Wer nicht neugierig bleibt, wird nur noch älter (Marianne Frauchiger)
Kategorie: Lesen + hören + sehen
Mein Lesegeschmack geht „querbeet“. Die meisten Bücher, die ich hier vorstelle, empfehle ich mit Herzblut, doch es kann auch mal ein Verriss dabei sein…Genauso verhält es sich mit den Hörbüchern und Filmen. Ich würde mich sehr über Empfehlungen freuen, denn man soll ja immer über den Tellerrand schauen!
„All You Can Eat“- dieser Ausdruck kam mir in der letzten Woche in meinem Garten zweimal in den Sinn. Das erste Mal war es beim Beobachten von Bienen, Hummeln & Co, als diese sich bei dem Blütenangebot von Salbei, Cosmeen und Glockenblumen gar nicht entscheiden konnten, wohin sie zuerst fliegen sollten. Ähnlich wie Menschen an einem Buffet.
Dieser Anblick erfreute mich schon sehr, doch an anderer Stelle war das Angebot anscheinend ebenfalls sehr beliebt.
Rote Spornblume, Schwarzer Lauch und ein blauer Ceanothus Strauch
Das zweite „All You Can Eat“ ging mir bei diesem Anblick durch den Kopf:
Das war mal eine Funkie, die in einer Nacht zur Leibspeise dieser Gartenbewohnerin wurde:
Mich hätte der Anblick der abgefressenen Funkie noch bis vor Kurzem in negative Wallung gebracht, doch jetzt machte ich mit der Schnecke einen kurzen Spaziergang zu einem Feld und verabschiedete mich von ihr mit ein paar wohlmeinenden Worten. Ich hatte dieses Buch gelesen:
Die Autorin des Buches litt über viele Jahre hinweg an einer sehr schweren Viruserkrankung, wodurch es ihr zeitweise nicht möglich war, sich zu bewegen oder lautere Geräusche wie Musik zu ertragen. Von einer Pflegerin zweimal am Tag versorgt, lag sie nur im Bett, sah und dachte. Eines Tages bringt ihr eine Freundin einen Blumentopf mit, in dem eine kleine Waldschnecke lebt. Die Autorin macht die Freundin darauf aufmerksam, doch die Freundin verabschiedet sich nur lächelnd und geht.
Bailey fängt an, die Schnecke zu beobachten und immer mehr ist sie von deren Verhalten fasziniert. Es passiert, dass sie die so langsam verstreichende Zeit, ihre Krankheit und ihre oftmals hoffnungslose Lage vergisst. Die Schnecke zieht in ein komfortables Terrarium um und in guten Zeiten, in denen Bailey ein Buch halten und umblättern kann, beginnt sie Fachliteratur über Schnecken zu lesen, was ihre Bewunderung für diese Lebewesen noch mehr wachsen lässt. Sie hat eine Weggefährtin gefunden, die in ihrer Langsamkeit dem Lebensrhythmus Baileys entspricht. Die Schnecke spendet ihr Trost und das Beobachten gibt ihr einen Lebenssinn. Auch ich war von dem in diesem Buch vermittelten Wissen über Schnecken sehr beeindruckt. Das „System Schnecke“ mit der Langsamkeit, mit den besonderen Sinnesorganen, der Behausung, mit dem Schleim und der Art der Fortpflanzung hat größere Überlebenschancen als das „System Mensch“ und verlangt Respekt und Anerkennung. Das Buch ist aber auch wegen der Gedanken der Autorin zu ihrer Krankheit lesenswert. Gezwungenermaßen fokussiert sie ihren Blick auf wirklich Wichtiges im Leben und das sollte jeder Mensch auch ohne große Krankheit ab und zu einmal tun.
Noch ein verregnetes Wochenende? Kein Problem mit diesen beiden Filmen!
