Wer keine Zeit für Buchschinken hat

Für entspannte Sommerstunden empfehle ich diese drei Bücher, nicht zu kurz, aber auch keine dicken Schinken.

Letzte Woche erschien der erste Band einer neuen Krimireihe:

Mein erster Eindruck: Maigret ermittelt in East Anglia, genauer gesagt in Norfolk. Mein zweiter Eindruck: Nein, D.C. Smith ist doch etwas smarter als Maigret. Aber besonnen und abgeklärt sind beide und das fand ich erfrischend gegenüber den vielen anderen Krimihelden, die diverse persönliche Krisen nebenbei noch bewältigen müssen. Dass ein Krimi ohne blutigen Mord auskommt, gefiel mir ebenfalls. Bei der Untersuchung eines Badeunfalls geraten D.C. Smith und sein junger Assistent Waters in eine Geschichte hinein, deren Beginn sie im Krieg zwischen Bosnien und Serbien finden. Smith und Waters ergänzen sich bei den Ermittlungen gut, denn sie schweigen an den richtigen Stellen oder bieten sich einen dezenten humorvollen Schlagabtausch.
Der Autor Peter Grainger unterrichtete ca. dreißig Jahre Englisch und Literatur und sein Hobby war das Schreiben von Kriminalromanen, die er selbst veröffentlichte. Jetzt haben namhafte Verlage in verschiedenen Ländern ihn entdeckt- zum Glück! Ich freue mich schon auf Band 2.

Wer eine Portion Japanfeeling braucht, sei es als Vorbereitung auf eine Reise oder als Nostalgie auf eine vergangenen Aufenthalt, sollte sich dieses Buch gönnen. Die Autorin hat ihre Kindheit in Japan verbracht und kehrt zusammen mit einer Freundin nach vielen Jahren nach Japan zurück. Wenn Nothomb das changierende Grün der Seidenbluse einer Japanerin oder einen verärgerten Empfangschef im Hotel beschreibt oder über einen schamhaften Gang auf eine öffentliche Toilette berichtet, dann ist das feinster Lesegenuss. Das Treffen dreier Französinnen ganz unterschiedlicher Mentalität in Tokio und die Momente des Genusses beim Essen japanischer Gerichte sind weitere Höhepunkte.
Und zwischendurch immer wieder so kluge Sätze, die sammelwürdig sind.
Ich wünsche Amélie Nothomb sehr, dass sie nach Japan doch wieder zurückkehrt und sie uns erneut mitnimmt!

Als Alice von ihrem Mann Damien mitgeteilt bekommt, dass er sich von ihr und der gemeinsamen Tochter Romana trennen möchte, weil er vom Leben mehr erwartet, ist Alice geschockt und bittet Damien, für ein paar Tage nach Korsika fahren zu dürfen, um einen klaren Kopf zu bekommen.
Die Beziehung zwischen Alice und Damien war von Anfang von beidseitigen Wutausbrüchen geprägt, die wohl aber wie das Salz in der Suppe in der Ehe wirkten. Als ihre Tochter geboren wird, zieht Harmonie mit ins Haus. Alice fühlt sich plötzlich geborgen und liebt Damien als starken Mann an ihrer Seite mehr denn je, während Damien das Familienleben schnell langweilig fand.
Zurück aus Korsika, meldet sich Alice nicht bei ihrer Familie. Sie weiß nicht, wie sie mit der neuen Situation umgehen soll und fühlt sich wie ein verletztes Tier. Alice zieht in eine kleine möblierte Wohnung und geht jeden Tag mechanisch zu ihrer Arbeitsstelle. Abends und nachts versinkt sie in einem Sumpf von trüben Gedanken. Erst als sie Siham, eine junge Frau aus dem Miethaus zufällig kennen lernt, ändert sich ganz langsam ihr Leben. Alice findet anfangs Halt in der Beziehung zu der starken Siham, doch dann verändert sich die Situation. Auch Siham hat drängende Probleme, sie ist von einer Zwangsheirat bedroht. Kann Alice ihr helfen?

Bretagne 9- Anreise in die Bretagne und die Rückreise

Von Duisburg aus sind es fast 1000 Kilometer, bis man die Außengrenzen der Bretagne erreicht hat. Auf der Hinfahrt legten wir deshalb einen Zwischenstopp in Amiens ein. Wir hatten uns bei einem früheren Aufenthalt schon die Kathedrale angesehen, dieses Mal wollten wir mit einem Boot durch „Les Hortillonnages“ fahren. Ehemalig 10000 ha sind, heute von diesen landwirtschaftlich genutzten alten Kanalgärten nur noch 300 ha übrig.


