Wolfgang Trepper sagt nur mal eben Danke

Heute erscheint im Kösel Verlag das neue Buch des Duisburger Kabarettisten Wolfgang Trepper.

Ich las dieses Buch aus Neugier, denn Wolfgang Trepper ist in Rheinhausen aufgewachsen und besuchte immer mal wieder meine Buchhandlung. Dort lernte ich ihn als sehr höflichen, fast schüchternen jungen Mann kennen. Irgendwann kam er nicht mehr, er war weggezogen und ich verlor ihn aus den Augen. Einige Jahre später sah ich ihn dann bei einer seiner Vorstellungen wieder und ich konnte kaum glauben, dass das Wolfgang Trepper war. Sein „harsches“ Auftreten war für mich sehr überraschend und ich erhoffte mir, in dem Buch ein paar Erklärungen zu finden, wie es zu dem Sinneswandel gekommen war.
Um es vorweg zu nehmen: Ich habe mit dem Buch aus verschiedenen Gründen herzerwärmende Lesestunden verbracht und empfehle es ohne wenn und aber.
Warum? Da geht es, wie man schon im Untertitel lesen kann, um Tante Henny. Ihr hat Wolfgang Trepper viel zu verdanken. Sie wurde zur Ersatzmutter, als die eigene Mutter immer häufiger ins Krankenhaus musste und der berufstätige Vater mit der Erziehung seiner beiden Söhne überfordert war. Tante Henny- ich habe sie auch sofort lieben gelernt. Sie war bodenständig, sagte, was sie dachte und das war fast immer sehr vernünftig und obwohl sie und ihr Mann, der Oheim, nicht viel Geld hatten, machten sie aus dem Leben ein Fest und freuten sich an kleinen Dingen wie Bolle. Eine bessere Lebenslehrmeisterin konnte Wolfgang Trepper nicht haben und das weiß er bis heute.
Seinen Lebenslauf beschreibend, taucht man in dem Buch zuerst in Duisburger Welten in den 80er und 90er Jahren ein. Trepper arbeitete bei Krupp, sehr ungern, so dass er sich immer mehr für den Rheinhauser Handball Verein OSC engagierte und dabei war, als der OSC in die Bundesliga aufstieg. War er schon zum OSC eher durch Zufall gekommen, sollten noch weitere Zufälle in seinem Leben folgen, die Trepper immer, nach Beratung mit Tante Henny, genutzt hat, um sich weiterzuentwickeln und Neues auszuprobieren. Das lobe ich mir.
Er kam zu Radio DU und das war seine wahre „Arbeitsheimat“. Der Programmdirektor war offen für die ausgefallenen Programmideen und Kommentare von Trepper, ja, stachelte ihn sogar an, noch „ durchgeknallter“ zu werden. Irre Jahre, denn beim Radio war Spontanität das A und O.
Aber ganz langsam suchte sich nach einigen Jahren eine andere Passion ihren Weg in Treppers Kopf: Der Auftritt auf der Bühne! Und wieder war Kollege Zufall vor Ort, denn Corny Littmann, Inhaber des legendären Schmidt Theaters in Hamburg, wurde auf Trepper aufmerksam und nahm ihn unter seine Fittiche. Es ging immer steiler aufwärts mit seiner Karriere als Kabarettist, so dass er beim Radio kündigte, nach Hamburg zog und dort seitdem mit Frau und Tochter lebt. ( Aber noch eine kleine Wohnung in Duisburg hat, weil hier eben seine Heimat ist).
Ja und da ist er nun, der Wolfgang Trepper mit seinen 64 Jahren. Hat alles erreicht, kann stolz auf sich sein, auch auf seine Projekte in Afrika, für die er nach jedem Auftritt sammelt. In dem Buch lernt man einen Mann kennen, der kritisch über sich und sein Leben nachdenkt und man erfährt, dass er privat immer noch ein ruhige Mensch ist, der sich um Harmonie bemüht.

Jürgen Ploog- der Grandseigneur der deutschen Untergrundliteratur

Ich arbeitete Ende der 70er Jahre in der damals größten Buchhandlung Deutschlands, dem Stern Verlag in Düsseldorf. Die Bücher der berühmten amerikanischen Autoren der Beat Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs fand man dort nur vereinzelt im Regal, denn zu dieser Zeit hatten diese Schriftsteller hauptsächlich Leser und Leserinnen, denen das „Establishment“ suspekt war und die den Wunsch nach Freiheit und Veränderung hatten. Noch weniger präsent waren deutsche Autoren, die ähnliche Gedanken in ihren Büchern verfolgten. Peter Paul Zahl, Jörg Fauser oder Rolf Dieter Brinkmann wurden vom Feuilleton manchmal besprochen, aber die Autoren aus Verlagen wie z.B. Rotbuch, März oder Maro ignorierte man gerne. Die Inhalte waren „nicht lesbar“ oder entsprachen nicht dem bürgerlichen Weltbild der 60er bis 80er Jahre. Die Autoren mussten um ihren Lebensunterhalt kämpfen. Es gab allerdings eine Ausnahme…

