Dunkle Momente

Eva Herbergen, Anfang 60, ist Strafverteidigerin und wirft am Anfang des Romans einen Brief in einen Briefkasten. Sie blickt zurück auf neun Fälle in ihrer Laufbahn, die sie letztendlich dazu geführt haben, diesen Brief zu schreiben.
Sie verteidigt u.a. einen Kannibalen, einen ehemaligen Kindersoldaten, eine berühmte Schriftstellerin oder einen Chirurg. Bei der Schuldfrage sind die Fälle nicht immer eindeutig, sobald man die Vorgeschichten der Täter und auch Opfer mit in die Waagschale wirft. Eva versucht nach bestem Gewissen, einen Freispruch für ihre Mandanten zu erreichen. Doch bei einer Studentin, in deren Obhut ein kleines Kind gestorben ist, wäre für die junge Frau ein Schuldspruch besser gewesen, damit sie ihre großen Schuldgefühle verarbeiten kann. Wenn Eva von schuldigen Mandanten getäuscht wurde, hinterlässt das Narben und es gibt tatsächlich den Fall mit einem perfekten Verbrechen, der über Jahre Eva beschäftigt, bis sie einen Weg findet, den Mörder doch noch ins Gefängnis zu bringen.
Aber das ist noch nicht der Fall, der sie an sich selbst und dem Rechtssystem zweifeln lässt. Ein Mann wird verurteilt und beginnt danach eine Verzweiflungstat. Wie kam es dazu? Eva bewertet die Schwere eines Wirtschaftsdelikts nicht richtig und das überängstliche Auftreten des Mandanten nervt sie, weil sie privat mit der Planung ihrer Hochzeit beschäftigt ist. Schließlich überlässt sie die Verhandlung ihrer Stellvertreterin und geht auf Hochzeitsreise nach Italien. Die Katastrophe nimmt danach ihren Lauf. Um wohl ein Exempel zu statuieren, verhängt das Gericht eine viel höhere Strafe als von ihr angenommen, ihr Mandant bricht psychisch zusammen und tötet sich und seine Familie.

Die Autorin ist Professorin für Strafrecht und die im Roman erzählten Geschichten wurden durch reale Fälle inspiriert. Obwohl dem Gesetz verpflichtet, bewegt sich Eva Herbergen öfter in Grauzonen, weil sie ein Mensch mit moralischem Kompass und Mitgefühl ist.
Das Buch ist spannend zu lesen. Einige Stellen sind wegen ihrer Brutalität und Menschenverachtung schwer zu ertragen, doch lohnt die Lektüre, denn beim Lesen kreist im Kopf die Frage, was man selbst getan oder welche Entscheidungen man getroffen hätte.

Das Wunder des Malachias

Im letzten Monat berichtete ich über den Besuch der Ausstellung „Film ab“, in der es um die Filmszene im Ruhrgebiet ging. Hier bekam ich u.a. mehrere Tipps für Filme, die vor Ort spielen und einer ist „Das Wunder des Malachias“.