Leider regnete es heftig, was die Aussichten auf die Gärten einschränkte. Der Bootsführer erzählte uns von der Geschichte dieser großen Anlage aus dem 15. Jahrhundert, wie sich die Nutzung in den letzten Jahrzehnten verändert hat und wie die Zukunftsaussichten der Gärten sind. Gehörten früher die Gärten der Gemeinde und waren das Hauptstandbein für die Versorgung der Einwohner von Amiens, sind heute die meisten Grundstücke in Privatbesitz. Das hat z.T. die Auswirkung, dass sich die Gärten in eine Disney – Schrebergartensiedlung mit Kanälen umwandeln, in der Besitzer mit Figürchen oder humorvollen Installationen um die Aufmerksamkeit der Bootsgäste buhlen.

Wegen des schlechten Wetters verzichteten wir in Amiens auf einen Stadtbummel und besuchten noch das Wohnhaus von Jules Verne, das zu einem Museum umgewandelt wurde. Das lohnt sich. Das Ensemble der Ausstellungsstücke ließ abenteuerliche Aufbruchstimmung aufkommen.

Auf der Rückfahrt machten wir einen Schwenker ins Loiretal, um dort Freunde zu besuchen. Unterwegs übernachteten wir zweimal in La Rochelle. Was für eine Entdeckung! Über diese Stadt schreibe ich extra im nächsten Beitrag.

Von La Rochelle aus fuhren wir an die Loire nach Richelieu. Früher bot dieses Örtchen eine Vielzahl von exklusiven Geschäften an, von denen heute kaum noch eins existiert. Sehenswert ist der Park, der zu einem Schloss gehörte, das größer als Versailles war. Besitzer war ….Richelieu!

Am nächsten Tag übernachteten wir in bei einer Freundin. Sie schlug „ 42 auf einen Streich“ vor, sprich, eine Modellanlage von 42 bekannten Loireschlössern. Ich war zuerst etwas skeptisch, aber auf einem 1,5, km langen Rundweg sich so komprimiert einmal Loireschlösser im Maßstab 1:25 anzusehen und ihre verschiedenen Bauweisen zu vergleichen, hat mich überzeugt.

Wir wollten danach natürlich noch ein Loireschloss „in Echt“ sehen und entschieden uns für das „Château Montpoupon“. Eine gute Wahl, denn es liegt, ca 15 km von Chenonceau entfernt, etwas abseits und gehört nicht zu den Schlössern, die man sich z.Zt. als Tourist ansehen muss.

Das Schloss wurde im 15. Jahrhundert erbaut, das heutige Erscheinungsbild resultiert weitgehend von den Umbauten im 20. Jahrhundert durch die Familie La Motte Saint-Pierre, die heute noch in dem rechten Turm wohnt.
Die zur Besichtigung freigegebenen Räume haben teilweise einen sehr intimen Charakter. Die Tante des heutigen Eigentümers, Suzanne La Motte Saint-Pierre, lebte hier eine lange Zeit und man sieht beispielsweise noch ihr Kinderzimmer (unten links). Bis zum Ende des Jahrtausends tat sie viel, um das Schloss und die Ländereien zu erhalten und gründete sogar ein eigenes Museum.

Zuletzt machten wir noch einen Abstecher nach Chédigny, dem Rosendorf schlechthin. Hier stand das Rosenfest vor der Tür und die Blumen verwandelten das Dörfchen in eine grandiose Duftwolke.

Wer eine Duftpause einlegen wollte, konnte mehrere Ateliers besichtigen.

Besonders gut gefiel mir das „Atelier Alain Plouvier“.

Eine Aah und Ooh Gärtnerei

Letzte Woche war ich zum ersten Mal in der Gärtnerei „Gartenwert, Staudenkulturen Wischmann“ in Oberhausen. Sie befindet sich etwas versteckt am Ende einer Sackgasse (Küperstraße).
Man kann seinen Wagen auf dem Gelände direkt parken, hat es also nicht weit, wenn man seine Einkäufe verstauen möchte.
Der erste Eindruck entlockte mir ein „Aah“, denn die Lage der Gärtnerei ist außergewöhnlich. Dies sind ihre Ausblicke:

Die Emscher und ein Damm, der „Kuhweg“ heißt, liegen zwischen der Gärtnerei und den Industrieanlangen.

Das „Ooh“ kam dann mehrmals beim Flanieren durch die einzelnen Angebotsbereiche. Auf dem ganzen Gelände spürte man große pflegerische Sorgfalt gegenüber den Pflanzen und konnte schöne Eindrücke sammeln.