Jürgen Ploog (1935 bis 2020) hatte schon in jungen Jahren beschlossen, sein Leben dem Schreiben zu widmen und herauszufinden, welche Welten sich mit der Sprache erschließen lassen. Im Gegensatz zu seinen Mitstreitern entschied er sich, eine Ausbildung zum Piloten zu machen und flog danach 33 Jahre für die Lufthansa. Das machte ihn finanziell unabhängig und ihm war es egal, ob seine Bücher sich verkauften. Bedingt durch seine Arbeit, war er oft in New York und wurde ein guter Freund von William S. Burroughs. Damit war er am „Puls“ der amerikanischen Beatbewegung und lernte bei Burroughs eine Cut-up Technik kennen. (Techniken, bei der ein bestehender Text zerschnitten und zufällig neu zusammengesetzt wird, um einen neuen Text zu erschaffen). Das neue Zusammensetzen der Wörter spült Unbekanntes aus dem eigenen Innenleben an die Oberfläche und dies wurde für Jürgen Ploog für viele Jahre der Weg, seine Texte zu schreiben.
Kämpften deutsche Untergrundautoren mit den grauen Alltagserlebnissen und dem deutschen Politikmief, konnte Jürgen Ploog durch seinen Beruf auf Beobachtungen zurückgreifen, die er weltweit machte. Auf einem Markt in Bangkok, in einer Bar in Tokio, im Supermarkt in Chicago… Sein Unterbewusstsein speicherte jeden Eindruck und er floss in seine Texte mit ein.
Dies alles machte ihn zu einer charismatischen Gestalt in der alternativen Literaturszene. Dass Ploog gutaussehend, immer freundlich und höflich, also quasi ein Gentleman war, unterstützte noch seinen Ruf als „Grandseigneur“.

In dem Buch erinnern sich Wegbegleiter an Jürgen Ploog, Tagebucheinträge und E-Mail Verkehr sind zu lesen, auch findet man einige Textauszüge aus seinen Büchern. Auf die legendäre Literaturzeitung „Gasolin 23“, deren Mitherausgeber Ploog 14 Jahre lang war, wird eingegangen, Foto- und Bildmaterial (Jürgen Ploog malte auch) ergänzen die Texte.

Ob ich Jürgen Ploog einmal begegnet bin? In den ersten Jahren meines Lebens als Buchhändlerin besuchte ich neben der Frankfurter Buchmesse auch einmal die Mainzer Minipressen Messe, die zur selben Zeit stattfand. Hier präsentierten sich damals über 100 Verlage, die den Mainstream nicht bedienten. Als junge Frau hätte ich ihm nicht viele Fragen stellen können, zu unterschiedlich waren die Lebenswelten. Heute wäre das anders. Bei den abgedruckten E-Mails sind auch einige dabei, die Ploog in den letzte Jahren seines Lebens geschrieben hat. In ihnen nimmt er Stellung zu unserer heutigen Welt und schreibt Kluges.

Diese Buchbesprechung ist einfach gestrickt und entspricht nicht dem geistigen Level des Buches oder anderen bereits erschienen Buchbesprechungen. Aber vielleicht habe ich sie neugierig gemacht auf diesen Autoren oder auf die Zeit, in der es noch Untergrundliteratur gab.

Hier eine zweite Buchbesprechung: https://www.welt.de/kultur/article689eddd7cf5f0271ccd53954/Juergen-Ploog-Der-Pilot-der-die-Avantgarde-nach-Frankfurt-brachte.html

Im Stau und bei der Tour de France

Aktuelle Anlässe bewegen mich dazu, Ihnen zwei Buchtipps zu geben. Die Schulferien beginnen bald, Staus auf den Straßen sind vorprogrammiert. Da habe ich Lesestoff für Sie:

Ich habe den Krimi als Beifahrerin teilweise in einem Stau gelesen. Das brachte eine authentische Lesestimmung zugunsten des Buches.
Auf einer Autobahn Richtung London kommt der Verkehr zum Erliegen. Eine Bombe ist in der Nähe detoniert. Unter den leidtragenden Autofahrern befindet sich auch Billy Kidd, eine Polizistin, die gerade aus dem Urlaub kommt und auf dem Weg nach Hause ist. Sie ahnt nicht, was in den nächsten Stunden auf sie zukommt: Ganz in ihrer Nähe wird ein Mann in einem Auto tot aufgefunden, ermordet mit einer Fahrradspeiche. Da die Autobahn an beiden Seiten auf einer langen Strecke durch hohe Wände eingegrenzt ist, muss die Person, die die Tat begangen hat, noch anwesend sein. Billy, die sofort den Tatort absperrt und alleine mit Ermittlungen beginnt, befragt die Autofahrer und niemand hat jemanden weglaufen sehen.
Unter den Insassen der Fahrzeuge befinden sich einige Personen, die in besonderen Situationen stecken und verdächtig sind. Billy trägt die Puzzlesteine zusammen und kommt einem mörderischen Komplott auf die Spur.
Leichte Krimiunterhaltung mit Autobahnambiente.

So kann man sich auch fortbewegen… Die Tour de France hat am Samstag begonnen und passend dazu erschien letzte Woche dieses Buch:

Rick Zabel ist der Sohn des bekannten Radprofis Erik Zabel. Wie sein Vater hat er ebenfalls eine Radprofikarriere gemacht und er erzählt in diesem Buch von seinem Werdegang bis zum Ende seiner Profilaufbahn.

