Goethes merkwürdige Wörter: Kannegießern, düttig, schmeicheln oder dreist

Letzte Woche diskutierte ich mit einer Bekannten über des Wandel der deutschen Sprache. Sie ist keine Freundin des zunehmenden Gebrauchs von Wörtern, die aus der englischen Sprache kommen. Ich gebe zu, dass ich manchmal auch meine Schwierigkeiten habe, die Bedeutung zuzuordnen. ( z.B. Unhinged, yappen, Yassification, slayen- Auflösung am Ende des Textes).

Winkte mir das Schicksal zu, als ich einen Tag später zufällig in einem Bücherschrank dieses Buch fand?

Ungefähr 1000 Wörter werden aufgelistet, die Goethe in seinen Werken benutzt hat. Das Wort „merkwürdig“ im Titel ist dabei dreideutig, denn in diesem Buch kann man Wörter entdecken, die aus heutiger Sicht seltsam, da vergessen, sind oder es gibt Wörter, die man sich merken kann, überraschen diese doch dadurch, dass wir sie heute zwar noch benutzen, aber dies mit einer ganz anderen Bedeutung. Merkwürdig sind dann auch noch diese Wörter, die Goethe sich quasi ausgedacht hat und die wir heute noch anwenden.

Ich gebe Ihnen gerne ein paar Beispiele. Bei jedem Wort gibt es im Buch mindestens ein Textbeispiel aus seinen Werken oder Briefen.

Von Goethe ausgedachte Wörter:

Anmut, bedenklich, Behagen, betrübt, Diät, Fabrik, Hosenscheißer, Kapitalist, lallen, Vorsatz, schauderhaft, Schicht machen

Wörter, die heute eine andere Bedeutung haben:

„dreist“ war früher positiv besetzt und meinte mutig oder beherzt

“Durchschnitt“ = Durchquerung (Er machte einen Durchschnitt des Gartens)

“Elend“ = Fremde, Heimatlosigkeit. Zitat aus dem Theaterstück „Hermann und Dorothea“: Streifen nicht herrliche Männer von hoher Geburt nun im Elend?“

„Extremität“ = Notlage Zitat aus „Götz von Berlichingen“: „Achtest du meinen Mann so wenig, dass du in dieser Extremität seine Hilfe verschmähst?“

“feiern“ = Nichts tun, ausruhen

“kompromittieren“ = jemanden zum Schiedsrichter wählen

„Penetration“ = Scharfsinn, Einsicht

“schmeicheln“ = lindern, mildern

Untergegangene Wörter und Redewendungen:

abmüßigen- Mußezeit erübrigen — Für 2026 nahm er sich vor, mindestens drei Stunden am Tag für seine Lifebalance abzumüßigen.

Affabilität- Umgänglichkeit, Leutseligkeit — Die Affabilität des neuen Chefs entsprach nicht den Vorstellungen seiner Angestellten, er war ein Muffelkopp.

Blumist/in- Blumenliebhaber/in — Bei dem Speed-Dating erzählte sie ihm, dass sie eine Blumistin sei. Er kannte den Ausdruck nicht und war erst einmal impressed.

düttig- einfältig — Sie zeigte mir stolz ihre neue Duttfrisur und erzählte dann etwas düttig, dass die Hairstylistin gesagt hätte, dass die Duttfrisur sie zehn Jahre jünger mache.

kannegießern – ohne großen Sachverstand über Politik diskutieren

Lappsack – antriebsloser Mensch — Im November begegnet man öfter Lappsäcken, die nicht aus den Puschen kommen, weil die trübe Jahreszeit sie triggert.

Murmelchen – kleines Kind — Ein Gruppe von 25 Murmelchen kam ins Schwimmbad und die schwimmende Silvergeneration hatte den Eindruck, dass ein Sack Flöhe ins Schwimmbecken sprang.

propalieren – ausplaudern, unter die Leute bringen — Wenn er diese Neuigkeit auf Social Media propalieren würde, würden seine Followerzahl explodieren.

