoto und Tokio sind weitere Orte, an denen die Autorin lernt, dass sich ihre Beschäftigung mit dem Tod dazu beiträgt, dass dieser seinen Schecken verliert.
Und noch eine Erkenntnis nimmt die Autorin mit:

Ich könnte mit dieser schönen Textstelle enden, doch das Buch nimmt noch eine andere Wendung. Kurz vor ihrem Rückflug nach Österreich wird die Autorin aus ihrer „Japan-Blase“ herausgerissen, denn in den Nachrichten erfährt sie, dass in ihrem Heimatland unmittelbar die Gefahr einer rechtsradikalen Regierungsbeteiligung besteht. Plötzlich geht es in ihrem Buch um den Tod von „Konzepten und Ideen“ und sie ist völlig verunsichert. Doch dann dringen ganz langsam Gedanken zu ihr durch, die sie in Japan gesammelt hat. Sie lassen sie ruhiger werden und zukünftig wird sie diese Gedanken weiter hegen und pflegen.

Größter Freund und schlimmster Feind: Unser Gehirn

Anfang Oktober erkrankte ich zum zweite Mal an COVID. Neben Kopf-, Glieder- und Halsschmerzen tauchten, während ich im Bett lag und darauf wartete, dass mein Körper sich wieder berappelt, dieses Mal ungewohnt düstere Gedanken auf, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Was passierte da in meinem Kopf? Dies war die Motivation, dass ich einige Tage später dieses Buch las:

Rachel Barr ist Mitte dreißig und auf TIKTOK ein Star. Sie ist Doktorin der Neurowissenschaften und erklärt dort, wie unser Gehirn funktioniert. Das macht sie mit viel Humor, ohne wissenschaftlichen Dünkel und mit viel persönlichem Engagement. Und genau diese drei „Zutaten“ findet man auch in ihrem Buch.
Auch hier zeigt sie zuerst, wie die Abläufe in unserem Gehirn sind. Sie benutzt dabei das Bild einer Zeitungsredaktion (z.B. Chefredakteur, Klatschkolumnistin, Ressortleiter). Das fand ich genial, denn endlich verstand ich die Zusammenhänge und werde diese auch behalten.
Warum ist unser Gehirn nun unser bester Freund, kann aber auch unser ärgster Feind sein?
Sehr kurz zusammengefasst: Unser Gehirn sorgt dafür, dass alle Körperteile ihre Aufgaben erfüllen und miteinander funktionieren. Es liefert uns eine grobe Einschätzung der Welt und ist für unser Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein, das Selbstgefühl und dem wichtigen Selbstmitgefühl zuständig. Das alles macht das Gehirn ganz freundschaftlich nach bestem Wissen und Gewissen. Und da genau liegt das Problem: Es orientiert sich leider immer noch sehr oft an seinem Wissen, das aus der Zeit stammt, in der wir alle in kleinen Gruppen noch als Sammler und Jägern durchs Land zogen. Hier kann das Gehirn dann zum ärgsten Feind werden. Nur ein Beispiel: Aus Urzeiten ist das Gehirn immer darauf bedacht, allem Gefährlichen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und das abzuspeichern. Positives gefährdet nicht unser Leben, nur Schlechtes wird behalten. Das ist auch heute noch wichtig, aber eben nicht mehr überall. (Dem Umgang mit den heutigen Sozialen Medien wird deshalb ein eigenes wichtiges Kapitel gewidmet). Unser Gehirn saugt schlechte Nachrichten ein und behält sie, es könnte ja mal wichtig sein. Das ist für unser Gemüt aber reines Gift. Wir werden gestresst, depressiv und unser Selbstgefühl verschlechtert sich zunehmend, wenn man nicht gegensteuert und „der Bestie“ (ja, so nennt die Autorin tatsächlich das Gehirn an mehreren Stellen) die schlechten Nachrichten vorenthält und es beruhigt, dass keine Gefahr besteht. Das Gehirn immer wieder mit Kleinigkeiten positiv zu entzücken heißt das Gebot der Stunde. Aber Vorsicht: Auch hier lauert eine Gefahr: Das Gehirn fühlt sich verpflichtet, uns dabei zu helfen und liefert uns Vorschläge für schnelles Wohlgefühl: Alkohol, Essen, Shopping. Wenn es geht, arbeitet unser Gehirn mit dem kleinst möglichen Aufwand, aber auf längere Sicht tun uns solche Vorschläge nicht gut.
Wir müssen dem Gehirn also zeigen, dass es darüber hinaus auch andere Möglichkeiten gibt, gute Gefühle zu erzeugen. Lesen, Musik hören, Bewegung, Naturaufenthalte und kein Multitasking mehr! Beim Essen den Roman lesen und über Kopfhörer Musik hören. Gar nicht gut für das Gehirn, denn es braucht für jede Aufgabe Nahrung, um alles ordentlich zu verarbeiten. Bei drei Aufgaben kommen alle zu kurz bei der Nahrungsverteilung, das Gehirn ist gestresst, gute Gefühle kommen nur begrenzt auf. (Auch kein Multitasking mehr auf der Arbeit, das ist noch schlimmer: Telefonieren, dabei gleichzeitig Mail schreiben, aufploppende Nachrichten lesen, kurz in sein Brötchen beißen).
In zwei Kapiteln widmet sich die Autorin der Wichtigkeit von gutem Schlaf und täglicher Bewegung. Auch hier fließen ihre eigenen Erfahrungen mit ein und sie weiß, dass es nicht einfach ist, dem Gehirn angemessen etwas Gutes zu tun. Sie plädiert für ganz kleine Schritte zur Verbesserung und zeigt bei „mehr Bewegung“, wie man kreativ dies umsetzen kann.
Besonders lesenswert fand ich das Kapitel über die zunehmende Einsamkeit. Unser Gehirn braucht Umgang mit Menschen, aber Rachel Barr definiert dabei die Notwendigkeit von sozialem Umgang sehr viel weiter und eröffnet damit neue Wege, der Einsamkeitsfalle zu entgehen.