Als Tour de France Fan las ich dieses Buch mit großem Interesse. Von den Stars der Radmanege erfährt man schon häufiger etwas in den üblichen Medien, aber die Lektüre über den Lebensweg eines Fahrers der „zweiten Reihe“ lässt mich jetzt anstehende Radrennen mit etwas anderen Augen sehen. Ich erfuhr u.a. viele Details, wie die Radrennindustrie funktioniert.
Der Erzählstil von Rick Zabel ist offen und ehrlich. Das macht ihn sympathisch und man glaubt ihm die Schilderungen seiner Höhen und Tiefen. Er hat nie den übergroßen Ehrgeiz seines Vaters gehabt, war damit zufrieden, an der Tour de France mehrmals teilzunehmen und in seiner Blütezeit als Edelhelfer für einen Star zu fahren. Zabel trainierte fast immer pflichtbewusst („Fun-Fact“: Zwischen 30000 und 40000 km / Jahr erreichen Radprofis auf ihren Trainingsfahrten), doch er feierte auch mal gerne, kümmerte sich mehr um Frau und Kinder als sein Vater es tat oder versuchte schon früh, sich neue Standbeine für das Leben nach dem Profisport aufzubauen.
Mit 30 Jahren beendete er 2024 seine Profilaufbahn, um nicht den Spaß am Radfahren zu verlieren. Wie zu lesen ist, hat er einige Projekte für seinen neuen beruflichen Lebensabschnitt, mögen sie ihm ein gutes Leben bescheren!

In Korea heißt das Zauberwort „Selbstfürsorge“ (Ssukgat 1)

Dieses Buch las ich in meinem Urlaub und fand es sehr inspirierend:

Warum essen wir Europäer? Weil wir Hunger haben und/oder weil wir genießen möchten. Dass Lebensmittel uns gesund machen können, daran denken wir wohl erst an dritter Stelle: Vielleicht bei einer Erkältung, wenn es Hühnerbrühe gibt.
In Korea hat Ernährung einen ganz anderen Status. Schon ein Kleinkind bekommt das Wissen vermittelt, dass Essen Medizin ist, aber nicht hauptsächlich, um den Körper zu heilen, sondern um Krankheiten und Gebrechlichkeit zu verhindern. Das Zauberwort in Korea heißt „Selbstfürsorge“= Man isst, um Körper und Geist etwas Gutes zu tun und fühlt dabei eine große Befriedigung. Diese Kernaussage des Buches wird von der Autorin mit vielen Informationen und Rezepten unterfüttert.
Michelle Jungmin Bang ist Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln und hat nach einem Zusammenbruch damit begonnen, sich mit dem Ernährungswissen ihrer koreanischen Vorfahren zu beschäftigen. Schritt für Schritt hat sie zuerst ihre eigene Ernährung und dann auch die ihrer Familie mit deren Zustimmung umgestellt. Neben ihren familiären Aufgaben und ihrer Arbeit schuf sie sich weitere Zeiträume, um sich mehr in der Natur aufzuhalten, sich körperschonend sportlich zu betätigen und einfach mal nichts zu tun. Jetzt geht es ihr sehr gut.
Ihre Beschreibungen fand ich manchmal ein bisschen zu „heile Welt“, doch ihre Ideen, wie man diese Selbstfürsorge umsetzen kann, wogen das bei Weitem auf.
So beschreibt sie beispielsweise, wie sie dazu übergegangen ist, morgens ihrem Mann und den beiden Kindern ein Tablett mit verschiedenen gesunden Saucen und Gewürzen hinzustellen und ihnen dazu frisch aufgeschnittenes Obst oder Gemüse zum Dippen anzubieten. Dazu gibt es Reis und/oder eine Kraftbrühe.
Jeder kann nach Geschmack und Laune essen und es macht nicht viel Arbeit.
Ich esse nicht genügend Obst und Gemüse, vielleicht könnte das auch ein Weg für mich sein, mich gesünder und abwechslungsreicher zu ernähren?
In dem Buch sind einige Zutaten aufgelistet, die man nicht in den hiesigen üblichen Supermärkten gibt. Aber in Duisburg hat gerade ein koreanischer Lebensmittelladen eröffnet, den werde ich in Kürze besuchen.
Der hiesige Bio-Supermarkt ist auch auch schon ganz gut bestückt mit japanischen und koreanischen Lebensmitteln und als Einstieg kaufte ich mir „Furikake“ = Sesam-Algenstreusel und einen Nori-Snack.

Foto: Heller und schwarzer Sesam, gemischt mit Seealgen, schmeckt etwas salzig. Zu den Radieschen passte das prima, auch über Ananasstücke gestreut, fand ich es lecker. Der Verzehr von Algen ist in der koreanischen Ernährungsphilosophie besonders wichtig.
Fotocollage: Die hauchfein gepressten Algen sind ein bisschen mit Meersalz und Sonnenblumenöl verfeinert. Kann man den Duft des Meeres essen? Ja!

Mal sehen, wohin mich „Ssukgat“ noch führt.