Rätzel – Der frühere Finanzminister Theo Waigel war ein Rätzel….Er hatte zusammengewachsene Augenbrauen!

vervitzen/turlupinieren – Ich hoffe, dass ich Sie mit diesen Wörtern und Beispielsätzen nicht zu sehr vervitzt oder turlupiniert habe! (vervitzen= verwirren, turlupinieren = foppen)

Auflösung:
Unhinged= völlig übertriebenes Verhalten
yappen= Übermäßig quatschen oder tratschen
Yassification= etwas übertrieben glamourös machen, loben, dramatisieren
slayen= etwas sehr gut machen

Besser leben und besser sterben

Mit zunehmendem Alter macht sich die Autorin Milena Michiko Flašar Gedanken über ihre eigene und unser aller Vergänglichkeit. Wir geben uns unendlich viel Mühe, am Leben zu bleiben und doch sterben wir jeden Tag ein bisschen. Dummerweise gehört der Tod „nicht zu dem Erprobbaren. Wer ihn einmal erfahren hat, der hat mit der Generalprobe bereits das letzte, allerletzte Mal auf der Bühne gestanden.“
Dezember 2024: Auf einer Rundreise in Japan, wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbracht hat, erhofft sie sich deshalb, Eck- und Anhaltspunkte zu finden, die ihr helfen, das Sterben zu lernen. Japaner haben aus verschiedenen Gründen eine andere Affinität zum Tod.
In Osaka wird ihr bewusst, dass es das „Carpe Diem!“ nicht ohne das „Memento mori!“ gibt, Lebenslust wohnt in direkter Nachbarschaft mit dem Tod. Für den Tod gibt es in der japanischen Sprache verschiedene ehrwürdige Wörter, die nuanciert aufzeigen, wie ein Mensch gewesen und gestorben ist. Bevor er sich auf die unbekannte Reise macht, entsendet der Sterbende mit einem Todesgedicht einen Abschiedsgruß an die Hinterbliebenden. Die Botschaft: Nichts bleibt, nichts währt, aber jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, alle tragen durch ihr Geborenwerden und dem Sterben dazu bei, dass die Idee des Lebens weiterbestehen kann.
In Kinosaki Onsen, einem Gebiet mit heißen Quellen, macht die Autorin sich Gedanken über Japan, das geprägt ist durch Naturgewalten wie Erdbeben, Taifune, Tsunamis. Die Menschen sind gezwungen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, um im Notfall zu überleben. Wären wir nicht auch gelassener, wenn wir gezwungen wären, „diese Schule“ zu durchlaufen?
Auf der Reise besucht Flašar ihre alte Tante. Beide verbringen eine gute Zeit miteinander, doch ist der Autorin bewusst, dass jeder Moment einzigartig und nicht wiederholbar ist. Eine sanfte Schwermut, ein „ Mono no aware“, stellt sich ein, in der die Freude und die Trauer über die Vergänglichkeit des Moments nebeneinander stehen.
Lernt man zu akzeptieren, dass „alles fließt“, wird das Leben leichter. Nicht mehr eine perfekte Welt ohne altersbedingte Abnutzung manifestieren wollen, sondern die stetige eigene Veränderung, zu der auch der Tod gehört, bejahen und dabei sich eigene Fehler und Unsicherheiten verzeihen.
Kyoto und Tokio sind weitere Orte, an denen die Autorin lernt, dass sich ihre Beschäftigung mit dem Tod dazu beiträgt, dass dieser seinen Schecken verliert.
Und noch eine Erkenntnis nimmt die Autorin mit:

Ich könnte mit dieser schönen Textstelle enden, doch das Buch nimmt noch eine andere Wendung. Kurz vor ihrem Rückflug nach Österreich wird die Autorin aus ihrer „Japan-Blase“ herausgerissen, denn in den Nachrichten erfährt sie, dass in ihrem Heimatland unmittelbar die Gefahr einer rechtsradikalen Regierungsbeteiligung besteht. Plötzlich geht es in ihrem Buch um den Tod von „Konzepten und Ideen“ und sie ist völlig verunsichert. Doch dann dringen ganz langsam Gedanken zu ihr durch, die sie in Japan gesammelt hat. Sie lassen sie ruhiger werden und zukünftig wird sie diese Gedanken weiter hegen und pflegen.

