Wer nicht neugierig bleibt, wird nur noch älter (Marianne Frauchiger)
Kategorie: Lesen + hören + sehen
Mein Lesegeschmack geht „querbeet“. Die meisten Bücher, die ich hier vorstelle, empfehle ich mit Herzblut, doch es kann auch mal ein Verriss dabei sein…Genauso verhält es sich mit den Hörbüchern und Filmen. Ich würde mich sehr über Empfehlungen freuen, denn man soll ja immer über den Tellerrand schauen!
Der Roman über die Geschichte der Augsburger Puppenkiste von ihren Anfängen bis zur Ausstrahlung der Jim Knopf Episoden in Fernsehen steht seit mehreren Wochen auf der Bestsellerliste, wurde wohl in fast allen Medien besprochen und dabei z.T. frenetisch gefeiert. Deshalb werde ich keine ausführliche Inhaltsangabe schreiben, sondern merke zum Hörbuch nur an: Auf die heute spielende Rahmenhandlung hätte ich gerne verzichtet. (Ein pubertierendes Mädchen gerät nach einer Vorstellung auf den Dachboden des Augsburger Puppentheaters, wo sie auf diverse sprechende Marionetten trifft. Das Mädchen findet alles uncool und ist anfänglich nur genervt. Das ändert sich, als sie mit den Marionetten gegen den bösen Kasper kämpfen muss.) In diesem Romanteil gab es meiner Meinung nach Ungereimtheiten und er hätte auch besser lektoriert werden können. Was mich aber in der Hörbuchfassung am meisten störte, war die Stimme von „The Voice“ Christian Brückner ,dem Synchronsprecher in Deutschland. Ich bin von dieser salbungsvollen und z.T. auch weinerlichen Stimme schlichtweg übersättigt und hätte mir gewünscht, dass die jüngere Valery Tscheplanowa, die den anderen Teil des Romans sehr gut liest, auch die Geschichte des pubertierenden Mädchens mit Handy übernimmt, das wäre passender gewesen. Der Hauptteil des Buches ist besser gelungen, besonders gefielen mir die Passagen, in dem es um das Marionettenspiel selbst geht. Auf Jim Knopf & Co zu treffen, machte mir Freude und das Hörbuch animierte mich, noch einmal tiefer in die Geschichte der Augsburger einzusteigen. Ich schreibe tiefer, weil die Zeit während des Nationalsozialismus zwar auch behandelt wird, mir dies aber recht oberflächlich erschien. Zusammengefasst: Trotz einiger Ärgerlichkeiten hörte ich wegen des schönen Hörbuchthemas bis zum Ende zu.
P.S. Den Herzfaden braucht der Puppenspieler, um den Ausdruck einer Marionetten zu steuern.
Stellen Sie sich vor: Sie sitzen oder liegen irgendwo, lesen gemütlich und es ist still. Idylle. Doch dann hören Sie ein Geräusch. Sie wollen es ignorieren, schließlich genießen Sie gerade Ihre Lektüre, doch die zum Lesen nötige Konzentration lässt nach, dieses Geräusch piesackt Sie. Sie sehen nach, es ist der Wasserhahn, der tropft. Die Irritation ist schnell behoben, doch die Lust aufs Weiterlesen ist vergangen. Dieses Gefühl hatte ich auch bei dem Buch von Esther Kinsky.
Der Unterschied: Es war kein Wassertropfen, der mich gestört und immer mehr genervt hat, es waren mehrere Worttropfen im Buch. Kinskys Buch „Am Fluss“ war 2014 für mich ein Ereignis. Ihre Fähigkeit, noch so Unbedeutendes in einer wunderbaren Sprache zu charakterisieren, beeindruckte mich sehr. Jetzt wollte ich mir „Hain“ gönnen, in dem sie über ihre Aufenthalte in Italien schreibt. Kinskys Lebenspartner(?) M. ist gestorben und sie fährt daraufhin im Winter in eine kleine Stadt bei Rom, wo sie ein Haus auf einem Hügel für mehrere Monate mietet. Durch das Küchenfenster hat sie einen Blick auf den Friedhof, der auf dem gegenüberliegenden Hügel mit seinen hohen Mauern einer Trutzburg ähnelt. Dank der Lage ihrer Unterkunft breitet sich auch ein Teil der Stadt wie eine Miniaturlandschaft vor ihr aus, die sie ebenfalls ausgiebig beobachtet. Eine andere Beschäftigung ist das Erkunden der Gegend zu Fuß. So erzählt sie in kurzen Kapiteln von der Landschaft, den Bewohnern, besonders gerne von Tieren und dem italienischen Winterhimmel mit seinen unwiderstehlichen Blautönen. Im zweiten Teil des Buches erinnert sich die Autorin an mehrere Urlaube in Italien in den 70er Jahren. Der Vater liebte das Land, die Sprache und die Geschichte. Frau und zwei Töchter mussten immer mit, viele Kirchen, Museen und Ausgrabungsstellen lernte Kinsky auf diese Weise kennen. Gibt es Eindrücke, die sie aus ihrer Kindheit als erwachsene Frau noch einmal abrufen kann? Welche Gefühle löst Altbekanntes bei ihr aus? Davon handelt das letzte Drittel des Buches. Kinsky fährt nach Ferrara, wandert in der Poebende, sieht sich die Mosaiken von Ravenna an.