Oben rechts: Die wilde Karde, eine meiner Lieblingspflanzen: Sehr bienen- und insektenfreundlich nicht nur wegen ihrer Blüte, sondern weil sich an den Schnittstellen von Stängel und Blättern auch Regenwasser sammelt und sie damit zur Tränke wird. Im Winter ist die Pflanze dann gerne ein „Hot Spot“ für den Stieglitz, der ihre Samen liebt.

Im vorderen Bereich in der Nähe des Eingangs findet man eine Pflanzenauswahl in Hüfthöhe zu verschiedenen Themen, wie beispielsweise „Prachtstauden“, „Steingarten“, „Schattenpflanzen“ oder „Kräuter“. Es stehen kleine Wagen bereit, um seine Käufe zu transportieren.
Geht man weiter, findet man diese und weitere Themen ebenerdig noch einmal und kann noch andere Pflanzen entdecken. Zu jeder Pflanzenart steht ein kleiner Topf bereit, in dem sich eine Anzahl von passenden Schildern mit Namen und kurzem Pflanzenporträt befinden. Kauft man eine Pflanze, kann man sich ein Schild mitnehmen.
Im hinteren Bereich gibt es eine Spielecke für Kinder und Sitzgelegenheiten sowie einen Kräutergarten. Hier duftete es ganz wunderbar.

Unten rechts: Ein Beispiel für eine Pflanze, die ich in anderen Gärtnereien bisher noch nie gesehen habe: Oregano „Herrenhausen“. Duftiges Erscheinungsbild, duftende Blüten.

Was mich weiterhin erfreute war der große Bereich für „einheimische Pflanzen“. Hier fand ich z.B. die Lichtnelke oder die Braunelle. Auch das deutlich sichtbare Engagement für Bienen und andere Insekten nahm mich für diese Gärtnerei ein und es wäre schön, wenn andere Gärtnereien diesem Beispiel noch mehr folgen würden.
Wer mehr Informationen zu dieser Gärtnerei sucht:

https://gartenwert.de

Ich war ca. eine Stunde in der Gärtnerei. Hatte ich Fragen, wurden diese sehr freundlich und kompetent beantwortet. Meinen nächsten Besuch werde ich mit einer kleinen Auszeit im Wunschcafé ( https://wunsch.cafe/ ) verbinden, das in der Nähe liegt.

Bretagne 8 – Was Bretonen bewegt- in wenigen Worten

Vor einigen Monaten schrieb ich über meine Teilnahme an einem „Citizen Science“ Projekt der Universität Luxemburg. Die Universität erforscht Sprache im öffentlichen Raum und braucht den Input von vielen Freiwilligen, die Schilder, Aufkleber, Zettel, Graffiti usw. fotografieren und ihre Fotos danach der Universität zur Verfügung stellen. (Siehe auch unten der Beitrag „Spaziergang durch Sprachlandschaften-Nr. 2“).
Auch während der zwei Wochen in der Bretagne blieb ich nicht untätig. Besonders gerne sammelte ich die Bilder, weil ich auf der Karte der Uni sah, dass es in diesem Teil von Frankreich bisher kaum Meldungen gab.
Heute stelle ich Ihnen einige Fundstücke vor, da ich meine, über diese Art von Wortmeldungen auch eine Menge über die Bretagne und ihre Bewohner zu erfahren.

Beiträge zu der Durchsetzung der Unabhängigkeit der Bretagne und/oder der bretonischen Sprache habe ich oft gefunden und eine Reihe von gesellschaftspolitischen Aussagen.

Mitte unten: Der Buzuk ist eine regionale Währung.
Oben rechts: Eins von mehreren Aufklebern, die den Verkauf von Häusern an Nichteinheimische kritisieren. Dadurch stehen viel Häuser den größten Teil des Jahres leer.

Zahlreiche Plakate und Aufkleber riefen auch für mehr Rechte von Frauen und LSBTIQ+ Menschen auf.

Hier ein paar andere kritische Themen mein Eindruck ist, dass auf öffentlichen Schildern mehr an den Gemeinschaftssinn appelliert wird.

Links oben: Im Süden sollen riesige Wasserauffangbecken gebaut werden. Bei der Planung wird dabei auf schützenswerte Landschaftsteile zu wenig Rücksicht genommen.
Links unten: Im Fenster eines Privathauses fand ich diesen Aushang, der erklärt, warum 70 % der 301 Schmetterlingsarten in Frankreich bereits verschwunden sind.
Rechts daneben: Das Bemühen um Entsiegelung von Bürgersteigen war in einigen Städten deutlich wahrnehmbar.

Etwas wurde auch für das Geschichts-und Traditionsbewusstsein getan:

Am Ende habe ich noch ein bisschen Poesie und Philosophie für Sie:


Diese Schilder zu lesen und zu verstehen waren für mich auch eine schöne Übung, meine französischen Sprachkenntnisse zu erweitern.