Größter Freund und schlimmster Feind: Unser Gehirn

Anfang Oktober erkrankte ich zum zweite Mal an COVID. Neben Kopf-, Glieder- und Halsschmerzen tauchten, während ich im Bett lag und darauf wartete, dass mein Körper sich wieder berappelt, dieses Mal ungewohnt düstere Gedanken auf, gegen die ich mich nicht wehren konnte. Was passierte da in meinem Kopf? Dies war die Motivation, dass ich einige Tage später dieses Buch las:

Rachel Barr ist Mitte dreißig und auf TIKTOK ein Star. Sie ist Doktorin der Neurowissenschaften und erklärt dort, wie unser Gehirn funktioniert. Das macht sie mit viel Humor, ohne wissenschaftlichen Dünkel und mit viel persönlichem Engagement. Und genau diese drei „Zutaten“ findet man auch in ihrem Buch.
Auch hier zeigt sie zuerst, wie die Abläufe in unserem Gehirn sind. Sie benutzt dabei das Bild einer Zeitungsredaktion (z.B. Chefredakteur, Klatschkolumnistin, Ressortleiter). Das fand ich genial, denn endlich verstand ich die Zusammenhänge und werde diese auch behalten.
Warum ist unser Gehirn nun unser bester Freund, kann aber auch unser ärgster Feind sein?
Sehr kurz zusammengefasst: Unser Gehirn sorgt dafür, dass alle Körperteile ihre Aufgaben erfüllen und miteinander funktionieren. Es liefert uns eine grobe Einschätzung der Welt und ist für unser Selbstwertgefühl, das Selbstbewusstsein, das Selbstgefühl und dem wichtigen Selbstmitgefühl zuständig. Das alles macht das Gehirn ganz freundschaftlich nach bestem Wissen und Gewissen. Und da genau liegt das Problem: Es orientiert sich leider immer noch sehr oft an seinem Wissen, das aus der Zeit stammt, in der wir alle in kleinen Gruppen noch als Sammler und Jägern durchs Land zogen. Hier kann das Gehirn dann zum ärgsten Feind werden. Nur ein Beispiel: Aus Urzeiten ist das Gehirn immer darauf bedacht, allem Gefährlichen mehr Aufmerksamkeit zu schenken und das abzuspeichern. Positives gefährdet nicht unser Leben, nur Schlechtes wird behalten. Das ist auch heute noch wichtig, aber eben nicht mehr überall. (Dem Umgang mit den heutigen Sozialen Medien wird deshalb ein eigenes wichtiges Kapitel gewidmet). Unser Gehirn saugt schlechte Nachrichten ein und behält sie, es könnte ja mal wichtig sein. Das ist für unser Gemüt aber reines Gift. Wir werden gestresst, depressiv und unser Selbstgefühl verschlechtert sich zunehmend, wenn man nicht gegensteuert und „der Bestie“ (ja, so nennt die Autorin tatsächlich das Gehirn an mehreren Stellen) die schlechten Nachrichten vorenthält und es beruhigt, dass keine Gefahr besteht. Das Gehirn immer wieder mit Kleinigkeiten positiv zu entzücken heißt das Gebot der Stunde. Aber Vorsicht: Auch hier lauert eine Gefahr: Das Gehirn fühlt sich verpflichtet, uns dabei zu helfen und liefert uns Vorschläge für schnelles Wohlgefühl: Alkohol, Essen, Shopping. Wenn es geht, arbeitet unser Gehirn mit dem kleinst möglichen Aufwand, aber auf längere Sicht tun uns solche Vorschläge nicht gut.
Wir müssen dem Gehirn also zeigen, dass es darüber hinaus auch andere Möglichkeiten gibt, gute Gefühle zu erzeugen. Lesen, Musik hören, Bewegung, Naturaufenthalte und kein Multitasking mehr! Beim Essen den Roman lesen und über Kopfhörer Musik hören. Gar nicht gut für das Gehirn, denn es braucht für jede Aufgabe Nahrung, um alles ordentlich zu verarbeiten. Bei drei Aufgaben kommen alle zu kurz bei der Nahrungsverteilung, das Gehirn ist gestresst, gute Gefühle kommen nur begrenzt auf. (Auch kein Multitasking mehr auf der Arbeit, das ist noch schlimmer: Telefonieren, dabei gleichzeitig Mail schreiben, aufploppende Nachrichten lesen, kurz in sein Brötchen beißen).
In zwei Kapiteln widmet sich die Autorin der Wichtigkeit von gutem Schlaf und täglicher Bewegung. Auch hier fließen ihre eigenen Erfahrungen mit ein und sie weiß, dass es nicht einfach ist, dem Gehirn angemessen etwas Gutes zu tun. Sie plädiert für ganz kleine Schritte zur Verbesserung und zeigt bei „mehr Bewegung“, wie man kreativ dies umsetzen kann.
Besonders lesenswert fand ich das Kapitel über die zunehmende Einsamkeit. Unser Gehirn braucht Umgang mit Menschen, aber Rachel Barr definiert dabei die Notwendigkeit von sozialem Umgang sehr viel weiter und eröffnet damit neue Wege, der Einsamkeitsfalle zu entgehen.

