Wer nicht neugierig bleibt, wird nur noch älter (Marianne Frauchiger)
Kategorie: Lesen + hören + sehen
Mein Lesegeschmack geht „querbeet“. Die meisten Bücher, die ich hier vorstelle, empfehle ich mit Herzblut, doch es kann auch mal ein Verriss dabei sein…Genauso verhält es sich mit den Hörbüchern und Filmen. Ich würde mich sehr über Empfehlungen freuen, denn man soll ja immer über den Tellerrand schauen!
Gehört ein Parkplatz nicht zu den ödesten Plätzen in einer Stadt? Nicht für Klaus Johannes Thies, der mehrere Jahre lang ein Küchenfenster mit Aussicht auf einen Parkplatz in Bremen hatte und über seine Beobachtungen schreibt.
Zu den Standardaufgaben des Parkplatzobservierens gehört das Zählen der Autos und das Registrieren der Automarken und Lackfarben.
Ist diese Arbeit getan, kann er ins Detail gehen. Da sind einmal die treuen Parker, die in der Nähe arbeiten oder einkaufen. Kommen alle, gibt es Ausfälle oder Auffälliges bei ihnen zu beobachten? Was für Fremde tauchen da auf? Wie parken sie, bezahlen sie die Parkgebühren oder bekommen sie ein Knöllchen, welche Gründe könnten sie haben, ausgerechnet auf seinem Parkplatz zu parken?
Am Parkplatz stehen neben einem Glascontainer auch zwei große Werbetafeln, die regelmäßig neu gestaltet werden, auch über sie macht sich der Autor seine Gedanken.
Der Parkplatz hat seine vier Jahreszeiten
und ist das kleine Universum des Autors. Das ist interessanter als man denkt und es gibt Thies immer wieder Anlass, sein eigenes Leben zu reflektieren.
Die Fotomotive fand ich auf einer kleinen Radtour nach und durch Uerdingen.
Paul ist ein recht erfolgreicher Lyrikautor und sein Verleger wartet auf neue Gedichte. Doch Paul hat eine Schreibblokade. Wegen des nur noch freundschaftlichen Verhältnisses zu seiner Ex-Freundin Rosalyn, die inzwischen mit einem neuen Mann zusammenlebt, wegen der Politik Obamas, über die er sich aufregt und wohl auch wegen seines bevorstehenden fünfundfünfzigsten Geburtstages. Um dem Älterwerden etwas entgegenzusetzen, fängt er an, Neues auszuprobieren. Seine kleine neue Leidenschaft ist das Zigarrenrauchen, seine große neue Leidenschaft das Komponieren von knalligen Dancesongs. Früher hat er Fagott gespielt und aus dieser Zeit ist Debussy sein unangefochtener Lieblingskomponist, doch jetzt kauft er sich eine Gitarre, ein Programm, um Musik am PC zu mischen und ein Mikrophon. Er übt täglich mehrere Stunden und hört viel Musik, um von seinen bevorzugten Musikgruppen und Einzelsängern zu lernen. Als Dichter versucht er natürlich auch, passende Texte zu seinen Kompositionen zu finden und da sind seine Alltagsbeobachtungen eine wahre Fundgrube. Langsam entwickeln sich seine Musikstücke, die Sinnkrise geht ihrem Ende zu. Er hört mit dem Zigarrerauchen wieder auf, er wird ein Buch über das Komponieren schreiben und er wird Rosalyn ein Lied vorspielen…
Den Autor Nicholson Baker stellte ich Ihnen bereits bei meinen Streichhölzer-Bücherbesprechungen vor. Auch in diesem Roman sind die Anmerkungen zu unscheinbaren Alltagsbegebenheiten „das Salz in der Suppe“. Aber jetzt wird noch zusätzlich eine Musikplaylist mit angeboten und wer den Roman liest sollte es sich nicht entgehen lassen, sich direkt die Lieder im Internet anzuhören.