Nächste Woche schreibe ich über unsere Anreise in die Bretagne (über Amiens) und unsere Rückreise ( über La Rochelle und das Loiretal)..

Bretagne 7 – Was macht die Bretagne aus?

In der südlichen Bretagne fielen uns in der Stadt Quimper zuerst die Restaurants und Cafés auf. Gefühlt wurde in jedem zweiten Ladenlokal etwas zum Essen angeboten, dazu kam noch eine große Markthalle. Auf diesem Bild sieht man unten beispielsweise einen kleinen Platz, auf dem gleich vier Crèperien um Kunden buhlten.


Die Kathedrale St. Corentin wurde in 600 Jahren gebaut (13.-19. Jahrhundert), so dass sich in ihr noch einige gotische Originalfenster befinden, die zu den ältesten in Frankreich gehören. Ein großer Brand 1762 zerstörte viel von Quimper, doch findet man immer noch einige sehr alte Fachwerkhäuser und Bauten aus der Renaissance. Das alles sahen wir uns mit Freude an, doch es war noch nicht der Höhepunkt von Quimper.

Rechts die Kathedrale, links oben ein Foto aus einer der alten Passagen, darunter zwei Bilder, die zwei der drei Flüsse zeigen, die durch Quimper fließen.

In Quimper hat man die Auswahl zwischen drei Museen, eins für die Kunst, ein anderes für Keramik und schließlich das dritte für bretonische Heimatgeschichte. Letzteres besuchten wir und waren hingerissen vom Gebäude, dem Umfang der Sammlung und der Schönheit handwerklicher Künste.

Das Museum ist im ehemaligen Bischofspalast aus dem 16. Jahrhundert untergebracht. Oben rechts werden beispielsweise Funde aus der Römerzeit präsentiert.
Diese Fotocollage kann Ihnen nur eine kleine Idee von der Pracht bretonischer Trachten übermitteln.
Es gibt auch eine Keramikabteilung. In der Mitte ein altes Relief aus einem Bahnhof, das drei zurückkehrende Fischer zeigt, darunter eine Musikergruppe, die zum bretonischen Festtag „ Jour de pardon“ aufspielt.
Besonders beeindruckte uns die Üppigkeit der Möbelabteilung, rechts unten „bretonischer Bauhausstil“.

Dieser Museumsbesuch schenkte uns schon einen tiefen Einblick in die „Seele der Bretagne“. Ein zweites Museum erweiterte noch unser Wissen.

In diesem Buch lese ich seit ein paar Jahren immer mal wieder ein paar Texte:

Georges Perros beschreibt darin Alltagsbeobachtungen und macht sich seine Gedanken dazu. Das ist manchmal keine leichte Lesekost, aber man soll sich ja Herausforderungen stellen und ich finde Perros als Autor sehr interessant.
Das ist der Grund, warum wir nach Douarnenez gefahren sind, da Perros hier lange gelebt hat. In den Hafenkneipen sprach er mit den Menschen und hörte sich ihre Geschichten an.

In unserem Reiseführer (Dumont Taschenbuch) wird Douarnenez nicht gerade euphorisch beschrieben, aber ich wollte zum Hafen Port Rhu, da es hier noch alte Kneipen gibt und auch eine Mediathek, die den Namen von Perros trägt und in der es eine Ausstellung über den Autor gibt.

Erst eine große Enttäuschung: Die Mediathek hatte geschlossen. Daneben aber, wie schon in Quimper, ein „Museumstrüffel“.
Tauchen Sie mit mir ein in die Welt der Seefahrt, des Karnevals und der exzellenten Schwarzweissfotografie! Das Museum „Port-Musée du Bâteau“ befindet sich in einer ehemaligen Konservenfabrik.

Boote aus allen Teilen der Welt kann man hier bestaunen.
Rechts: Maritime Szenen zeigen, wie das Leben früher aussah. Links: Wichtig für die Bretagne: Der Fang und die Verarbeitung von Sardinen!
Im Außengelände des Museums konnten wir uns diverse historische Schiffe ansehen.

Wenn Sie sich für Maritimes interessieren, habe ich zwischendurch noch einen Buchtipp für Sie:

Der Autor segelt zusammen mit zwei Freunden vom Norden der Bretagne aus Richtung Wales, danach von Irland nach Schottland, der Segeltörn endet auf den Orkney- bzw. Shetlandinsel. Wie er schreibt, ist es das Küstenband seiner Träume. Auf dieser Reise geht Tesson auch immer wieder an Land, um zu Fuß oder per Rad zur nächsten Anlegestelle zu kommen. Tesson ist auf der Suche nach Feen. Was sind für ihn Feen? Hier kommt er selbst zu Wort:

Sein Buch bietet bewegende Situationen, wenn er uns an seinen Naturempfindungen teilnehmen lässt. Als sehr belesener Mann zieht er immer wieder Gedichte und Zitate berühmter Dichter heran, um seine Gefühle zu beschreiben.