Ich lese das Buch gerade zum zweiten Mal und merke, dass die erste Lektüre schon ein bisschen Früchte getragen hat. Ich rede mit meinem Gehirn- klar, hört sich lächerlich an, aber es beispielsweise mal in seine Schranken zu weisen, wenn es wieder ein Problem wälzt, das tut gut.
Auf meinem Handy habe ich ein Album mit meinen Lieblingsfotos angelegt, hat mir schon zweimal bei Frust geholfen. Ich lese gerade ein Science-Fiction Buch, obwohl ich dieser Richtung nicht viel abgewinnen kann. So folge ich dem Tipp, das Gehirn aus seiner Komfortzone zu holen.
Und ich setzte mich hin und höre nur Musik, tue nichts anderes. Was kann man in Musik alles entdecken, wie schön kann man tagträumen…

Passen Sie nicht in das Schema F?

Der Mensch ist ein soziales Wesen, das seinen Seelenfrieden findet, wenn es zu einer oder mehreren Gruppen gehört. So die festverankerte Meinung in der Gesellschaft. Doch es gibt Menschen, die zwar von den anderen geschätzt werden, weil sie empathisch sind, oftmals frische Ideen haben und selbst über sich lachen können, die aber trotzdem lieber alleine sind und denen Aktivitäten in einer Gruppe (Teambildung auf der Arbeit, Betriebsfeste, Partys, Familienfeste, Gruppen-Freizeitaktivitäten) fast immer ein Graus sind. Sie langweilen sich, definieren sich nicht über ihre Arbeit, hassen Smalltalk und können Festen, die mit Traditionen verbunden sind, nichts abgewinnen. Diese Menschen sind weder extro- noch introvertiert, der amerikanische Psychiater Rami Kaminski nennt sie otrovertiert.

