Ein bisschen „Blogalltag“: Das Heimwegtelefon

In letzter Zeit bekomme ich zunehmend Mails von meinen Leserinnen und Lesern, in denen sie mir Tipps geben, über was ich schreiben könnte. Darüber freue ich mich immer sehr, denn es bedeutet, dass mein Blog mit Interesse gelesen wird. Manche Tipps stoßen mich an, mich mit einem Thema zu befassen, das bisher noch nicht „auf meinem Bildschirm“ war. Allerdings kann das schon etwas dauern, denn ich muss Lust dazu haben oder es nimmt Zeit in Anspruch, bis aus einem Tipp einen Blogbeitrag wird. Dazu heute und am Donnerstag ein Beispiel.

Da ich nicht weiß, ob die Tippgeberinnen namentlich genannt werden möchten, lasse ich die Namen weg.


Tipp Nr. 1: Das Heimwegtelefon

Wenn man im Dunkeln alleine zu Fuß unterwegs ist und dabei ein mulmiges Gefühl bekommt, kann man deutschlandweit diese Telefonnummer anrufen

030/ 12074182

und wird auf seinem Weg begleitet. Dieses Video klärt auf:


Tipp Nr. 2 hat das Motto: Seifen Sie sich mal richtig ein! Bis übermorgen…

Vier unmögliche Buchbesprechungen

Diese Bücher habe ich u.a. in den letzten Monaten gelesen:

Mit allen vier Titeln habe ich eine grundlegende Schwierigkeit: Ich kann für sie keine Buchbesprechungen schreiben. Für mich besteht eine gute Besprechung darin, dass sie den Inhalt möglichst kurz zusammenfasst und eine kurze Wertung abgibt. Die Betonung liegt auf „kurz“, denn von Buchbesprechungen, die in die epische Breite gehen, halte ich nicht viel. Ich möchte beim Lesen des Buches noch überrascht werden.
Wenn ich plane, eine Buchbesprechung zu schreiben, lege ich Lesezeichen in einzelne Seiten, die mir wichtig erscheinen. Bei allen vier Büchern sahen die Buchschnitte so aus.

Sehen Sie vorne die ersten Seiten des Buches, die keine Lesezeichen haben? Hier hatte ich begonnen, eine Inhaltsangabe zu schreiben. Sie fing so an:

Haben Sie schon einmal vergeblich versucht, sich eine gute Gewohnheit anzueignen oder eine schlechte abzugewöhnen? Falls Sie bejahend nicken, lesen Sie ruhig weiter.
Wir setzen uns meistens ein Ziel, um etwas zu erreichen, doch hier erklärt uns der Autor direkt am Anfang des Buches, dass dieses Vorgehen falsch ist. Ein erreichtes Ziel kann u.U. nur temporär etwas verändern ( z.B. 20 Kilo abnehmen und dann wieder zunehmen) und das Ziel grenzt darüber hinaus die Möglichkeit von noch größerem Erfolg ein. Der richtige Weg lautet: Man muss das System ändern. Was bedeutet das? Fragen Sie sich in aller Ruhe , was Sie für ein Mensch sein möchten. Die beste Motivation ist, wenn eine Gewohnheit ein Teil der Identität wird. Je stolzer Sie auf einen Teil Ihrer Identität sind, desto leichter ist es, die dazugehörende Gewohnheit sich anzueignen und dann auch beizubehalten. Indem Sie bestimmte Gewohnheiten pflegen, gestalten Sie Ihr eigenes Ich.
Wie entstehen Gewohnheiten? Unser Gehirn ist der Schauplatz und dies läuft in ihm ab: 1. Auslösereiz-2. Verlangen-3. Reaktion-4. Belohnung

Ich merkte beim Schreiben, dass die Besprechung ellenlang würde und das wollte ich nicht und hörte auf. Lesen Sie „ Die 1% Methode“ lieber selbst und entdecken Sie, wie man den Alltag und letztendlich sein ganzes Leben mit guten Gewohnheiten erleichtert und auch bereichert.