Vor fast drei Jahren schrieb ich in meinem Blog über einen Winterurlaub in Rimini. (siehe unten). An diesen musste ich beim Lesen sehr oft denken, denn der „Geländeroman“, wie das Buch auch genannt wird, bot mir ein Fundus an Erinnerungen. In den ersten beiden Kapiteln schwelgte ich geradezu und erfreute mich dabei an der überraschenden, aber immer stimmigen Sprache. Diese Freude verging mir dann allerdings im dritten Kapitel. Unsägliche Wortwiederholungen wurden für mich zu ärgerlichen Worttropfen. Ein paar Beispiele: Platz 1: Gestrüpp und struppig, Platz 2: ausgefranst, Platz 3: Obdach, Platz 4: gestutzt, Platz 5: bitterkalt
Teil eins und zwei in „Hain“ sind großartig, bei Teil 3 bin ich ratlos. Wie konnten Autorin und Lektorat plötzlich so schludern?
Der letzte Satz des Buches: „Du bist in den Winter deines Lebens eingetreten.“ Paul Auster ist 64 Jahre alt, als er 2011 dieses Journal schreibt und er widmet das Buch seinem eigenen Körper. Was hat dieser in über sechzig Jahren aushalten müssen? Welche Freuden durfte er genießen? Was hat sein Körper für den Menschen Paul Auster alles getan, damit dieser so ein Leben führen durfte? Die Aufzeichnungen beginnen mit großen und kleinen Blessuren, die das Kind und der Jugendliche sich beim Sport, bei Raufereien oder durch Unachtsamkeit zugezogen haben. Es folgen die Sturm und Drang Jahre. Auster verliebt sich schnell, besonders in Frauen, bei denen er ein inneres, individuelles Leuchten entdeckt. Allerdings sind diese Jahre nicht nur lustvoll, sein Liebesleben fordert auch gesundheitlichen Tribut. Als junger und armer Schriftsteller zieht er insgesamt 21mal in den USA und in Paris um, mehrmals haust er in verwahrlosten Löchern. Eine frühe Ehe, sein erstes Kind hinterlassen Spuren, ebenso die baldige Scheidung. Erst als er seine zweite Frau kennenlernt, inzwischen ist er über dreißig, wird sein Leben etwas ruhiger. Sie kaufen gemeinsam ein Haus in Brooklyn, bekommen auch ein Kind, beide sind erfolgreiche Schriftsteller ohne große finanzielle Sorgen. Auster schreibt nicht über das erste graue Haar und die zunehmende Anzahl von Falten bei einem Mann „im besten Alter“. Ein neues Kapitel beginnt, als seine Eltern und Schwiegereltern krank werden und sterben. Gedanken über den Tod nehmen immer mehr Raum ein, er hat eine schlimme Panikattacke und muss danach Medikamente einnehmen, um nicht weiter darunter zu leiden. Er registriert bei sich geistige Veränderungen, die u.a. einen schweren Autounfall zur Folge haben, bei dem nur durch viel Glück nichts Schlimmes passiert. Körperlich machen sich Unpässlichkeiten bemerkbar. Auster gesteht diese seinem Körper zu, denn unzählige Aufgaben verrichtete er jahrzehntelang ohne großes Murren. Eine Zeit beginnt, in der Auster mehr denn je für ruhige, liebevolle und gesunde Augenblicke dankbar sein wird- der Winter. Besuchte Paul Auster früher auf der Frankfurter Buchmesse den Rowohlt Stand, war das Chaos vorprogrammiert dank vieler junger Buchhändlerinnen, die ihn umschwärmten, ich mittendrin. So las ich dieses Buch anfangs mit viel Interesse. Ein weltberühmter Schriftsteller stößt sich selbst vom Sockel. Er ist „nur“ ein Mensch mit Schwächen, Fehlern und Verletzungen, der weiß, dass er jetzt alt ist. Seine Schilderungen sind dabei nicht nur eine Aneinanderreihung von Körpergeschichten, sondern sie erzählen auch lebendig von einem Leben in den USA nach dem 2.Weltkrieg. Aus meinem Interesse wurde beim Lesen schließlich Faszination, denn seine Körpererinnerungen ließen mich auch über meinen Körper nachdenken. Was musste er mit mir alles aushalten? Meine eigenen alten Geschichten waren plötzlich wieder präsent. Ich werde sie aufschreiben, damit ich sie nicht endgültig verliere und auch als Mahnung an mich, öfter meinem Körper ein Dankeschön zu sagen.
