Schütteln Sie bei Sumo auch den Kopf?

Der Grund, warum wir nach Paris gefahren sind, war ein Schaukampf der besten Sumoringer Japans.

Mein Mann und ich sehen Sumokämpfe seit den 90er Jahren an, erst bei der BBC, jetzt bei dem japanischen Sender „NHK World“. Alle zwei Monate kämpfen an 15 Tagen in der Profi-Liga vierzig Sumoringer gegeneinander und der Sender zeigt täglich in englischer Sprache einem Zusammenschnitt der Kämpfe.
Wir haben schon mehrmals versucht, für die Liga in Japan Eintrittskarten zu bekommen, doch dies ist uns bisher nicht gelungen, da die weltweite Popularität von Sumo immer mehr zunimmt. So waren wir sehr glücklich, als wir in diesem Jahr Karten für Paris bekamen.
Als wir das in unserem Bekanntenkreis erzählten, schüttelte die meisten nur ungläubig den Kopf und fragten nach den Gründen, warum wir dafür Geld ausgeben würden. Vielleicht ist Ihnen der Sumokampf auch fremd und Sie möchten etwas mehr wissen?
Mein Mann war ehemaliger Judokämpfer und am Anfang war er alleine der Fan, da er in den Sumokämpfen auch einige Judotechniken wiederfand. Er konnte das Können der Kämpfer ermessen, während ich anfänglich auch meine Schwierigkeiten hatte, diesen Kämpfen, die manchmal nur wenige Sekunden und fast nie länger als 2 Minuten dauerten, etwas Interessantes abzugewinnen. Doch je mehr ich zusah, desto mehr entdeckte ich die unterschiedlichen Mentalitäten, bzw. Persönlichkeiten der Teilnehmer. Die meisten stammen aus Japan, doch damals war Akabono von Hawaii beispielsweise ein Star und heute sind Kämpfer aus der Mongolei oder der Ukraine mit dabei. Manche versuchen, mit technischen Würfen den Gegner zu besiegen, dann gibt es diejenigen, die den Gürtel des anderen nicht berühren und nur schieben und stoßen, um den Gegner aus dem Ring zu drängen. (Diese Männer gehören nicht zu meinen Lieblingen). Es gibt Kämpfer, die beide Kampfweisen auf intelligente Weise kombinieren, andere haben die abgeklärte Aura eines Buddhas und dann treten dort Männer auf, die wie ein Stier unter Strom im Kampfring stehen. Ja und dann gibt es noch Ura. Das Wort „Ura“ beschreibt auf japanisch die „verborgene, geheime oder nicht sichtbare Seite einer Sache“, d.h. der Kämpfer, der diesen Namen trägt, ist immer für eine Überraschung gut. Sie können sich denken, dass er mein Favorit ist. Hinzu kommt, dass Ura, entgegen des üblichen Verhaltenskodex, keine Emotionen zu zeigen, häufig auch lächelt und mit seinem pinkfarbenen Gürtel aus den sonst eher dunklen Gürteln heraussticht.

Links oben: Kirishima (Mongolei) und der 21 jährige Aonishki (Ukraine), beide Anwärter auf den höchsten Titel im Sumo, dem des Yokozunas. Für mich sind die beiden die geistreichsten Kämpfer.
Beeindruckend ist die Lebensgeschichte des jungen Aonishki, wie er aus der Ukraine flüchtete: https://sumikai.com/nachrichten-aus-japan/sport/sumostar-aonishiki-wird-nach-flucht-aus-ukraine-erster-ozeki-des-landes-370285/

Rechts oben: Links Hoshoryu, einer der beiden derzeitigen Yokozunas und für mich der „Kampfstier“, rechts Kotozakura, im darunter liegenden Rang des Ozekis und einer der beiden „Goliaths-siehe weiter unten im Text- mit ca. 180 Kg bei 1,89 m Größe.
Unten links: Mein „Schätzeken“ Ura, sein Gegner Fujiryoga hat inzwischen bei mir auch eine Sonderstellung, dazu aber später noch mehr.