Kaminski hat in seiner jahrzehntelangen Berufspraxis viele Menschen betreut, die teilweise von anderen Ärzten als „nicht therapierbar“ abgestempelt wurden. Nach vielen Gesprächen erkannte er ein Verhaltens-und Wesensmuster bei seinen Patienten. Hier ein typischer Lebenslauf eines Otrovertierten:
Als Kleinkind wird von den Erwachsenen freudig bemerkt, dass das Kind sich stundenlang alleine beschäftigen kann. Beginnt die Kindergartenzeit, tauchen erste Irritationen auf. Das Kind lässt sich in eine Gruppe eingliedern, kapselt sich aber immer wieder ab. Die Schuljahre werden dann mit zunehmendem Alter oftmals zu einer Horrorzeit. Das Kind weiß inzwischen, dass Gruppenzugehörigkeit wichtig ist. Es möchte von einer Gruppe anerkannt werden, macht in der Gruppe mit und übernimmt auch die dort gängigen Meinungen und Interessen. Dabei verbiegt es sich derart, dass es zu psychischen Störungen kommen kann. Auch spürt das Kind, das es niemals wirklich zur Gruppe gehören wird. Verstärkt wird das seelische Dilemma oftmals von den Eltern, die ihre Kinder zu Gruppenaktivitäten zwingen oder von mitfühlenden Mitschülern, die nicht möchten, dass jemand ausgeschlossen wird.
Endlich ist die Schulzeit vorbei! Entweder ist ein Otrovertierter dann psychisch so angeschlagen, dass nur noch Alkohol oder Drogen helfen und/oder er eine Therapie braucht, um die gesellschaftlichen Erwartung vom Leben als „Gruppentier“ zu erfüllen oder er findet seinen eigenen Weg, sich so zu akzeptieren, wie er ist und sein Leben nach seinen eigenen Werten zu gestalten.
Wie sieht so ein Leben aus? Eine otrovertierte Person hat einige wenige gute Freunde, die sich gegenseitig ihre Freiheit lassen. In einer Gruppe verankert ist er höchstens dann, wenn diese sich mit etwas beschäftigt, das ihn interessiert. Da ein „Otro“ sich nicht an Gruppenmeinungen beteiligt, ist sein Selbstwertgefühl von anderen nicht abhängig, sein Selbstbewusstsein ist gesund. Gegenüber anderen Menschen ist er meistens unvoreingenommen und an ihren Geschichten wirklich interessiert. Er hinterfragt vieles, ist lieber stiller Beobachter und macht sein eigenes Ding. Jeder Tag ist wichtig für ihn, denn er ist kreativ und seine Ideen sind für Gruppenmenschen manchmal etwas spleenig oder so unerwartet, dass die Zeit für die Durchsetzung noch nicht reif ist. Ein Otro ist zufrieden, wenn er alleine sein Wohlfühlleben gestalten kann. Er schafft sich viele schöne Erinnerungen, denn diese kann man ihm niemals wegnehmen.
Seine Lebenseinstellung kommt ihm im Alter zu gute. Während Gruppenmenschen unter dem fortschreitenden Verlust von Freunden leiden, u.U. vereinsamen und merken, dass sie ihr Leben zu sehr an eine Gruppe angepasst haben, genießt der Otro, sofern er gesund ist, bis zum letzten Atemzug sein Leben.

Die Meinung über dieses Buch ist im Internet geteilt. Kaminski wird vorgeworfen, dass er den Begriff der Otroversion nur zu Marketingzwecken erfunden hat und die beschriebenen Wesenszüge in der Forschung schon lange bekannt sind. Das kann ich nicht beurteilen, doch dieses Buch erreicht erstmals betroffene Menschen, die keinen Therapeuten haben und bisher alleine versuchten, mit ihren Zweifeln zurecht zu kommen und ihr Leben zu wuppen.

“Wie schön es ist, nicht dazugehören zu müssen“- Ein passender Buchtitel…

Wolfgang Trepper sagt nur mal eben Danke

Heute erscheint im Kösel Verlag das neue Buch des Duisburger Kabarettisten Wolfgang Trepper.