Die Regisseurin Agnès Varda und der Fotograf JR fahren gemeinsam mit einem ganz besonderen Reisemobil quer durch ganz Frankreich und fotografieren Menschen. Die Fotos bringen sie z.B. an Häusern, Firmenmauern, Wasserspendern oder alten Bunkern an und plötzlich nimmt man diese „unscheinbaren“ Menschen wahr und beginnt sich für sie und ihre persönlichen Geschichten zu interessieren. Das ist das Ziel der beiden Künstler. Wunderbar! Was aber ebenso schön ist: Das Verhältnis zwischen Agnès und JR. Agnès ist 89, JR Mitte 30, als sie 2017 mit dem Drehen des Dokumentarfilms beginnen. Die beiden gehen auf der Reise liebevoll miteinander um, trösten sich und inspirieren sich gegenseitig mit neuen Ideen. Am Ende des Films sehe ich mein seliges Lächeln in der Fensterscheibe.
Film Nummer 2: In der Heimatstadt findet Fern, deren Mann vor einiger Zeit gestorben ist, keine Arbeit und so fährt sie mit ihrem Van quer durch den Westen der USA und ist immer auf Arbeitssuche. Sie ist sich für keine Arbeit zu schade, erlebt viel, lernt neue Leute kennen. Das ist die ganze Geschichte. Mich hat dieser Film, genauer gesagt, die schauspielerische Leistung von Frances MacDormand stark beeindruckt. Obwohl sie immer auf der Suche nach Gelegenheitsjobs ist, wirkt Fern frei, ungebunden und damit auch von vielen Verpflichtungen entlastet. Wer hat sich diesen Zustand nicht schon einmal gewünscht? Dann aber sind da ihre Traurigkeit, ihr Alleinsein und ihre Einsamkeit und sie konnte ich fast körperlich spüren.
Vorletzte Woche besprach ich das Hörbuch „Für Eile fehlt mir die Zeit“ von Horst Evers, hier nun die zweite Rezension zu einem Hörbuch, das ebenfalls von einem Berliner Autor gelesen wird und in der Sparte „Humor und Satire“ anzusiedeln ist.
Ich hatte hohe Erwartungen, denn das Buch von Max Goldt „Für Nächte am offenen Fenster„ gefiel mir vor zwei Jahren gut. Dieses Hörbuch (bestehend aus 2 CDs) bietet eine Sammlung von Texten und Liveauftritten aus den Jahren 1988 bis 2020. Wie Evers legt auch Goldt den Alltag unter das Mikroskop und findet auf den ersten Blick unbedeutende Momente, die er dann süffisant kommentiert oder neu interpretiert. Seine Spracheleganz ist dabei besonders erwähnenswert und beim Lesen des Buches hat sie mich immer wieder entzückt. Aber beim Hörbuch…Lieber Herr Goldt, warum lesen Sie so manieriert vor? Das haben Ihre Texte nicht nötig! Mit Ihrem gedeeeeeeeeehhhhhhhnten Vortragsstil konnte ich mich nicht anfreunden, zumal es zwischendurch kurze Passagen gibt, in dem Sie ganz „normal“ sprechen. Ich habe bewusst und interessiert zugehört, auch manchmal gelächelt, aber vom Inhalt des Hörbuchs weiß ich heute kaum noch etwas. Das könnte besorgniserregend sein, aber die Inhalte der Evers CDs sind mir noch präsent, also schließe ich daraus, dass die Vortragsart dem Text nicht optimal zuträglich war.
Deshalb meine Empfehlung: Lesen Sie lieber Bücher von Max Goldt.
Momentan höre ich beim Bügeln lieber Kurzgeschichten. Man hat die Bügelwäsche geschafft und ein, zwei Geschichten gehört, das ist doch befriedigend.
Einen Glücksgriff tat ich bei der Auswahl dieses Titels:
2012 erschien das Buch, in dem Horst Evers von seinem Alltag erzählt mit Freundin und Tochter, mit Onkel Herbert oder anderen lieben oder nervigen Mitmenschen. Auch berichtet er von Erlebnissen, die er mutterseelenallein überstehen muss. So ist er z. B. auf dem trostlosen Nordenhammer Weihnachtsmarkt der einzige Besucher und reißt damit für kurze Zeit die Schausteller aus ihrer Starre. Oder er bekommt eine neue Kaffeemaschine, die eine eigene Webseite hat, ihm Mails schreibt und ihm entgegen der Werbeversprechungen die Zeit raubt. Wussten Sie, dass Niedersachsen im Herbst der Ballermann für Freunde einer gepflegten Depression ist? Und Schottland ist Evers Lieblingsland, denn dort gehörte er während eines Urlaubs trotz seines Übergewichts zum oberen Drittel gut aussehender Kerle, man will es nicht glauben. Auch der Theorie von Evers, dass Außerirdische auf der Erde extra Müll abladen, um uns Menschen zu erforschen, sollte man mit etwas Skepsis begegnen. Ich musste beim Zuhören sehr oft herzlich lachen, was z.T. auch daran lag, dass die Vortragsweise von Evers mich ein bisschen an die Känguru Chroniken von Marc-Uwe Kling erinnerte und diese sind meine Hörbuchfavoriten, wenn ich mal schlechte Laune habe.