Aus Goethes Faust II

Aber er lässt in seinem Reisebericht auch immer wieder Humor aufblitzen, bzw. übt er auch gerne einmal Kritik, sei es unverhohlen oder dezent.


Aber zurück zu dem Museum. In Douarnenez schlägt auch ein Herz für den Karneval und das schon offiziell seit 1835. Er gilt als einer der ältesten der Bretagne und jedes Jahr werkeln und schneidern die Bewohner von Douarnenez originelle Figuren und Kostüm.

Links oben: Die bretonischen Kardashian-Schwestern

Neben den vielen Kostümen und Masken wurden auch Fotos gezeigt, die ein Beweis dafür waren, wie sehr diese alte Tradition die Bewohner zusammenschweißt. Besonders gut gefielen mir auch die zahlreichen alten Werbeplakate für den Karneval, „Les Gras“ genannt.

Und dann lernten wir noch den Fotografen Michel Thersiquel kennen. Er wurde in der Bretagne geboren, verbrachte einen Teil seines Lebens in anderen europäischen Ländern, bevor er wieder in seine Heimat zurückkehrte, um die Menschen und Landschaften in der Bretagne zu fotografieren. Das Museum kann auf ein Archiv von ca. 100000 Bildern zurückgreifen und es gibt jährlich wechselnde Ausstellungen. Als wir dort waren, wurden Schwarzweißfotos u.a. vom Karneval und Frauen in der bretonischen Tracht gezeigt.

Rechts unten: Links: Kleine Pause vom Karneval, rechts zwei Bücher, die ich mir als Erinnerung mitbrachte.

Die Menschen, ihre Handwerkskunst, die Seefahrt- mit dem Besuch dieser beiden Museen bekamen wir ein besserer Gefühl dafür, was die Bretagne ausmacht.
Nächste Woche kommt noch ein Aspekt dazu: Welche Themen bewegen Bretonen heute? Ich habe den Bretonen „nicht aufs Maul“ geschaut, aber auf ihre Schilder.

Das falsche Leben

Wer meinen Blog regelmäßig liest, hat heute evtl. den Beitrag Nr. 7 zum Thema Bretagne erwartet. Leider ist dieser nicht rechtzeitig fertig geworden- er wird ziemlich lang. Deshalb gibt es heute eine zweite Jugendbuchbesprechung.

Thomas lebt mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Michael in den 70er Jahren in Hannover. Sein Vater arbeitet bei der Preussag, die Mutter ist Hausfrau, Michael macht eine Lehre auf dem Bau und Thomas geht in die Oberstufe eines Gymnasiums. Alles ganz „normal“. Doch dann kommt eines Tages sein Vater nach Hause und treibt seine Familie an, die Koffer für eine längere Reise zu packen, denn der kranke Opa auf Usedom läge im Sterben und sie müssten sofort zu ihm fahren.
Usedom liegt in der DDR- wieso können sie sofort einreisen? Der Vater wiegelt ab, er hätte Beziehungen…
Auf Usedom angekommen, sieht die Familie, dass es dem Opa recht gut geht. Der Vater gerät in Edrklärungsnot und beginnt zu erzählen und von diesem Tag an ist in dem Leben der Familie nichts mehr „normal“: Der Vater hat als überzeugter Kommunist für die DDR über Jahre hinweg in der feindlichen BRD spioniert und ist jetzt mit zahlreichen anderen Agenten von einem Mitglied der DDR-Staatssicherheit verraten worden. Viele wurden verhaftet, er konnte flüchten.
Die Familie ist wie gelähmt, Michael ist der erste, der sich auflehnt, als zwei Mitarbeiter der Stasi bereit stehen, um sich um die Familie zu kümmern. Sie bekommt eine moderne Wohnung, die, oh Wunder, 1:1 mit dem Besitz aus der Wohnung in Hannover eingerichtet ist, und Michael wird ein Arbeitsplatz vermittelt, Thomas darf in die beste Oberschule gehen. Doch beide kommen nicht zurecht, werden von anderen geschnitten. Michael rebelliert noch mehr und man lässt ihn daraufhin in die BRD ausreisen, Thomas verlässt die Schule und beginnt eine KFZ-Lehre. Dort findet er einen Freund, der mit seiner positiven Einstellung das Leben von Thomas etwas verbessert. Doch das hält nicht lange an, denn der Vater ist inzwischen desillusioniert und versucht als letzten Ausweg, über die Ostsee in die BRD zurück zu flüchten. Der DDR-Grenzschutz greift ihn auf und verhaftet ihn. Auch seine Frau und Thomas kommen als Mitwisser ins Gefängnis. Thomas muss fünf Jahre durchhalten, dann wird er entlassen. Doch was wird jetzt aus ihm?