So viel zu den Kämpfertypen. Was mich aber ebenso fasziniert ist die Tatsache, dass dieser Sport, der ca. 2000 Jahre alt ist, mit all seinen Ritualen bis heute fast 1 zu 1 aufgeführt wird. Der Sumokampf ist dabei nur ein Mosaiksteinchen dieser alten Tradition.
Die Ausbildung der Kämpfer, ihre Aufmachung (Haare und Gürtel), die begleitende Trommelmusik, der Gesang, der Bau des Kampfrings, der während mehrerer Tage aus Lehm, Reisstrohballen und Sand Händen und Füßen errichtet wird, die traditionellen Gewänder der Schiedsrichter- es gibt so viele Details, die zu beachten sind und vieles davon konnten wir uns in Paris ebenfalls ansehen.

Die Veranstaltung fand in der Accor Arena im Stadtteil Bercy statt. In die Halle passen ca. 20000 Zuschauer und sie war an zwei Tagen ausverkauft. Die Veranstaltung sollte um 14 Uhr beginnen, doch wir waren schon früher da, um uns in Stimmung zu bringen. Schnell kam man mit anderen Sumofans ins Gespräch, diverse T-Shirts zeigten, wer von wem Fan war. Bereits draußen begann man mit dem Schlagen einer Trommel, um den bevorstehenden Beginn anzuzeigen.

Rechts: Die Fahnen der Sponsoren, darunter die Halle und der Trommler. Daneben Fans- es gibt keine Altersbeschränkung, die Zuschauer waren aus vielen Ländern angereist.

Vor den Kämpfen wurde gesungen, man zeigte, wie die Haare frisiert werden und demonstrierte das Binden des speziellen Yokozuna- Gürtels „Tsuna“.

Oben rechts: Vor Kampfbeginn werfen beide Männer Salz in die Luft, um den heiligen Ring symbolisch von bösen Geistern zu reinigen, bitten damit die Götter um Schutz vor schweren Verletzungen und beten für einen fairen und sicheren Kampf. 
In der Mitte: Onosato ist der zweite amtierende Yokozuna und ihm wird der 20 Kilo schwere Tsuna umgelegt.
Links unten: Der Gewinner des letzten Kampfes bleibt am Ring und reicht dem nächsten Kämpfer auf seiner Seite Wasser. Er gibt damit symbolisch seine „Siegesenergie“ weiter. Mitte und rechts: Die beiden Kämpfer taxieren sich und schüchtern den jeweiligen Gegner ein, sei es durch ein böses Gesicht, dem lauten Klatschen auf den Bauch oder wie im Fall des Ringers Kotoeiho durch die Demonstration großer Körperbeherrschung. (Wie hoch kommen Sie mit Ihrem Bein ? 😉 )
Man merkte, dass das Publikum nur „vom Fach“ war, alle waren sehr aufmerksam und an den richtigen Stellen still. Trotzdem herrschte, im Gegensatz zu den Kampftagen in Japan, eine entspannte Stimmung und wir sahen plötzlich viele lächelnde Sumokämpfer. Das war für mich der schönste Augenblick, es sind freundlichen Menschen und keine Kampfmaschinen.

Links Abi, ein Ringer,den ich wegen seines äußerst aggressiven Schläger-Kampfstils überhaupt nicht mag. Aber als er so durch das Publikum ging, gewann er bei mir Sympathiepunkte. Rechts der Yokozuna Onosato, dessen Auftreten ansonsten eher an einen abgeklärten Buddha erinnert.

Vor den Schaukämpfen untereinander hatten die Sumokämpfer sich noch einer schweren Aufgabe zu stellen: Sie mussten gegen den hochmotivierten jungen Nachwuchs kämpfen. Das war sooo niedlich anzusehen….

Die derzeitigen besten Sumokämpfer sind ca. zwischen 1,76 und 1,94 m groß und wiegen ca. zwischen 125 und 198 Kilo. Wir haben sie alle live erlebt und rieben uns die Augen, als wir sahen, wie leichtfüßig der schwerste Kämpfer Atamifuji (links) aus dem Schneidersitz aufstand. Wir haben aber auch gesehen, wie dieser Mann gegen einen anderen Kämpfer (rechts) verloren hat, der bei uns den Spitznamen „Speedy Mouse“ trägt (1,74, 125 Kg). Der kleine Kämpfer zwingt den großen durch Schnelligkeit zu Bewegung im Raum. Da geht dann „Goliath“ schnell die Luft aus und David kann gewinnen.

