Der Holländer

Aron, Peter und Klaus sind Extremwattwanderer. Sie halten über ihre Abenteuer Vorträge, ein Buch ist erschienen und die Drei haben eine gewisse Berühmtheit erlangt.
Nur eine Wattüberquerung fehlt ihnen noch, doch jetzt ist der langersehnte Tag da: die Wetter und Gezeitenbedingungen lassen einen Wanderung von Manslagt nach Borkum zu. Doch Aron kommt nicht mit. Er macht in England Urlaub und muss sich dort um seine kranke Frau Marie kümmern. So ziehen Peter und Klaus alleine los und scheitern. Klaus kommt dabei um und Peter kann sich nur mit letzter Kraft an Land retten. Als man ihn dort empfängt, ist er verwirrt. Er spricht von seiner Frau Helen, die von einem Segeltörn nie zurückgekehrt ist.
Klaus findet man auf einer Sandbank, er hat ein Hämatom am Kopf, war es ein Unfall oder Mord?
Liewe Cupido arbeitet bei der deutschen Bundespolizei, aber alle nennen ihn wegen seiner Kindheit in den Niederlanden den „Holländer“. Peters anhaltende Verwirrtheit ist für ihn nur ein Mosaikstein, dass hinter dem Tod von Klaus mehr steckt. Während man offiziell davon ausgeht, dass es ein Unglück war, ermittelt Liewe zusammen mit seinem jungen Kollegen Xander weiter- zu Recht.

Ich habe diesen Krimi mit Begeisterung gelesen. Er war spannend, das ruhige Ermittlerpaar hatte bei mir viel Sympathien und die Welt der Extremwattwanderer war für mich etwas ganz Neues. Spuren im Watt bekommen noch einmal eine ganz andere Bedeutung!

Spiekeroog

Die Kreativmaschine

Am 22.Januar fing ich mit meinem 365 Tage Projekt an, bei dem ich jeden Tag ein eigenes Bild an dieser Stelle veröffentliche. Heute ist die Zahl 100 erreicht, für mich ein Anlass, eine kleine Rückschau zu halten.
Ich habe mich bei diesem Prozess selbst beobachtet und war immer wieder verwundert, woher plötzlich die Ideen kamen. Nur sehr wenige Bilder sind geplant gewesen, die meisten entstanden spontan. Was geht da in meinem Kopf vor?
Keine Beschränkung bei der Themenauswahl und jede Freiheit der Gestaltung, so sind unter den 100 Bildern mit der Hand Gemaltes, Gezeichnetes, Gestempeltes, reine digitale Motive und am Computer bearbeitete Fotografien. Der größte Teil der Bilder ist aber eine Mischform aus Hand und Computer.
Der schönste Moment bei jeden Bild ist, wenn mein Bauchgefühl mir sagt: „Jetzt ist es fertig!“- sehr befriedigend.
Ich sehe mir immer mal wieder die ersten Bilder an, an jedem hängt auch die Erinnerung, unter welchen Umständen es entstanden ist. So kann ich sagen, dass die letzten 100 Tage durch dieses Projekt für mich etwas Besonderes sind.

Um die 100 Tage aber noch besser zu verstehen, las ich in den letzten Tagen dieses Buch:

Die beiden Autoren sind Zwillinge und kommen aus Bayern, wo sie in ihrem Atelier als freie Künstler arbeiten. Eines Tages hatte einer von ihnen die Idee, seinen Kopf mit Bleistift zu zeichnen. Dieses Bild werden die beiden im Laufe der nächsten Monate so häufig verändern, dass über 1000 Varianten entstehen. Sie nannten das Projekt „Nea Machina“. Auch mit den Buchstaben von „Nea Machina“ experimentieren sie und erfinden zig neue Schriften.
Beide wollten wissen, wie der Kopf, der Bauch, die Hand und der Computer zusammenarbeiten, um diese Vielfalt an Ideen produzieren zu können und analysieren bei jedem Bild die Entstehung physisch und psychisch.
In dem Buch wechseln sich Kapitel über theoretische Erkenntnisse mit Kapiteln über kreative Möglichkeiten ab. Ich erkannte meine Gedanken und den Entstehungsprozess bei einem Bild öfter wieder.
Hirn aus-MACHEN! steht an jedem Anfang. Lass den Bauch zuerst spielen, dann den Kopf als Kaffeesatzleser arbeiten, das bringt dir immer ein Ergebnis. Wechsle ab zwischen Hand und Computer, zwischen Anstrengung und Erholung, mixe wild die Arbeitstechniken und neue Ideen fliegen dir nur so zu!

Unhaltbare Zustände

Robert Stettler, 59jähriger Junggeselle, führt ein unspektakuläres Leben in einer schweizer Großstadt. Sein Beruf ist seine Passion: Er ist Schaufenstergestalter im größten Kaufhaus der Stadt und seine Fenster werden immer zum Tagesgespräch. Der Briefwechsel mit der von ihm verehrten Pianistin Lotte Zerbst bringt ein weitere kleine Abwechslung. Stettlers Leben ändert sich, als der Kaufhausinhaber ihm einen zweiten jungen Schaufensterdekorateur zur Seite stellt und dessen innovative Fenster sogar in überregionalen Zeitungen und im Spiegel besprochen werden. Neben diesen privaten Einschnitten verunsichern Stettler aber auch äußere Veränderungen. 1968- Vietnamkrieg, Jugenddemonstrationen, der neue Alltag lässt Stettler wanken und er fühlt sich in die Ecke gedrängt, so dass seine Handlungen immer irrationaler werden.
Auch das Leben von Lotte wird erzählt. Sie wurde vor vielen Jahren während ihrer Ausbildung zur Pianistin vom berühmten Pianisten Mereschkowsiki über Jahre hin missbraucht. Ihr Ziel, vom besten Lehrer unterrichtet zu werden, ließ sie bleiben. Nun lebt sie zurückgezogen und geht in ihrer Arbeit aus Pianistin auf. Gerne würde sie ihren Verehrer Stettler einmal persönlich kennenlernen, er wäre der Fremde, dem sie ihre Lebensgeschichte vielleicht anvertrauen könnte. Sie wird in Stettlers Heimatstadt ein Konzert geben, ob ein Treffen stattfindet?

Ein leiser Unterhaltungsroman. Er gefiel mir aus zwei Gründen gut: In die Welt der Schaufensterdekoration einzutauchen und zu lesen, wie viel Mühe hinter einer gelungenen Schaufenster steckt, das war mal wieder ein Moment, in dem mir klar wurde, dass man alles mehr wertschätzen sollte. Der zweite Grund: Die unterschiedliche Entwicklung der beiden Hauptpersonen. Während Robert Stettlers Selbstbewusstsein sich in Zweifel, Angst und Irrsinn umwandelt, wächst Lottes Persönlichkeit, die weiß, wo sie im Leben steht und was sie will.

Bitte ein Quäntchen mehr Iris Apfel für mich

Iris Apfel wurde am 29.8.2021 100 Jahre alt. Mit 97 gab sie dieses Buch heraus:

Wer ist Iris Apfel? Sie ist eine waschechte New Yorkerin, die schon in jungen Jahren durch ihre stilvolle Kleidung auffiel. Geld hatte sie nicht viel, aber sie liebte es (und liebt es noch) auf Flohmärkten und Secondhand Läden zu stöbern und Entdeckungen zu machen. Ihr Motto, das sie von ihrer geliebten Mutter übernahm: Einige Basiskleidungsstücke und dazu die perfekten Accessoires machen einen immer chic. Iris Apfel war laut eigener Aussage nie eine Schönheit und musste auf andere Weise auf sich aufmerksam machen. Neben ihrer Kleidung schaffte sie das durch ihren Humor und ihre Begeisterung für Stoffe, die sie von ihrer Großmutter geerbt hat. Zusammen mit ihrem Ehemann Carl eröffnete sie einen Stoffladen und beide wurden damit sehr erfolgreich. So erfolgreich, dass sie während der Amtszeit von neun amerikanischen Präsidenten den Auftrag bekamen, das Weiße Haus neu auszustaffieren.
Die New Yorker High Society ohne Iris Apfel war nicht vorstellbar und so kam 2005 ein Museum auf die Idee, eine Ausstellung mit Apfels Kleidungsstücken und Accessoires zu organisieren. Iris Apfel war damals 84 und wurde dank diese Ausstellung zur weltbekannten Stilikone mit eigener Kosmetiklinie, eigenem Schmuckdesign und weiteren Produkten.
Warum hätte ich gerne ein bisschen mehr Iris Apfel in meinem Alltag?
Iris Apfel erzählt nicht nur über ihr Leben, sondern auch über ihre Lebensphilosophie. Bis Carl mit knapp 101 Jahren starb, waren Iris und er 66 Jahre glücklich verheiratet, der Humor und die Akzeptanz von Freiräumen für den anderen waren wohl die beiden Hauptgründe dafür. Iris Apfel war und ist immer neugierig, probiert Neues aus, denn es könnte ja spaßig werden. Bis zu diesem Punkt kann ich alles unterschreiben.
Was ihre Kleidung angeht, macht ihr das Ankleiden auch viel Spaß, sie kombiniert mutig und es war ihr schon immer schnurzpiepegal, was andere über sie dachten. Hier wünschte ich mir, dass mir das Auswählen der täglichen Garderobe mehr Vergnügen bereiten würde und ich etwas mutiger und farbenfroher wäre. Aber vielleicht kommt das ja noch und irgendwann bin ich mal die Iris Apfel von Rumeln-Kaldenhausen…

Wer mehr von Iris Apfel sehen möchte: https://www.ecosia.org/images?q=iris%20apfel

Auf der Insel Trischen

Die Autorin Anne de Walmont ist eine außergewöhnliche junge Frau. Sie möchte in ihrem Leben Vieles ausprobieren und bewirbt sich nach einem Studium der Musikwissenschaft, der Skandinavistik und einer Lehre als Schneiderin als Vogelwartin auf der Insel Trischen. Trischen (Trieschen ausgesprochen), liegt im Wattenmeer 20 Km vor Cuxhaven und ist ein Vogelschutzgebiet, das von Menschen nicht betreten werden darf. Die Autorin bekommt den Zuschlag und beobachtet 2019 sieben Monate lang die Vogelwelt und die geologischen Veränderungen der Insel. Ihre Tagebuchaufzeichnungen darüber sind lebhaft und liebevoll geschrieben, die Autorin ist eine Beobachterin, die wahrlich mit dem Herzen sieht und dies auch auf stimmungsvollen Fotos dokumentiert. Wie unterhaltsam kann das Zählen von Vögel sein, wie unterschiedlich wirken die Insel und der Himmel bei Ebbe, bzw. bei Flut. Und was gibt es Kurioses zu berichten… Wie kommt z.B. plötzlich ein Reh auf die Insel? Aber auch auf einer anderen Ebene ist dieses Buch sehr lesenswert. Die Autorin schreibt offen über ihr Seelenleben während dieser sieben Monate. Der einzige menschliche Kontakt ist Alex, der alle paar Tage mit seinem Schiff vorbeikommt und ihr Lebensmittel bringt. Sonst ist sie allein, lebt in einer karg eingerichteten Hütte auf Stelzen (siehe auf dem Buchumschlag) und muss besonders im Herbst den Stürmen widerstehen, bei denen das Meer die Insel überschwemmt und nur noch ihre Hütte aus dem Meer herausgucken lässt. Sie hat keine Angst, aber ungeheuren Respekt vor dem Wattenmeer.
Anne de Walmont möchte mit ihrer Arbeit einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Insel Trischen noch lange ein sicherer Rückzugsort für viele Vögel bleibt. Das Buch hat sie geschrieben, um zu zeigen, was wir Menschen verlieren, wenn wir die Natur nicht mehr schützen und wir sollten Tieren das gleiche Lebensrecht einräumen, wie wir es für uns Menschen selbst beanspruchen. Alles andere ist ein Armutszeugnis für den „Homo sapiens“.

