Menschen, die unterschiedliche politische Ansichten haben, schreien sich immer häufiger an, beleidigen sich oder wollen gar nicht mehr wissen, was die andere Person für eine Meinung hat. Ich habe ein Video auf Instagram entdeckt, dass ich Ihnen zeigen möchte, da sich hier ein Politiker meiner Meinung nach vorbildlich gegenüber einer AfD Wählerin verhalten hat.
Das „Zauberwort“ heißt Respekt, darüber hinaus braucht man Wissen, um eine respektvolle Diskussion führen zu können. Letzteres finde ich schwierig. Wo findet man vertrauensvolle Fakten? Mein Vertrauen liegt immer noch in Büchern, in der Bundeszentrale für politische Bildung und einigen anderen Quellen. Ich nehme mir vor, Ihnen dieses Wissen nach Themen sortiert in der neuen Kategorie „Politisches Material“ Schritt für Schritt zur Verfügung zu stellen. Vielleicht hilft es Ihnen bei der Wahlentscheidung oder Gesprächen mit Verwandten, Freunden, Arbeitskollegen oder im Verein.
Der Verlag Kiepenheuer&Witsch hat letztes Jahr erstmalig die Aktion „Deutschland liest ein Buch“ durchgeführt. Ein Titel aus dem Verlagsprogramm wird sehr stark beworben und auf der Verlagsseite im Internet finden Literaturkreise, Lehrer und andere lesefreudige Zusammenschlüsse viele Ideen, wie man dieses Buch besprechen oder mit welchen Aktionen man das Buch begleiten kann. Die Titelauswahl im letzten Jahr fand ich nicht überzeugend, aber dieses Jahr bin ich begeistert!
Der Autor Woody Brown ist nicht sprechender Autist, der als erster in den USA einen Abschluss an einer Universität erlangt hat und damit in seinem Heimatland viel Aufsehen erregte. „Ein ganz normales Wunder“ ist sein erster Roman. Um es direkt zuzugeben: Ich war überrascht, mit wie viel trockenem Humor dieses Buch geschrieben wurde! Wir lernen Walter kennen, einen jungen Autisten, der eigene Gedanken verbal nicht äußern kann. Er hat einen liebevollen Vater und eine Mutter, die alles dafür tut, dass ihr Sohn gefördert wird und ein möglichst „normales“ Leben mit der dazugehörenden Bildung führt. Dafür kämpft sie wie eine Löwin, bzw. Kriegerin, wie Walter sie einmal nennt. Der plötzliche Tod des Vaters wirft alle Bemühungen über den Haufen, denn die Mutter muss arbeiten gehen und Walter, der nicht über eine längere Zeit alleine bleiben kann, besucht unter der Woche die Tagesstätte „Upward Bound“. Hier trifft er auf andere junge autistischen Erwachsene, die von mehreren Betreuern mit Aktivitäten durch den Tag gebracht werden. Walter erzählt von seinen Beobachtungen in der Gruppe und stellt andere Mitglieder vor, wie den schönen Tom oder den gutmütigen Jorge, der gerne ausreißt. Auch Carlos, der einfühlsamste Betreuer, Ann, eine Praktikantin, und Dave, der Chef dieser Einrichtung, werden von Walter vorgestellt. Sie kommen in dem Roman aber teilweise auch selbst zu Wort und man liest von schwierigen Lebensbedingungen, Ängsten und kleinen Freuden. Und dann ist da noch Avery, Verkäuferin in einem Einkaufszentrum, das von der Gruppe einmal pro Woche besucht wird. Averys Blick auf die Gruppe wird von Woche zu Woche geschärft und immer häufiger stellt sie sich die Frage, ob sie aus ihrem Leben mehr machen kann.