Zum Schluss ein Kampf:

https://youtu.be/oAZMi-x6B-w

Ich habe einen auf You Tube ausgewählt, der nicht nur allein den Kampf zeigt, sondern zuvor auch das Taxieren der beiden Ringer. Das Besondere an diesem Film ist, dass man nach dem Kampf fliegende Sitzkissen sieht. Das ist eigentlich strikt verboten, passiert aber trotzdem, wenn ein Yokozuna von einem Kämpfer eines niedrigeren Ranges besiegt wird und die Zuschauer ihre Begeisterung darüber zeigen möchten.

Dieses Plakat hängt jetzt bei uns zuhause. Bekäme ich die Gelegenheit, ich würde jederzeit wieder eine Live-Veranstaltung besuchen.

P.S. Noch kurz zurück zum Ringer Fujiryoga. Er begegnete uns einen Tag später im „Musée Louis Vuitton“, das er mit seiner Freundin besuchte. Auch hier befolgte er die strenge Tradition und trug einen Kimono.

Besser leben und besser sterben

Mit zunehmendem Alter macht sich die Autorin Milena Michiko Flašar Gedanken über ihre eigene und unser aller Vergänglichkeit. Wir geben uns unendlich viel Mühe, am Leben zu bleiben und doch sterben wir jeden Tag ein bisschen. Dummerweise gehört der Tod „nicht zu dem Erprobbaren. Wer ihn einmal erfahren hat, der hat mit der Generalprobe bereits das letzte, allerletzte Mal auf der Bühne gestanden.“
Dezember 2024: Auf einer Rundreise in Japan, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat, erhofft sie sich deshalb, Eck- und Anhaltspunkte zu finden, die ihr helfen, das Sterben zu lernen. Japaner haben aus verschiedenen Gründen eine andere Affinität zum Tod.
In Osaka wird ihr bewusst, dass es das „Carpe Diem!“ nicht ohne das „Memento mori!“ gibt, Lebenslust wohnt in direkter Nachbarschaft mit dem Tod. Für den Tod gibt es in der japanischen Sprache verschiedene ehrwürdige Wörter, die nuanciert aufzeigen, wie ein Mensch gewesen und gestorben ist. Bevor er sich auf die unbekannte Reise macht, entsendet der Sterbende mit einem Todesgedicht einen Abschiedsgruß an die Hinterbliebenden. Die Botschaft: Nichts bleibt, nichts währt, aber jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, alle tragen durch ihr Geborenwerden und dem Sterben dazu bei, dass die Idee des Lebens weiterbestehen kann.
In Kinosaki Onsen, einem Gebiet mit heißen Quellen, macht die Autorin sich Gedanken über Japan, das geprägt ist durch Naturgewalten wie Erdbeben, Taifune, Tsunamis. Die Menschen sind gezwungen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, um im Notfall zu überleben. Wären wir nicht auch gelassener, wenn wir gezwungen wären, „diese Schule“ zu durchlaufen?
Auf der Reise besucht Flašar ihre alte Tante. Beide verbringen eine gute Zeit miteinander, doch ist der Autorin bewusst, dass jeder Moment einzigartig und nicht wiederholbar ist. Eine sanfte Schwermut, ein „ Mono no aware“, stellt sich ein, in der die Freude und die Trauer über die Vergänglichkeit des Moments nebeneinander stehen.
Lernt man zu akzeptieren, dass „alles fließt“, wird das Leben leichter. Nicht mehr eine perfekte Welt ohne altersbedingte Abnutzung manifestieren wollen, sondern die stetige eigene Veränderung, zu der auch der Tod gehört, bejahen und dabei sich eigene Fehler und Unsicherheiten verzeihen.
Kyoto und Tokio sind weitere Orte, an denen die Autorin lernt, dass sich ihre Beschäftigung mit dem Tod dazu beiträgt, dass dieser seinen Schecken verliert.
Und noch eine Erkenntnis nimmt die Autorin mit:

Ich könnte mit dieser schönen Textstelle enden, doch das Buch nimmt noch eine andere Wendung. Kurz vor ihrem Rückflug nach Österreich wird die Autorin aus ihrer „Japan-Blase“ herausgerissen, denn in den Nachrichten erfährt sie, dass in ihrem Heimatland unmittelbar die Gefahr einer rechtsradikalen Regierungsbeteiligung besteht. Plötzlich geht es in ihrem Buch um den Tod von „Konzepten und Ideen“ und sie ist völlig verunsichert. Doch dann dringen ganz langsam Gedanken zu ihr durch, die sie in Japan gesammelt hat. Sie lassen sie ruhiger werden und zukünftig wird sie diese Gedanken weiter hegen und pflegen.