Foto mit DVD Hülle des Films „Das Wunder des Malachias“

Das Buch, auf dem der Film basiert, wurde vom schottischen Autor Bruce Marschall geschrieben und erschien erstmals 1950 in Deutschland. Es musste mehrmals nachgedruckt werden, denn die Geschichte des verschmitzten Geistlichen, der ein Wunder erbittet, kam im Nachkriegsdeutschland gut an. Doch bei Bernhard Wicki wird aus dieser Geschichte ein beißendes Gesellschaftspanorama, das der Regisseur in Gelsenkirchen drehte.
Worum geht es? Neben der Kirche der Pfarrei St.Johannes steht die Eden Bar und sie ist den Geistlichen ein Dorn im Auge. Malachias, ein junger Mönch, der gerade der Pfarrei zugeteilt wurde, möchte etwas Gutes tun und betet zu Gott, dass die Bar verschwinden soll. Gott erhört das Gebet, das Haus löst sich in Luft auf. Die Gäste und das Haus landen unversehrt auf einer Insel in der Nordsee.
War es ein Wunder? Auch in den 50er Jahren wird dieses Thema nun bis zum letzten Knöchelchen ausgeschlachtet. Die Stelle, wo die Bar gestanden hat, wird zum Pilgerort mit allen denkbaren monitären Auswüchsen, wie beispielsweise dem Verkauf von geheiligtem Wasser, Wackelmönch oder gesegneten Würstchen. Gläubige Touristen strömen ins Ruhrgebiet. Die Presse überschlägt sich mit neuen Spekulationen, Verschwörungstheoretiker tauchen auf, eine Frau, die das Verschwinden der Bar gesehen hat, wird zur Werbeikone und gefragter Begleitung reicher Männer. Als ein Architekt an der Nordsee um die alte Edenbar einen hypermodernen Glaskasten installiert und zum Luxusresort für Superreiche ernennt, sind die oberen Tausend ebenfalls vom Wundervirus infiziert und feiern zur Eröffnung ein rauschendes Fest.
Mönch Malachias ist todunglücklich über die Konsequenzen seines Gebets. Er fährt an die Nordsee und wendet sich ein zweites Mal an Gott, um für die Rücknahme des Wunders zu bitten.

Wir haben den Film mit Freunden geguckt und alle waren begeistert. Wenn es auch amüsante Szenen gibt, so bleibt einem mehrmals das Lachen im Hals stecken, denn der Film hat eine visionäre Aktualität. Es gibt ein Wiedersehen mit vielen bekannten Schauspielern wie z.B. Loriot, Senta Berger, Pinkas Braun, Brigitte Grothum oder Günter Pfitzmann. Die Ansichten der Ruhrgebiets zu seiner kohlenschwarzen Blütezeit in dem Schwarzweißfilm sind ebenfalls sehenswert. Und dann waren da die Gesichter der Statisten. Viele Gelsenkirchener haben damals mitgespielt. Einfache Menschen, in deren Gesichter und Haltung der Krieg Spuren hinterlassen hat. Diese Gesichter gibt es heute nicht mehr.

Bernhard Wicki drehte diesen Film nach seinem großen Erfolg „Die Brücke“. Auch dieser Film wurde mehrfach ausgezeichnet, doch dann verschwand er in der Versenkung, weil die UfA, die für den Verleih des Filmes zuständig war, ein Jahr später pleite war.
Wie gut, dass es die DVD-Sammlung „Filmjuwelen“ gibt.


Chopin in Kentucky

Möchten Sie sich auf die Besprechung dieses Romans musikalisch einstimmen?

Dann hören Sie sich bitte diese beiden kurzen Musikstück an, sie vermitteln perfekt die Stimmungen, die in Maries Alltag vorherrschen:

Die zehnjährige Marie Higginbottom lebt mit ihren Eltern und drei Geschwistern (später sind es vier) in der langweiligen Kleinstadt Roanville in Kentucky. Das zehnjährige Mädchen hat es nicht leicht, denn neben der trostlosen Armut, in der sie aufwächst, muss sie auch die Prügelstrafen ihres strengen Vater aushalten, der sie als Laienprediger vor den Versuchungen der gottlosen Welt schützen will. Marie hat den Traum, Tänzerin zu werden und Roanville zu verlassen. Dank ihrer Freundin Misty, ihrem für andere nicht sichtbaren Freund Frédéric Chopin und ihrem eigenen starken Willen gibt sie nicht auf. Schließlich tritt eine Tanzlehrerin in Maries Leben und wird zum guten Engel.
Lakonisch erzählt Marie von ihrer trostlosen Welt, ihren eigenen Unzulänglichkeiten und ihrem Glauben an sich selbst. Dazu kommen die bissigen Kommentare von Chopin, der gerne den Finger in eine offene Wunde legt. Nicht nur Prélude 14, auch andere Préludes erwähnt Marie, um besondere Situationen musikalisch zu beschreiben. Dadurch bekommt der Roman, der streckenweise sehr humorvoll zu lesen ist, noch eine zusätzliche Wertigkeit, wenn man sich die Mühe macht, die Musik parallel zur Lektüre zu hören.
Ich habe Marie ins Herz geschlossen.