P.S. Ssugkat ist eine Pflanze, die in der koreanischen Küche gerne verwendet wird. In Deutschland nennt man sie auch „Kronenwucherblume“.

Von JJ über Klaus Nomi nach Manchester

Bereit für ein paar Gedankensprünge?

Am Wochenende gewann JJ für Österreich den European Song Contest mit seinem Lied „Wasted Love“. Der junge Mann stellte sein Können als Countertenor unter Beweis und alle waren und sind noch aus dem Häuschen.

Als ich das Lied hörte, dachte ich sofort an Klaus Nomi, der ebenfalls mit seiner Countertenorstimme eine gewisse Berühmtheit erlangte. Allerdings bereits Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre. Für die damalige Zeit war er wie ein Wesen vom anderen Stern, wie aus seiner Biografie hervorgeht.

Geboren im Allgäu, lebte er während seiner Kindheit und Jugend zusammen mit seiner Mutter im Ruhrgebiet. Er zeichnete und sang gerne und wollte Opernsänger werden. Allerdings unterstützen seine Lehrer ihn nicht bei seinem Wunsch, sich als Countertenor zu spezialisieren und er brach deshalb die Ausbildung ab. Mit Aushilfsjobs und ersten kurzen Auftritten verdiente er sich seinen Lebensunterhalt, dann ging er nach Berlin. Dort entdeckte ihn David Bowie, der ihn für die Einspielung eines Songs als Backroundsänger engagierte. Nomis Hoffnung auf eine weitere Zusammenarbeit zerschlugen sich und er beschloss, nach New York weiterzuziehen. Auch hier kämpfte er sich durch, sang Operntitel und Rocklieder und wurde schließlich in den New Yorker Clubs Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit seiner außergewöhnlichen Stimme berühmt. Er bewegte sich im Dunstkreis von Keith Haring oder Andy Warhol und war unterwegs in der Schwulenszene New Yorks. In Japan wurde er eine Berühmtheit und auch in Europa hatte er mehrere Auftritte, so in Deutschland bei Thomas Gottschalk. Bei ihm sang er dieses Lied.

Kurze Zeit später starb Klaus Nomi an Aids und war damit einer der ersten prominenten Aidsopfer Anfang der 80er Jahre.

Die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit schwul zu sein, war damals in New York nur an wenigen Plätzen möglich. Dies beschreibt Olivia Laing in ihrem Buch „Die Stadt der Einsamkeit“ ausführlich. (Siehe unten Link zur Besprechung). Es waren u.a Plätze am Hafen, alte Piers und Häuser, in deren Winkel sich Männer trafen. Diese Beschreibungen hatte ich noch im Kopf, als ich jetzt in Manchester war und das Northern Quarter durchstreifte.
In Manchester gibt es weiter südlicher ein spezielles Gay Village, aber im Norden ist die LSBTQ Szene präsent.
Sieht man es mit dem Architekturblick, entdeckt man viele Backsteinschönheiten:


Diese Backsteingebäude verschwinden aber immer mehr und werden von Wolkenkratzern verdrängt, wie man oben auf zwei Fotos gut erkennen kann.

Denn es sieht im Northern Quarter auch so aus:

Wie gut, endlich keine Schmuddelecken mehr? Vor 40 Jahren wurden in New York mit dem Abriss der alten Vierten die Menschen vertrieben und in Manchester passiert Ähnliches. Was geht außer dem Lebensort noch verloren, wenn solche Straßenzüge verschwinden? Das zeige ich in meinem nächsten Beitrag.



Stadt oder Land- ein Buchexperiment

Ich lese Bücher auf einem E-Reader oder in Papierform. Letzte Woche hatte ich dieses Buch auf meinem E-Reader angefangen:

Der Autor Martin Oswald ist Turmschreiber im Ort Abenberg, südwestlich von Nürnberg gelegen. Er nutzt seinen längeren Aufenthalt, im Ort und in den dazu gehörigen Dörfer ausgiebig spazieren zu gehen und dabei Beobachtungen zu sammeln und sich mit Ansässigen zu unterhalten. Mir gefiel das Buch sehr gut, direkt die ersten Sätze waren ganz nach meinem Geschmack: „Nebensächlichkeitsforscher bin ich. …“Täglich breche ich auf zu meinen Erkundungsgängen, als Marginaliensammler, als Stadtrandläufer und Ortumgehungsethnologe.“

Um so ärgerlicher war es, als ich an einem Abend merkte, dass die Batterie des E-Readers leer war. Etwas unwirsch nahm ich das erstbeste Buch von meinem Bücherstapel auf dem Nachttisch.

Die Autorin lebt in Berlin. Sie hatte vor Jahren eine Panikattacke in der U-Bahn und das konzentrierte Beobachten der Mitfahrenden und das Zuhören der Gespräche halfen ihr, diese Attacke zu überstehen. Dabei entdeckte sie quasi ihr Talent zum genauen Hinsehen und Zuhören und machte daraus ein Buchprojekt. Vorzugsweise besuchte sie Cafés und saugte dort viel Menschliches auf, was sie in ihrem Buch zu Papier bringt. Auch dieses Buch mochte ich sehr und am nächsten Abend fiel es mir schwer, welches Buch ich weiterlesen sollte.
Kein Wunder, denn letztendlich sind beide Titel „Flaneurbücher“, in denen der Alltag auf der Straße unter die Lupe genommen wird. Das Spannende bei diesen beiden Bücher war der Unterschied zwischen Land und Stadt und diesen Doppelpack kann ich sehr empfehlen.

