Der Tunnel

Der Roman, den ich Ihnen heute vorstelle, erschien erstmalig 1913 und war mit einer Auflage von über 100000 Exemplaren einer der ersten Bestseller des 20. Jahrhunderts. Das machte mich neugierig, obwohl ich eigentlich Science Fiction Romane nicht so gerne lese. Aber die Tatsache, dass der Titel jetzt auch wieder neu aufgelegt wurde, erhöhte noch mein Interesse.

Mac Allan kommt aus ärmlichen Verhältnissen. Er hat sich hochgearbeitet vom Pferdejungen im Bergwerk bis zum Ingenieur und verfolgte dabei immer seinem Traum: Er will einen Tunnel von Amerika nach Europa bauen! Dank seiner Kompetenz, seines Ehrgeizes und seiner zupackenden Art gelingt es ihm, die wichtigsten Geldgeber zu überzeugen, sich an dem Tunnelprojekt zu beteiligen. Es beginnt eine Zeit, in der ganz Amerika im Tunnelfieber ist und Allan ist der „Hohepriester“ aller, denn „das Syndikat“ verkauft auch Aktien an das einfache Volk und das Spekulieren nimmt kein Ende. Natürlich gibt es beim Bau immer wieder ein paar Tote, aber das nimmt man hin. Erst als ein Unglück passiert, bei dem über 2000 Menschen sterben, wendet sich das Blatt gegen Allan und der Mob tötet seine Frau und sein Kind. Die amerikanische Wirtschaft fängt zu schwanken an, denn niemand will mehr im Tunnel arbeiten und als dann Allan noch sein finanzielle Handlungsunfähigkeit erklären muss und das Verwaltungsgebäude des Syndikats abbrennt, sind alle am Projekt beteiligten Staaten mehr oder minder ko geschlagen.

Aber es kommt der Tag, in dem der Zug aus New York im Bahnhof von Calais einfährt…

Der Schreibstil des Autors ist purer Expressionismus. Wie er die Maschinen, ja die ganzen Arbeitsbedingungen schildert, wie er beschreibt, wie Allans Finanzexperte das Geld „als kleine Krieger ausschickt, damit jede einzelne Münze für ihn Beute macht“, so etwas habe ich noch nicht gelesen. Schön auch die Beschreibung von Allans Ehefrau, die sich im Laufe des Romans weiter entwickelt, wie auch ihre Widersacherin dues tut. Und dann ist da noch die Beschreibung des Feuers in dem Wolkenkratzer des Syndikats- mir wurde ganz anders, denn Bilder vom 11.9. werden hier sehr plastisch wach gerufen.

Fazit: Ein lohnendes Buch, dessen Erscheinungsdatum immer wieder verblüfft.

Mal so richtig was fürs Herz (Woche des Mondes Nr. 5)

Ich habe gegrübelt, welches Mondbuch ich Ihnen vorstellen könnte. Vor Jahrzehnten habe ich mal von Paul Auster “ Der Mond über Manhattan“ gelesen, es war ein tolles Buch, aber an den Inhalt kann ich mich nur noch vage erinnern und von einer anderen Internetseite abschreiben, das will ich nicht. Dann las ich noch eine Sammlung von Mondmärchen, die waren nett, aber auch nicht mehr. Deshalb spanne ich den Bogen zu diesem Buch- auch sehr schön abends bei Mondschein zu lesen und wohlig zu seufzen…

 