Woody Browns Buch gibt Lesern viel Stoff zum Nachdenken. Die Leser erfahren, was es bedeutet, autistisch zu sein. Walter beschreibt es als „ADHS mal tausend“: Es ist, als stünde eine riesige Monitorwand im Gehirn und die Monitore zeigen unterschiedliche Eindrücke mit voller Lautstärke und das muss das Gehirn jede Sekunde verarbeiten. Für andere Handlungen, die man für die Bewältigung des Alltags braucht, sind im Gehirn nicht mehr viele Kapazitäten übrig. Wie geht es einem autistischen Menschen, wenn er merkt, dass über ihn geredet wird, als sei er gar nicht anwesend, weil die anderen denken, dass er eh nichts versteht. Wie geht es ihm, wenn er gute oder schlechte Gefühle hat, Mitgefühl zeigen möchte, aber nichts äußern kann? Es ist wie eine Zwangsjacke, aus der man sich nicht befreien kann. In dem der Autor auch über Betreuer und Außenstehende schreibt, hält er im positive Sinne der Leserschaft einen Spiegel vor. Man erkennt, wie man sich falsch verhält und welche Vorurteilsfallen es gibt, es wird aber auch gezeigt, wie jeder von uns es besser machen kann, wenn man einem Menschen mit einer Behinderung begegnet.
Bevor ich zum Inhalt dieses Romans komme, möchte ich zuerst sein äußeres Erscheinungsbild loben. Das Buch (579 Seiten stark) ist drei Zentimeter kleiner als das übliche Romanformat. Jetzt wird es vielleicht etwas seltsam, aber nahm ich es in die Hand und schlug es auf, hatte ich intensiver das Gefühl, in eine Geschichte „einzutauchen“, ja fast in eine kleine Schatzkiste zu blicken. Dazu trug auch das sehr klare und etwas größere Schriftbild bei, so dass ich das Lesen als sehr angenehm empfand. Das Bild auf dem Deckblatt erinnert auf den ersten Blick an einen Ameisenhaufen, doch sind es wirklich Ameisen?
Zum Inhalt: Die 32 jährige Emelie ist Journalistin in Stockholm. In letzter Zeit empfindet sie das Leben als ein „Hindernislauf von Sinneseindrücken“, im dem sie sich redlich Mühe gibt, es allen recht zu machen und den Alltag zu überstehen. Doch ihr schwinden dazu immer häufiger die Kräfte und sie beschließt, im Wald zelten zu gehen, um Ruhe zu finden. Die Ruhe währt nicht lange, denn sie entdeckt ein großes Haus, in dem anscheinend mehrere „Verrückte“ leben. Sie tanzen mitten am Tag durch den Wald, haben draußen Sex und sagen andauernd „Danke“. Emilie ist von den drei Männern und Frauen fasziniert und kehrt immer wieder zum Haus zurück, um die Bewohner heimlich zu beobachten. Auch versucht sie, die Rolle eines Jungen zu verstehen, der sich von der Gruppe etwas abseits hält. Dann steht dieser Junge eines Tages plötzlich vor ihr. Er heißt Låke und benimmt sich sehr ungewohnt im Vergleich zu Jugendlichen aus der Stadt. Er stellt viele Fragen, ist völlig arglos, weiß nicht, was ein Handy ist, liebt Bücher und möchte immer Chipse essen. Låke geht nicht zur Schule, besucht Emelie jeden Tag und langsam erfährt sie etwas mehr über die Gruppe von Aussteigern, die mit dem „Leben da draußen“ nichts zu tun haben wollen. Als Emelie beim Beobachten erwischt wird, lernt sie schließlich die ganze Gruppe kennen. Zuerst ist diese gegenüber der Frau von draußen sehr misstrauisch, doch Sara, die in der Gruppe anscheinend das Sagen hat, bringt Emelie Vertrauen entgegen und lädt sie zum Bleiben ein. Die Gruppe nennt sich selbst „Der Haufen“, denn sie leben seit mehreren Jahren zusammen und kennen sich so gut, dass ihr Leben dem in einer Ameisenkolonie ähnelt. Sie leben autark, habe die Einkaufsfahrten ins nächste Dorf eingestellt. Jede Person kennt ihre Aufgaben, versteht den anderen, denkt für ihn mit. Die charismatische Sara ist die Königin, auf die alle hören. Sie haben keine Pläne oder Ziele und begegnen jeden Tag mit wacher Neugierde. Emelie fühlt sich zuerst in der Gruppe sehr geborgen, doch dann kommt es zu einem schicksalshaften Abend, an dem viel getrunken wird. Enthemmt stellt Emelie Fragen und hält der Gruppe einen Spiegel vor mit Wahrheiten, die die Gruppenmitglieder bis dahin immer verdrängt haben. Der Frieden im „Haufen“ ist vorbei, wie geht es weiter? Dramatisch, hoffnungsvoll, melancholisch. Und Emelie? Sie ist froh, wieder in die Stadt zurückzukehren. Vielleicht nicht alleine.