Martin Oswald hat einen feinen Humor. Wenn er beschreibt, wie auf der Straße ein Beerdigungszug den eiligen Fahrer eines Amazon-Prime Autos zur Entschleunigung zwingt, so ist das wie ein feiner Pinselstrich. Zudem versorgt er seine Leser en passant mit vielen Informationen über Abenberg und Umgebung und ja, er hat es geschafft, dass ich im Internet mehr über dieses Städtchen lesen wollte. Das Klöppelmuseum hatte es mir beispielsweise angetan, die Burg oder die Kneipe, die nur noch am Donnerstag geöffnet hat. Die Abschnitte, in denen er über seine Gespräche schreibt, zeigen besonders deutlich, dass das „alte“ Leben mit traditioneller Gemeinschaft nur schwer aufrecht zu erhalten ist.
Das Buch von Martin Oswald schärft das genaue Hinsehen in Orten und Dörfern, die nur auf den ersten Blick nichts sagend sind.

Mit dem Buch von Linda Rachel Sabiers tauchen wir so richtig in Berlin ein, denn in den Momentaufnahmen, die vielfach nicht länger als auf einer Seite beschrieben sind, wird oft herrlich berlinert. Ob alte Leute, Kinder, Hundebesitzer, Cafébetreiber oder Ehepaare, die Autorin beobachtet mit menschenfreundlichem Auge und ihre kurzen Schilderungen zeigen oft, wie viel Gutes in uns Menschen steckt. Weitere Texte beinhalten kurze Gespräche, die die Autorin mit ihrer 96 jährigen Großmutter am Telefon führt. Zu ihr hat sie ein sehr inniges Verhältnis und die Großmutter mit ihrer Abgeklärtheit und ihrem Witz sieht die Welt mit besonderen Augen.

Wenn Sie Bedarf an kleinen positiven Auszeiten haben, sind diese beiden Bücher genau richtig!

Klimaschutz in Ihrer Stadt

Dieses Buch erschien 2017 und nimmt als Ausgangspunkt das Pariser Klimaabkommen von 2015. 

Dem Handeln der Kommunen in Sachen Klimaschutz fällt eine entscheidende Rolle zu, wenn Deutschland bis 2030 seine gesteckten Klimaziele erreichen will.
14 Themen werden dazu von verschiedenen Autoren aus mehreren Umweltinstitute aufgegriffen. Ein Themenschwerpunkt ist die Verbesserung der Kommunikation zwischen Stadt und Einwohner, um die Zustimmung von Klimaschutzmaßnahmen und Suffizienzpolitik (Erläuterung siehe unten) in der Bevölkerung zu erhöhen. Es werden Projekte einzelner Städte vorgestellt, die unmittelbar nach dem Abkommen an den Start gingen. Zu den aktiven Städten mit bereits messbaren Erfolgen gehören beispielsweise Bottrop, Essen, Heidelberg, Schweinfurt oder Rostock. In vielen Städten liegt der Fokus bei der Kommunikation zur Bevölkerung noch auf der Darstellung technischer und finanzieller Komponenten. Politiker, die „weiche“ Vorteile kommunizieren, wie z.B. eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität in der Stadt der Zukunft und darüber hinaus die Bevölkerung aktiv und transparent in Planungen zum Klimaschutz mit einbinden, erreichen bei den Einwohnern eher eine Akzeptanz der politischen Entscheidungen zum Klimaschutz.

Bemerkenswert sind die Abschnitte, in denen es darum geht, wie man Jugendliche und Bevölkerungsschichten, deren Alltagsleben von finanziellen Nöten geprägt ist, für ein Engagement zum Klimaschutz begeistern kann.

Zwei Kapitel zur urbanen Energiewende stellen das Mieterstrommodell, sowie die Idee des Energiespar-Contractings vor, Kapitel zur Bodenentsiegelung und Gebäudebepflanzung sind zwei weitere Eckpfeiler im Maßnahmenkatalog zum Klimaschutz.

Besonders interessant fand ich die Ausführungen, wie sich die Hierarchien innerhalb einer Stadtverwaltung ändern müssen, um diese Mammutaufgabe zu bewältigen. Für kleinliches Konkurrenzdenken oder Animositäten gegenüber der Person, die für das  Klimaschutzmanagement eingesetzt wird, darf kein Platz mehr sein, gefragt ist gemeinsames und abgestimmtes Handeln.

Seit Erscheinen des Buches sind acht Jahre vergangen. Es eignet sich deshalb hervorragend dazu, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Was wurde in meiner Stadt bisher erreicht, was auf den Weg gebracht oder welche Umsetzungen warten auf den Start? Gibt es in diesem Buch Ideen, auf die meine Stadt bisher vielleicht noch nicht gekommen ist?