Ich lese das Buch gerade zum zweiten Mal und merke, dass die erste Lektüre schon ein bisschen Früchte getragen hat. Ich rede mit meinem Gehirn- klar, hört sich lächerlich an, aber es beispielsweise mal in seine Schranken zu weisen, wenn es wieder ein Problem wälzt, das tut gut.
Auf meinem Handy habe ich ein Album mit meinen Lieblingsfotos angelegt, hat mir schon zweimal bei Frust geholfen. Ich lese gerade ein Science-Fiction Buch, obwohl ich dieser Richtung nicht viel abgewinnen kann. So folge ich dem Tipp, das Gehirn aus seiner Komfortzone zu holen.
Und ich setzte mich hin und höre nur Musik, tue nichts anderes. Was kann man in Musik alles entdecken, wie schön kann man tagträumen…

Passen Sie nicht in das Schema F?

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das seinen Seelenfrieden findet, wenn es zu einer oder mehreren Gruppen gehört. So die festverankerte Meinung in der Gesellschaft. Doch es gibt Menschen, die zwar von den anderen geschätzt werden, weil sie empathisch sind, oftmals frische Ideen haben und selbst über sich lachen können, die aber trotzdem lieber alleine sind und denen Aktivitäten in einer Gruppe (Teambildung auf der Arbeit, Betriebsfeste, Partys, Familienfeste, Gruppen-Freizeitaktivitäten) fast immer ein Graus sind. Sie langweilen sich, definieren sich nicht über ihre Arbeit, hassen Smalltalk und können Festen, die mit Traditionen verbunden sind, nichts abgewinnen. Diese Menschen sind weder extro- noch introvertiert, der amerikanische Psychiater Rami Kaminski nennt sie otrovertiert.