Dieses Buch bezieht sich auf eine wahre Geschichte und es ist großartig. Ich empfehle es in der Buchhandlung gerne Großeltern, die es gemeinsam mit ihren Enkeln lesen sollten. Dass es ein „DDR-Lexikon“ im hinteren Teil des Buches gibt, finde ich gut, allerdings sind die Erklärungen für 13, 14jährige meiner Meinung nach z.T. zu anspruchsvoll.
Ich hoffe, dass das Buch sich auch als Klassenlektüre durchsetzt, denn es ist insofern aktuell, zeigt es doch sehr klar, wie mit Menschen in einem nichtdemokratischen Staat umgegangen werden kann.

Kein Bild von mir

Es sind Ferien, doch Jip kann sie nicht richtig genießen. Im Zeichenunterricht haben sie die Aufgabe gestellt bekommen, ein Selbstporträt von sich anzufertigen. Eigentlich liebt Jip das Zeichnen, doch wie soll man sich darstellen, wenn im Kopf Gedanken, Gefühle und Beobachtungen ohne Pause herumschwirren und man völlig verunsichert ist?
Am liebsten verbringt Jip seine Zeit alleine auf einem abgezäunten Baugelände, wo die Natur Jip noch ein Versteck bietet, um in Ruhe Insekten zu beobachten und die Gedanken zu sortieren. Noch immer tut es weh, dass der jahrelange Schulfreund plötzlich die Freundschaft gekündigt und Jip damit verraten hat. Eine Aussprache gab es nie, da der Freund kurze Zeit später weggezogen ist. Dann ist da aber auch noch der neue Junge in der Klasse, an den Jip immer denken muss und der Jips Gefühlswelt ordentlich durcheinander bringt.
Als die Ferien vorbei sind, kann Jip zwar verschiedene Zeichnungen vorweisen, ein Selbstporträt ist nicht dabei. Die Lehrerin versucht zu helfen, doch erst als Jip und der neue Schüler sich außerhalb der Schule treffen, wird Jip langsam klar, was sie ist, bzw. was sie nicht ist und am Ende des Buches sehen wir Jips Selbstporträt.

Ein großartiges Jugendbuch (ab 12 J.)! Der Autor schafft es, Jips unsichere Gefühle, ob sie sich als Mädchen oder Junge fühlt, auf Leser/Leserin zu übertragen. Jips Beobachtungen sind wahre Schätze und das bezieht sich nicht nur auf das genaue Hinsehen bei Insekten, sondern auch auf das Miteinander ihrer Mitmenschen. Wie schön, dass das Buch schon einen Preis gewonnen hat!

Bretagne 6-Der Süden

Die zweite Hälfte unserer Ferien übernachteten wir in Concarneau. Eigentlich wollte ich dort nicht hin, denn ich befürchtete besonders viele deutsche „Krimipilger“, die sich die Stadt wegen der Krimiserie mit Kommissar Dupin von Jean-Luc Bannalec ansehen wollten.
Fun Fact zwischendurch: Dupin war nicht der erste Polizist, der in Concarneau für Recht und Ordnung sorgt. Bereits in den 60er Jahren ließ Georges Simenon in seinen Krimi „Der gelbe Hund“ seinen Kommissar Maigret in dieser Stadt ermitteln. Interessant zu lesen, war damals Concarneau doch eine sehr kleinbürgerliche Stadt ohne viel Abwechslung, die durch mehrere Morde erschüttert wird.

Es stellte sich heraus, dass Concarneau als Übernachtungsort eine gute Wahl war, denn abends, nachdem viele Tagestouristen abgereist waren, wurde es beschaulich. Die Lage des Ortes ist toll, man kann wunderbar am Meer spazieren gehen, die Auswahl der Restaurants lässt nichts zu wünschen übrig. Was mir besonders gut gefiel war die Tatsache, dass sich die touristischen Neppangebote und Souvenirläden hauptsächlich auf die Ile de Clos beschränkten, so dass die eigentliche Innenstadt den Einwohnern von Corcarneau gehört und sie dort ihre zum Alltagsleben benötigten Geschäfte finden.

Oben der Blick auf die Innenstadt von der Ile de Clos aus, darunter ein paar Schnappschüsse aus der Innenstadt.
Auf der Ile de Clos, einer Insel mit einer Festungsanlage.