Der Schriftsteller Anthony Perdews verliert den Talisman seiner Verlobten Therese an dem Tag, als Therese tot vor einem Bäcker zusammenbricht. Dies ist über 40 Jahre her, doch Anthony hat diesen Schicksalsschlag nie überwunden. Er beginnt, verlorene Dinge von der Straße mit nach Hause zu nehmen und die Besitzer per Anzeige zu suchen. Zumeist erfolglos, so dass sich in seinem Haus vieles angesammelt hat. Anthony stirbt und in seinem Testament bittet er Laura, seine Haushälterin und Sekretärin, die Suche fortzuführen. Laura entspricht dem Wunsch gerne, denn nach einer sehr unglücklichen Ehe hatte Anthony ihr wieder einen Lebenssinn gegeben und er vererbt ihr sein schönes Haus und sein ganzes Vermögen. Zusammen mit Freddy, dem Hausgärtner und Sunshine, einem jungen Mädchen mit Downsyndrom, die viel Einfühlungsvermögen bei den Fundstücken und den dahinter stehenden Geschichten beweist, schafft es Laura schließlich sogar, den verlorenen Talisman wieder zu finden und damit Therese, die sich nach Anthonys Tod als Hausgeist aufführt, zu besänftigen.

Die Idee der Geschichte ist mal etwas Neues. Es gibt drei Liebesgeschichten und noch ein paar andere mehr, denn in die laufende Handlung sind ein paar Geschichten der Fundstücke eingestreut und diese Geschichten decken die ganze Bandbreite von lustig bis tottraurig ab. Ein Buch, gegen Alltagsgrau und Traurigkeit.

Was der Mond sein kann (Woche des Mondes Nr. 2)

Heute kommen die Lyrikfreunde auf ihre Kosten. Hier ein Mondgedicht, das mir besonders gut gefallen hat:

Von Siegfried Stöbesand · geb. 1954

neue sachlichkeit

habe den mond betrachtet
und dann das:
der mond hat gar kein gesicht
er soll nur aus staub, sand und stein bestehen
krater und geröll
wüstenlandschaften
die winde halten sich in grenzen
und an wasser mangelt es

lass mir meinen mond
in der nacht
wenn über der großstadt oben weit
und prächtig hell scheinend
das märchengesicht
das traumgesicht
in die scheibe geritzt
ein friedliches bild

so kühl und so warm
so ernst und so heiter
so bedenklich und so gelassen
wenn mir nicht wohl ist
wenn mir der kopf zerspringt
wenn mir die lust vergeht
dann mag ich keine sachlichkeit
dann mag ich nur

staunen und mir erträumen
das gesicht das milde gesagt so lieblich ist

?

Écoute (Französischstunde. Nr.7)

 Zum ersten Mal las ich im April diese Zeitschrift, ein Journal für alle, die Französisch lernen oder auffrischen möchten.

„Écoute“ bietet Artikel in verschiedenen Schwierigkeitsstufen zu ganz unterschiedlichen Themen an. Das monatlich erscheinende Heft hat ein Hauptthema, aber auch Reisereportagen, gastronomische oder politische Artikel. Ergänzt wird jeder Text durch Übersetzungen schwieriger Vokabeln. Hier ein Beispiel:

 

Zur weiteren Unterhaltung gibt es beispielsweise noch Kreuzworträtsel, Witze und Merkkarten mit besonderen Wörtern oder Wissensfragen. Abgerundet wird es mit einer Lektion zum Thema Grammatik.

Das Aprilheft hat mir gut gefallen. Die Themen der Artikel fand ich sehr interessant (z.B. die Geschichte der Macarons, ein Bericht über die beliebteste Comedygruppe in Frankreich, eine Stellungsnahme zu Marine le Pen).

Ein Heft kostet 7,90 Euro.