Kaminski hat in seiner jahrzehntelangen Berufspraxis viele Menschen betreut, die teilweise von anderen Ärzten als „nicht therapierbar“ abgestempelt wurden. Nach vielen Gesprächen erkannte er ein Verhaltens-und Wesensmuster bei seinen Patienten. Hier ein typischer Lebenslauf eines Otrovertierten:
Als Kleinkind wird von den Erwachsenen freudig bemerkt, dass das Kind sich stundenlang alleine beschäftigen kann. Beginnt die Kindergartenzeit, tauchen erste Irritationen auf. Das Kind lässt sich in eine Gruppe eingliedern, kapselt sich aber immer wieder ab. Die Schuljahre werden dann mit zunehmendem Alter oftmals zu einer Horrorzeit. Das Kind weiß inzwischen, dass Gruppenzugehörigkeit wichtig ist. Es möchte von einer Gruppe anerkannt werden, macht in der Gruppe mit und übernimmt auch die dort gängigen Meinungen und Interessen. Dabei verbiegt es sich derart, dass es zu psychischen Störungen kommen kann. Auch spürt das Kind, das es niemals wirklich zur Gruppe gehören wird. Verstärkt wird das seelische Dilemma oftmals von den Eltern, die ihre Kinder zu Gruppenaktivitäten zwingen oder von mitfühlenden Mitschülern, die nicht möchten, dass jemand ausgeschlossen wird.
Endlich ist die Schulzeit vorbei! Entweder ist ein Otrovertierter dann psychisch so angeschlagen, dass nur noch Alkohol oder Drogen helfen und/oder er eine Therapie braucht, um die gesellschaftlichen Erwartung vom Leben als „Gruppentier“ zu erfüllen oder er findet seinen eigenen Weg, sich so zu akzeptieren, wie er ist und sein Leben nach seinen eigenen Werten zu gestalten.
Wie sieht so ein Leben aus? Eine otrovertierte Person hat einige wenige gute Freunde, die sich gegenseitig ihre Freiheit lassen. In einer Gruppe verankert ist er höchstens dann, wenn diese sich mit etwas beschäftigt, das ihn interessiert. Da ein „Otro“ sich nicht an Gruppenmeinungen beteiligt, ist sein Selbstwertgefühl von anderen nicht abhängig, sein Selbstbewusstsein ist gesund. Gegenüber anderen Menschen ist er meistens unvoreingenommen und an ihren Geschichten wirklich interessiert. Er hinterfragt vieles, ist lieber stiller Beobachter und macht sein eigenes Ding. Jeder Tag ist wichtig für ihn, denn er ist kreativ und seine Ideen sind für Gruppenmenschen manchmal etwas spleenig oder so unerwartet, dass die Zeit für die Durchsetzung noch nicht reif ist. Ein Otro ist zufrieden, wenn er alleine sein Wohlfühlleben gestalten kann. Er schafft sich viele schöne Erinnerungen, denn diese kann man ihm niemals wegnehmen.
Seine Lebenseinstellung kommt ihm im Alter zu gute. Während Gruppenmenschen unter dem fortschreitenden Verlust von Freunden leiden, u.U. vereinsamen und merken, dass sie ihr Leben zu sehr an eine Gruppe angepasst haben, genießt der Otro, sofern er gesund ist, bis zum letzten Atemzug sein Leben.

Die Meinung über dieses Buch ist im Internet geteilt. Kaminski wird vorgeworfen, dass er den Begriff der Otroversion nur zu Marketingzwecken erfunden hat und die beschriebenen Wesenszüge in der Forschung schon lange bekannt sind. Das kann ich nicht beurteilen, doch dieses Buch erreicht erstmals betroffene Menschen, die keinen Therapeuten haben und bisher alleine versuchten, mit ihren Zweifeln zurecht zu kommen und ihr Leben zu wuppen.

“Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen“- Ein passender Buchtitel…