Ein Plaudernachmittag mit Hubertus Meyer-Burckhardt

Ich gebe zu, dass ich Hubertus Meyer-Burckhardt (Jahrgang 1956) erst durch eine Quizsendung im letzten Jahr kennengelernt habe. Dort fiel er mir sehr angenehm als kluger und sehr charmanter Teilnehmer auf und so griff ich zu diesem Buch, als er mich auf dem Titelbild in der Bücherei anlachte.

2017 teilt ihm sein Arzt mit, dass er zwei Karzinome hat. Diese Nachricht wirft ihn nicht völlig aus der Bahn, aber er beginnt, sein bisheriges und sein zukünftiges Leben zu überdenken, ein Resultat daraus ist dieses Buch. Zwei Ereignisse in seiner Kindheit und Jugend waren für sein späteres Leben bedeutend: Mit 12 warf er seinen gewalttätigen Vater aus dem Haus und er wurde in der Schule fast immer von seinen Lehrern unterschätzt und klein gemacht. Das erklärt seine spätere Jagd nach Anerkennung und seine diversen Tätigkeiten als Filmproduzent, Talkmaster, Schriftsteller brachten dann auch den gewünschten Erfolg. Aber zu welchem Preis? Er reflektiert über das Altwerden und sein Verhältnis zur Zeit, das mit dem Beginn der Erkrankung sich Schritt für Schritt verändert. Auswirkung hat das beispielsweise beim Umgang mit Menschen. Er bricht Brücken ab zu alten Bekannten, denn er ist lieber alleine, als dass er sich weiterhin mit Menschen abgibt, die ihm seine kostbare Zeit rauben. Es fällt ihm schwer, sich einzugestehen, dass sich im Alter immer mehr Türen schließen, er nicht mehr „dazu gehört“. Dass es Chancen gibt, für sich neue Türen zu öffnen, diese Einsicht fehlt ihm (noch).
Meyer-Burckardt schreibt, als würde er sich mit seinem Gegenüber sehr vertraulich unterhalten. Er kommt manchmal von Höcksken auf Stöcksken und man erfährt dabei Einiges über Parfüm (Er ist Sammler alter Düfte), die Lieder seines Lieblingssängers Rod Stewart und den Wäldern rund um seine Heimatstadt Kassel. Auch streut er gerne Zitate von berühmten Menschen ein, denn er hat seit 45 Jahren in einer schwarzen Kladde alle Sprüche notiert, die ihm bedeutsam erschienen.
Die Zeit, das Alter, der Tod- Meyer-Burckardt schafft es, über diese Themen so zu schreiben, dass man sich beim Lesen angenehm unterhalten fühlt und ein paar Gedanken mit auf den Weg bekommt, die man für sich selbst noch einmal überprüfen kann.