Eine Japanerin in Deutschland

Keiko ist eine lebensfrohe und reiselustige junge Frau, die in den 60er Jahren nach einer Europarundreise beschließt, von Japan nach Deutschland auszuwandern. Sie will nicht zwangsverheiratet werden, liebt die deutsche klassische Musik und ist von der Offenheit der Menschen beeindruckt.
Fleißig lernt sie die deutsche Sprache und bekommt schließlich die Chance, in Berlin in einem japanischen Restaurant zu arbeiten. Ihr Leben ist nicht einfach, doch als sie tatsächlich in einem Chor angenommen wird, ist ihr Glück ziemlich perfekt. Mit dem Chor sieht sie viel von der Welt und lernt auf einer Reise auch ihren zukünftigen Ehemann Karl kennen. Er heiratet Keiko gegen den Willen seiner Eltern, die sehr betucht sind und für die Keiko zu fremdartig, zu alt und nicht standesgemäß ist.
Aki und Kento sind die beiden Kinder des Paares, das nur ein paar Jahre glückliches zusammenlebt. Karl, schwer depressiv, verlässt die Familie und Keiko ist gezwungen, die beiden Kinder alleine aufzuziehen. Die Schwiegereltern unterstützen sie zwar finanziell, aber nur die beiden Enkel sind bei ihnen zuhause wirklich willkommen. Die lebenslustige Keiko vereinsamt, verliert ihre Kraft und Lebensfreude, während die Kinder groß werden. Ihr Sohn Kento unterstützt sie verlässlich, doch das Verhältnis zu ihrer Tochter Aki wird immer komplizierter. Die junge Aki ist rebellisch und kann Keikos aus ihrer Zeit in Japan stammenden Ansichten oftmals nicht nachvollziehen. Als Erwachsene leidet Aki an dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie liebt Keiko sehr, doch sie macht Aki auch aggressiv, besonders als Keiko im Alter dement wird und sich noch mehr zurückzieht. Da Keiko seit 50 Jahren nicht mehr in Japan war und der Kontakt zu der Familie in den letzten Jahren eingeschlafen ist, hat Aki schließlich die Idee, mit ihrer Mutter nach Japan zu reisen. In Japan lernt sie ihre Mutter auf verschiedene Weise neu kennen und verstehen.

In Momentaufnahmen wird diese besondere Familiengeschichte erzählt. Das Mutter-Tochter-Verhältnis steht zwar im Vordergrund, doch die Psychogramme der Nebenpersonen, die Beschreibung der kulturellen Unterschiede zwischen Japan und Deutschland und der ruhige Erzählton sind weitere Gründe, diesen Roman zu empfehlen.

Von Slipknot Binding zu Ukiyo und Shibui

Im März besuchte ich einen Workshop zum Thema Buchbinden. Seitdem habe ich viele Ideen gesammelt und es kribbelte mir schon länger in den Fingern, mich ohne Hilfe an ein kleines Buchprojekt zu wagen.
Das A und O bei der Buchherstellung ist die Bindung bzw. Klebung. Ich wollte nichts Aufwendiges machen und versuchte mich deshalb in der Slipknot Bindetechnik.

Dazu nahm ich Blankospielkarten. Im Gegensatz zum Video wollte ich erst einmal die Bindung ausprobieren, bevor ich gestaltete Karten mit der Bindung verhunzte.

Das Löchern mit einer Ahle ist nicht schwer. Im Video gefielen mir die großen Löcher nicht so gut für die kleinen Karten und ich musste einen Faden finden, der doppelt durch ein Loch gezogen werden konnte. Letztendlich nahm ich Zwirn. Sicherlich nicht optimal, da der etwas steife Faden durch die Aufwicklung sich krümmte. Aber es funktionierte.

Mit welchem Inhalt sollte ich nun das Büchlein füllen?
Ich entschied mich, in dem Büchlein japanische Wörter, zu denen es in deutscher Sprache keine Entsprechung gibt, zu illustrieren. Es gibt noch mehr Wörter, vielleicht mache ich demnächst noch einen zweiten Band.