Bewertung: Ich sage nur so viel: Das dritte Buch von Herrn Baker liegt bereits auf meinem Nachttisch…
„Von Menschen und Gärten“ ist der Untertitel dieses Buches und ich fing bereits im Januar an, es zu lesen, weil ich mich in den Gärten andere Menschen „umsehen“ wollte. Das ging ziemlich schief, denn in den meisten Kapiteln ist entweder nur eine Pflanze das Thema (z.B. ein Ficus in einer Küche oder der Seidelbast als Pflanze der Bettler) oder es geht um einen Garten, dieser dient aber eher nur als Schauplatz für Begegnungen mit Menschen.
Ich war deshalb von diesem Buch enttäuscht und legte es wieder weg. Jetzt, wo ich meinen eigenen blühenden Garten habe, gab ich dem Buch aber eine zweite Chance. Die Autorin erzählt von Begegnungen mit Menschen in mehreren Ländern Europas, deren Leben zeitweise oder ganz vom Leben im Garten oder mit einer Pflanze geprägt wurde. Beeindruckend das Kapitel, in dem sie von einem Treffen mit einer blinden Gärtnerin erzählt. Zu Herzen gehend ist die Familiengeschichte von vier Schwestern, die sich regelmäßig unter einem alten Birnbaum treffen. Der Autorin Colette wird eine Geschichte gewidmet, wie sie im zweiten Weltkrieg aus ihrer Wohnung den Garten des Palais Royal sieht und den Alltag unter der deutschen Besatzung beschreibt. Ja und dann ist da noch der bekannte deutsche Schauspieler Walter Sittler, der auf einer Fensterbank einen Wüstengarten pflegt oder ein Wolkengarten über dem Memelland, den man entdecken kann.
Ich mag die achtzehn Geschichten dieses Buches inzwischen sehr. Es sind z.T. ergreifende Schicksale, von denen die Autorin erzählt, aber auch ihre Gabe, Details und Stimmungen zu beschreiben, hat mir gut gefallen.
Diese drei Bücher habe ich in den letzten Wochen zwischendurch gelesen. Ich schreibe bewusst „zwischendurch“, weil alle drei sich durch kurze Texte auszeichnen.
Angefangen habe ich mit dem linken Buch. Wie ich vor einiger Zeit schrieb, ist Walle Sayer z.Zt. mein Lieblingsautor und auch in diesem Buch versteht er es wieder, kleine Alltagsbeobachtungen in brillanter Sprache zu präsentieren.
Zum zweiten „Streichholzbuch“ kam ich eher durch Zufall. Ich hatte den Film „Paterson“ von Jim Jamusch gesehen und war hin und weg. Es geht in dem Film um den jungen Paterson, der in der Stadt „Paterson“ sich den Lebensunterhalt als Busfahrer verdient. Er führt zusammen mit seiner Freundin ein völlig unaufgeregtes Leben, manche würden dazu auch stinklangweiliges Leben sagen. Doch Paterson entdeckt in seinem Alltag immer wieder kleine Schönheiten oder Absurditäten und diese Entdeckungen hält er in Gedichten fest. Einige Gedichte werden im Hintergrund gesprochen, wenn er mit seinem Bus unterwegs ist und diese Gedichte sind z.T. in dem zweiten Streichholzbuch veröffentlicht. Hier die Verse, die zu dem Buchtitel führten:
Eine Geschichte im Gedicht: Die kleine blaue Streichholzschachtel aus einer Puppenstube lag seit Jahrzehnten bei mir in einem Karton, in dem ich Sachen aufbewahre, die mal in einem Minisetzkasten gelegen haben.(War mal in den 70er Jahren sehr modern). Als ich zum ersten Mal das Gedicht im Film hörte und später dann las, sagte mir der Name der Streichhölzer nichts. Beim Suchen im Karton nach einem anderen Gegenstand hielt ich dann plötzlich diese Streichholzbox in der Hand. Es gibt keine Zufälle…
Zurück zu den Büchern:
Zum Spaß sah ich nach, ob es noch andere Streichholzbücher gibt und entdeckte das rechte Buch von Nicholson Baker. „Eine Schachtel Streichhölzer“ ist ein Roman in 33 Kapiteln. Jedes Kapitel beginnt damit, dass der Familienvater Emmett gegen 4 Uhr morgens ein Streichholz anzündet, um den Kamin anzuzünden. Dann macht er sich einen Kaffee und setzt sich in einen Sessel. Während die anderen Familienmitglieder noch schlafen, hört und sieht er dem Kaminfeuer zu, entdeckt weitere Geräusche und schweift zu anderen Gedanken ab. Das können Erinnerungen an seine Kindheit sein, aber auch Betrachtungen zu seiner Küchenkreppsammlung, dem richtigen Ablageort der Seife in einer Duschkabine oder zu Alltagssituationen mit seiner Frau Claire und den beiden Kindern.