Eine der letzten Episoden hatte schließlich einen ganz besonderen aktuellen „Touch“: Ein Freund bekommt von seiner Mutter regelmäßig einmal pro Woche ein Essen nach Hause zugeschickt. In Tupperware versteht sich. Dieses Menu macht sich der Freund dann am Mittwochabend in seiner Küche warm und anschließend gibt es im Wohnzimmer ein gemeinsames Videokonferenzabendessen mit seiner Mutter- es ist wie früher! Ein anderer Freund will das als Geschäftsidee aufgreifen und wirkliche Mütter quasi vermieten, mit denen man dann online auch etwas Familienatmosphäre heraufbeschwören kann. Evers ist da schon skeptisch, was das Videoabendessen angeht…
Flexen Sie, liebe Leserinnen? Das Wort „flexen“ hat mehrere Bedeutungen, u.a. von „ eine Frau läuft durch eine Stadt“. Ich schreibe bewusst nicht „flanieren“, denn damit werden Muße, Wohlempfinden, kultivierte Lebensfreude verbunden. Diese guten Gefühle findet man in den Texten dieses Buches selten. „Flexen heißt, mich dort zu bewegen, wo ich nicht vorgesehen bin und etwas tun wollen, was für mich erst einmal als etwas Ungewöhnliches gilt. Ich habe Lust am Stören.“ Flexen heißt, eine Flâneusin zu sein, keine Flaneurin!
30 Autorinnen sind weltweit in verschiedenen Städten unterwegs. Erwarten Sie keine kontemplativen Texte über Architektur, Cafébeobachtungen oder Parkschlendereien. Nein, in einem z.T. wütenden, provozierenden oder atemlosen Schreibstil erzählen Frauen über ihre Angst und Frustration, dass sie auf der Straße einmal mehr männlichen Übergriffen ( mal direkt, mal subtil) ausgesetzt sind oder waren. Städte sind auf die Bedürfnisse von Männern ausgelegt, fragen Sie eine Mutter, die täglich ihre Runden mit dem Kinderwagen dreht oder Frauen, die verzweifelt eine Toilette suchen, weil das Hinhocken in der Öffentlichkeit nicht die Akzeptanz wie das Nachlustundlaunehinstellen der Männer hat. Die Stadt ist ein Molloch, in dem bei genauer Betrachtung der Wahnsinn herrscht. Armut, Dreck, Kakophonie gepaart mit den verrücktesten Werbebotschaften und unaufhörliche Bewegung. Dieses Buch ist wie ein Faustschlag auf den Tisch. Ich bin froh, dass ich es gelesen habe und werde mich mit den Werken einiger Autorinnen auch noch weiter beschäftigen.
Die junge Marina ist Museumsführerin in der Eremitage in Leningrad, als 1941 die Bombardierung der Deutschen beginnt. Nachdem die meisten Kunstschätze abtransportiert und in Sicherheit gebracht worden sind, ist sie eine der wenigen Angestellten, die in dem Museum bleibt und von dessen Dach aus nachts Wache schiebt, um Brände zu melden. Der Winter 41/42 ist extrem kalt und die Menschen leiden zunehmend unter den deutschen Angriffen, der Kälte und dem Hunger. Immer mehr Menschen sterben, auch in Marinas Umfeld. Um diesem Grauen zu entgehen, flüchtet sich Marina in ihren Palast der Erinnerungen. Zusammen mit der alten Museumswärterin Anja ist sie immer wieder durch die leeren Räume des Museums gelaufen und hat sich in Erinnerung gerufen, welches Bild an welcher Stelle hing. Sie hatte Lieblingsbilder und die Gedanken an diese sind für Marina tröstlich und lassen sie für kurze Zeit alles vergessen.