Ich las dieses Buch aus Neugier, denn Wolfgang Trepper ist in Rheinhausen aufgewachsen und besuchte immer mal wieder meine Buchhandlung. Dort lernte ich ihn als sehr höflichen, fast schüchternen jungen Mann kennen. Irgendwann kam er nicht mehr, er war weggezogen und ich verlor ihn aus den Augen. Einige Jahre später sah ich ihn dann bei einer seiner Vorstellungen wieder und ich konnte kaum glauben, dass das Wolfgang Trepper war. Sein „harsches“ Auftreten war für mich sehr überraschend und ich erhoffte mir, in dem Buch ein paar Erklärungen zu finden, wie es zu dem Sinneswandel gekommen war.
Um es vorweg zu nehmen: Ich habe mit dem Buch aus verschiedenen Gründen herzerwärmende Lesestunden verbracht und empfehle es ohne wenn und aber.
Warum? Da geht es, wie man schon im Untertitel lesen kann, um Tante Henny. Ihr hat Wolfgang Trepper viel zu verdanken. Sie wurde zur Ersatzmutter, als die eigene Mutter immer häufiger ins Krankenhaus musste und der berufstätige Vater mit der Erziehung seiner beiden Söhne überfordert war. Tante Henny- ich habe sie auch sofort lieben gelernt. Sie war bodenständig, sagte, was sie dachte und das war fast immer sehr vernünftig und obwohl sie und ihr Mann, der Oheim, nicht viel Geld hatten, machten sie aus dem Leben ein Fest und freuten sich an kleinen Dingen wie Bolle. Eine bessere Lebenslehrmeisterin konnte Wolfgang Trepper nicht haben und das weiß er bis heute.
Seinen Lebenslauf beschreibend, taucht man in dem Buch zuerst in Duisburger Welten in den 80er und 90er Jahren ein. Trepper arbeitete bei Krupp, sehr ungern, so dass er sich immer mehr für den Rheinhauser Handball Verein OSC engagierte und dabei war, als der OSC in die Bundesliga aufstieg. War er schon zum OSC eher durch Zufall gekommen, sollten noch weitere Zufälle in seinem Leben folgen, die Trepper immer, nach Beratung mit Tante Henny, genutzt hat, um sich weiterzuentwickeln und Neues auszuprobieren. Das lobe ich mir.
Er kam zu Radio DU und das war seine wahre „Arbeitsheimat“. Der Programmdirektor war offen für die ausgefallenen Programmideen und Kommentare von Trepper, ja, stachelte ihn sogar an, noch „ durchgeknallter“ zu werden. Irre Jahre, denn beim Radio war Spontanität das A und O.
Aber ganz langsam suchte sich nach einigen Jahren eine andere Passion ihren Weg in Treppers Kopf: Der Auftritt auf der Bühne! Und wieder war Kollege Zufall vor Ort, denn Corny Littmann, Inhaber des legendären Schmidt Theaters in Hamburg, wurde auf Trepper aufmerksam und nahm ihn unter seine Fittiche. Es ging immer steiler aufwärts mit seiner Karriere als Kabarettist, so dass er beim Radio kündigte, nach Hamburg zog und dort seitdem mit Frau und Tochter lebt. ( Aber noch eine kleine Wohnung in Duisburg hat, weil hier eben seine Heimat ist).
Ja und da ist er nun, der Wolfgang Trepper mit seinen 64 Jahren. Hat alles erreicht, kann stolz auf sich sein, auch auf seine Projekte in Afrika, für die er nach jedem Auftritt sammelt. In dem Buch lernt man einen Mann kennen, der kritisch über sich und sein Leben nachdenkt und man erfährt, dass er privat immer noch ein ruhige Mensch ist, der sich um Harmonie bemüht.

Jürgen Ploog- der Grandseigneur der deutschen Untergrundliteratur

Ich arbeitete Ende der 70er Jahre in der damals größten Buchhandlung Deutschlands, dem Stern Verlag in Düsseldorf. Die Bücher der berühmten amerikanischen Autoren der Beat Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs fand man dort nur vereinzelt im Regal, denn zu dieser Zeit hatten diese Schriftsteller hauptsächlich Leser und Leserinnen, denen das „Establishment“ suspekt war und die den Wunsch nach Freiheit und Veränderung hatten. Noch weniger präsent waren deutsche Autoren, die ähnliche Gedanken in ihren Büchern verfolgten. Peter Paul Zahl, Jörg Fauser oder Rolf Dieter Brinkmann wurden vom Feuilleton manchmal besprochen, aber die Autoren aus Verlagen wie z.B. Rotbuch, März oder Maro ignorierte man gerne. Die Inhalte waren „nicht lesbar“ oder entsprachen nicht dem bürgerlichen Weltbild der 60er bis 80er Jahre. Die Autoren mussten um ihren Lebensunterhalt kämpfen. Es gab allerdings eine Ausnahme…

Jürgen Ploog (1935 bis 2020) hatte schon in jungen Jahren beschlossen, sein Leben dem Schreiben zu widmen und herauszufinden, welche Welten sich mit der Sprache erschließen lassen. Im Gegensatz zu seinen Mitstreitern entschied er sich, eine Ausbildung zum Piloten zu machen und flog danach 33 Jahre für die Lufthansa. Das machte ihn finanziell unabhängig und ihm war es egal, ob seine Bücher sich verkauften. Bedingt durch seine Arbeit, war er oft in New York und wurde ein guter Freund von William S. Burroughs. Damit war er am „Puls“ der amerikanischen Beatbewegung und lernte bei Burroughs eine Cut-up Technik kennen. (Techniken, bei der ein bestehender Text zerschnitten und zufällig neu zusammengesetzt wird, um einen neuen Text zu erschaffen). Das neue Zusammensetzen der Wörter spült Unbekanntes aus dem eigenen Innenleben an die Oberfläche und dies wurde für Jürgen Ploog für viele Jahre der Weg, seine Texte zu schreiben.
Kämpften deutsche Untergrundautoren mit den grauen Alltagserlebnissen und dem deutschen Politikmief, konnte Jürgen Ploog durch seinen Beruf auf Beobachtungen zurückgreifen, die er weltweit machte. Auf einem Markt in Bangkok, in einer Bar in Tokio, im Supermarkt in Chicago… Sein Unterbewusstsein speicherte jeden Eindruck und er floss in seine Texte mit ein.
Dies alles machte ihn zu einer charismatischen Gestalt in der alternativen Literaturszene. Dass Ploog gutaussehend, immer freundlich und höflich, also quasi ein Gentleman war, unterstützte noch seinen Ruf als „Grandseigneur“.

