Mein Sonntag auf dem SZ Magazin-Sofa

Ich habe liebe Freunde, die regelmäßig die Süddeutsche Zeitung lesen und für mich das wöchentlich erscheinende SZ-Magazin aufheben. Letztlich bekam ich wieder eine volle Tasche mit gesammelten SZ-Magazinen und gestern widmete ich mich den ersten Ausgaben des großen Stapels.
Die Titelblätter der Magazine sind oft schon ein Hingucker:

Was ich gestern besonders schätzte, waren die Hotelempfehlungen jeweils am Ende eines Heftes. Ein kleines Hotel in Syrakus auf Sizilien, ein altehrwürdiges in Locarno, ein weit abgelegenes auf Kreta- seit langer Zeit spürte ich wieder ein bisschen Fernweh.
Mein bisheriger Lieblingsartikel war dieser:

Kurz bevor sie gehen, legen manche Japaner in Restaurants als Dankeschön für den Kellner auf den leeren Teller eine kleine Origamifigur, die sie aus Servietten oder anderem Papier gefaltet haben. Yuki Tatsumi hat inzwischen 12000 dieser kleinen Kunstwerke gesammelt und es gab inzwischen in Japan eine Ausstellung und ein Buch („Japanese Tip – Soul Of Japan On The Table„) erschien. Ich finde diese Geste sehr schön und versuchte mich direkt an einem Origami-Herz. Klappte ganz gut, jetzt fehlt nur noch ein Restaurantbesuch.

Nach dieser Vorlage faltete ich das Herz – gefunden auf „Pinterest“

Auch viele Fotostrecken in den Magazinen sind für mich inspirierend. Mir fiel dieses Mal auf, dass es z.Zt. wohl angesagt ist, verschwommene Bilder zu präsentieren. Also machte ich selbst ein paar Versuche.

In Rotterdam
Besucher im Bottroper Quadrat
Natürlich….in Paris!

Ich liebe die SZ-Magazine, aber gleichzeitig frustrieren sie mich auch ab und zu. Es gibt so viele Hinweise auf interessante Internetseiten. Ich zerfleddere die Zeitungen, hebe einzelne Seiten auf und nehme mir fest vor, zeitnah im Internet nachzulesen. Ich will ja nichts verpassen!

Meine Erfahrungen machen mich einfach nicht klüger.
Im April arbeitete ich Seiten ab, die aus Magazinen von 2015/2016 stammten, einige Internetadressen waren inzwischen schon nicht mehr aktuell.
Vielleicht hätte ich die Zeit besser so verbringen sollen?

Nein, ich freue mich schon wieder auf den nächsten Stapel, er ist ein gutes Rezept, wenn die Langeweile zu übermütig wird.

Kann man über einen Stein lachen?

Ja, ich kann und habe beim Zuschauen alles um mich herum vergessen:

Der Anlass, das Video mir anzusehen, war die Lektüre dieses Buches:

Ein feines Büchlein mit 127 Seiten, in dem der berühmte Pantomime Carlos Martínez mit einem Augenzwinkern kurze Geschichten erzählt, die er während seiner 30jährigen Laufbahn erlebt hat. Aber er wird auch ernst, wenn es um sein Verhältnis zu den vielen Garderoben geht, in denen er sich geschminkt hat, auf seinen Auftritt wartete oder fremde Menschen traf. Die Garderobe ist für ihn Mentorin, Geliebte, Gefährtin, immer für ihn da, immer bereit, seinen Gedanken zuzuhören oder ihn zu schützen.
Die zweite wichtige Verbündete ist die Stille. Wenn er die weiße Farbe auf das Gesicht aufträgt, verliert er seine Worte und wird stumm. Die Stille bemächtigt sich seiner und erst nach dem Auftritt wird sie ihn wieder verlassen, wenn er sich bei den Zuschauern für den Besuch seiner Vorstellung bedanken wird.

Das Buch hat mich verzaubert. Nicht nur wegen seiner Geschichten, die das Feingefühl und die Menschenfreundlichkeit von Martínez widerspiegeln, sondern auch wegen der Zitate über die Stille in Kombination mit ausdrucksvollen Fotos von Martinez beim Schminken. Ich durfte für eine kurze Zeit teilhaben an einer mir fremden Welt.