P.S. Diesen Lesetipp bekam ich übrigens beim Lesen dieses Buches:
Die Protagonistin verschlingt Bücher und da fallen halt auch Lesetipps ab. Buchbesprechung siehe unten „Ein Tattoo zum 75. Geburtstag“.
P.S.2: Am Donnerstag gibt es einen Füße-Beine-Hüfte Beitrag.
Jhumpa Lahiri verliebt sich 1994 bei ihrem ersten Aufenthalt in Italien in die italienische Sprache. Damit beginnt für sie, wie sie selbst schreibt, ein bis heute andauerndes Abenteuer.
Die Autorin hat indische Wurzeln, ist aber in den USA aufgewachsen. Ihre Muttersprache ist Englisch und doch hat sie das Gefühl, dass die italiensche Sprache in ihr „schlummert“ und nur geweckt werden will. Sie beginnt damit, sich Lehrbücher zu kaufen, doch beim nächsten Aufenthalt in Italien, sechs Jahre später, merkt sie, dass das Wissen aus Büchern sie nicht sehr weit bringt, ihr fehlt die Sprachpraxis. Wieder zurück in der Heimat, engagiert sie in den nächsten Jahren drei Lehrerinnen, die sie wöchentlich trifft. Ihr Italienisch macht enorme Fortschritte, doch das reicht nicht, um Lahiris Streben nach einem perfekten Italienisch zu stillen. Inzwischen ist sie verheiratet, hat zwei Kinder und ist eine erfolgreiche Schriftstellerin. Sie zieht mit ihrer Familie mach Rom. Anfänglich noch immer mit einem Wörterbuch bewaffnet, ist sie nach ein paar Monaten endgültig in die Sprache eingetaucht und schreibt ihre erste Kurzgeschichte auf Italienisch. Diese Geschichte ist in dem Buch abgedruckt und besticht durch einen fokussierteren Schreibstil. Lahiri liest nur noch italienische Zeitungen und Bücher. Noch immer entdeckt sie täglich neue Wörter und Redewendung, reibt sich mit nicht nachlassendem Vergnügen an Wortverwechslungen und Sprachabsurditäten. Englisch wird ihr dabei zunehmend fremd, sie mag eine Zeitlang diese Sprache nicht mehr, was sie als Schriftstellerin immer mehr verunsichert und schon bald fühlt sie sich völlig entwurzelt. Nach drei Jahren muss sie 2014 Rom verlassen und kehrt in die USA zurück. Wird ihre grande amore überleben oder verblassen? Dieses Buch erschien 2015 zuerst in Italienisch, ein Jahr später in einer englisch-italienischen Fassung. 2018 kam Lahiris neues Buch „Wo ich mich finde“ heraus, auch dieses hat sie auf Italienisch geschrieben.