Ein Roman mit einer Anomalie

Auf dem Flug von Paris nach New York wird im Juni 2021 eine Air France von einem furchtbaren Unwetter überrascht. Über 200 Passagiere glauben, dass ihr letztes Stündchen geschlagen hat. Doch so plötzlich, wie das Unwetter auftauchte, so plötzlich ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Kapitän Markle bittet kurze Zeit später um Landeerlaubnis, doch die verwehrt man ihm und fragt ihn stattdessen nach seinen persönlich Daten und Details aus seinem Leben. Drei Düsenjets tauchen neben der Air France auf und Markle wird gezwungen, auf einem Militärflughafen zu landen. Dort hält man ihn, die Crew und die Passagiere mehrere Tage fest- ohne Erklärung.
In der Zwischenzeit tauchen bei verschiedenen Menschen das FBI auf. Man fordert diese Menschen auf, wegen eines hohen Sicherheitsrisikos für die USA unverzüglich mitzukommen und mitzuhelfen. Keine weiteren Erklärungen, keine Chance, dieser Aufforderung nicht nachzukommen. Diese Menschen , die im März 2021 in dem selben Flugzeug gesessen haben, um von Paris nach New York zu fliegen, wissen noch nicht, dass in der Air France Maschine auf dem Militärflughafen ihre Doppelgänger gesessen haben.
In der Zwischenzeit versammeln sich Nobelpreisträger, hochrangige Experten aus zig Fachgebieten und Theologen vieler Religionen im Pentagon und stellen sich die Frage: „Was ist da passiert“?
Und dann lernen sich die Menschen der beiden Flüge kennen. Was bedeutet dies für das Original und was für die Verdopplung? Was bedeutet das für die Menschheit?
Ich bin immer noch sprachlos über die Gedankengänge, die der Autor Hervé le Tellier in seinem Roman anbietet. Er erzählt die Geschichte mehrere Betroffenen und kann damit ein großes Spektrum der Auswirkungen dieser Anomalie darstellen. Der Clou dabei ist, dass er diese Überlegungen so spannend und z.T. auch wunderbar ironisch erzählt, dass man gar nicht aufhören kann, dieses Buch zu lesen.

Die Hölle in einer Familie

Diesen Roman hatte ich mir aus der Bücherei ausgeliehen, da der Titel für mich nach viel Musik und Klavierspielen klang. Aber das war nur die angenehme Seite der 460 seitigen Geschichte.

Karl Wittgenstein ist ein äußerst erfolgreicher österreichischer Stahlmagnat Anfang des 20. Jahrhundert. Er und seine Frau Poldi haben acht Kinder und wohnen im einem prachtvollen Wiener Palais. Sie nehmen rege am luxuriösen Leben teil, Karl betätigt sich als Mäzen für Komponisten und Maler. Dazu gehören u.a. Klimt, Kokoschka, Mahler und Brahms. Von außen betrachtet muss es eine glückliche Familie sein, der es an nichts fehlt. Doch dem ist nicht so.
Drei Söhne nehmen sich als junge Männer das Leben, bzw. verschwinden spurlos. Sie passen nicht in das Weltbild ihres mächtigen Vaters. Auch Paul und Ludwig Wittgenstein leiden unter Karl. Luki, später bekannt als der Philosoph Ludwig Wittgenstein, ist als Kind labil und versucht später durch extreme Entscheidungen, dem Fluch des Reichtums zu entkommen.
Paul Wittgenstein ist immer wie seine drei Schwestern bemüht, seinem Vater zu gefallen. Dabei treten sie in einem Wettstreit, bei dem von Geschwisterliebe nur in ganz wenigen Momenten etwas zu spüren ist. Paul ist der Verlierer. Selbst als ihm im ersten Weltkrieg der recht Arm abgenommen werden muss und er trotzdem danach eine Weltkarriere als Pianist aufbaut, ist er für die Familie nie gut genug. Um nicht wie seine Brüder ebenfalls durch die Familie mental kaputt gemacht zu werden, führt er ein Doppelleben mit diversen Geliebten, die nicht aus den entsprechenden Kreisen kommen. Es dauert lange, bis er eine Frau findet, die ihm etwas mehr Seelenruhe verschafft. Hilde, eine blinde Pianistin, schenkt ihm zwei Kinder. Zuerst versteckt er seine kleine Familie, doch dann ändert sich das Leben schlagartig. Im Jahr 1938 sind die Nationalsozialisten in Österreich an der Macht. Die jüdische Bevölkerung und alle Menschen mit Behinderungen müssen um ihr Leben bangen. In letzter Sekunde schafft es Paul, eine Flucht für sich und seine Familie zu organisieren. Damit endet der Roman. (In einem Epilog erfährt man kurz, wie das weitere Leben der Familie Wittgenstein verläuft).
Auf den ersten 100 Seiten war ich von diesem Roman enttäuscht, denn der Titel hatte mich anscheinend in die Irre geführt. Ich las einen Roman über eine Familie, über die es nur wenig Gutes zu sagen gibt. In dem Roman fand ich keine Sympathieträger. Ludwig Wittgenstein ist für mich dabei die unangenehmste Person, die sich den Schein der Armut gibt, um immer wieder in den Schoß des Reichtums zurückzukehren, wenn er das Zusammensein mit „Normalbürgern“ nicht mehr aushält. Aber auch Paul verhält sich fragwürdig. Selbst als gestandener Mann kann er sich den ungeschrieben Gesetzen der Familie nicht entziehen und lässt eine schwangere Geliebte im Stich, was in einer Katastrophe endet.
Was das Thema Musik angeht, so lernt man in diesem Roman viel über das Verhältnis von Pianisten und Komponisten. So beauftragt Paul beispielsweise den Komponisten Ravel, ein Konzert für die linke Hand zu komponieren. Dies endet in einem Debakel.
Ein gut zu lesender Roman mit dem Reiz, Blicke in das Leben einer berühmten Familie zu werfen und gleichzeitig Zeit- und Musikgeschichte präsentiert zu bekommen.