Chaim Be´er: Bebelplatz

Bebelplatz

Der Autor erzählt von zwei Reisen nach Berlin. Beim ersten Mal nimmt er eine Einladung vom sehr reichen, sehr undurchsichtigen Immobilienmakler Sussmann an, weil er beim Verfassen seines Romans eine Schreibblokade hat und sich durch die Reise neue Anregungen für seine eigene Geschichte erhofft. Sein Roman handelt von einem Mann, der eine allumfassende Bibliothek für jüdische Literatur einrichten will, um jüdisches Wissen und jüdische Literatur vor dem Aussterben zu bewahren. Sussmann hat Be´ er  als bekannten Autor aus Israel eingeladen, weil er zu Ehren seiner verstorbenen Tochter Miri jährlich eine Konferenz einberuft, auf der Wissenschaftler und jüdische Gelehrte über ein Thema aus der jüdischen Religion, Geschichte oder Mysrik diskutieren. So trifft Be´ er in Berlin dann auch auf den alten Antiquar Salomon Rappoport, der seltene oder als verschollen geltende Bücher jüdischer Autoren auftreibt, auf Professor Bilker-Bolker, der ebenfalls eine ganz besondere Beziehung zu Büchern hat und auf Veronika, die deutsche Sekretärin von Sussmann. Die vier Tage in Berlin enden für den Autor aber nicht so, wie er es sich vorgestellt hat und frustriert fliegt er nach Tel Aviv zurück. Erst nach 1 1/2 Jahren kehrt er noch einmal nach Berlin zurück und bekommt Klarheit darüber, was dieses erste Treffen für ihn und die andern Beteidigten wirklich bedeutete. Und er fängt diesen Roman, den ich Ihnen heute vorstelle, zu schreiben an.

In den Berliner Bebelplatz ist ein Mahnmal zur Bücherverbrennung eingelassen. Dieses Mahnmal, die Wannseekonferenz und die Vertreibung der Juden aus Galizien, Juden im Nationalsozialismus, sind Themen dieses Romans. Aber auch um Fragen wie: Macht eine Erinnerungsbibliothek Sinn, wenn es den Staat Israel nicht mehr gibt? (Und davon gehen die Gelehrten teilweise aus.) Alte jüdische Geschichten, welchen Wert haben sie für junge Menschen in Israel? Und wie soll ein Autor schreiben, der der alten jüdischen Sprache verbunden ist, wenn es immer weniger Menschen gibt, die die Anspielung auf alte Quellen verstehen?

Ein Roman, der meinen Kopf noch lange beschäftigen wird, denn nun möchte ich noch mehr über jüdische Geschichte und jüdische Literatur wissen. Besonders hervorheben möchte ich dabei auch noch das Nachwort, in dem den Lesern von den Schwierigkeiten berichtet wird, dieses Buch aus dem Hebräischen ins Deutsche zu übersetzen. Auch hier bekommt man noch einmal einen tiefen Eindruck von der alten jüdischen Sprache.

Wasch die Kuh- Französischstunde Nr. 5

 Ein bisschen weniger Übertreibung wäre auch ok gewesen…Hundert und mehr Vokabeln in einer Stunde zu lernen, das hört sich natürlich toll an. Und am Anfang des Buches steigt man dann direkt auch in die Methode ein: Eselsbrücken bauen, oder wie der Autor es nennt, „Wortbilder“ ausdenken für Vokabeln. Je verrückter, desto besser. Ich habe mich auf das Experiment eingelassen, ob ich 100 Vokabeln in einer Stunde schaffe, denn ich hatte vorher schon ohne Buch versucht, Eselsbrücken zu finden. 100 Wörter habe ich nicht geschafft, es waren 74, was ich auch schon gut fand. Allerdings kam das Erwachen dann zwei Tage später, als ich die Vokabeln wiederholte. Da waren es dann nur noch 42, bei den restlichen waren die Wortbilder weg und damit die Vokabeln auch.

Ein schlechtes Buch? Nein, keinesfalls. In dem Buch werden diverse Methoden beschrieben, wie man zu einem eigenen Wortbild gelangt und ein Wortbild, das man sich selbst ausgedacht hat, behält man besser. Wenn einem mal zu einer Vokabel nichts einfällt, dann kann man im Buch nachsehen, ob es ein Wortbild bietet, denn auf ca. 90 Seiten werden zahlreiche Vorschläge zu Alltagsvokabeln gemacht.