Diese Besprechung ordne ich auch in der Kategorie „Französischstunde“ ein, denn das Buch inspirierte mich, meine Versuche, mein Französisch aufzupolieren, auch als ein dauerndes Abenteuer anzusehen, bei dem man auch viel Spaß haben kann, wenn man sich mit der Sprache beschäftigt. Meine neusten französischen Lieblingsredewendungen sind z. Zt.:
Appeler un chat un chat- das Kind beim Namen nennen
étre fleur bleu- naiv sein
voir la vie en rose- optimistisch sein
Lahiris Schilderungen, wie sich das Verhältnis zu ihrer Muttersprache ändert und was das für sie als Schriftstellerin bedeutet, fand ich sehr interessant. Was ich mir noch in dem Buch gewünscht hätte: Ein Kapitel, in dem sie darüber schreibt, wie sie die anderen Familienmitglieder, die kein Italienisch sprachen, überzeugte, nach Rom zu ziehen, damit sie selbst ihre Lust am Italienischen noch mehr ausleben konnte.
Um Sie auf die Buchbesprechung einzustimmen, vorab noch zwei Bilder aus dem Steinskulpturenpark, über den ich vorgestern geschrieben habe. So viele Bücher hatte ich in diesem Urlaub nicht mit…
Nur jemand, der an Abibliophobie (= die fürchterliche und lähmende Angst, dass der Lesestoff ausgeht) leidet, würde so einen Stapel mitnehmen:
Sind die verschiedenen Steinarten nicht herrlich?
Meine Urlaubslektüre hatte nichts mit Kunst zu tun, sondern war ein Hohelied auf den Optimismus.
Kurz vor ihrem 75. Geburtstag stürzt Morayo da Silva in ihrer Wohnung und bricht sich eine Hüfte. Sie kommt zuerst ins Krankenhaus, danach in die Reha. Dort hat sie viel Zeit, sich an ihr früheres Leben zu erinnern. Sie war in jungen Jahren die Frau eines nigerianischen Diplomaten, die von der Welt viel sah und ein luxuriöses Leben führte. Doch irgendwann hatte sie genug von der Treulosigkeit ihres Mannes und wollte nicht mehr länger die Rolle der Vorzeigefrau spielen. Sie verlässt ihn und wird Literaturprofessorin. Viele glückliche Jahre folgten. Seit vielen Jahren lebt sie jetzt schon alleine und sehnt sich öfter nach ihrem Heimatland Nigeria zurück. Doch lässt sich Morayo von diesen manchmal traurigen Momenten nicht unterkriegen, denn sie ist eine wahre Lebenskünstlerin. Sie fährt beispielsweise noch ein schickes Sportcoupé mit dem Namen „Buttercup“, will auch zum anstehenden Geburtstag wieder etwas Neues ausprobieren, dieses Mal soll es das Tattoostechen sein, und knüpft immer wieder neue Bekanntschaften. So lernt sie in der Reha auch Reggie kennen. Er besucht jeden Tag seine demente Frau und Morayo und Reggie schwimmen bald auf der selben Wellenlänge. Als Morayo entlassen wird, ist sie voller Lebensfreude und Neugierde auf das, was die Zukunft noch für sie bereit hält. Morayos Geschichte wird nicht nur von ihr selbst erzählt, sondern es kommen auch Freunde, Nachbarn und ihr Ex-Ehemann zu Wort. Deren Beziehungen zu Morayo zeigen noch einmal andere Wesenszüge dieser tollen Frau und ich wünschte mir, zum Bekanntenkreis Morayos zu gehören.
Reisebeschränkungen hin oder her, mit diesem „Reiseführer des Zufalls“ sind sie für alle Eventualitäten gut gerüstet, sogar wenn Sie zuhause bleiben und unbekannte Stadtteile Ihrer Heimatstadt erkunden. Das Buch besteht aus vier Teilen.
Das Abcdarium macht den Anfang:
Kurze Essays zu den Themen „Alltag“, „Das Banale“, „Experimente“, „Serendipität“, „Erwartungen“und „Zufall“ ergänzen das ABC.
Und dann geht es los mit Stadtexperimenten
und vielen ungewöhnlichen Vorschlägen, was man in einer Stadt tun kann, wenn Sehenswürdigkeiten und Museen schon bekannt oder mal nicht von Interesse sind. Beispiele: Was sehen Sie, was alles blau ist? Kaufen Sie sich das hässlichste Souvenir der Stadt und verschenken es freudestrahlend weiter. Was gibt es kostenlos in dieser Stadt?
Dazu kommen Tipps, wie man auch einmal anders fotografieren kann. (z.B. das Handy/ den Fotoapparat immer nur vor den Bauch halten).