Die Kölsche Linda

Dieses Buch von Linda Rennings erschien letztes Jahr. Sie erzählt von ihrem eigenen Leben und zeigt auf, was das Leben auf der Straße in unserer heutigen Zeit bedeutet.
Linda Rennings ist Jahrgang 1963. Als Kind und Jugendliche lebt sie die meiste Zeit in Köln-Mülheim bei ihrer geliebten Oma, die ihr Härte, einen großen Gerechtigkeitssinn und Wissensdurst mit auf ihren Lebensweg gibt. Sie macht nach dem Schulabschluss eine Ausbildung zur Fleischereifachverkäuferin, will später Rechtsanwaltsgehilfin werden, die Ausbildung muss sie wegen Krankheit abbrechen. Mit ihren beiden Ehemännern hat sie kein Glück. Der erste ist faul, lässt Linda nur arbeiten und sich um ihre gemeinsame Tochter kümmern, schlägt und misshandelt seine Frau. Linda und ihre Tochter flüchten daraufhin in ein Frauenhaus. Nach der schwierigen Scheidung lernt sie zwei Jahre später einen neuen Mann kennen. Alles scheint gut zu werden, doch der Mann hat Kontakte zur Mafia, landet im Gefängnis und hinterlässt viele Schulden. Linda ist finanziell und psychisch am Ende. Die Wohnung wird zwangsgeräumt, sie steht auf der Straße, ihre Tochter wird ihr weggenommen.
Sie zieht unbeachtet auf den Friedhof, wo sie mit ihrer inzwischen verstorbene Oma Gräber gepflegt hat. Lindas Gesundheitszustand wird immer schlechter, aber erst nach einem Jahr kümmert sich jemand um sie und veranlasst eine Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Die folgenden Monate sind für sie die schlimmsten ihres Lebens, aber sie beginnt wieder zu kämpfen und wird entlassen. Die darauf folgende Zeit als Obdachlose auf der Straße wird ihr weiteres Leben prägen. Ein Kapitel widmet sie ihrem Hund Clayd, ohne den sie nicht durchgehalten hätte und durch Alkohol oder Drogen vernichtet worden wäre.
Linda macht eine Ausbildung als Genesungsbegleiterin und beginnt, für sich und andere Frauen um mehr Hilfe und um mehr Rechte zu kämpfen. Sie gründet den Verein „HiK-Heimatlos in Köln“. Es ist ein harter Kampf, der bis heute anhält. Linda weiß, worüber sie schreibt, wenn sie erzählt, wie ein Tag eines obdachlosen Menschen zumeist verläuft. Die Gedanken kreisen permanent um lebenserhaltende Fragen: Morgens: Wo kann ich auf die Toilette gehen? Wie bekomme ich Geld für Essen? Tagsüber: Schließe ich mich einer Gruppe an oder bleibe ich alleine? Gruppe bedeutet mehr Schutz, alleine werde ich vielleicht nicht so schnell von anderen ausgeraubt. Wann gibt es wo ein warmes Essen, wo eine Dusche, die ich bezahlen kann? Abends: Soll ich abends in eine Notunterkunft, wo man auch bestohlen und als Frau belästigt wird, es aber warm ist oder bleibe ich draußen in der Kälte? Die Frage stellt sich nicht, wenn man einen Hund hat, deren Mitbringen in Notunterkünfte nicht erlaubt ist.
In der Coronazeit, als alle freiwilligen Hilfsaktionen verboten waren, hat sich Linda Verein als einzige Gruppe über die Verbote hinweggesetzt, sonst wären noch mehr Obdachlose verhungert.
Auch im Jahr 2024 wird es für Obdachlose immer schwieriger, da Menschen weniger spenden und die Gewaltbereitschaft unter den Obdachlosen oder von zumeist jungen Menschen gegenüber Heimatlosen zunimmt. Frauen werden beschimpft und misshandelt, wenn sie das „großzügige Angebot“ von Männern ablehnen, mit ihnen nach Hause zu kommen, da es da schön kuschelig sei…
Linda Rennings ist inzwischen als die „Kölsche Linda“ sehr bekannt.
Meine Inhaltsangabe kann nicht die Gefühle und Schmerzen ausdrücken, die sie und andere Heimatlose ertragen müssen. Allerdings gibt es im Leben von Obdachlosen auch einige schöne Momente, wie Linda schreibt. Es sind beispielsweise die Momente, in denen der Zusammenhalt groß ist oder man als Heimatloser die Erkenntnis hat, dass man mit den vielen Problemen, mit denen ein „Normalbürger“ kämpft, nichts zu tun hat. Man kämpft nur täglich ums nackte Überleben.
Was wünscht sich die Autorin? Mehr Respekt vor Obdachlosen und mehr Offenheit gegenüber einer Lebensform, die zumeist nicht freiwillig gewählt wurde.