Das Duell

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Erinnern Sie sich noch, wer seine Sendung mit diesem Zitat immer beendete? Es war Marcel Reich-Ranicki, der in seinem „Literarischen Quartett“ mit dem Brechtzitat seine Zuhörer verabschiedete.

Ich habe dieses Buch als Hörbuch in den letzten Tagen genossen, allerdings passt o.g. Zitat hervorragend zu meinem Gefühl am Ende des Buches.

Der Untertitel auf dem Buch gibt an, wovon das Buch handelt. Es ist die Geschichte einer Hass-Liebe zwischen einem Autor und einem Literaturkritiker, die über Jahrzehnte andauert. Mir war dieses besondere Verhältnis zwischen den beiden bekannt, doch wusste ich nicht viel über die Hintergründe und wollte jetzt mehr erfahren.

Das Buch beginnt mit Kapiteln, in denen beider Kindheit erzählt wird, danach widmet es sich den so unterschiedlichen Schicksalen während des zweiten Weltkriegs. Diese Jahre sind für die zukünftigen Leben der Männer prägend. Grass war als junger Soldat Angehöriger der SS und suchte seinen großen Einsatz, Reich-Ranicki und seine Frau lebten erst im Warschauer Ghetto und nach ihrer Flucht viele Monate in Todesangst in einem Versteck.
Mitte der 50er Jahre lernen sich beide kennen, sind sich nicht sympathisch und ihre Wege trennen sich wieder. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt erst 1960, als Reich-Ranicki, inzwischen freiberuflicher Literaturkritiker in Deutschland, als einziger das so gefeierte Buch „Die Blechtrommel“ zerreißt und das große schriftstellerische Talent von Grass teilweise in Frage stellt.
Wer interessiert ist an deutscher Geschichte ( z.B. das Engagement von Grass für Willy Brandt) und am deutschen Literaturbetrieb ( Einblicke in die „Gruppe 47“, auch ein bisschen Klatsch, schließlich Verleihung des Nobelpreises an Grass) wird bestens bedient. Die Inhalte mehrerer Bücher von Grass werden skizziert und ich bekam Lust, in der Danziger Trilogie mal wieder zu blättern und Passagen zu lesen.

Fassungslos am Ende des Buches war ich von der Art, wie Grass und Reich-Ranicki miteinander umgegangen sind. Wie können sich zwei hochintelligente Menschen über viele Jahre immer wieder so verletzen? Am Ende ihres Lebens wissen oder ahnen beide zumindest, wie sehr sie sich Schaden zugefügt haben. Immerhin.

Das Hörbuch wird von Gerd Heidenreich gesprochen. Lob von mir, ohne wenn und aber.

Sich unterordnen, um frei zu sein

Dieses Buch von Robert Walser kaufte ich mir vor Jahren. Ich weiß nicht mehr, ob es mir jemand persönlich empfohlen hat oder ob ich eine Besprechung gelesen habe. Damals verschwand es erst einmal im Buchregal, jetzt war seine Zeit gekommen.

Im Klappentext steht, das Jakob von Gunten Diener werden möchte, weil er „in der Erniedrigung die Freiheit sucht“. Diesen Gedanken fand ich ungewöhnlich und meine Neugierde auf das Buch stieg.

Jakob von Gunten kommt aus wohlhabendem Haus. Während sein älterer Bruder Johann ganz den Erwartungen der Eltern entspricht und in der Gesellschaft etwas darstellt (das Buch erschien 1908 und Berlin ist Ort der Geschichte), läuft Jakob von Zuhause weg. Er ist ein Freigeist, dessen hohe Intelligenz schnell erkennt, dass in der besseren Gesellschaft alles nur Fassade ist und die Menschen reglementiert leben. Jakob beschließt, eine Schule zu besuchen, die junge Männer zu Dienern ausbildet. Auf den ersten Blick scheint dieser Beruf eher eine Bestrafung für einen Mann zu sein, der seine Freiheit über alles liebt. Aber gerade durch das konsequente Untergeben wird nach Ansicht Jakobs eine unbegrenzte geistige Freiheit ermöglicht.