Und was sage ich bei diesem Thema zu meiner Heimatstadt Duisburg? In Duisburg hat man leider erst mit einiger Verspätung angefangen, die Klimaziele zu erarbeiten und umzusetzen. Die Kommunikation der Stadt empfinde ich als schlecht. Drei Beispiele: Wissen Sie, liebe Duisburger, was „KLIAS“ bedeutet oder was die Duisburger „Klima-Roadmap“ ist? Ein weiteres Beispiel zur Kommunikation: https://www.duisburg.de/microsites/klimaschutz/klimaschutzideenportal/index.php

Abgesehen davon, dass ein Teil der Seite schon mehrere Monate lang nicht richtig funktioniert, habe ich nirgendwo ein Feedback gefunden, wie die Ämter mit den Klimaschutzideen aus den Reihen der Bevölkerung umgehen.

Eine Kernaussage des Buches ist, dass, wenn der Wille zum Klimaschutz bei Politikern ernsthaft vorhanden ist, die verfügbaren Finanzen dann auch für diese Zukunftssicherung eingesetzt werden müssen. Viel Geld ausgeben für teure Prestigeobjekte, deren zukünftige Erfolge kaum zuverlässig kalkulierbar sind, ist in der heutigen Zeit unverantwortlich.
Ich wünsche mir für das Buch viele Leser und Leserinnen in der Stadtverwaltung und würde mich freuen, wenn private Personen das Buch als Grundlage für öffentliche Diskussionen hinzuziehen.

Zum Schluss ein Zeitungsartikel aus der RP vom Samstag, der zeigt, wie aktuell das Buch noch ist:

Screenshot

Begriffserläuterung:

Suffizienzpolitik ist ein Ansatz, der darauf abzielt, den Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung zu reduzieren, indem die Bedürfnisse der Menschen auf eine nachhaltige Weise gedeckt werden. Der Fokus liegt weniger auf Wachstum und mehr auf der Reduzierung des Konsums sowie der Förderung von Lebensstilen, die weniger Ressourcen verbrauchen. 

Die Kölsche Linda

Dieses Buch von Linda Rennings erschien letztes Jahr. Sie erzählt von ihrem eigenen Leben und zeigt auf, was das Leben auf der Straße in unserer heutigen Zeit bedeutet.
Linda Rennings ist Jahrgang 1963. Als Kind und Jugendliche lebt sie die meiste Zeit in Köln-Mülheim bei ihrer geliebten Oma, die ihr Härte, einen großen Gerechtigkeitssinn und Wissensdurst mit auf ihren Lebensweg gibt. Sie macht nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin, will später Rechtsanwaltsgehilfin werden, die Ausbildung muss sie wegen Krankheit abbrechen. Mit ihren beiden Ehemännern hat sie kein Glück. Der erste ist faul, lässt Linda nur arbeiten und sich um ihre gemeinsame Tochter kümmern, schlägt und misshandelt seine Frau. Linda und ihre Tochter flüchten daraufhin in ein Frauenhaus. Nach der schwierigen Scheidung lernt sie zwei Jahre später einen neuen Mann kennen. Alles scheint gut zu werden, doch der Mann hat Kontakte zur Mafia, landet im Gefängnis und hinterlässt viele Schulden. Linda ist finanziell und psychisch am Ende. Die Wohnung wird zwangsgeräumt, sie steht auf der Straße, ihre Tochter wird ihr weggenommen.
Sie zieht unbeachtet auf den Friedhof, wo sie mit ihrer inzwischen verstorbene Oma Gräber gepflegt hat. Lindas Gesundheitszustand wird immer schlechter, aber erst nach einem Jahr kümmert sich jemand um sie und veranlasst eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Die folgenden Monate sind für sie die schlimmsten ihres Lebens, aber sie beginnt wieder zu kämpfen und wird entlassen. Die darauf folgende Zeit als Obdachlose auf der Straße wird ihr weiteres Leben prägen. Ein Kapitel widmet sie ihrem Hund Clayd, ohne den sie nicht durchgehalten hätte und durch Alkohol oder Drogen vernichtet worden wäre.
Linda macht eine Ausbildung als Genesungsbegleiterin und beginnt, für sich und andere Frauen um mehr Hilfe und um mehr Rechte zu kämpfen. Sie gründet den Verein „HiK-Heimatlos in Köln“. Es ist ein harter Kampf, der bis heute anhält. Linda weiß, worüber sie schreibt, wenn sie erzählt, wie ein Tag eines obdachlosen Menschen zumeist verläuft. Die Gedanken kreisen permanent um lebenserhaltende Fragen: Morgens: Wo kann ich auf die Toilette gehen? Wie bekomme ich Geld für Essen? Tagsüber: Schließe ich mich einer Gruppe an oder bleibe ich alleine? Gruppe bedeutet mehr Schutz, alleine werde ich vielleicht nicht so schnell von anderen ausgeraubt. Wann gibt es wo ein warmes Essen, wo eine Dusche, die ich bezahlen kann? Abends: Soll ich abends in eine Notunterkunft, wo man auch bestohlen und als Frau belästigt wird, es aber warm ist oder bleibe ich draußen in der Kälte? Die Frage stellt sich nicht, wenn man einen Hund hat, deren Mitbringen in Notunterkünfte nicht erlaubt ist.
In der Coronazeit, als alle freiwilligen Hilfsaktionen verboten waren, hat sich Linda Verein als einzige Gruppe über die Verbote hinweggesetzt, sonst wären noch mehr Obdachlose verhungert.
Auch im Jahr 2024 wird es für Obdachlose immer schwieriger, da Menschen weniger spenden und die Gewaltbereitschaft unter den Obdachlosen oder von zumeist jungen Menschen gegenüber Heimatlosen zunimmt. Frauen werden beschimpft und misshandelt, wenn sie das „großzügige Angebot“ von Männern ablehnen, mit ihnen nach Hause zu kommen, da es da schön kuschelig sei…
Linda Rennings ist inzwischen als die „Kölsche Linda“ sehr bekannt.
Meine Inhaltsangabe kann nicht die Gefühle und Schmerzen ausdrücken, die sie und andere Heimatlose ertragen müssen. Allerdings gibt es im Leben von Obdachlosen auch einige schöne Momente, wie Linda schreibt. Es sind beispielsweise die Momente, in denen der Zusammenhalt groß ist oder man als Heimatloser die Erkenntnis hat, dass man mit den vielen Problemen, mit denen ein „Normalbürger“ kämpft, nichts zu tun hat. Man kämpft nur täglich ums nackte Überleben.
Was wünscht sich die Autorin? Mehr Respekt vor Obdachlosen und mehr Offenheit gegenüber einer Lebensform, die zumeist nicht freiwillig gewählt wurde.