Marina überlebte den Krieg. Sie heiratete, bekam zwei Kinder und ist jetzt eine alte Frau, die Alzheimer hat. Ihr Mann kümmert sich liebevoll um sie und anfangs gelingt es beiden noch, Marinas Abschied von der realen Welt zu überspielen. Doch bei einer Hochzeit läuft Marina weg und wird auch nach einem Wochenende nicht gefunden. Sie hat sich in dem Rohbau einer Villa versteckt und dieser erinnert sie an die ausgebombten Häuser in Leningrad. Sie hat Angst, aber sie lebt auch immer mehr in ihrem Palast der Erinnerungen und entdeckt, staunend wie ein Kind, die Welt neu.
Mich hat das Buch sehr berührt, denn beim Lesen gerät man zwischen zwei Extreme: Der schreckliche Krieg in Leningrad auf der einen Seite, die Schönheit der Kunst auf der anderen. Beides geht einem nah, denn die Autorin beschränkt sich bei ihren Schilderungen, welches Leid der Krieg für die Menschen bedeutet, nur auf wenige persönliche Schicksale. Exemplarisch für die Kunst werden von Marina nur einige Gemälde ausführlich beschrieben und beim Lesen hat man im wahrsten Sinne Bilder vor Augen. Marina als junge und als alte Frau, auch das wird gefühlvoll beschrieben. Der Autorin gelingt es, das Thema Alzheimer nicht als Krankheit darzustellen, sondern als einen neuen Lebensabschnitt, der von der Betroffenen angenommen wird, während die Angehörigen sich schwer tun.
Diese Bücher habe ich u.a. in den letzten Monaten gelesen:
Mit allen vier Titeln habe ich eine grundlegende Schwierigkeit: Ich kann für sie keine Buchbesprechungen schreiben. Für mich besteht eine gute Besprechung darin, dass sie den Inhalt möglichst kurz zusammenfasst und eine kurze Wertung abgibt. Die Betonung liegt auf „kurz“, denn von Buchbesprechungen, die in die epische Breite gehen, halte ich nicht viel. Ich möchte beim Lesen des Buches noch überrascht werden. Wenn ich plane, eine Buchbesprechung zu schreiben, lege ich Lesezeichen in einzelne Seiten, die mir wichtig erscheinen. Bei allen vier Büchern sahen die Buchschnitte so aus.
Sehen Sie vorne die ersten Seiten des Buches, die keine Lesezeichen haben? Hier hatte ich begonnen, eine Inhaltsangabe zu schreiben. Sie fing so an:
Haben Sie schon einmal vergeblich versucht, sich eine gute Gewohnheit anzueignen oder eine schlechte abzugewöhnen? Falls Sie bejahend nicken, lesen Sie ruhig weiter. Wir setzen uns meistens ein Ziel, um etwas zu erreichen, doch hier erklärt uns der Autor direkt am Anfang des Buches, dass dieses Vorgehen falsch ist. Ein erreichtes Ziel kann u.U. nur temporär etwas verändern ( z.B. 20 Kilo abnehmen und dann wieder zunehmen) und das Ziel grenzt darüber hinaus die Möglichkeit von noch größerem Erfolg ein. Der richtige Weg lautet: Man muss das System ändern. Was bedeutet das? Fragen Sie sich in aller Ruhe , was Sie für ein Mensch sein möchten. Die beste Motivation ist, wenn eine Gewohnheit ein Teil der Identität wird. Je stolzer Sie auf einen Teil Ihrer Identität sind, desto leichter ist es, die dazugehörende Gewohnheit sich anzueignen und dann auch beizubehalten. Indem Sie bestimmte Gewohnheiten pflegen, gestalten Sie Ihr eigenes Ich. Wie entstehen Gewohnheiten? Unser Gehirn ist der Schauplatz und dies läuft in ihm ab: 1. Auslösereiz-2. Verlangen-3. Reaktion-4. Belohnung
Ich merkte beim Schreiben, dass die Besprechung ellenlang würde und das wollte ich nicht und hörte auf. Lesen Sie „ Die 1% Methode“ lieber selbst und entdecken Sie, wie man den Alltag und letztendlich sein ganzes Leben mit guten Gewohnheiten erleichtert und auch bereichert.