Emmett ist ein Verwandter im Geiste von Paterson. Auch für ihn ist sein Durchschnittsleben eine Wundertüte, die ihm so viel zum Staunen und Hinterfragen bietet, dass es ihm nie langweilig wird.
Dieser Roman hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Abgesehen von den komischen Passagen, wenn Emmett einem Problem auf den Grund geht, besticht das Buch wie die beiden anderen Bücher durch seine entschleunigte Stimmung. Nichts Bombastisches, nichts Dramatisches wird geboten, einfach „nur“ das Alltagsleben. Dessen kleine Wunder muss man nur sehen- gerade jetzt haben wir die Zeit, dies ein bisschen zu üben.
Morgen zeige ich Ihnen, wie ich den Buchtitel „Was in die Streichholzschachtel passte“ umgesetzt habe.
In den letzten Jahren tadelte ich mich immer mal wieder, wenn ich mich bei einem Bildband nicht zurückhalten konnte und ihn wider jeder Vernunft (teuer, keinen Platz mehr, keine Zeit, ihn anzusehen) doch gekauft habe. Ha, jetzt kommen die Sternstunden der Bildbände und der superdicken Bücher! Täglich ein bisschen mit den Augen über schöne Bilder flanieren und ein paar Seiten lesen, das ist nicht verkehrt.
Im Januar las ich dieses Buch und habe z.Zt. ein Déjà-vu-Erlebnis.
In dem Buch geht es um den Zustand der Welt und wie die Menschen diesen Zustand beurteilen. Eine Inhaltsangabe zu dem Buch zu schreiben, ist schwer, denn die Zahl der positiven Denkanstöße ist dafür zu groß. Deshalb gebe ich nur ein paar Eindrücke wieder.
Bill Gates meinte, dass dieses Buch für ihn eins der wichtigsten Bücher ist, die er je gelesen hat. So steht es auf dem Klappentext. Linda Broszeit sagt das auch und damit sind wir schon zu zweit. Nach der Lektüre hatte ich ein bisschen Seelenfrieden zurückgewonnen und empfand eine gewisse Ruhe, die bis heute noch anhält. Bei Diskussionen, in denen gewarnt, schlecht geredet oder beklagt wird, habe ich jetzt Argumente, die andere aufhorchen lassen. Oder einmal etwas krasser ausgedrückt: Öfter kann man Permanentnörgeler schneller zum Schweigen bringen.
Nein, es ist auf der Welt bei Weitem nicht alles rosig und gut, aber der Autor, der Professor für Medizin ist und u.a. für die Weltgesundheitsorganisation WHO arbeitet, zeigt anhand vieler nicht wegzudiskutierender Zahlen, dass es besser ist als vermutet. Ich gebe Ihnen drei Beispiele und bitte Sie, die Fragen spontan zu beantworten.
A-In den letzten 20 Jahren hat sich der Anteil der in extremer Armut lebenden Weltbevölkerung:
Nahezu verdoppelt oder unwesentlich verändert oder deutlich mehr als halbiert?
B- Wie viele einjährige Kinder auf der Welt sind gegen irgendwelche Krankheiten geimpft?
20, 50 oder 80 Prozent?