Wer ein kurzes Video mit Paul Wittgenstein am Klavier sehen möchte:


Herr Origami

Aus diesem Foto sehen Sie meinen ersten gefalteten Kranich. Für alle, die es auch einmal versuchen möchten, füge ich nach der Buchbesprechung einen YouTube Link hinzu. Dieses Lernvideo war für meine beiden linken Hände das beste.

Der junge Japaner Kurogiku arbeitet bei seinem Vater in einem Dorf, das für sein handgeschöpftes Washipapier berühmt ist. Eines Tages geht am Fenster der Werkstatt eine Europäerin vorbei, in die sich Kurogiku sofort verliebt. Doch niemand kennt sie im Dorf, er findet nur heraus, dass sie aus Italien stammt. Der junge Mann reist nach Europa und macht sich dort auf die Suche nach ihr. Die schöne Italienerin bleibt unauffindbar und so landet Kurogiko schließlich in der Toskana. Er zieht in ein aufgegebenes Haus und beginnt mit dem Papierschöpfen und dem Origamifalten. Jahre vergehen, in denen Herr Origami, wie die Einheimischen ihn inzwischen nennen, auf den Zufall hofft, der die Italienerin zu seinem Haus führen wird.
Eines Tages kommt ein junger Mann vorbei, der eine Unterkunft sucht. Er heißt Casparo und ist Uhrmacher. Beide Männer verstehen sich ohne viele Worte, denn wie bei Herrn Origami ist auch Casparo von seinem Handwerk beseelt und möchte eine einzigartige Uhr erschaffen. Aus den Männern werden fast Freunde, die zusammen nach Japan fliegen, um dort Kurogikus Dorf zu besuchen. Dort erzählt der alte Mann Casparo von dem Fugo-Projekt, bei dem aus dem unschuldigen Washi Papier seines Vaters eine Kriegswaffe wurde. Kurogikos Satz „Jede Schönheit hat seine Schattenseiten.“ wird danach der rote Faden diese schmalen Romans.
Alle Buchkapitel erinnerten mich beim Lesen jeweils an eine japanische Tuschemalerei: mit wenigen Pinselstrichen (Sätzen) wird von einem Universum erzählt. Ein Buch, das bei mir noch lange nachklingen wird.