Wir machten von Concarneau aus Tagesfahrten und diese führten uns u.a. nach Pont-Aven und Vannes.

Pont-Aven wirbt für sich als Künstlerstadt, da hier Gaugin und andere Kreative bereits im 19. Jahrhundert die malerischen Ecken als Motive für ihre Werke entdeckten. Es gibt heute zahlreiche Galerien in dem Städtchen.

Vannes beeindruckt durch seine Prachtbauten und alten Fachwerkhäuser.

Eine Stadt, die zum Bummeln einlädt oder auch zum Ausprobieren von Spezialitäten in der alten Markthalle. Wir ließen uns ohne Karte treiben und waren dann höchst erfreut, als wir plötzlich am Hafen standen. Hier ließen sich die 34 Grad (Mitte Mai!) besser aushalten.

Mehr um das Thema Landschaft ging es bei unserer Fahrt durch das „Pays Bigouden“. Hier war es auch deutlich frischer. Ein Ziel war der „Phare d‘Eckmühl“, auf den man bis nach oben steigen kann. Auch lässt sich gut am Meer spazieren gehen.

Ausführlicher gehe ich im nächsten Beitrag auf die Städte Quimper und Douarnenez ein, die für uns neben dem Gebiet des „Phare d‘Eckmühl“ die beiden schönsten Ausflügsziele waren.

Wer möchte nicht im Leben bleiben- und Klavier spielen

Die Autorin bekommt eines Tages eine Mappe überreicht, in der das Leben der jungen Christina von ihrem Vater dokumentiert wurde und Helene Bukowski nimmt dies zum Anlass, über das Leben von Christina zu schreiben, einer Pianistin, die mit 24 Jahren aus einem Fenster stürzte. Wie konnte es dazu kommen?
1961 wird Christina in der DDR geboren. Ihr Vater ist Opernsänger und widmet sich schon früh der musikalischen Ausbildung seiner Tochter. Sie zeigt Talent beim Klavierspielen und bekommt ab vier Jahren Klavierunterricht. Als der Vater wegen kritischer Äußerungen nicht mehr auftreten darf und sich mit einer ihm zugewiesenen Arbeit zufrieden geben muss, widmet er sich in seiner Freizeit intensiv Christinas „Karriere“. Er ist sehr streng, will für seine Tochter natürlich das Beste. Christina kennt nur das Üben, selbst in den Ferien organisiert der Vater Hauskonzerte oder ein Klavier am Urlaubsort. Christina gehorcht, doch mit der Pubertät erwacht eine andere Christina, die ausbrechen will, letztendlich aber von der „lieben“ Christina besiegt wird.
Ihre Mutter sieht die Überforderung, verhält sich aber zumeist passiv und versucht nur, ihrem Kind durch selbstgenähte hübsche Kleider und leckeres Essen ein bisschen Lebensfreude zu schenken. Im Laufe der nächsten Jahre kommt Christina zuerst an ein Musikkonservatorium in Ost-Berlin, wo sie weiter gedrillt wird. Dann erhält sie wegen mehrerer gewonnenen Wettbewerbe ein Stipendium für die Moskauer Universität. Dort erkennt eine Professorin Christinas besonderes Talent, mit ihrem gefühlvollen Spielen eines Stückes eine neue Welt zu erschaffen und fördert sie. Der Abstand zu den Eltern tut Christina gut und die Moskauer Jahre sind die beste Zeit ihres Lebens.
Doch nach Ablauf des Stipendiums muss sie in die DDR zurück und dort wird individuelles Spielen nicht sehr geschätzt, es zählt nur der Erfolg bei internationalen Wettbewerben. Christina versucht, den Ansprüchen gerecht zu werden, doch die andere Christina lehnt sich innerlich immer häufiger auf. Gesundheitlich geht es ihr immer schlechter. Anfangs ignoriert sie ihre permanente Schlaflosigkeit und sie funktioniert nur noch. Doch dann ist es eines Tages zu viel…

Die Autorin hat Orte besucht, an denen Christina gelebt hat und mit Menschen gesprochen, die sie gekannt haben. Das Ergebnis ihrer Recherchen ist ein Buch, das für den Leipziger Buchpreis nominiert wurde und den Preis verdient hätte.
Die Schriftstellerin schlüpft mit in die Geschichte, was dazu führt, dass sie mit Christina ab und zu spricht, ihren eigenen Lebensweg mit dem von Christina vergleicht oder ihr manchmal eine schönere Kindheit und Jugend schenkt, als Christina sie höchstwahrscheinlich gehabt hat. Der Erzählton ist dabei so liebevoll, dass das Buch beim Lesen sehr bewegt und man ganz nah Situationen miterlebt.