Wer sind die erwachsenen Mitglieder dieser Gruppe? Sechs außergewöhnliche Lebensgeschichten werden ebenfalls erzählt und man bekommt mit diesem Roman außergewöhnliche Lesestunden geschenkt. Ein Dankeschön dafür an den Kommode Verlag aus der Schweiz!
Der Mensch ist ein soziales Wesen, das seinen Seelenfrieden findet, wenn es zu einer oder mehreren Gruppen gehört. So die festverankerte Meinung in der Gesellschaft. Doch es gibt Menschen, die zwar von den anderen geschätzt werden, weil sie empathisch sind, oftmals frische Ideen haben und selbst über sich lachen können, die aber trotzdem lieber alleine sind und denen Aktivitäten in einer Gruppe (Teambildung auf der Arbeit, Betriebsfeste, Partys, Familienfeste, Gruppen-Freizeitaktivitäten) fast immer ein Graus sind. Sie langweilen sich, definieren sich nicht über ihre Arbeit, hassen Smalltalk und können Festen, die mit Traditionen verbunden sind, nichts abgewinnen. Diese Menschen sind weder extro- noch introvertiert, der amerikanische Psychiater Rami Kaminski nennt sie otrovertiert.
Kaminski hat in seiner jahrzehntelangen Berufspraxis viele Menschen betreut, die teilweise von anderen Ärzten als „nicht therapierbar“ abgestempelt wurden. Nach vielen Gesprächen erkannte er ein Verhaltens-und Wesensmuster bei seinen Patienten. Hier ein typischer Lebenslauf eines Otrovertierten: Als Kleinkind wird von den Erwachsenen freudig bemerkt, dass das Kind sich stundenlang alleine beschäftigen kann. Beginnt die Kindergartenzeit, tauchen erste Irritationen auf. Das Kind lässt sich in eine Gruppe eingliedern, kapselt sich aber immer wieder ab. Die Schuljahre werden dann mit zunehmendem Alter oftmals zu einer Horrorzeit. Das Kind weiß inzwischen, dass Gruppenzugehörigkeit wichtig ist. Es möchte von einer Gruppe anerkannt werden, macht in der Gruppe mit und übernimmt auch die dort gängigen Meinungen und Interessen. Dabei verbiegt es sich derart, dass es zu psychischen Störungen kommen kann. Auch spürt das Kind, das es niemals wirklich zur Gruppe gehören wird. Verstärkt wird das seelische Dilemma oftmals von den Eltern, die ihre Kinder zu Gruppenaktivitäten zwingen oder von mitfühlenden Mitschülern, die nicht möchten, dass jemand ausgeschlossen wird. Endlich ist die Schulzeit vorbei! Entweder ist ein Otrovertierter dann psychisch so angeschlagen, dass nur noch Alkohol oder Drogen helfen und/oder er eine Therapie braucht, um die gesellschaftlichen Erwartung vom Leben als „Gruppentier“ zu erfüllen oder er findet seinen eigenen Weg, sich so zu akzeptieren, wie er ist und sein Leben nach seinen eigenen Werten zu gestalten. Wie sieht so ein Leben aus? Eine otrovertierte Person hat einige wenige gute Freunde, die sich gegenseitig ihre Freiheit lassen. In einer Gruppe verankert ist er höchstens dann, wenn diese sich mit etwas beschäftigt, das ihn interessiert. Da ein „Otro“ sich nicht an Gruppenmeinungen beteiligt, ist sein Selbstwertgefühl von anderen nicht abhängig, sein Selbstbewusstsein ist gesund. Gegenüber anderen Menschen ist er meistens unvoreingenommen und an ihren Geschichten wirklich interessiert. Er hinterfragt vieles, ist lieber stiller Beobachter und macht sein eigenes Ding. Jeder Tag ist wichtig für ihn, denn er ist kreativ und seine Ideen sind für Gruppenmenschen manchmal etwas spleenig oder so unerwartet, dass die Zeit für die Durchsetzung noch nicht reif ist. Ein Otro ist zufrieden, wenn er alleine sein Wohlfühlleben gestalten kann. Er schafft sich viele schöne Erinnerungen, denn diese kann man ihm niemals wegnehmen. Seine Lebenseinstellung kommt ihm im Alter zu gute. Während Gruppenmenschen unter dem fortschreitenden Verlust von Freunden leiden, u.U. vereinsamen und merken, dass sie ihr Leben zu sehr an eine Gruppe angepasst haben, genießt der Otro, sofern er gesund ist, bis zum letzten Atemzug sein Leben.