Bei den anderen drei Büchern ging es mir auch so. Sie sind toll und bieten viel Stoff zum Nachdenken. Das Hormonbuch (2. Buch von links) habe ich zuerst gehört. Teilweise sehr kurzweilig, da sich die Hormone miteinander unterhalten, was der Mensch, in dem sie sich befinden, mal wieder alles falsch macht. Auch haben die Hormone menschliche Züge, sind traurig, euphorisch, zickig. Den ernsten Inhalt konnte ich beim Hören nicht so schnell behalten und so las ich danach das Buch in Ruhe. Die wichtigste Kernaussage für mich: Die Hormone meinen es gut mit mir, der kritische Satz: „ Ach das sind bestimmt mal wieder die Hormone!“ kommt mir nicht mehr über die Lippen, denn das ist ungerecht gegenüber unseren Helfern, den Körper am Laufen zu halten. Kein Eingreifen in den Hormonhaushalt, um bei Leistungen noch ein Schüppchen drauflegen zu können= Kernaussage Nr. 2. Darüber hinaus lernt man auch viel darüber, wie Hormone unsere Gesellschaft prägen können und weiß man das, wird man selbst ein ganzes Stück abgeklärter.
Buch 3 und 4: Beide beschäftigen sich mit Dingen, die unseren Alltag prägen. In „Das verschachtelte Ich -Individualräume des Eigentums“ wird gezeigt, wie Dinge uns als Mensch bestimmen. Sie waren z.Zt. der Römer und im Mittelalter oft die einzige Möglichkeit, seine Individualität und individuelle Freiheit auszudrücken. Oftmals waren es Fundstücke, heute würden wir Souvenirs sagen oder selbstgefertigte Dinge durch die ein Mensch sich von anderen absetzte. Ab Beginn der Industrialisierung änderte sich das zunehmend und heute kaufen wir bewusst Gegenstände und häufen sie an, um unsere Individualität zu demonstrieren. Aber in Zeiten der Massenproduktion ist das mit der Individualität nur noch Wunschdenken. Unser Konsumverhalten wird in dem Buch kritisch unter die Lupe genommen und man hinterfragt beim Lesen seine eigene Einstellung dazu. Das Buch hat nur 159 Seiten, ist leicht zu lesen und bringt es auf den Punkt.
Buch Nr. 4: Für „Lebhafte Materie“ brauchte ich acht Monate. Immer wieder musste ich Pausen einlegen, um den Inhalt zu „verdauen“ und weiter zu recherchieren. Die Autorin bezieht sich bei ihren Ausführungen auf diverse Philosophen (u.a. Latour, Deleuze, Bergson und Driesch) und macht die Aussage, dass in jedem nichtmenschlichen Objekt eine Kraft steckt, etwas Neues zu erschaffen. Sie spricht von der „Handlungsmacht der Gefüge“, wenn mehrere Dinge miteinander agieren. Humbug? Mitnichten. Sie gibt viele Beispiele und Sommer 2020 erschien zu diesem Thema auch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. (Das Buch erschien 2010).
– Was bedeutet das für uns Menschen? Die Handlungsmacht liegt nicht bei uns allein und wir können absolut nicht absehen, wie und wann die Vitalität der Materie sicht-und fühlbar wird und welche Konsequenzen dies für Menschen hat. Wünschenswert wäre es, wenn sich unser zukünftiges Handeln an dieser Erkenntnis orientiert und wir etwas demütiger würden.
Ich finde es sehr schade, dass die Autorin nicht für interessierte Laien geschrieben hat. Ihre Texte baden in Fremdwörtern und dies grenzt den Lesekreis damit doch erheblich ein. Auch die Tatsache, dass sie einmal in der Ich-Form schreibt, dann wiederum von sich in der dritten Person, irritiert. Nichtsdestotrotz lege ich Ihnen das Buch ans Herz, denn es kann Ihr Weltbild verändern. Eine Rezension im Deutschlandfunk (übrigens die einzige nicht kommerzielle Besprechung, die ich gefunden habe), machte mich auf das Buch neugierig. Falls Sie gerne eine zweite Meinung lesen möchten:
Dieses Foto hat mit dem Thema nichts zu tun, nach dem gestrigen grauen Tag fand ich einen „sonnigen“ Textanfang einfach nur freundlicher.