Vorhang auf für die „Bühne Cipolla“

Zum ersten Mal besuchten wir letzte Woche das Figurentheater „Bühne Cipolla“. Dieses tritt deutschlandweit auf und war mit diesem Stück im Duisburger Stadttheater zu Gast:

Im Vordergrund des Bildes sehen Sie Dr. Fischer, im Hintergrund stehen Sebastian Kautz und Gero John, die an diesem Abend als Schauspieler, sowie als Puppenspieler bzw. Musiker agierten.
Kurz zu der Geschichte: Der Milliardär Dr. Fischer lädt zu ganz speziellen Partys ein, zu denen nur „handverlesene“ Menschen eingeladen werden. Hier einige Mitglieder dieses exklusiven Clubs:

Fotocollage mit vier Puppen: Melanie Kuhl ist verantwortlich für den Bau und der Ausstattung der Puppen. Die Augen sind so gut gelungen, dass ich dachte, die Puppen sehen mich intensiv an.

Ein Gast erhält jedes Mal ein teures Geschenk, sofern er sich von Dr. Fischer vorher erniedrigen lässt. Bei der vorletzten Party ist auch Alfred (gespielt von Sebastian Kautz) als sein Schwiegersohn in spe anwesend. Er will sich nur vorstellen und ist angewidert von Fischer und dessen Gebaren.
Alfred und Fischers Tochter Anna heiraten, sind kurze Zeit glücklich bis Anna tödlich verunglückt. Alfred kehrt zu Fischer zurück und nimmt an der letzten Party, der Bombenparty, teil.

Im Stadttheater war auf der eigentlichen Bühne eine Sitztribüne für die Zuschauer installiert, so dass man gut sehen konnte.

Foto: Hinter dem schwarzen Vorhang fängt der eigentliche Zuschauerraum an.

Die Leistungen von Sebastian Kautz als Schauspieler und Puppenspieler kann ich gar nicht genug preisen.

Foto: Sebastian Kautz mit dem Puppenkopf von Dr. Fischer

Berlinerte Kautz gerade als Schwiegersohn Alfred, sprach er in der nächsten Sekunde mit rauchiger zarter Stimme als Anna, stieß Wörter mit grunzigem Unterton im Namen von Dr. Fischer hervor oder schwadronierte als General. Sieben unterschiedliche Stimmen, sieben unterschiedliche Charaktere, ein Mann- großes Puppentheater!
Und die Musik dazu von Gero John war dann noch ein zusätzlicher Bonus. Seine Stücke in Moll für Violincello, begleitet von Loops, verdüsterten die Atmosphäre perfekt.