Die Meinung über dieses Buch ist im Internet geteilt. Kaminski wird vorgeworfen, dass er den Begriff der Otroversion nur zu Marketingzwecken erfunden hat und die beschriebenen Wesenszüge in der Forschung schon lange bekannt sind. Das kann ich nicht beurteilen, doch dieses Buch erreicht erstmals betroffene Menschen, die keinen Therapeuten haben und bisher alleine versuchten, mit ihren Zweifeln zurecht zu kommen und ihr Leben zu wuppen.
“Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen“- Ein passender Buchtitel…
In diesem Monat nehme ich an einer neuen Veranstaltung in der Buchhandlung Scheuermann teil:
Es geht um Einsamkeit, Verbundenheit, das Erschaffen von neuen Räumen, in denen sich die unterschiedlichsten Menschen annähern und treffen können und um die Möglichkeit, gemeinsame Ideen zu finden und umzusetzen. Ich mache mit, weil ich glaube, dass ohne das Zusammenrücken innerhalb der Gesellschaft die Zukunft in Deutschland noch schwieriger wird.
Ich gehöre zu der B-Generation (damit sind die Jahrgänge 1955-1970 gemeint), die sich aus dem Arbeitsleben verabschiedet und nun das Rentnerdasein mehr oder minder genießt. So war ich natürlich sehr gespannt, als ich das Leseexemplar vom Verlag vor ein paar Tagen aufschlug.
Beim Lesen der ersten Kapitel verspürte ich bereits eine gewisse Ernüchterung. Die für die Boomer prägenden Ereignisse spielen sich bei dem Autor Heinz Bude oft in einem gewissen „Bildungsmilieu“ ab. (z.B. Hausbesetzungen, RAF, wichtige Filme). Das Denken von Boomerarbeitern/ „kleinen Angestellten“ ist für mich unterrepräsentiert. Ebenso fehlt mir das Thema Musik, meiner Meinung spielte sie für unsere Generation eine besondere Rolle.
Oder habe ich nicht alles im Buch verstanden? Das ist durchaus möglich, denn der Text war für mich teilweise nicht leicht zugänglich. Heinz Bude ist Soziologe und er benutzt gerne Fachausdrücke, deren genaue Definitionen ich hätte nachschlagen müssen. So blitzte nur manchmal eine neue Erkenntnis für mein Leben und Denken auf, wenn es bei Bude um überfüllte Klassenzimmer, Aids, Tschernobyl, Internet oder Klima geht.
Der Autor beschreibt die unterschiedliche Entwicklung von Boomern im Osten und Westen Deutschlands, das fand ich erhellend. Auch das Ende des Buches, in dem er die jetzige Situation der Boomer darstellt, die mit der Pflege und dem Tod der Eltern konfrontiert werden und sich mit dem Rest ihres eigenen Lebens und ihrem Tod auseinandersetzen müssen, gehört zu den guten Textpassagen.
Heinz Bude wurde 1954 geboren, gerne würde ich ein zweites Buch lesen, in dem jemand, der jünger ist, einen Blick auf unsere Generation wirft. Gibt es Auswirkungen auf die Arbeitswelt, wenn die Weltanschauung der Boomer dort verschwindet? Auf diese Frage habe ich bei dem Autor keine befriedigende Antwort gefunden. Resümee: Mein Urteil über das Buch ist zwiespältig, aber ich werde es noch einmal lesen.
Um dir ein optimales Erlebnis zu bieten, verwenden wir Technologien wie Cookies, um Geräteinformationen zu speichern und/oder darauf zuzugreifen. Wenn du diesen Technologien zustimmst, können wir Daten wie das Surfverhalten oder eindeutige IDs auf dieser Website verarbeiten. Wenn du deine Zustimmung nicht erteilst oder zurückziehst, können bestimmte Merkmale und Funktionen beeinträchtigt werden.
Funktional
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Vorlieben
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.