Die ersten Bauchfotos mit und ohne Bearbeitung
Abgerundet wird alles durch diverse Fragen nach der eigenen Befindlichkeit, während man mit dem Reiseführer des Zufalls eine Stadt kennenlernt. Welche Geräusche hört man? Würden Sie in dieser Stadt gerne wohnen? Haben Sie etwas entdeckt, das Sie noch nicht kannten? Was könnte man in der Stadt verbessern? Das Buch bringt einen dazu, sich mit dem Gesehenen und Erlebten ausführlich auseinander zu setzen und gibt viele Denkanstöße. Ich habe mir in ein leeres Notizbuch diverse Fragen und Ideen aufgeschrieben und freue mich schon auf meinen ersten „Zufallspaziergang“ im November. Erst flanieren und dann in einem Café das Notizbuch mit hoffentlich vielen Eindrücken füllen, so ist der Plan.
Moth und Raynor Winn sind ein Ehepaar Mitte 50 aus Wales, das den West Coast Path (1014 km) fast komplett erwandert. Der Grund: Sie beide besitzen nichts mehr und müssen von 48 Pfund (ca. 53 Euro) staatlicher Unterstützung pro Woche leben. Wegen eines unrechtmäßigen aber endgültigen Gerichtsurteils wurde ihre Farm komplett gepfändet, sie haben kein Zuhause mehr. Ihre Kinder sind Studenten mit wenig Geld, Freunden wollen sie nicht zur Last fallen, während sie auf die Zuteilung einer Sozialwohnung warten. Moth und Raynor hoffen, dass die Wanderung ihnen helfen wird, den Schock über den Verlust zu überwinden, den Kopf klar zu bekommen und neue Perspektiven zu gewinnen. Abgesehen von dem wenigen Geld, das sie bekommen, ist die unheilbare Krankheit von Moth ein weiteres Damoklesschwert, das über dem Paar hängt. Oft kann Moth wegen seiner Schmerzen nicht laufen. Das Alter der beiden macht das Wandern bei großer Hitze, das Übernachten auf Beton, kaum geschützt von ihrem Zelt, und die unterschätzten Steigerungen des Küstenwegs nicht leichter. Doch die beiden geben nicht auf und lernen die Vorzüge des völligen Ungebundenseins und des Lebens in der Natur kennen. Die Menschen, denen das Paar begegnet, sind zumeist freundlich, aufgeschlossen und auch hilfsbereit, so dass am Ende der Geschichte ein Neuanfang in Cornwall in Aussicht steht.
Ich fand das Buch manchmal etwas langatmig, auch störten mich einige Details. Aber das sind nur Kleinigkeiten. Was dieses Ehepaar körperlich, aber vor allen Dingen mental geleistet hat, machte mich beim Lesen oftmals sprachlos.
Ein Hobo ist ein nordamerikanischerWanderarbeiter. Hobos sind meist heimatlos und nutzen Güterzüge, um durchs Land zu reisen und sich hier und dort mit kleineren Tätigkeiten etwas zu verdienen.
Die Blütezeit der Hobos war das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert. In wirtschaftlichen Krisenzeiten, nach Kriegen und besonders zur Zeit der Großen Depression nahm ihre Zahl stark zu. In Britt (Iowa) gibt es den einzigen Hobo-Friedhof und ein Hobo-Museum
2017 fährt Fredy Gareis nach Britt (Ihn kennen Sie schon von der Buchbesprechung „Vier Räder, Küche, Bad“ von vor zwei Wochen-siehe auch unten), um sich mit Hobos anzufreunden. Einmal im Jahr gibt es in der Stadt ein großes Hobotreffen und die Chancen, einen Hobo zu finden, der ihn bei einer Eisenbahnfahrt mitnimmt, sind hier am besten. Gareis will über das Leben der Hobos in den heutigen USA schreiben. Nach dreieinhalb Monaten hat er sehr viele Eindrücke gesammelt und es entsteht dieses Buch:
Zuerst ist es Tuck, der sich Gareis annimmt und mit ihm „auf Fahrt“ geht. In besseren Händen kann der Autor nicht sein, denn Tuck ist ein berühmter Hoboveteran, der eigentlich schon sesshaft geworden ist, aber für das deutsche Greenhorn noch einmal „einen Ritt macht“. Er verrät ihm Grundwissen und erste Tricks. Was muss ein Hobo unbedingt in seinem Rucksack haben, wie erkennt man, ob sich ein Zug für eine Fahrt eignet, um mit ihm „Strecke zu machen“? In welchen Wagons ist es am komfortabelsten? Wo wartet man am besten (im „Dschungel“) auf den Zug und entgeht den Bahnhofssicherheitsleuten und der örtlichen Polizei? Hobos kommen durch viele kleine Städte mit nur einer Hautstraße und dort passen Hobos für Polizisten nicht ins Straßenbild. Während die beiden unterwegs sind, erzählt Tuck viele Geschichten über andere Hobos. Man liest von Legenden und in der Mitte des Buches werden einige in einem Fototeil vorgestellt. (Und es gibt dort auch Fotos vom Autor, wie er sich immer mehr zu einem Hobo verwandelt).