C- Wie viele Mädchen absolvieren heute eine fünfjährige Grundschulbildung in den Ländern mit niedrigem Einkommen?
20, 40 oder 60 Prozent?
Haben Sie sich bei allen drei Fragen jeweils für die dritte Antwort entschieden?
Hans Rosling räumt in seinem Buch mit vielem falschen Wissen auf. Er hat Zugang zu zuverlässigen Statistiken, Bildmaterial und Zahlen und zeigt die positiven Entwicklungen der letzten 100, 50 oder 20 Jahre auf. So gibt es für ihn z.B. auch keine Entwicklungsländer mehr, sondern er spricht von Ländern der 4 Stufen.
Was das Buch aber so wichtig macht, das sind seine Erklärungen, warum wir ein so falsches Weltbild haben. Dafür gibt es diverse Gründe, die er mit folgenden Kapitelüberschriften beschreibt:
Auch hier möchte ich nur ein paar Beispiele geben. Er beschreibt, wie wir die Vergangenheit zumeist mit einer rosaroten Brille sehen und schier vergessen, dass frühere Zeiten vielleicht nicht dieselben Probleme hatten, aber dafür andere. Wir haben das Gefühl, dass alles schlechter wird, einmal länger über alles in Ruhe nachdenken, das kommt eher selten vor. Unsere Gehirne sind seit Urzeiten darauf gepolt, auf das Angstgefühl zu achten, um gefährlichen Situationen rechtzeitig begegnen zu können. Diesen Instinkt der Angst bedienen die Medien, wissen sie doch, dass damit die höchste Aufmerksamkeit erreicht werden kann. (Das soll kein Vorwurf sein, denn die Redakteure ticken ja genauso wie die Leser).
Und da ist dann auch mein Déjà-vu-Erlebnis. Erinnern Sie sich noch an die Schweinegrippe im Jahr 2009? Anfänglich starben viele Menschen, doch dann nahm die Zahl nicht mehr zu, sondern blieb erst noch konstant und nahm dann ab. Was nicht abnahm, das war die Hysterie. Hans Rosing und sein Team zählten daraufhin die Artikel zum Thema Schweinepest, die bei Google in 2 Wochen erschienen waren. Es waren weltweit 253442 . Zu jedem der 31 Todesopfer in diesen zwei Wochen, wurden also ca. 8176 Artikel geschrieben. In genau den beiden Wochen starben weltweit auch ca. 63000 Menschen an Tuberkulose. Jeder dieser Toten erfuhr eine mediale Aufmerksamkeit von 0,1 Artikel.
Dieser Beitrag mag vielleicht etwas schwere Kost sein (das Buch ist dafür umso leichter geschrieben), aber ich kann nur noch einmal wiederholen: Wenn Sie ein Buch in diesem Jahr lesen wollen, dann lesen Sie dieses.
Mein Langzeitgedächtnis ist nicht gut und ich habe diverse weiße Flecken, was z.B. Erlebnisse in früheren Urlauben angeht. Manchmal ist das erfreulich, denn so vergesse ich auch schneller Nichtschönes, aber manchmal finde ich es auch schade und beneide alle Freunde, bei denen viele Details aus der Vergangenheit vorhanden sind und staune immer, was sie mir erzählen.
Ich machte in den letzten drei Wochen deshalb den Versuch, Erinnerungen zurückzuholen und zwar mit Hilfe dieses Buches:
Doris Dörrie ist nicht nur Filmregisseurin und Autorin, sondern sie gibt in München immer wieder Schreibkurse. In diesem Buch zeigt sie, wie man mit regelmäßigem Schreiben automatisch eigene Erinnerungsschätze hebt. Sie gibt diverse Themen vor, über die man schreiben kann und quasi als Beispiel erzählt sie in jedem Kapitel auch von Begebenheiten in ihrem eigenen Leben. Dabei spielt die Arbeit kaum eine Rolle, für sie wichtige Personen sind die Dreh-und Angelpunkte.