Bei den anderen drei Büchern ging es mir auch so. Sie sind toll und bieten viel Stoff zum Nachdenken.
Das Hormonbuch (2. Buch von links) habe ich zuerst gehört. Teilweise sehr kurzweilig, da sich die Hormone miteinander unterhalten, was der Mensch, in dem sie sich befinden, mal wieder alles falsch macht. Auch haben die Hormone menschliche Züge, sind traurig, euphorisch, zickig. Den ernsten Inhalt konnte ich beim Hören nicht so schnell behalten und so las ich danach das Buch in Ruhe. Die wichtigste Kernaussage für mich: Die Hormone meinen es gut mit mir, der kritische Satz: „ Ach das sind bestimmt mal wieder die Hormone!“ kommt mir nicht mehr über die Lippen, denn das ist ungerecht gegenüber unseren Helfern, den Körper am Laufen zu halten. Kein Eingreifen in den Hormonhaushalt, um bei Leistungen noch ein Schüppchen drauflegen zu können= Kernaussage Nr. 2. Darüber hinaus lernt man auch viel darüber, wie Hormone unsere Gesellschaft prägen können und weiß man das, wird man selbst ein ganzes Stück abgeklärter.

Buch 3 und 4: Beide beschäftigen sich mit Dingen, die unseren Alltag prägen. In „Das verschachtelte Ich -Individualräume des Eigentums“ wird gezeigt, wie Dinge uns als Mensch bestimmen. Sie waren z.Zt. der Römer und im Mittelalter oft die einzige Möglichkeit, seine Individualität und individuelle Freiheit auszudrücken. Oftmals waren es Fundstücke, heute würden wir Souvenirs sagen oder selbstgefertigte Dinge durch die ein Mensch sich von anderen absetzte. Ab Beginn der Industrialisierung änderte sich das zunehmend und heute kaufen wir bewusst Gegenstände und häufen sie an, um unsere Individualität zu demonstrieren. Aber in Zeiten der Massenproduktion ist das mit der Individualität nur noch Wunschdenken. Unser Konsumverhalten wird in dem Buch kritisch unter die Lupe genommen und man hinterfragt beim Lesen seine eigene Einstellung dazu. Das Buch hat nur 159 Seiten, ist leicht zu lesen und bringt es auf den Punkt.

Buch Nr. 4: Für „Lebhafte Materie“ brauchte ich acht Monate. Immer wieder musste ich Pausen einlegen, um den Inhalt zu „verdauen“ und weiter zu recherchieren. Die Autorin bezieht sich bei ihren Ausführungen auf diverse Philosophen (u.a. Latour, Deleuze, Bergson und Driesch) und macht die Aussage, dass in jedem nichtmenschlichen Objekt eine Kraft steckt, etwas Neues zu erschaffen. Sie spricht von der „Handlungsmacht der Gefüge“, wenn mehrere Dinge miteinander agieren. Humbug? Mitnichten. Sie gibt viele Beispiele und Sommer 2020 erschien zu diesem Thema auch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung. (Das Buch erschien 2010).



Was bedeutet das für uns Menschen? Die Handlungsmacht liegt nicht bei uns allein und wir können absolut nicht absehen, wie und wann die Vitalität der Materie sicht-und fühlbar wird und welche Konsequenzen dies für Menschen hat. Wünschenswert wäre es, wenn sich unser zukünftiges Handeln an dieser Erkenntnis orientiert und wir etwas demütiger würden.

Ich finde es sehr schade, dass die Autorin nicht für interessierte Laien geschrieben hat. Ihre Texte baden in Fremdwörtern und dies grenzt den Lesekreis damit doch erheblich ein. Auch die Tatsache, dass sie einmal in der Ich-Form schreibt, dann wiederum von sich in der dritten Person, irritiert. Nichtsdestotrotz lege ich Ihnen das Buch ans Herz, denn es kann Ihr Weltbild verändern. Eine Rezension im Deutschlandfunk (übrigens die einzige nicht kommerzielle Besprechung, die ich gefunden habe), machte mich auf das Buch neugierig. Falls Sie gerne eine zweite Meinung lesen möchten:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/jane-bennett-lebhafte-materie-eine-politische-oekologie-der.1270.de.html?dram:article_id=479186


Auch 2021 wird bei mir rechteckig

Letzte Woche hatten einige Leser und Leserinnen das „Vergnügen“, einen Blogbeitrag in der Entstehung zu lesen. Beim Schreiben merkte ich, dass ich mit dem Text nicht weiterkam und mir auch noch passende Fotos fehlten. Ich speicherte den Entwurf erst einmal ab, ohne auf das Datum der Veröffentlichung zu achten. So erschien das Textskelett am letzten Donnerstag. Ich bitte um Entschuldigung!
Hier nun ein neuer Versuch:

Letztes Jahr beschäftigte ich mich u.a. mit dem Thema Postkarten und stieß dabei auf diese Internetseiten:

https://postsecret.com/ und http://postsecretdeutsch.blogspot.com/

Der Amerikaner Frank Warren und später Sebastian J.Schultheiß aus Deutschland starteten einen Aufruf, anonym auf einer Postkarte ein persönliches Geheimnis zu verraten.
Warren hoffte, für jeden Tag eines Jahres eine Karte zu erhalten, doch es waren tausende, die man ihm zuschickte. Er bekam in den folgenden Jahren immer mehr Zuspruch und der Strom der Postkarten von Kindern und Erwachsenen riss nicht ab. Bücher wurden herausgegeben und Warren richtete die o.g. linke Internetseite ein, auf der bis heute aktuell zugeschickte Karten abgebildet sind..
Die Entwicklung in Deutschland war ähnlich und so erschien 2014 dieser Bildband:

Die meisten Menschen haben Geheimnisse und denken oftmals, sie hätten sie ganz alleine auf der Welt. Dieses Buch zeigt: Wir sind uns ähnlicher, als wir wahrhaben wollen. Viele Geheimnisse drehen sich um Liebe und Freundschaft in allen Variationen und um schulische, berufliche und gesundheitliche Ängste. Verzweiflung und Depression kommen dazu. Es gibt aber auch Geheimnisse ganz anderer Art wie Kindheitserinnerungen oder anarchistische Gedanken. Absender reflektieren ihren eigenen Charakter und meinen, dass man um sie lieber einen großen Bogen machen sollte, weil sie sich selbst für schlecht oder oberflächlich halten. Kleine und große Wünsche werden verraten: Ein Ticket für ein Fußballendspiel, mal wieder das Lieblingslied hören oder ein Kind wünscht sich, dass es seine Fische und Pflanzen am Leben halten kann.
So vielfältig wie die Geheimnisse sind, so breitgefächert sind auch die künstlerischen Talente der Postkartenabsender. Collagen, Zeichnungen, Aquarelle, Fotos, kalligraphische Texte- das Buch überrascht noch nach mehrmaligem Durchblättern.
Auf dem Kleinformat einer Postkarte etwas auszudrücken, das mich beschäftigt, hat für mich einen besonderen Reiz. Zwei Beispiele:

Sammlung Jahrgang 2020/2021 von leere Worthülsen der Politiker

Diese Karte habe ich inzwischen schon verschickt. Trotz Sekundenklebers war bei der Empfängerin nur noch eine Hülse auf der Karte. Ob das ein gutes Zeichen ist???

Demut tut uns immer gut…

Es wird dieses Jahr auch lustige Karten von mir geben. Wenn einige fertig sind, gibt es eine Fortsetzung dieses Artikels.

Der Sezierer des „grauen“ Alltags

Und hier ein weiterer Autor, den ich dieses Jahr neu entdeckt habe:

Georges Perec, ein französischer Autor, legt in seinen Büchern den Alltag unter das Mikroskop und erfasst minutiös jede Art von Handlung, die zu einem Vorgang gehört, hält jede noch so unbedeutende Beobachtung fest und erkundet Möglichkeiten des Ordnens. Er ist nicht auf Sensationen aus wie beispielsweise Zeitungen. Perec ist von Zeitungen gelangweilt, denn sie berichten nicht über Dinge, die sein Leben betreffen, nicht über den gewöhnlichen Alltag oder über Selbstverständliches.

Im rechten Buch listet er die Beobachtungen auf, die er 1974 an drei Tagen gemacht hat. Täglich hat er mehrere Stunden auf dem Pariser Place Saint-Sulpice gesessen und notiert: Menschen, Fahrzeuge, Tiere, Geräusche, Düfte, wechselnde Schriftzüge, Beleuchtungen, Farben. An den drei Tagen gibt es Regelmäßigkeiten, wie beispielsweise immer wieder vorbeifahrende Busse oder Menschen, die zu ihrer Arbeit gehen, aber auch viele „Mikro-Ereignisse“, die so unterschiedlich sind, dass selbst der langweiligste Alltag interessant sein kann, wenn man nur genau hinschaut.

Im linken Buch erhebt er mit dem Thema „Denken/Ordnen“ den Alltag ebenfalls in eine andere Sphäre. Als Leserin stachen bei mir zuerst die Kapitel über die Kunst des Bücherordnens, über das Lesen und die Betrachtungen über Brillen heraus, doch seine Anmerkungen über die Gegenstände, die auf seinem Schreibtisch liegen oder seine drei Erinnerungen an früher besuchte Zimmer gefielen mir auch sehr gut.

Wer mehr über Georges Perec wissen möchte:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Georges_Perec