Die Schule ist ein merkwürdiger Ort. Das Geschwisterpaar Benjamenta leitet sie, andere Lehrer sind nicht da oder schlafen permanent. Die Ausbildung besteht hauptsächlich aus dem Auswendiglernen einer Broschüre und das Pauken von Benimmregeln. Jakob ist allen anderen Schülern weit überlegen und wickelt den strengen Direktor um den kleinen Finger. Dann stirbt dessen Schwester und die Schule wird kurz danach aufgelöst. Alle Schüler werden durch den Direktor als Diener weitervermittelt, nur Jakob lässt er nicht gehen. Er hat inzwischen erkannt, dass er auf die Gesellschaft von Jakob nicht mehr verzichten will und beide planen, gemeinsam Abenteuer zu bestehen.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, beschäftigte mich dieser Gedanke,“Unterwerfung, um Freiheit zu erlangen“ noch länger. Man könnte ja noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass ich mich untergebe, macht mich nicht nur frei, sondern ich tue dazu noch etwas Gutes. Mein Herr benutzt mich als Fußabtreter, weil er sich schlecht fühlt oder ein psychisches Defizit hat. Nach der Erniedrigung meiner Person geht es ihm besser, wozu ich beigetragen habe. Also ist das Fußabtretersein ein gute Tat…

Nach diesen abschweifenden Überlegungen interessierten mich Besprechungen von anderen Lesern. Da bereits 1908 erschienen, äußerten sich beispielsweise schon Hermann Hesse zu dem Roman, in dem er lobend die Sprache erwähnte, bekannte Literaturkritiker vergleichen das Werk beispielsweise mit Romanen von Franz Kafka, deuten das Buch als Parodie auf den deutschen Bildungsroman oder es ist für sie eine „Märchenfabel“.

Wer nimmt die Herausforderung an und findet seine eigene Interpretation?

Paris als roter Faden-Nr.2

Vor ein paar Wochen erschien dieses Buch:

Als Hobbyfotografin und Verehrerin vom französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson(=HBC) war das Buch ein Lesemuss für mich, denn die Werbung versprach, dass die wiedergegebenen Interviews bisher gar nicht oder kaum veröffentlicht wurden.

Das Buch war eine Enttäuschung, denn Zweidrittel der Interviews kannte ich bereits aus anderen Büchern. Außerdem hatte ich mir vorher nicht bewusst gemacht, dass sich in Interviews Fragen natürlich immer wiederholen. So wurde die Lektüre zum Ende hin immer langweiliger. Bezug zu Paris? Es gibt seit 2003 in Paris die „Fondation Henri Cartier-Bresson,die als Museum und Archiv für das fotografische und malerische Werk Cartier-Bressons fungiert.

Wenn Sie sich über Cartier-Bresson informieren möchten, empfehle ich Ihnen diese beiden Titel:

Links ein Werk über HCBs Philosophie des Fotografierens, rechts ein kleiner Bildband mit kurzer Biografie und kurzen Interviews.

Ein Buch, das die Enttäuschung mehr als ausglich, war dieses:

Ich weiß nicht, ob HCB und Francoise Gilot sich gekannt haben, aber ich vermute, dass sie sich gut verstanden hätten. Beide halten nichts von Photo- bzw. Kunstschulen, ihre beider Kunst kommt aus ihrem tiefsten Inneren. HBC lehnte das Schneiden eines Fotos vehement ab, Gilot machte einen gemalten Strich niemals rückgängig. Das zu den Gemeinsamkeiten der beiden.