Das ist ein kleiner Eindruck:

Der Stempel auf dem Deckblatt hat die Bedeutung „Man gewinnt immer etwas, wenn man ein Buch öffnet.“

Wer sich für die Wörter interessiert, hier eine Auflistung (Gefunden auf den Internetseiten ego.FM und familie.de):

Shouganai 

Der Begriff bedeutet so viel wie „es ist nun mal so“ oder „dagegen kann man nichts machen“ und soll daran erinnern, Dinge zu akzeptieren, auf die man keinen Einfluss hat. Das erspart unnötige Sorgen. 

Ukiyo

…heißt so viel wie „die fließende Welt“ und beschreibt das Konzept, im Hier und Jetzt zu leben und Augenblicke voll und ganz zu genießen, ohne an die Vergangenheit oder die Zukunft zu denken.

Komorebi

Komorebi beschreibt das Naturschauspiel von Licht und Schatten, wenn sich Sonnenstrahlen ihren Weg durch Baumkronen und Blätter suchen:

Boketto 

Boketto beschreibt ein ausdrucksloses in die Ferne Starren, zum Beispiel wenn man tagträumt oder sich in tiefen Gedanken verliert.

Kogarashi

Als Kogarashi wird der erste kalte Wind bezeichnet, der den Winter ankündigt und ein Zeichen dafür ist, dass die letzten warmen Herbsttage vorbei sind und spätestens jetzt die Mützen und Schals aus dem Keller geholt werden sollten.

Tsundoku 

…beschreibt den Vorgang, ein neu gekauftes Buch nicht zu lesen, sondern es einfach zu den anderen neuen Büchern auf einen Stapel zu legen, sodass sich immer mehr ungelesene Bücher ansammeln. Für dieses Phänomen gibt es viele Gründe, vielleicht fehlt einem die Zeit zum Lesen oder man hat sich nur vom schönen Cover blenden lassen oder man muss erst noch dieses eine Buch fertig lesen, dass man vor drei Jahren angefangen hat.

Mono-no-Aware

Der Ausdruck kann am besten mit dem Anblick von Kirschblüten umschrieben werden. Man weiß, dass das schöne Bild nur ein paar Tage hält, bevor die Blüten verblühen – doch gerade dieses Wissen macht die Blüten noch schöner. Genau dieses Gefühl der Wehmut über die Freude, aber gleichzeitig auch die Vergänglichkeit der Schönheit beschreibt Mono-no-

Shibui

Eigentlich bezeichnet Shibui den Geschmack „anregend bitter“, im übertragenen Sinne steht es aber für alte Dinge, die Erwachsene Menschen gut finden, weil sie Erinnerungen an ihre Jugend oder Kindheit wecken. Das können ganz verschiedene Sachen sein, zu der jüngere Menschen keinen Bezug mehr haben, zum Beispiels Musik, Spiele oder Kleidung.

Yoisho

Das Wort „yoisho“ sagt man, wenn man sich nach einem harten Arbeitstag auf einen Stuhl oder die Couch fallen lässt, ähnlich zu einem langen Seufzen oder einem tiefen Ausatmen, das signalisiert, dass jede Menge Last und Schwere – zumindest für den Moment – abfallen.

Ikigai

Die freie Übersetzung wäre „das, wofür es sich zu leben lohnt“ oder „das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen“. Das eigene Ikigai zu finden, kann einen intensiven Selbstfindungsprozess benötigen, führt aber zu einer grundsätzlichen Zufriedenheit und Erfüllung im Leben.

Natsukashii

Natsukashii beschreibt das positive Gefühl, das einsetzte, wenn man etwas Schönes nach langer Zeit wieder erlebt, schmeckt, hört oder fühlt. Auch bei diesem Begriff wird die Verbundenheit der japanischen Kultur zu Vergangenem und Vergänglichkeit deutlich.

Otsukaresama“ soll Anerkennung und Dankbarkeit für die harte Arbeit ausdrücken, die sich jemand macht. 

Kuchisabishii ist eine Bezeichnung dafür, keinen Hunger zu haben, aber trotzdem zu naschen, weil der Mund sich „einsam“ fühlt.

Semishigure“ beschreibt das laute Singen der Zikaden im Sommer, das sich wie ein feiner Regenschauer anhört.