Die „Bühne Cipolla“ tritt in den nächsten Monaten immer mal wieder im Ruhrgebiet und am Niederrhein auf. Das Repertoire an Stücken ist groß, vielleicht habe ich Sie neugierig gemacht? Hier geht es zu der Internetseite, auf dem auch ein Terminkalender zu finden ist:

https://buehnecipolla.de

Aus Stille geformt

Die 30 jährige Japanerin Akiko hat das Töpferhandwerk erlernt und möchte Erfahrungen in anderen Ländern sammeln. Auf Anraten ihrer Mutter reist sie nach Deutschland, da ihr Urgroßvater aus Deutschland kam. Nach einer schulischen Weiterbildung findet sie im Frühling eine Praktikumsstelle bei dem Töpfermeister Friedrich im Bregenzerwald. Friedrich lebt alleine auf einem Bauernhofgelände und hat sich ganz der traditionellen Töpferei mit einem Holzbrennofen verschrieben. Er und die ruhige und zurückhaltende Akiko verstehen sich gut, Friedrich erkennt schon bald, dass die junge Frau großes Talent besitzt.
Es ist Sommer und inzwischen ist Friedrich aufgeschlossener gegenüber seiner Mitbewohnerin und erzählt ihr von seinen weltweiten Reisen. Akiko hat allerdings den Eindruck, dass er um seine Japanreise eher einen Bogen macht, obwohl er in seinem Garten einen nach japanischer Gartenkunst angelegten Teich hat und ein japanisches Windspiel im Baum hängt.
Im Herbst sammelt Akiko Hinweise auf Verbindungen zwischen Friedrich und ihrem Elternhaus, im Winter wird es für sie der Zusammenhang zur Gewissheit. Ihr Praktikum endet zur Weihnachtszeit. Sie kehrt zurück nach Japan mit neuen Plänen für ihre Zukunft.

Hat man schon einmal mit Ton gearbeitet, schafft es dieses Buch, dass diese Beschäftigung mit Ton fast wieder spürbar wird. Die Beschreibungen, wie Akiko und Friedrich in ihrer Handwerkskunst aufgehen, haben mich beeindruckt. Die Geschichte ist in einem ruhigen Ton erzählt und unterstreicht die Bedächtigkeit, wie die beiden sich annähern und ihre gemeinsame Vergangenheit ertasten. Ein schönes stilles Buch für so unruhige Zeiten.

Als hätte M.C. Escher einen Roman geschrieben

Zwei Hände, die sich gegenseitig zeichnen…Immer, wenn ich dieses Bild von M.C.Escher sehe, stellt sich eine unbestimmbare Verunsicherung ein und ich frage mich, ist eine Hand dominant und welche Hand hat angefangen ?

Diese Verwirrung merkte ich am Anfang auch bei dem neuen Buch von Wolf Haas, das gestern erschienen ist.

Franz Escher ist Single, professioneller Trauerredenschreiber und passionierter Puzzleleger. Er hat in seiner Wohnung ein Stromproblem und ruft einen Elektriker an. Dieser ist sehr sympathisch und vertrauensvoll und Escher lässt ihn in seiner Wohnung werkeln. In der Zeit liest Escher ein Buch über den Mafiosi Elio. Er sitzt in Italien im Gefängnis und soll als Kronzeuge in ein Zeugenschutzprogramm. Nach Deutschland möchte er und sein deutscher Gefängniskumpel bringt ihm mit Hilfe eines Buches die deutsche Sprache bei. In dem Buch wird die Geschichte von Franz Escher erzählt, in dessen Wohnung ein Elektriker durch eine Unachtsamkeit von Escher stirbt.

Sie ahnen, wie der Roman weitergeht?