Gestern schrieb ich, dass ich mich sofort in die transsibirische Eisenbahn setzen würde, hätte ich eine Gelegenheit. Dies habe ich dem Buch „Sibiriens vergessene Klaviere“ von Sophy Roberts zu verdanken, denn die Autorin schreibt nicht nur über die Geschichte Sibiriens und dessen Klaviere, sondern sie ließ mich beim Lesen mit lebhaften Beschreibungen in die Natur Sibiriens eintauchen. Sibirien vermittelt das Gefühl, dass es noch möglich ist, in diesen unendlichen Weiten noch wahre Abenteuer „ ohne Netz der Zivilisation“ zu erleben. Sie erzählt von Begegnungen mit Menschen, von denen ich gerne viele selbst getroffen hätte, denn es gibt neben Russen verschiedene andere Völkergruppen mit eigenen Kulturen. Man hört oft von der „ russischen Seele“, auf der Fahrt mit der Eisenbahn hätte ich vielleicht die Gelegenheit, einen winzigen Eindruck von ihr zu erhaschen. Ja und ich würde auf der Fahrt auch das andere Extrem Sibiriens kennenlernen: Millionenstädte und zerstörte Landschaft, was meine Idealisierung wieder gerade rücken würde.
Gut, die transsibirische Eisenbahn wird mich vermutlich nie oder zumindest nicht in naher Zukunft kennenlernen, also muss ich mich mit anderen Hilfsmitteln Sibirien weiter nähern. Auch dabei hilft mir das Buch, denn diverse Musiker, die mit Sibirien verbunden waren, bzw. sind, werden vorgestellt. Drei Beispiele:
Der legendäre russische Pianist Swjatoslaw Richter bereiste 1986 Sibirien und trat in vielen kleinen Orten auf. Die Resonanz der Bevölkerung wurde mit der verglichen, die Franz Liszt bei seinen Konzerten in St.Petersburg auslöste: Die Zuhörer gerieten teilweise in Extase oder waren zumindest beseelt von seinem Vortrag. Richters Reise wurde zu einer Legende.
Der sibirische Pianist Denis Matsuev engagiert sich heute sehr dafür, dass der russischen Klaviertradition wieder mehr Beachtung geschenkt wird:
Und wenn Sie noch weitere Zeit erübrigen können, habe ich noch eine YouTube Perle für Sie: Einen 45 minütigen russischen Film (mit englischen Untertiteln) über die Pianistin Vera Lotar -Schewtschenko. Eine außergewöhnliche Frau mit einem außergewöhnlichen Leben. Wenn Sie das Leben nicht so interessiert, fangen Sie den Film erst ab der 16. Minute an. Sie lernen Menschen aus Sibirien kennen, die in ihrer gewohnten Umgebung sich an Begegnungen mit der Pianistin erinnern.
Ach, fast hätte ich noch etwas vergessen: Odgerel Samplinov bekommt ein altes neues Klavier, ein Grotrian-Steinweg aus den 30er Jahren, ein Glücksfund, wie sich herausstellt. Wie das Instrument zu der Pianistin gelangt ist, das ist wieder eine ganz andere Geschichte, aber auch sie erzählt Roberts in ihrem formidablen Buch.
Im SWR 2 gab es im letzten Herbst eine Besprechung zu diesem Buch.
Ich hörte nur einen kleinen Teil der Rezension und gewann den Eindruck, dass es sich in dem Buch hauptsächlich um das Klavierspielen und um die Instrumente selbst dreht. Mein Interesse war geweckt. Als ich dann die Lektüre anfing, war ich anfangs überrascht und enttäuscht. Das Thema „Klavier“ ist für mich eher ein roter Faden, um die Geschichte Sibiriens ab dem 18. Jahrhundert zu erzählen. Darüber zu lesen hatte ich eigentlich keine Lust, doch ich blieb dran und wurde belohnt.