Shoestring, Mitte vierzig und Kriegsveteran, ist der zweite Mentor von Fredy Gareis. Auf dem Ritt der beiden erfährt man mehr über die Schattenseiten des Hobolebens und der heutigen USA. Shoestrings leidet oft unter Schmerzen, hat deswegen Alkohol- und Drogenprobleme, saß auch schon im Gefängnis. Er bekommt eine kleine staatliche Unterstützung, die aber nicht zum Leben reicht und ist darauf angewiesen, dass Leute ihm Geld geben, wenn er mit seinem Veteranenschild vor Supermärkten oder an Tankstellen steht. Er wird von Vorbeigehenden beschimpft, dass er nicht arbeitet, immer seltener findet er Unterstützung. Die USA sind inzwischen ein Land, in dem die Intoleranz in der Bevölkerung steigt und immer mehr Menschen, quer durch alle Schichten, sich zudröhnen, weil sie den Alltag nicht mehr ertragen. In dem Buch erzählt Gareis beispielhaft von „Der Insel“, einem Ort, zu dem drogenabhängige Menschen kommen, um dann in Müll und Fäkalien vor sich hinzuvegetieren. Kaum zu glauben, wenn man es liest.
Das Buch hat mein Bild von Hobos, das bisher durch eine alte Fernsehdokumentation geprägt war, doch sehr verändert. Dem unwiderstehlichen Duft der Freiheit steht mehr denn je der tägliche Überlebenskampf gegenüber, den diese Männer und ein paar wenige Frauen führen. Irritiert war ich darüber, wie sehr facebook & Co bei Hobos eine Rolle spielen. Sie möchten Shoestring einmal kennenlernen? Es gibt momentan 318 Videos über und von ihm auf YouTube.
Passt meiner Meinung nicht dazu, wenn man als Hobo von sich behauptet, um alles, was in der Gesellschaft üblich ist, einen großen Bogen zu machen. Ist dann das Hobosein nicht nur noch eine Rolle, die gespielt wird?
In meinem Leben spielen Postkarten zeitweise eine besondere Rolle. Als Achtjährige gab ich z. B mein ganzes Taschengeld für 3D-Postkarten aus, die ganz neu auf dem Markt waren. Ich war ganz verrückt danach! In meiner Buchhandlung gab es dann über mehrere Jahre hinweg in jedem verkauften Buch monatlich eine andere Postkarte als Lesezeichen und 2013 startete ich das Projekt „1000 Postkartenunikate“. Die Liebe zu Postkarten ließ mich im Laufe der Zeit auch einige Bücher zu diesem Thema kaufen und heute möchte ich Ihnen einen Titel vorstellen. Aber zuvor noch eine Einstimmung. Diese Postkarten habe ich in den letzten Wochen gestaltet:
Oben rechts „Treffen der Zauberfeen in Viersen“, darunter „Viele Pünktchen und vier Antons“ Oben links unterhalten sich Gertrude Stein und Marcel Duchamp über Rosen, darunter eine Auswahl an Jeanstaschen.