Im Laufe der Geschichte lesen Escher und Elio immer wieder in ihren Büchern und so erfährt man bei der Lektüre von Escher, wie Elio nach Deutschland geht und in Duisburg sesshaft wird. Bis zum Sommer 2007, als Duisburg durch mehrere Mafiamorde erschüttert wird und Elio flüchten und ein Leben mit neuer Identität in Berlin beginnen muss. Er gründet mit Gabi eine Familie und sie bekommen ihre Tochter Ala. Doch auch hier kommt Elio, der inzwischen als Elektriker arbeitet und Marko Steiner heißt, nicht zur Ruhe.
Steiner liest, dass Franz Escher von der Polizei nicht verdächtigt wird, mit dem Tod des Elektrikers etwas zu tun zu haben. Doch Escher plagt das schlechte Gewissen und das möchte er mit einer besonderen Trauerrede beruhigen. Er kontaktiert die Witwe. Sie heißt Gabi…

Wolf Haas hat sich mit diesem Buch selbst übertroffen. Er bietet ein Feuerwerk an Ideen. Das Buch ist leicht zu lesen, Haas schreibt rasant und humorvoll und die Geschichte hat ein geniales Ende.

Krachend scheitern bei den guten Vorsätzen

Wissen Sie schon, was Sie im neuen Jahr besser machen wollen? Oder nehmen Sie sich nichts vor, weil Sie es in den letzten Jahren nicht geschafft haben?
Ich habe vor ein paar Wochen das Buch von Stephen Guise gelesen. (Gibt es leider nur noch antiquarisch, das Buch von Miriam Junge ist aber eine Alternative).

Stephen Guise ist immer wieder mit seinen guten Vorsätzen krachend gescheitert. Er schreibt, dass der Fehler in den zu hoch gehängten Zielen lag, für die der Motivationsvorrat nicht reichte. Unser Gehirn ist eine faule Socke die, wenn es nicht ums Überleben geht, für jede Handlung eine Portion Motivation braucht. An Tagen, an denen wir uns krank fühlen, schlecht geschlafen haben, mit Stress auf der Arbeit oder zuhause fertigwerden mussten, bleibt dann nichts mehr für die hehren Ziele des Vorsatzes übrig.
Es sei denn…
Guise nennt es die „Goldene Liegestützregel“. Er hatte sich vorgenommen, mehr Sport zu treiben, mehr zu schreiben und zu lesen. So formulierte er drei Minimalvorsätze: Er macht eine Liegestütze, schreibt 50 Wörter und liest zwei Buchseiten pro Tag. Das war so lächerlich, dass der innere Schweinehund schwieg und Guise selbst an schlechten Tagen oder im Urlaub seine Vorsätze erreichte. Das machte ihn zufrieden und motivierte ihn ohne große mentale Anstrengung, an guten Tagen seine Ziele freiwillig zu übertreffen. Er geht bis heute 3x/Woche ins Sportstudio, schreibt an manchen Tagen bis zu 2000 Wörter und liest wie ein Weltmeister.

Klappt das auch bei dir, fragte ich mich und dachte mir vor ca. zwei Wochen drei Vorhaben aus, u.a.

Pro Tag 1 Glas Wasser trinken (Ich trinke zu wenig)
Pro Tag auf meinem PC entweder 1 Mail oder 1 Foto löschen (Meine Festplatte ist bald voll)
Pro Tag einmal Seilchen springen (Für meine Ausdauer)

Bisher bin ich im „Vorsätze-Flow“, es funktioniert tatsächlich. Diese Befriedigung, Vorhaben geschafft zu haben und das direkt mehrmals am Tag, ist ein Gefühl, auf das mein Gehirn anscheinend nicht mehr verzichten möchte.


Meine neue Motivation bei schlechten Nachrichten

Beim Versuch, mich politisch mehr zu engagieren, erwischen mich auch immer wieder Tage, wo meine Lust dazu rapide in den Keller geht. Dann erschöpfen mich schlechte Nachrichten und ich will nichts hören oder sehen.
Um die Zahl solcher Tage zu begrenzen, las ich zwei Bücher.