Einfach mit dem Schreiben anfangen – sich vorher kein bestimmtes Thema überlegen-und 10 Minuten dranbleiben. Möglichst täglich. Dörrie verspricht, dass plötzlich Erinnerungen hochkommen, die jahrelang oder sogar jahrzehntelang verschütt waren. Nicht unterkriegen lassen darf man sich dabei von Gedanken wie „Dazu bin ich zu blöd!“, „Das ist nicht originell oder „Ich kann nicht schreiben, das ist peinlich!“ Man schreibt für sich zuerst einmal ganz alleine, da kann nichts peinlich sein. Wenn man später vielleicht Lust verspürt, etwas Geschriebenes vorzulesen, dann kommt die Überzeugung, dass das Geschriebene interessant ist, von ganz alleine.
Ich war sehr skeptisch, was die Wiederbelebung von Erinnerungen angeht, aber ich machte den Versuch und stellte mir den Wecker auf 10 Minuten später. 10 Minuten kamen mir sehr lang vor, aber gut. Ich guckte nach draußen und fing an, über den Regen zu schreiben.
Auf den Blättern links und rechts sehen Sie 4 x 10 Minuten Geschriebenes. Auf dem rechten Blatt habe ich links vom Text Kreuze gemacht. Sie markieren die Erinnerungen, die aus heiterem Himmel sich nach langer Zeit wieder zurückmeldeten. Es funktioniert tatsächlich und es ist ein tolles Gefühl.
Auf dem mittleren Blatt habe ich Themen notiert, über die ich schreiben könnte. Gut die Hälfte dieser Punkte werden auch von Frau Dörrie vorgeschlagen, die anderen Ideen waren plötzlich da.
Ich habe in drei Wochen es zwölfmal geschafft, 10 Minuten zu schreiben. Bisher kam mindestens eine Erinnerung pro Aufzeichnung zurück, meistens sind es mehrere. Wenn ich mich zum Schreiben an den Tisch setze, stellt sich immer ein besonderes Gefühl ein. Ein bisschen ist es zu vergleichen mit dem Moment, bevor man beim Tauchen in die Tiefe hinab gleitet- in eine unbekannte Welt.
Morgen gebe ich Ihnen ein Beispiel von mir, wie ich beim Schreiben von „Höcksken auf Stöcksken“ gekommen bin und 10 Minuten gar nicht ausreichten.
1940- Leningrad, kurz vor Beginn des Krieges zwischen Sowjetunion und Deutschland. Dmitri Schostakowitsch hat begonnen, seine siebente Symphonie zu komponieren. Der Druck auf den wohl berühmtesten Komponisten Russlands ist hoch, jeder erwartet ein neues Meisterwerk. So ist sein gesundheitlicher und psychischer Zustand bedenklich, denn er muss sich „nebenbei“ noch um seine Familie kümmern und im Konservatorium unterrichten. Allein die Treffen mit seinen Freunden geben ihm noch ein bisschen Halt und neue Kraft.
Zur selben Zeit dirigiert Karl Eliasberg das Rundfunkorchester in Leningrad. Er steht im Schatten der berühmten Dirigenten Mrawinski und ist immer nur die Nummer 2. Der introvertierte Eliasberg verehrt und hasst Schostakowitsch gleichermaßen. Er bewundert dessen Können, kann ihm aber nicht verzeihen, dass Schostakowitsch ihn nicht zu seinem Freundeskreis zählt, obwohl sie beide gemeinsam ins Konservatorium gegangen sind.