Rechts eine Winterszene vom Marktplatz in Roermond, Mitte Szene in einem Pariser Café, links Graffiti in Lissabon
Und um dieses Buch dreht es sich heute:
127 Postkarten hat der Autor Jurek Becker vom Sommer 1992 bis kurz vor seinem Tod im Frühjahr 1997 an seinen Sohn Jonathan, genannt Johnny, geschrieben. Johnny konnte in dieser Zeit noch nicht lesen und so war auch Mutter Christine als Vorleserin involviert. Das Buch, es ist vielleicht eher ein Bildband, zeigt die einzelnen Postkarten mit ihren Vorder-und Rückseiten. Die Motive der Postkarten sind vielfältig. Barbarpapa und Batman sind Helden für Johnny, also bekommt er mehrere Karten mit Szenen aus Filmen. Der kleine Junge ist großer Traktor-und Lokomotivenfan, auch hier bedient sein Vater Johnnys Vorlieben. Es gibt aber auch ganz andere Postkarten, z.B. Kunstpostkarten von Miro, Picasso oder Kandinsky. Da Becker seinem Sohn aus der ganzen Welt kleine Grüße schickt (z.B. aus Indien, Peru, Irland, USA oder Polen) sind auch Fotokarten mit lustigen Szenen oder Karten mit z.T. ungewöhnlichen Abbildungen dabei. Ich habe schon lange nicht mehr ein Buch gelesen, das so viel Herzenswärme ausstrahlt. Becker liebt seinen Sohn abgöttisch und vermisst ihn sehr auf seinen Reisen oder wenn er sich in das Haus in Siseby zurückgezogen hat, um an einem neuen Buch zu schreiben. Diese Liebe spürt man beim Lesen immer wieder. Doch die Texte der Postkarten zeigen auch, wie sehr Becker an dem Leben seines Sohnes teilnimmt und er als Vater aus der Ferne versucht, seinen Sohn positiv zu beeinflussen. Oft stellt er Johnny Fragen zu den Postkartenmotiven und möchten ihn zum Nachdenken anregen. Er erzählt seinem Sohn aber auch von Fehlern, die er selbst als Erwachsener gemacht hat und zeigt sich so als jemand, der keineswegs perfekt ist. Ja und dann ist da noch Beckers große Gabe, die Fantasie seines Sohnes anzuregen. Johnny liebt alles, was ein großer Quatsch ist und lacht für sein Leben gerne. Sein Vater gibt ihm deshalb konsequent sehr phantasievolle Kosenamen, wie z.b. Aprikosenei, Kugelblitz oder Mauseloch. Er erzählt auf den Karten kurze augenscheinlich abstruse Geschichten und Johnny ist entzückt. Allerdings versucht Becker auch in diesen Geschichten, seinem Sohn etwas zu vermitteln. So soll Johnny mehr Obst und Gemüse essen, auf den Karten tauchen dann z.B. Orangensaft oder Äpfel als Protagonisten der Geschichten auf.
Dieses Buch ist für mich auch eine „Ode an die Postkarte“. Man sollte Postkarten nicht nur im Urlaub verschicken, sondern viel häufiger auch mal zwischendurch. Sie sind in der heutigen Mail- und WhatsApp-Zeit ein kurzes „Ich denk an dich“, aber viel persönlicher und individueller.
Im Fernsehen sah ich vor ein paar Wochen, dass die Schauspielerin Caroline Peters (Mord mit Aussicht, im August die Buhlschaft im Jedermann in Salzburg) zusammen mit ihrem Mann einen Postkartenverlag ( „Art Postal“mit zeitweiligem Ladenlokalen) in Wien gegründet hat, weil sie damit auch zum Erhalt der Postkartentradition beitragen möchte. Sehr sympathisch.
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Ich hatte am Montag erwähnt, dass ich letzte Woche Urlaub in Ostfriesland gemacht habe. Dieses Mal folgen keine Reisetipps, da wir sehr faul waren, aber wer Lust hat, kann am Samstag überprüfen, wie gut er sich in Ostfriesland auskennt.
„Willkommen mein Herr, schön, dass Sie uns beehren! Genießen Sie unseren Garten zur blauen Stunde! Der Eintritt ist frei. Sie können Äpfel pflücken, Beeren sammeln, an jeder Blume riechen und sich an ihrem Duft ergötzen, fotografieren, telefonieren, sich überall ausruhen, nur eins dürfen Sie nicht: Setzen Sie sich nicht auf den Zeitstuhl! Tun Sie es trotz meiner Warnung, kann ich Ihnen nicht versprechen, dass Sie Ihre Lieben wiedersehen!“ Der Mann nickte ohne ein Wort zu sagen. “Unser Personal steht Ihnen jederzeit zur Verfügung. Wenn Sie Fragen haben, scheuen Sie nicht, es anzusprechen.“
Hortus gehörte mit zum Personal. Er wedelte freundlich mit dem Schwanz, sagte aber nichts.