Auch dieses Buch basiert auf mehreren Interviews, die der Autor Malte Herwig mit der Künstlerin über einen längeren Zeitraum geführt hat. Ihre Vitalität mit 90 Jahren ist ein immer wiederkehrendes Thema und die Fotos von ihr in Paris und New York belegen dies.
Francoise Gilot war nicht der Wunschjunge ihrer Eltern, wurde aber trotzdem wie ein Junge erzogen. So sind die Härte gegen sich selbst, ihr großes Bedürfnis nach Selbständigkeit und das Verstecken ihrer Gefühle und Gedanken sicherlich teilweise damit zu erklären. Wie sie sagt, sprechen ihre Bilder zu der Außenwelt, das muss genügen.
Ihr Leben mit Picasso und ihr Entschluss, ihn zu verlassen, sind eher ein Randthema dieses Buches. Dazu befragt, war sie sich der Risiken, mit Picasso zusammenzuziehen und Kinder zu bekommen, durchaus bewusst. „Wenn du wirklich leben willst, musst du etwas Dramatisches riskieren, sonst lohnt sich das Leben nicht. Wenn du etwas riskierst, erlebst du auch schlimme Dinge, aber du lernst vor allem eine Menge und lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das ist das Allerschlimmste: langweilig werden.“

Wer selbst malt oder zeichnet kann in diesem Buch Einsichten gewinnen, wie sich das eigene Kunstwerk entwickelt. Herwig kann nicht zeichnen und bittet Gilot, ihm Tipps zu geben. Anfangs widerstrebend lässt sich Gilot schließlich darauf ein. Diese Ausführungen zum künstlerischen Schaffen sind besonders lesenswert.

Sie interessieren sich für Kunst? Dann habe ich zum Schluss noch einen Filmtipp für Sie (spielt in Paris): „Das letzte Porträt“, ein Film über 18 Tage im Leben des des Künstlers Alberto Giacometti.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Final_Portrait

Paris als roter Faden- Nr. 1

Heute und nächste Woche möchte ich Ihnen vier Bücher kurz vorstellen, in denen Paris eine Rolle spielt.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts lebte Kurt Tucholsky zuerst in Berlin und zog dann nach Paris. In 17 Kurzgeschichten vergleicht er die beiden Städte (Berlin: Arbeit, Arbeit, Arbeit+darüber klagen+telefonieren + unhöflich sein, Paris: Arbeit,Arbeit,Arbeit, aber im nonchalantem Trott+ lecker essen+freundlich sein ) oder gibt Momentaufnahmen vom Alltag in beiden Städten wieder. Die Geschichte über den täglichen Spaziergang nach der Arbeit im Tiergarten, bei dem Paare sich erst einmal ihre Herzen über den doofen Chef, unverschämte Kunden oder intrigante Kollegen ausschütten, ist wunderbar. Ebenso auch die Betrachtung, was es bedeutet, wenn ein Pariser „Ah ça…“ sagt oder seine Begegnung auf der Champs-Elysees mit einer Katze, die ursprünglich aus Insterburg kommt und mit ihm Ostpreussisch spricht.

Tucholskys Berichte sind wie seine Gedichte: witzig, politisch, manchmal skurril und geschrieben mit kritischem aber immer auch gütigem Blick auf die Fehler der Menschen. An manchen Stellen ist die Aktualität der Geschichten bemerkenswert.

Dieses Buch las ich jetzt zum zweiten Mal:

Der Autor Peter Gethers, u.a. Drehbuchschreiber für Roman Polanski, hasst 10 Dinge und auf Platz 1 stehen Katzen. Das hält seine Freundin allerdings nicht davon ab, ihm eines Tages ein winziges graues Fellknäuel in die Hand zu legen, weil sie meint, Gethers hätte zuhause ein bisschen mehr Gesellschaft nötig. Der Widerstand Gethers ist schnell gebrochen, denn „Norton“ ist erstens süßer als süß. Er gehört zu der Scottish Fold Rasse und hat damit allerliebste Knicköhrchen. Zweitens ist er aber auch klug, abgeklärt, fast immer mutig und charmant. Mit ihm zusammen entspannt spazieren gehen? Kein Problem. Mit ihm verreisen, z. B. in der Concorde nach Paris? Die Crew frisst Norton aus der Hand. In einem Pariser Nobelhotel absteigen? Beim nächsten Mal fragt der Portier zuerst nach dem Wohlergehen Nortons, wie es Gethers geht, ist zweitrangig.