100 Vokabeln in einer Stunde? Ich habe mir ein kleines Ziel gesetzt: 5 Vokabeln/ Tag. Das wären dann ca. 1900 Vokabeln im Jahr und damit kann man ca. 85% eines Textes verstehen. Nach einem Jahr finde ich das nicht schlecht.

Ich lerne konsequent seit ca. 2 Wochen nach dieser Methode und die Eselsbrücken fallen mir immer schneller ein. Manchmal ist es spannend und auch lustig zu beobachten, was z.T. das Unterbewusstsein bei manchen Wörter so anbietet…

Vorsicht, es raubt Ihnen Ihre Energie

Dieses Buch hat 532 Seiten und hat mir beim Lesen jegliche Energie entzogen. Hätte ich doch nur zuerst den englischen Originaltitel gelesen: Grand Obsession. A Piano Odyssey. Vielleicht wäre ich bei dem Wort Odyssee zurückgeschreckt und hätte auf die Lektüre verzichtet…

Die ersten 60 Seiten las ich mit großem Interesse. Die Autorin erzählt von ihrer Kindheit und Jugend, in der sie eine ausgezeichnete musikalische Erziehung durch ihren Vater genoss. Er trainierte besonders ihr Gehör und so spielte Knize erst Cello und später ein paar Jahre Klavier. Sie war gut, so dachte sie. So gut, dass sie in einer Lebenskrise mit 43 beschließt, wieder mit dem Klavierspielen zu beginnen und zu träumen, Konzertpianistin zu werden. Ihre Klavierlehrerin stutzt sie dann allerdings zurecht, denn Knize hat nie nach Noten gespielt und auch das Takthalten geht bei ihr nur nach Gehör, keine Voraussetzungen für eine Berufspianistin. Die Autorin bleibt aber beim Klavierspielen und meint, dass ein eigenes Klavier sie schnell weit nach vorne bringen würde. Und so beginnt die Suche nach dem richtigen Klavier. Diese dauert zwei Jahre (bzw. 100 Seiten, in dem aber auch wirklich jede Klaviermarke vorkommt- machen Sie ein Quiz mit mir!) Dann endlich findet sie ihr Klavier, nennt es sofort „Marlene“, ist berauscht von dem Klang und ihr Mann und sie nehmen eine Hypothek auf, um den Flügel zu finanzieren und das Wohnzimmer umzubauen. Als sich die Autorin dann zum ersten Mal in ihrem Wohnzimmer an das Klavier setzt, erlebt sie einen Schock, denn „Marlene“ klingt schrechlich! 

War die Suche nach dem richtigen Klavier eine kleine Odyssee, beginnt jetzt die wahre Leidenszeit. Knize will „Marlene“ unter allen Umständen behalten und schildert auf 300 Seiten die Versuche, dem Klavier den alten Klang wiederzugeben. Da die Autorin ein besonderes Gehör hat und diverse Klaviertechniker es nicht schaffen, das Klavier langfristig so zu stimmen, dass sie das berauschende Gefühl vom ersten Spielen wiederbekommt, dauert die Odyssee drei Jahre.

Ich weiß jetzt auch alles über Klavierhämmer, Intoneure, Resonanzböden, Accu-Tuner, Baumarten für Klaviere, die Wirkung von Musik auf den menschlichen Körper und die Seele, die Anfälligkeit von Klavieren usw. Wollte ich das wissen? Nein, nicht in diesem Umfang bei einem Unterhaltungsroman über eine Klavier spielende Frau. Dieses Buch hat mich so ermüdet, wie ich es bei einem Buch noch nicht erlebt habe.

Die New York Times und der Seattle Review waren von diesem Buch begeistert, ich meine: Bitte nur lesen, wenn Sie ein Funkeln in Ihren Augen bekommen, sobald sie über Ihr Klavier mit anderen Leuten sprechen.