Das Buch „Moralische Ambitionen“ richtet sich in erster Linie an Menschen mit frischem Uniabschluss oder an hochqualifizierte Berufstätige, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, weil diese schwachsinnig oder nutzlos ist.
Der Autor stellt verschiedene Personen vor, die in der Vergangenheit durch ihr Verhalten die Welt verändert haben, wie beispielsweise Thomas Clarkson, dem die Abschaffung der Sklaverei zu verdanken ist oder Rosa Parks, die Symbol für die Bewegung von Martin Luther King wurde.
Diese Geschichten sind sehr beeindruckend und toll zu lesen. Der Autor redet uns aber auch stark ins Gewissen. Es reicht nicht, Umweltschädliches zu vermeiden und sich beispielsweise mit einem E-Auto, veganem Essen oder Secondhand Kleidung ein gutes Gewissen zu verschaffen. Solange man seine persönlichen Fähigkeiten nicht zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt, ist man nur idealistisch, aber nicht moralisch ambitioniert wie Parks oder Clarkson. Risiken eingehen, Mut beweisen, die Welt verändern, das sollte auf der Fahne eines jeden Bürgers stehen! Suche dir ein Thema, an das bisher noch niemand gedacht hat und das unser aller Leben verbessert und brenne für die Umsetzung dein Leben lang! Da kam mir dann doch der Gedanke: Darf es auch etwas weniger sein?
Eigentlich nur an einer Stelle geht Rutger Bregman ausführlicher darauf ein, wie wichtig alle Menschen sind, die solche Visionäre beim Verbreiten ihrer Ideen unterstützen. Diese Helfer und Helferinnen müssen u.U. akzeptieren, dass sie zu ihren Lebzeiten keinen großen Erfolg erleben, sondern nur an kleinen Schritten vorwärts teilnehmen. Trotzdem gilt: Nie deine moralische Ambition vergessen, damit du am Ende deines Lebens in den Spiegel schauen kannst.
Auf der Seite moralischeambition.de erfährt man teilweise in deutscher, teilweiser in englischer Sprache, noch mehr „The School for Moral Ambition“.

Die Lektüre des Buches war für mich bereichernd, doch für meine tägliche Motivation brauchte ich etwas Bescheideneres.

Die Autorin des Buches „Wie wir die Welt sehen“ ist Journalistin, hat u.a. zwei Jahre in Kabul gearbeitet und schreibt jetzt für verschiedene Zeitungen, dreht Filme und hält Vorträge zu den Themen ihrer Bücher.
Gleich am Anfang des Buches erzählt sie, wie sie hier in Deutschland immer häufiger bewusst keine Nachrichten sieht oder liest, da sie merkt, dass die Meldungen sie körperlich und auch psychisch negativ beeinflussen. Woran liegt das? Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es hier in Deutschland in den meisten Zeitungen und auf den Nachrichtenplattformen selten einen konstruktiven Journalismus, der alles Negative berichtet, aber auch Lösungswege aufzeigt, wie ein Problem behoben werden könnte. Diese Art des Schreibens ist für Lesende viel bekömmlicher und belastet weniger. Solche Artikel zu verfassen ist allerdings anspruchsvoller und leider gilt in Deutschland bei Verlegern meistens immer noch die Meinung: „Bad News are Good News“, wenn es um die erzielte Aufmerksamkeit geht.
Die Autorin hat in ihrer Zeit in Afghanistan gelernt, neben Negativem auch über Positives zu berichten und versucht, dies nunmehr auch in ihren Artikeln über Deutschland umzusetzen. Sie schreibt nicht nur von Missständen, sondern auch vom positiven gesellschaftlichen Wandel und „dass sich überall … Menschen dafür ins Zeug legen, damit wir freier, sicherer und selbstbestimmter leben können.“ Geschichten von Helden, so wie die von Rutger Bregman in seinem Buch, mag sie nicht, sie hält es für wichtiger, dass täglich auch positive Geschichten über Leute wie du und ich erzählt werden, die handeln und sich nicht ohnmächtig fühlen. Dabei nennt sie schlechte Nachrichten übrigens Fehlerberichte- Fehler können behoben werden! Ein schöner Gedanke.
Ronja von Wurmb-Seibel erwartet von uns keine Großtaten. Kein Schritt ist für sie zu klein. Ein Anfang könnte sein, wenn man im Privatleben eher Positives berichtet und seltener auf Negativem herumhackt und dort, wo man eine öffentliche Meinung kundtun kann, der Negativschleife neue gute Geschichten entgegen setzt. Dazu recherchiert man beispielsweise, ob es in anderen Ländern vielleicht schon Lösungswege gibt.
Möchte man mehr tun, sollte es etwas sein, dass man gerne macht oder kann. Alleine oder noch besser in einer Gruppe, darin ist sie sich mit Rutger Bregman einig. Rückschläge wird es immer wieder geben, aber langsam wird bis dahin Unvorstellbares sichtbar.