Ich wünsche Ihnen nun einen verzauberten Aufenthalt, genießen Sie die Stille und das Licht. Fangen Sie Ihren Rundgang am besten gegen den Uhrzeigersinn an und gehen Sie dort durch das Tor. Die erste Station wird der See sein. Sollten Sie das Gefühl einer Berührung haben, fürchten Sie sich nicht. Es sind die verspielten Seefeechen, die sich einen kleinen Spaß erlauben. Bitte entschuldigen Sie, dass ich soviel rede, aber es verirrt sich sehr selten jemand in unseren Garten und ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal jemand zur blauen Stunde bei uns war.“
Der Mann bedankte sich bei dem Fisch und ging, wie empfohlen, durch das Tor.
Nach ein paar Schritten sah er diesen Stein, doch er konnte die Inschrift nicht entziffern.
Am See kam der Mann an einem Boot vorbei, auf dem ein Buch lag. Der Umschlag war verwittert, die Seiten wellig, doch es sah so aus, als hätte gerade noch jemand in dem Buch gelesen.
Neben dem Boot stand eine Bank, auf die er sich setzte. Über den See flogen ein paar Libellen, merkwürdig vibrierte die Luft.
Anscheinend waren auch viele Seefeechen unterwegs. Erst kitzelte etwas an der Wange des Mannes, dann spürte er eine leichte Berührung auf seiner rechten Hand. Er lächelte.
Nach einer Weile stand er auf und ging weiter. Niemand war gekommen, um das Buch zu holen. Links am Weg ragte das Zepter des Königs Majutan II in den Himmel, ein kleines Schild am Boden machte darauf aufmerksam.
Eine Steinmöwe näherte sich diensteifrig und erzählte dem Mann mit krächzender Stimme:
„Der Garten war früher ein Teil eines Parks, der zum Schloss von König Majutan II gehörte. Hierhin zog sich der König zurück, wenn er müde vom Regieren war. Er las, hörte den Vögeln beim Singen zu oder ließ sich von der Hofechse unterhalten. Dann geschah ein Unglück. Eines Tages kehrte der König aus dem Park nicht in sein Schloss zurück und man hat ihn nie wiedergesehen. Da König Majutan II keine Nachkommen hatte, verfielen Schloss und Park und nur wir erinnern uns noch an den König. Sein Zepter konnten wir noch retten und diesen Baldachin des Sommerhauses.“
„Wenn Sie weitergehen, werden Sie bei Guaya und Genio vorbeikommen. Guaya weint immer noch um den König, Genio ist ein harmloser Baumgeist und brabbelt den ganzen Tag vor sich hin, kümmern Sie sich nicht um die beiden.“
Der Mann setzte seinen Weg fort. Blumen, die er noch nie zuvor gesehen hatte, verströmten einen betörenden Duft.
Dann hörte er das leise Weinen. Es war herzzerreißend.
Guaya sah nicht auf, der Mann ging an ihr vorbei. Es fiel ihm schwer, sie nicht anzusprechen.
Genio brabbelte tatsächlich ohne Pause
Unterwegs pflückte der Mann einen Apfel und biss hinein. Hatte er jemals einen so süßen und saftigen Apfel gegessen?
Der Rundweg durch den Garten war länger als der Mann erwartet hatte. Er merkte, dass er müde wurde, vielleicht sollte er noch einmal eine kleine Pause machen, dort stand ja ein Stuhl. Er war etwas verrostet und sah wackelig aus, aber er wollte sich ja auch nur kurz ausruhen.
„SETZEN SIE SICH NICHT HIN!“, warnte ihn die Hofechse.
„Entschuldigen Sie, ist mein Mann eventuell hier vorbeigekommen?“ Eine junge Frau sah den Fisch fragend an. „ Wir verbringen hier in der Nähe unseren Urlaub und wohnen in dem kleinen roten Ferienhaus, vielleicht kennen Sie es ja. Mein Mann wollte sich ein bisschen die Füße vertreten und einen Spaziergang machen, aber ist immer noch nicht zurück. Jetzt ist es schon fast dunkel, ich mache mir Sorgen. Haben Sie ihn gesehen?“
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Dieser Garten gehörte zu unserem Ferienhaus in Ostfriesland. Jeden Tag, wenn ich in ihm umherlief, fiel mir eine andere Geschichte ein. Eine wollte ich wenigstens aufschreiben.
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