Bretagne 5: Die Stadt Brest


Auf der Fahrt vom Norden der Bretagne in den Süden legten wir einen Zwischenstopp in Brest ein. Die Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und in den 50er Jahren baute man schnell viele neue Wohnblocks. Die Kargheit dieser Nachkriegsbauten prägen heute noch das Stadtbild, Brest nennt sich freundlich „Die weiße Stadt“. Der erste Eindruck ist nicht sehr einladend, besonders bei Regen, den es in Brest öfter als in jeder anderen bretonischen Stadt gibt.

Oben: Das eine Ende der Einkaufsstraße mit dem Rathaus im Hintergrund. Unten: Ein ehemaliges Industriegebiet wird nach und nach umgestaltet- siehe unten!

In der Einkaufsstraße gibt es kaum die in Deutschland überall präsenten Ketten, keine Leerstände, stattdessen schöne Bekleidungsgeschäfte, die sich mit anderen Fachgeschäften, Cafés und Restaurants abwechselten. Die Straße verläuft zwischen dem Rathaus und der Hubbrücke, beides Wahrzeichen der Stadt.

Ein ebenso imposantes Gebäude ist die nahe gelegene Kirche St. Louis

Nachdem die ursprüngliche katholische Kirche aus dem 17. Jahrhundert im Zweiten Weltkrieg abgebrannt war, baute man von 1953 bis 1958 diese neue Kirche aus Beton, Granit und Stahl. Keine Ornamente mehr, die großartigen Fenster und wenige Holzfiguren sind der einzige Schmuck. Ich mag diesen Minimalismus sehr.

Möchte man sich mit der Geschichte der Stadt befassen, empfiehlt sich der Besuch des Schlosses. In ihm befindet sich auch das Maritimmuseum und man bekommt einen Eindruck, welche wichtige Rolle die Stadt seit der Römerzeit als strategischer Militärstützpunkt gespielt hat. Dies ist bis heute sichtbar, denn immer wieder trifft man auf Hinweisschilder, dass man vor einem militärischen Gelände steht, das nicht fotografiert werden darf.

Oben rechts eine Teilansicht des Schlosses, links daneben ein Ausbaggerschiff für den Fluss Penfeld. Links unten ein Ventilator für das Zwischendeck eines Schiffes, rechts daneben ein maritimer Kopfschmuck.

In der Innenstadt von Brest findet man nur wenige Grünanlagen. Etwas außerhalb liegt der Botanische Garten, dem wir auch einen kurzen Besuch abstatteten. Es werden hauptsächlich Pflanzen gezeigt, die im 18. und 19. Jahrhundert entdeckt wurden, als im Hafen von Brest auch große Seeexpeditionen starteten.

Komme ich zum Abschluss auf den Höhepunkt unserer fünfstündigen Besichtigungstour zu sprechen. Brest ist durch den Fluss Penfeld geteilt und eine Seilbahn fährt von der Innenstadt direkt zu den „Ateliers des Capucines“, die laut Brest-Homepage die „größte überdachte öffentliche Platzfläche Europas“ ist.


Unten links die „Ateliers des Capucins“, ein ehemaliges Werft- und Industriegebäude der französischen Marine. Ursprünglich stand dort seit 1695 ein Kapuzinerkloster („Capucins“ = Kapuziner), das nach der Französischen Revolution von der Marine übernommen wurde. Im 19. Jahrhundert wurden daraus große Werkhallen für den Bau und die Reparatur von Kriegsschiffen.  

In den Reiseführern wird dieses Gebäude als Kulturzentrum beschrieben. Das ist richtig, aber es ist eher noch ein „Labor für den sozialen Wandel“. Man findet hier keine isolierten Ausstellungen, sondern offene Werkstätten, in denen man zusehen oder sogar mitmachen kann. Auf ca. 10.000 qm treffen sich Menschen, um gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen, Neues auszuprobieren, zu lernen oder sich inspirieren zu lassen.

Bibliothek, Theater, Konzertsaal, Geschäfte, Restaurants – gibt es hier alles. Aber beispielsweise auch ein Repaircafé (oben links), eine Boulderanlage oder Workshop-Räume- unten links findet gerade ein Bierbrauerkurs statt.
Rechts: Einfach mal was ausprobieren oder machen…

Bei einem erneuten Besuch von Brest würden wir mehr Zeit einplanen, denn wir waren noch nicht im Hafen oder in dem über die französischen Grenzen bekannten Meeresmuseum. Auch würde ich meinen Blick schulen, um die feinen Unterschiede der weißen Häuser zu entdecken und mehr wertzuschätzen.

Eine Collage mit Bildern von Gebäuden in Brest, erstellt von KI