Dieses Bild hängt bei der Autorin als Mahnung im Wohnzimmer. Was sehen Sie?

Einen kleinen schwarzen Punkt? Oder eine große weiße Fläche?
Der schwarze Punkt ist das, was uns von der ganzen Welt in den Medien berichtet wird, das Weiße steht für alles, was auf der Welt positiv ist.

Ich blättere in diesem Buch und würde Ihnen noch gerne mehrere Textpassagen vorstellen. Alle sind erhellend und ermutigend. Stattdessen beende ich diesen Beitrag mit einer Rezension von Joachim Dittmer, veröffentlicht am 16. März 2022 auf einer Bücherplattform:

Jetzt erst recht! Dieses Buch hilft. Es ist für mich ein Mutmacher, aus der Komfortzone der Couch ins Handeln zu kommen. Die momentanen Berichterstattungen über den Ukraine-Krieg Russlands könnten einen verschreckt zurücklassen. Der Ansatz zeigt Wege auf, Initiative zu werden, damit die Welt besser wird.

History is sexy

Emma Southon (40) ist Althistorikerin, lebt in Belfast und hat bisher drei Bücher über die römische Geschichte geschrieben. Dieses Buch ist das erste, das ins Deutsche übersetzt wurde.

Wir kennen Cäsar, Nero, Brutus, Cicero oder Augustus, aber fallen Ihnen auch so viele berühmte Frauen ein? Wer sind diese 21 Frauen?
Sie kommen fast alle aus der Oberschicht, sind selbstbewusste Königsmacherinnen, Geschäftsfrauen, Dichterinnen oder auch zwei ausländische Feindinnen von römischen Kriegern. Emma Southon hat tief in Archiven gegraben und widmet sich u.a. auch römischen Geschichtsschreibern, die von heutigen männlichen Historikern oft als unbedeutend angesehen werden. In diesen Aufzeichnungen hat sie z.T. Material gefunden, das bisher keiner breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Chronologisch von der Gründung Roms, über das Königreich, der Republik, dem Imperium bis zum Verfall des Römischen Reiches erzählt sie von Frauen und wir begegnen z.B. einer Sabinerin, lernen die Bräuche der mächtigen Vestalinnen kennen oder sind bei dem Bacchanalienskandal mit dabei.
Beim Schmökern lernt man einiges über die römische Vorstellung von Luxus, die geltenden Gesetzen bezüglich Frauen und Sklaven, über typische Alltagsprobleme, das queere Leben in Rom oder auch über das Frauenleben während der Kriegszeiten.

„History is sexy“- so heißt ein Podcast, den die Autorin veröffentlicht. Sie liebt die römische Geschichte, erzählt aber nicht zum x-ten Mal detailliert über die Schlachten, sondern sucht nach anderen Blickwinkeln. Sie schreibt sehr lebendig, frech, mit Humor und ohne Tabus. So kann ein Geschichtsbuch Spaß machen. Römermuseum in Xanten….Ich komme!