Krachend scheitern bei den guten Vorsätzen

Wissen Sie schon, was Sie im neuen Jahr besser machen wollen? Oder nehmen Sie sich nichts vor, weil Sie es in den letzten Jahren nicht geschafft haben?
Ich habe vor ein paar Wochen das Buch von Stephen Guise gelesen. (Gibt es leider nur noch antiquarisch, das Buch von Miriam Junge ist aber eine Alternative).

Stephen Guise ist immer wieder mit seinen guten Vorsätzen krachend gescheitert. Er schreibt, dass der Fehler in den zu hoch gehängten Zielen lag, für die der Motivationsvorrat nicht reichte. Unser Gehirn ist eine faule Socke die, wenn es nicht ums Überleben geht, für jede Handlung eine Portion Motivation braucht. An Tagen, an denen wir uns krank fühlen, schlecht geschlafen haben, mit Stress auf der Arbeit oder zuhause fertigwerden mussten, bleibt dann nichts mehr für die hehren Ziele des Vorsatzes übrig.
Es sei denn…
Guise nennt es die „Goldene Liegestützregel“. Er hatte sich vorgenommen, mehr Sport zu treiben, mehr zu schreiben und zu lesen. So formulierte er drei Minimalvorsätze: Er macht eine Liegestütze, schreibt 50 Wörter und liest zwei Buchseiten pro Tag. Das war so lächerlich, dass der innere Schweinehund schwieg und Guise selbst an schlechten Tagen oder im Urlaub seine Vorsätze erreichte. Das machte ihn zufrieden und motivierte ihn ohne große mentale Anstrengung, an guten Tagen seine Ziele freiwillig zu übertreffen. Er geht bis heute 3x/Woche ins Sportstudio, schreibt an manchen Tagen bis zu 2000 Wörter und liest wie ein Weltmeister.

Klappt das auch bei dir, fragte ich mich und dachte mir vor ca. zwei Wochen drei Vorhaben aus, u.a.

Pro Tag 1 Glas Wasser trinken (Ich trinke zu wenig)
Pro Tag auf meinem PC entweder 1 Mail oder 1 Foto löschen (Meine Festplatte ist bald voll)
Pro Tag einmal Seilchen springen (Für meine Ausdauer)

Bisher bin ich im „Vorsätze-Flow“, es funktioniert tatsächlich. Diese Befriedigung, Vorhaben geschafft zu haben und das direkt mehrmals am Tag, ist ein Gefühl, auf das mein Gehirn anscheinend nicht mehr verzichten möchte.


Meine neue Motivation bei schlechten Nachrichten

Beim Versuch, mich politisch mehr zu engagieren, erwischen mich auch immer wieder Tage, wo meine Lust dazu rapide in den Keller geht. Dann erschöpfen mich schlechte Nachrichten und ich will nichts hören oder sehen.
Um die Zahl solcher Tage zu begrenzen, las ich zwei Bücher.