„Nekobanban“ beschreibt die vorbildliche Angewohnheit, auf das Autodach zu klopfen, bevor man einsteigt und losfährt. So werden Katzen vertrieben, die sich eventuell zwischen den Rädern verstecken und beim Losfahren verletzt werden können.

„Irusu“ = Vorgeben, nicht zu Hause zu sein und die Lichter nur versehentlich angelassen zu haben.“ 

Als „Hikikomori“ bezeichnet man eine Person, die sich der Gesellschaft vollständig entzieht. 

„Age-Otori“ bedeutet, nach einem neuen Haarschnitt (noch) schlimmer auszusehen als zuvor.

„Die Große Welle“ in München

2023 kaufte die Bayerische Staatsbibliothek in München für über eine Million Euro ein Blatt von diesem berühmten Farbholzschnitt:

Im Rahmen der Ausstellung „ Farben Japans“ wurde dieses ikonische Bild zusammen mit über 130 anderen alten Farbholzschnitten, Tuschemalereien und alten Büchern jetzt der Öffentlichkeit präsentiert.
Unser Besuch dieser Ausstellung war der Auftakt eines langen Wochenendes in Oberbayern. Meinen Lesern aus diesem Raum möchte ich die Ausstellung ans Herz legen, sie läuft nur noch bis zum Wochenende!

Einmal ein Original der großen Welle zu sehen, ist ein besonderer Moment, kennt man das Motiv doch schon auf Badevorhängen, Socken oder als Mousepaddekoration. (Meine Meinung dazu: Gruselig!)
Das Bild gehört zu einer Sammlung, die der Künstler Katsushika Hokusai (1760 – 1849) ursprünglich unter dem Titel „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“ in seiner berühmten Holzschnittserie „36 Ansichten des Berges Fuji“ 1830/32 geschaffen hat. In der Ausstellung waren noch weitere Ansichten zu sehen:

Wenn man bedenkt, dass die gezeigten Holzschnitte bis auf einige Ausnahmen alle aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen, dann finde ich die intensiven Farben der Bilder atemberaubend.

Fotocollage mit vier Farbholzschnitten. Ich möchte betonen, dass ich die Fotos nicht nachbearbeitet habe! Oben links: Spaziergängerin im Winter von Utagawa Hiroshige, daneben ein Farbholzschnitt mit Pflaumenblüten von Kawase Hasui. Links eine Szene aus einem Sumokampf, rechts unten ein siegreicher Krieger.

Besonders gut gefielen mir aber auch die zarten Tuschebilder, die mit wenigen Pinselstrichen so ausdrucksstark waren.

Schließlich schwelgte ich auch in den detailreichen Stoffmustern der Kleidung und den Alltagsdarstellungen von Frauen.

Die Originale werden in drei kleinen abgedunkelten Räumen gezeigt, im Treppenaufgang zu diesen drei Schatzkammern hat man einige Bilder vergrößert und als durchsichtige Stoffbahnen vor die Fenster gehängt. Auch das war beeindruckend.

Was passiert mit den Kunstwerken, wenn die Ausstellung vorbei ist? Sie werden wieder im Archiv weggeschlossen, denn sie gehören zu der Japan-Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek, die aus 90000 gedruckten Bänden, 100 alten Handschriften und 1000 Einblattdrucken besteht.
Ich finde es sehr bedauerlich, dass diese Schätze nicht permanent einem kunstinteressierten Publikum zugänglich gemacht werden. Oder stellen Sie sich einmal vor, diese Ausstellung käme nach Düsseldorf, wo die größte japanische Gemeinschaft in Europa lebt…Aber ob die Bayerische Staatsbibliothek überhaupt daran interessiert ist?

Nach dem Besuch der Bibliothek aßen wir in dem nahen persischen Restaurant „.Hafez“ auf der Schönfeldstr. 15 A. Das Restaurant hat einen Biergarten, in dem man z.B. diese Köstlichkeiten bestellen kann:

Der Inhaber war sehr freundlich und hatte sichtlich Spaß daran, wie sehr ich das Essen genossen habe.

Keine bezahlte Werbung!