Dann beginnt die Belagerung und Bombardierung Leningrads durch die Deutschen. Während viele Berühmtheiten fliehen, bleiben die beiden Männer in Leningrad und versuchen weiterzuarbeiten, trotz immer schwereren Bedingungen. Aber das ist erst der Anfang, im Laufe des Winters werden die Verhältnisse immer menschenverachtender, viele sterben an Hunger, werden bei Bombardierungen getötet oder kommen durch Krankheiten um. Es wird verfügt, dass Schostakowitsch Leningrad verlassen muss, um auf dem Land die „Leningrader Symphonie“ fertig zu schreiben, Eliasberg wird nicht evakuiert. Er ist, wie auch alle anderen übrig gebliebenen Orchestermitglieder, sehr geschwächt und krank, aber er schafft es trotzdem, dass noch eine Konzertübertragung im Radio ausgestrahlt wird. Ist es sein letztes Konzert? Nein, denn Schostakowitsch hat die Symphonie beendet und danach wird befohlen, dass sie zur Stärkung der Moral in Leningrad aufgeführt werden soll. Eliasberg hat nur noch fünfzehn Orchestermitglieder, alle anderen sind tot. Aber er wird durchhalten, denn Schostakowitsch hat ihm geschrieben…
Das Buch lesen und danach die Symphonie hören, das war für mich eine neue, sehr emotionale, Erfahrung. Schreckliche Kriegsbilder aus dem Buch tauchten beim Hören in meinem Kopf auf, aber dann macht die Musik auch zuversichtlich und die Menschlichkeit kommt zurück. Auch in dem Buch liest man erinnerungswürdige Szenen, in denen Menschen, trotz aller Grausamkeiten, Liebe und Güte nicht vergessen. Und es gibt einen Helden: Karl Eliasberg.
Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mir vom Autor des Buches, das ich gerade lese, direkt weitere Bücher bestellt. Name des Autors: Walle Sayer.
Walle Sayer ist für mich ein Meister, in Gedichten oder Texten Alltagssituationen und Gefühle zu beschreiben. Sein außergewöhnliches Talent liegt in der Gabe, genau zu beobachten und dies mit z.T. neuen Wortschöpfungen prägnant zu beschreiben, wie z.B. Erinnerungsdeponie, Fettnäpfchenparcour oder Gefühlsimitat. Hier ein paar Texte:
Vor ein paar Tagen stellte ich Ihnen vier von sechs Büchern vor, die ich über die Feiertage gelesen hatte. Heute und morgen nun ein paar Bemerkungen zu Platz 1 und 2.
Platz 2:
Maud ist über achtzig und an Alzheimer erkrankt. Da sie noch alleine in ihrem Haus lebt, kommt täglich eine Pflegerin und ihre berufstätige Tochter Helen versucht, sich auch um ihre Mutter zu kümmern. Da Maud trotz der beiden oft alleine ist, macht sie sich viele Gedanken, die immer konfuser und für Maud unerklärlich sind. Wo ist beispielsweise ihre Freundin Elisabeth? Sie vermisst sie und meldet das bei der Polizei, aber niemand nimmt sie dort ernst. Oder hat man es ihr gesagt und sie hat es vergessen? Irgendetwas stimmt nicht und Maud hat in kurzen klaren Momenten den Sohn von Elisabeth in Verdacht, dass er etwas weiß, aber nichts sagt. Dann versinkt sie wieder in Erinnerungen an früher als sie noch ein Kind war und ihre große Schwester Surkey eines Tages spurlos verschwunden ist.
Mehr erzähle ich nicht, um Ihnen die Spannung dieses Buches nicht zu verderben.
Ich zeige Ihnen jetzt erst das Buchcover, weil sie sich vor meiner Besprechung nicht schon ein Urteil über das Buch bilden sollten.
Hätten Sie vermutet, dass es sich bei diesem Buch um die Geschichte einer an Alzheimer erkrankten alten Frau handelt?
Ich bedaure es sehr, dass ich das Buch nicht schon gelesen habe, als ich meine Mutter noch pflegte. Die Gedanken von Maud, ihre Unsicherheiten, ihre Ängste, ihre Hilflosigkeit und Verletztheit, wenn man ihr nicht mit Respekt und Verständnis begegnet werden unglaublich einfühlsam beschrieben. Die Lektüre hätte mich befähigt, mich noch besser in meine Mutter hineinzuversetzen.
Ich hoffe, dass der Verlag dieses Buch noch lange im Programm lässt und bei einer Neuauflage das Buchcover austauscht.
Morgen stelle ich Ihnen einen Autor vor, der ein wahrer Wortjongleur ist.
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