Das Buch „Moralische Ambitionen“ richtet sich in erster Linie an Menschen mit frischem Uniabschluss oder an hochqualifizierte Berufstätige, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, weil diese schwachsinnig oder nutzlos ist.
Der Autor stellt verschiedene Personen vor, die in der Vergangenheit durch ihr Verhalten die Welt verändert haben, wie beispielsweise Thomas Clarkson, dem die Abschaffung der Sklaverei zu verdanken ist oder Rosa Parks, die Symbol für die Bewegung von Martin Luther King wurde.
Diese Geschichten sind sehr beeindruckend und toll zu lesen. Der Autor redet uns aber auch stark ins Gewissen. Es reicht nicht, Umweltschädliches zu vermeiden und sich beispielsweise mit einem E-Auto, veganem Essen oder Secondhand Kleidung ein gutes Gewissen zu verschaffen. Solange man seine persönlichen Fähigkeiten nicht zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt, ist man nur idealistisch, aber nicht moralisch ambitioniert wie Parks oder Clarkson. Risiken eingehen, Mut beweisen, die Welt verändern, das sollte auf der Fahne eines jeden Bürgers stehen! Suche dir ein Thema, an das bisher noch niemand gedacht hat und das unser aller Leben verbessert und brenne für die Umsetzung dein Leben lang! Da kam mir dann doch der Gedanke: Darf es auch etwas weniger sein?
Eigentlich nur an einer Stelle geht Rutger Bregman ausführlicher darauf ein, wie wichtig alle Menschen sind, die solche Visionäre beim Verbreiten ihrer Ideen unterstützen. Diese Helfer und Helferinnen müssen u.U. akzeptieren, dass sie zu ihren Lebzeiten keinen großen Erfolg erleben, sondern nur an kleinen Schritten vorwärts teilnehmen. Trotzdem gilt: Nie deine moralische Ambition vergessen, damit du am Ende deines Lebens in den Spiegel schauen kannst.
Auf der Seite moralischeambition.de erfährt man teilweise in deutscher, teilweiser in englischer Sprache, noch mehr „The School for Moral Ambition“.

Die Lektüre des Buches war für mich bereichernd, doch für meine tägliche Motivation brauchte ich etwas Bescheideneres.

Die Autorin des Buches „Wie wir die Welt sehen“ ist Journalistin, hat u.a. zwei Jahre in Kabul gearbeitet und schreibt jetzt für verschiedene Zeitungen, dreht Filme und hält Vorträge zu den Themen ihrer Bücher.
Gleich am Anfang des Buches erzählt sie, wie sie hier in Deutschland immer häufiger bewusst keine Nachrichten sieht oder liest, da sie merkt, dass die Meldungen sie körperlich und auch psychisch negativ beeinflussen. Woran liegt das? Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es hier in Deutschland in den meisten Zeitungen und auf den Nachrichtenplattformen selten einen konstruktiven Journalismus, der alles Negative berichtet, aber auch Lösungswege aufzeigt, wie ein Problem behoben werden könnte. Diese Art des Schreibens ist für Lesende viel bekömmlicher und belastet weniger. Solche Artikel zu verfassen ist allerdings anspruchsvoller und leider gilt in Deutschland bei Verlegern meistens immer noch die Meinung: „Bad News are Good News“, wenn es um die erzielte Aufmerksamkeit geht.
Die Autorin hat in ihrer Zeit in Afghanistan gelernt, neben Negativem auch über Positives zu berichten und versucht, dies nunmehr auch in ihren Artikeln über Deutschland umzusetzen. Sie schreibt nicht nur von Missständen, sondern auch vom positiven gesellschaftlichen Wandel und „dass sich überall … Menschen dafür ins Zeug legen, damit wir freier, sicherer und selbstbestimmter leben können.“ Geschichten von Helden, so wie die von Rutger Bregman in seinem Buch, mag sie nicht, sie hält es für wichtiger, dass täglich auch positive Geschichten über Leute wie du und ich erzählt werden, die handeln und sich nicht ohnmächtig fühlen. Dabei nennt sie schlechte Nachrichten übrigens Fehlerberichte- Fehler können behoben werden! Ein schöner Gedanke.
Ronja von Wurmb-Seibel erwartet von uns keine Großtaten. Kein Schritt ist für sie zu klein. Ein Anfang könnte sein, wenn man im Privatleben eher Positives berichtet und seltener auf Negativem herumhackt und dort, wo man eine öffentliche Meinung kundtun kann, der Negativschleife neue gute Geschichten entgegen setzt. Dazu recherchiert man beispielsweise, ob es in anderen Ländern vielleicht schon Lösungswege gibt.
Möchte man mehr tun, sollte es etwas sein, dass man gerne macht oder kann. Alleine oder noch besser in einer Gruppe, darin ist sie sich mit Rutger Bregman einig. Rückschläge wird es immer wieder geben, aber langsam wird bis dahin Unvorstellbares sichtbar.

Dieses Bild hängt bei der Autorin als Mahnung im Wohnzimmer. Was sehen Sie?

Einen kleinen schwarzen Punkt? Oder eine große weiße Fläche?
Der schwarze Punkt ist das, was uns von der ganzen Welt in den Medien berichtet wird, das Weiße steht für alles, was auf der Welt positiv ist.

Ich blättere in diesem Buch und würde Ihnen noch gerne mehrere Textpassagen vorstellen. Alle sind erhellend und ermutigend. Stattdessen beende ich diesen Beitrag mit einer Rezension von Joachim Dittmer, veröffentlicht am 16. März 2022 auf einer Bücherplattform:

Jetzt erst recht! Dieses Buch hilft. Es ist für mich ein Mutmacher, aus der Komfortzone der Couch ins Handeln zu kommen. Die momentanen Berichterstattungen über den Ukraine-Krieg Russlands könnten einen verschreckt zurücklassen. Der Ansatz zeigt Wege auf, Initiative zu werden, damit die Welt besser wird.