Im letzten Beitrag stellte ich Ihnen bereits die Pianistin Odgerel Samplinov vor, die die Autorin dieses Buches, Sophy Roberts, mit ihrem Klavierspielen so sehr beeindruckte, dass Roberts sich aufmachte, für die Pianistin in Sibirien ein altes wertvolles Klavier zu finden. Auf dieser Karte sind die Orte eingezeichnet, die Roberts während ihrer Reisen besucht hat.
Roberts beschreibt nicht akribisch ihre Reisen, sondern widmet sich Geschichtsepochen. Nach einem ganz kurzen Abriss der gesamten sibirischen Geschichte geht sie ins Detail und beginnt mit der Zeit von 1792 bis 1917. Meine Vorstellung von Sibirien beschränkte sich bisher auf extreme Natur, Kriegsgeschehnisse und den von Solschenizyn beschriebenen furchtbaren Vorkommnissen in den Gulags. Auch in Roberts Buch sind dies Themen, aber ihr Buch zeigt auch ein ganz anderes Sibirien, ein Sibirien, in dem Städte wegen ihres kulturellen Angebots und der Lebensweise z.B. mit Paris verglichen wurden. Musik war damals essentiell, es gab Opernhäuser, Konzertsäle und Musikschulen. Wie in vielen westlichen europäischen Städten gehörte ab der Mitte des 19.Jahrhunderts ein Klavier in den Haushalt einer Familie. So ist es nicht verwunderlich, dass deutsche Klavierfirmen gen Osten zogen, um sich am Markt zu etablieren. Aus dieser Zeit findet Roberts auf ihren Reisen beispielsweise alte Bechsteinflügel oder Instrumente von Becker. Teil 2 des Buches beschreibt die Zeit von 1917 bis 1991. Oktoberrevolution, der zweite Weltkrieg, die Jahre der UdSSR. Auch in Sibirien hinterließ die Geschichte tiefe Narben. Mit Geschichten einzelner Familien erzählt Roberts von diesen Umwälzungen. Es gibt unendlich viel Schmerz und Leid, aber die Autorin findet auch Geschichten, in denen Menschen für sich kämpfen und gewinnen und bei ihnen ist….ein Klavier. Teil 3: 1991 bis heute. Wieder große Veränderungen und dieses Mal auch für die Welt der Klaviere. Die letzte Fabrik, die auf russischem Boden Klaviere baut, wurde vor ein paar Jahren geschlossen. Es gibt einige sehr berühmte russische Pianisten, aber im Alltag des heutigen Russlands spielt das Klavier keine große Rolle mehr.
Hier endet der zweite Teil meiner Buchbesprechung. Morgen erzähle ich Ihnen, ob die Suche nach einem alten Klavier für Odgerel Samplinov erfolgreich war, stelle Ihnen drei weitere Musiker vor, die ich durch dieses Buch kennengelernt habe und verrate Ihnen, warum ich sofort eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn machen würde.
Dieses Buch beendete ich am Wochenende und widme ihm die nächsten drei Blogbeiträge. Zuerst möchte ich Ihnen die Dame vorstellten, die „Schuld“ daran trägt, dass das Buch geschrieben wurde. Es ist die Pianistin Odgerel Sampilnorov aus der Mongolei. Die Buchautorin besuchte einen Freund in der Mongolei und lernte dort die Musikerin kennen. Sampilnorov spielte in einer Jurte (landestypisches Zelt) auf einem alten Steinway Stutzflügel Stücke von Bach und Roberts war fasziniert von ihrem großen Können. Wie würde die Musik erst klingen, wenn Sampilnorov einen besseren Flügel besäße? Daraus entstand eine Art Schnapsidee, so dass Roberts sich schließlich aufmachte, in Sibirien einem ehrwürdigen Flügel für die Pianistin zu finden. Diese Suche dauerte insgesamt gute zwei Jahre und ist Inhalt des Buches.
Zurück zu Odgerel Sampilnorov. In den beiden Musikvideos spielt sie Stücke des mongolischen Komponisten B. Sharev. Lassen Sie sich verzaubern!
Übermorgen erzähle ich Ihnen noch mehr über das Buch.
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