Jahre vergehen. Wir lesen, wie Norton nach der Trennung von der Freundin Gethers in Fragen von neuen Frauenbekanntschaften beratend zur Seite steht oder wie er Gethers Vater, ein noch größerer Katzenhasser, tröstet.

Tipp: Falls Sie eine Katze haben und Ihnen das Buch gefällt, lesen Sie es nicht Ihrer Katze vor. Ich machte einmal diesen Fehler, danach herrschte ganz dicke Luft zwischen meinem Kater und mir. Ich hatte beim Vorlesen zu begeistert geklungen und mein Gesichtsausdruck drückte wohl ab und zu mal ein „ Aach jaaa“ aus…

Der Sezierer des „grauen“ Alltags

Und hier ein weiterer Autor, den ich dieses Jahr neu entdeckt habe:

Georges Perec, ein französischer Autor, legt in seinen Büchern den Alltag unter das Mikroskop und erfasst minutiös jede Art von Handlung, die zu einem Vorgang gehört, hält jede noch so unbedeutende Beobachtung fest und erkundet Möglichkeiten des Ordnens. Er ist nicht auf Sensationen aus wie beispielsweise Zeitungen. Perec ist von Zeitungen gelangweilt, denn sie berichten nicht über Dinge, die sein Leben betreffen, nicht über den gewöhnlichen Alltag oder über Selbstverständliches.

Im rechten Buch listet er die Beobachtungen auf, die er 1974 an drei Tagen gemacht hat. Täglich hat er mehrere Stunden auf dem Pariser Place Saint-Sulpice gesessen und notiert: Menschen, Fahrzeuge, Tiere, Geräusche, Düfte, wechselnde Schriftzüge, Beleuchtungen, Farben. An den drei Tagen gibt es Regelmäßigkeiten, wie beispielsweise immer wieder vorbeifahrende Busse oder Menschen, die zu ihrer Arbeit gehen, aber auch viele „Mikro-Ereignisse“, die so unterschiedlich sind, dass selbst der langweiligste Alltag interessant sein kann, wenn man nur genau hinschaut.

Im linken Buch erhebt er mit dem Thema „Denken/Ordnen“ den Alltag ebenfalls in eine andere Sphäre. Als Leserin stachen bei mir zuerst die Kapitel über die Kunst des Bücherordnens, über das Lesen und die Betrachtungen über Brillen heraus, doch seine Anmerkungen über die Gegenstände, die auf seinem Schreibtisch liegen oder seine drei Erinnerungen an früher besuchte Zimmer gefielen mir auch sehr gut.

Wer mehr über Georges Perec wissen möchte:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Georges_Perec

Denk mal!

Beim Entstauben meines Bücherregals entdeckte ich diese vier Bücher:

Ich habe sie im Laufe der letzten Jahre gelesen und angesichts der momentanen Zeiten blätterte ich sie zur Auffrischung noch einmal durch. Damals war ich von allen vier Titeln begeistert, jetzt würde ich die beiden linken Bücher nicht mehr kaufen. „Keine Macht den Doofen“ von 2012 ist polemisch geschrieben. Es zu lesen macht Spaß, wenn man sich gerade mal wieder aufgeregt hat und meint, dass man nur von Dummheit umgeben ist. Aber es bietet außer dem Hinweis, dass die Schulbildung das A und O für zukünftige Verbesserungen der menschlichen Schwarmintelligenz ist, keine weiteren Lösungsvorschläge, wie man aus der weltlichen Misere herauskommt.

Ganz anders dagegen das Buch „Selbst denken“ von Harald Welzer. Auch er stellt der Menschheit kein gutes Zeugnis aus und beschäftigt sich u.a. mit der Manipulation des „Kleinen Mannes“ und dessen Unfähigkeit und Unwille, Widerstand zu leisten. Doch Welzer zeigt Wege auf, wie wir Menschen noch den Dreh bekommen können, selbst wenn man denkt, es sei alles schon zu spät. Das Buch ist von 2013 und einige seiner Vorschläge sind jetzt bereits schon realisiert worden, bzw. nehmen im Denken der Bevölkerung einen immer größeren Platz ein (z.B. Vermeidung von Plastik). Das macht Hoffnung und dieses Buch bekommt im Bücherregal einen prominenteren Platz als vorher.