Aus Stille geformt

Die 30 jährige Japanerin Akiko hat das Töpferhandwerk erlernt und möchte Erfahrungen in anderen Ländern sammeln. Auf Anraten ihrer Mutter reist sie nach Deutschland, da ihr Urgroßvater aus Deutschland kam. Nach einer schulischen Weiterbildung findet sie im Frühling eine Praktikumsstelle bei dem Töpfermeister Friedrich im Bregenzerwald. Friedrich lebt alleine auf einem Bauernhofgelände und hat sich ganz der traditionellen Töpferei mit einem Holzbrennofen verschrieben. Er und die ruhige und zurückhaltende Akiko verstehen sich gut, Friedrich erkennt schon bald, dass die junge Frau großes Talent besitzt.
Es ist Sommer und inzwischen ist Friedrich aufgeschlossener gegenüber seiner Mitbewohnerin und erzählt ihr von seinen weltweiten Reisen. Akiko hat allerdings den Eindruck, dass er um seine Japanreise eher einen Bogen macht, obwohl er in seinem Garten einen nach japanischer Gartenkunst angelegten Teich hat und ein japanisches Windspiel im Baum hängt.
Im Herbst sammelt Akiko Hinweise auf Verbindungen zwischen Friedrich und ihrem Elternhaus, im Winter wird es für sie der Zusammenhang zur Gewissheit. Ihr Praktikum endet zur Weihnachtszeit. Sie kehrt zurück nach Japan mit neuen Plänen für ihre Zukunft.

Hat man schon einmal mit Ton gearbeitet, schafft es dieses Buch, dass diese Beschäftigung mit Ton fast wieder spürbar wird. Die Beschreibungen, wie Akiko und Friedrich in ihrer Handwerkskunst aufgehen, haben mich beeindruckt. Die Geschichte ist in einem ruhigen Ton erzählt und unterstreicht die Bedächtigkeit, wie die beiden sich annähern und ihre gemeinsame Vergangenheit ertasten. Ein schönes stilles Buch für so unruhige Zeiten.

Kein Spoileralarm

Dieser Krimi taucht seit April in diversen Bestsellerlisten auf. Ich habe ihn letzte Woche zu Ende gelesen und er beschäftigt mich immer noch.
Worum geht es? Eine japanische Ärztefamilie gibt ein rauschendes Fest, da vier Personen aus der Familie am selben Tag Geburtstag haben. Freunde, Nachbarn, Kunden, Kollegen kommen, um zu feiern, bzw. ihre Aufwartung zu machen. Geschenke werden abgeliefert, u.a. eine Lieferung Sake. Er wird auf der Feier angeboten und siebzehn Personen sterben daraufhin qualvoll, denn der Sake war vergiftet. Drei Personen überleben den Anschlag. Die Polizei versucht vergeblich, das Verbrechen aufzuklären, bis ein Brief bei einem Selbstmörder gefunden wird, der die Schuld für das Verbrechen auf sich nimmt. Der Fall gilt als abgeschlossen, doch für den ermittelnden Kommissar und auch für einige andere Personen bleiben Ungereimtheiten zurück.
Nach vielen Jahren beginnt jemand, die nicht näher vorgestellt wird, den Fall neu aufzurollen und Menschen, die in irgendeiner Form damals involviert waren, zu befragen. Aus diesen „Interviews“ besteht das Buch und ich empfand die Lektüre als recht anspruchsvoll, denn nur langsam hat es sich mir erschlossen, in welchem Verhältnis sie zueinander standen. Ein bisschen zum Luftholen kamen meine grauen Zellen, wenn es um den früheren Kommissar ging, denn er erinnerte mich an den Fernsehkommissar „Colombo“. Doch zum Ende des Buches, als ich dachte, dass nun die Auflösung zum Greifen nah sei, ließ das Buch mich verwirrt zurück und mir ist leider nicht klar geworden, warum und wieso diese Morde von wem begangen worden sind.

Das Buch ist spannend und durchaus faszinierend zu lesen. Sollten Sie sich auf diesen außergewöhnlichen Krimi einlassen, hier drei Tipps. Achten Sie bei Ihrer Lektüre auf die Mutter der blinden Tochter, auf das blaue Zimmer, auf die Buchautorin und auf die Blütenfarben der Kräuselmyrte. Keine Sorge, ich verrate nichts mit diesen Hinweisen, aber vielleicht schaffen Sie es, das Ende zu verstehen und könnten es mir erklären…