2011 erschien das Buch „Das Ende der Normalität“. Sein Inhalt ist gerade in den letzten Monaten mehrfach überholt worden und ich sehe es nur noch als Bestandsaufnahme, wie es früher einmal war.

Zeitlos und immer wichtiger werdend ist das letzte Buch „Starrköpfe überzeugen“. 2013 erschienen, erklärt es, wie Starrköpfe ticken und wie man versuchen kann, sie zu überzeugen. Ich schreibe bewusst „versuchen“, denn Fakten spielen dabei eher eine untergeordnete Rolle. Das Buch vermittelt psychologisches Wissen, denn es kommt auf die Emotionen an, mit denen man solchen Menschen begegnet. Bei diesem Buch sehr angenehm: Nach jedem Kapitel steht ein Fazit, so dass man sein Wissen durch Lesen dieser Ergebnisse jederzeit auffrischen kann. Neuer Bücherregalplatz: Neben „Selbst denken“.

Ein Nachmittag mit Pawlowa

Das ist Pawlowa, als es ihr wieder besser ging.

Hinter sich hat sie eine lange Reise und diese beschreibt Brian Sewell in seinem Roman:

Mr. B., Brite, verheiratet, fünfzig Jahre alt, ist Filmregisseur und dreht eine historische Dokumentation in Pakistan. Die Stimmung im Fernsehteam ist schlecht, abgesehen von einem Mitglied mögen alle anderen Mister B. nicht besonders. Er ist zu ernst und zu korrekt. Allerdings ist er auch sehr tierlieb und als er kurz vor Drehschluss in Peschawar eine sehr junge Eselin sieht, die unter ihrem Lastenpaket fast zusammenbricht und deren Fell ganz blutig ist, lässt Mr. B. wider jeglicher Vernunft alles stehen und liegen, um die kleine Eselin zu retten. Er peppelt Pawlowa, (benannt nach einer berühmten Balletttänzerin, deren Beine an die der kleinen Eselin erinnern) auf und beschließt, mit ihr zusammen zurück nach England zu reisen- zu Fuß. In den nächsten Wochen trifft Mr. B. viele sehr hilfsbereite und gastfreundliche Menschen. Pawlowa erholt sich zunehmend und wächst auf dem „Roadtrip“ zu einer gesunden Eselin heran.

Kommen die beiden in England an? Ja, es gibt ein Happy End und deshalb empfehle ich Ihnen diesen so liebevollen schmalen Roman für einen Lesenachmittag. Dieses Buch tut gut.

Die Anatomie der Träume

Konrad Pinetti ist Dramaturg an einem Wiener Theater. Er bekommt die Aufgabe, ein Sachbuch über Freud in ein Drama umzuschreiben. Eine Zusammenarbeit mit der Autorin des Buches ist unerlässlich, doch ist das für Pinetti nicht einfach. Obwohl Inge den Gerüchten nach die Geliebte des Chefs ist, flirtet sie mit Pinetti, macht sich charmant über ihn lustig und lässt an seinen ersten Textentwürfen nur wenige gute Haare. Eine Szene soll sich mit der Begegnung zwischen Dali und Freud, eine andere mit dem Verhältnis von Mahler zu dem Psychoanalytiker befassen, den längsten Text hat Pinetti zu dem Treffen zwischen Freud und André Breton verfasst. Dieser Text bringt Pinettis Chef und Inge dazu, sich zu offenbaren. Ihr beider Ansinnen gegenüber Pinetti war ein ganz anderes…

Ein Romangenuss, wenn Sie leidenschaftlich gerne das Theater besuchen, Shakespeare lieben („König Lear“ spielt in der Geschichte auch noch eine Rolle), klassische Musik genießen und sich in den Bildern und Texten von Surrealisten verlieren können.

Da mir Hintergrundwissen fehlte, konnte ich das Füllhorn der Anspielungen, die Wilfried Steiner in seinem Roman ausgießt, nicht entsprechend würdigen. Ungeduldiges Weiterblättern war die Folge.