In dem Buch erinnern sich Wegbegleiter an Jürgen Ploog, Tagebucheinträge und E-Mail Verkehr sind zu lesen, auch findet man einige Textauszüge aus seinen Büchern. Auf die legendäre Literaturzeitung „Gasolin 23“, deren Mitherausgeber Ploog 14 Jahre lang war, wird eingegangen, Foto- und Bildmaterial (Jürgen Ploog malte auch) ergänzen die Texte.

Ob ich Jürgen Ploog einmal begegnet bin? In den ersten Jahren meines Lebens als Buchhändlerin besuchte ich neben der Frankfurter Buchmesse auch einmal die Mainzer Minipressen Messe, die zur selben Zeit stattfand. Hier präsentierten sich damals über 100 Verlage, die den Mainstream nicht bedienten. Als junge Frau hätte ich ihm nicht viele Fragen stellen können, zu unterschiedlich waren die Lebenswelten. Heute wäre das anders. Bei den abgedruckten E-Mails sind auch einige dabei, die Ploog in den letzte Jahren seines Lebens geschrieben hat. In ihnen nimmt er Stellung zu unserer heutigen Welt und schreibt Kluges.

Diese Buchbesprechung ist einfach gestrickt und entspricht nicht dem geistigen Level des Buches oder anderen bereits erschienen Buchbesprechungen. Aber vielleicht habe ich sie neugierig gemacht auf diesen Autoren oder auf die Zeit, in der es noch Untergrundliteratur gab.

Hier eine zweite Buchbesprechung: https://www.welt.de/kultur/article689eddd7cf5f0271ccd53954/Juergen-Ploog-Der-Pilot-der-die-Avantgarde-nach-Frankfurt-brachte.html

Im Stau und bei der Tour de France

Aktuelle Anlässe bewegen mich dazu, Ihnen zwei Buchtipps zu geben. Die Schulferien beginnen bald, Staus auf den Straßen sind vorprogrammiert. Da habe ich Lesestoff für Sie:

Ich habe den Krimi als Beifahrerin teilweise in einem Stau gelesen. Das brachte eine authentische Lesestimmung zugunsten des Buches.
Auf einer Autobahn Richtung London kommt der Verkehr zum Erliegen. Eine Bombe ist in der Nähe detoniert. Unter den leidtragenden Autofahrern befindet sich auch Billy Kidd, eine Polizistin, die gerade aus dem Urlaub kommt und auf dem Weg nach Hause ist. Sie ahnt nicht, was in den nächsten Stunden auf sie zukommt: Ganz in ihrer Nähe wird ein Mann in einem Auto tot aufgefunden, ermordet mit einer Fahrradspeiche. Da die Autobahn an beiden Seiten auf einer langen Strecke durch hohe Wände eingegrenzt ist, muss die Person, die die Tat begangen hat, noch anwesend sein. Billy, die sofort den Tatort absperrt und alleine mit Ermittlungen beginnt, befragt die Autofahrer und niemand hat jemanden weglaufen sehen.
Unter den Insassen der Fahrzeuge befinden sich einige Personen, die in besonderen Situationen stecken und verdächtig sind. Billy trägt die Puzzlesteine zusammen und kommt einem mörderischen Komplott auf die Spur.
Leichte Krimiunterhaltung mit Autobahnambiente.

So kann man sich auch fortbewegen… Die Tour de France hat am Samstag begonnen und passend dazu erschien letzte Woche dieses Buch:

Rick Zabel ist der Sohn des bekannten Radprofis Erik Zabel. Wie sein Vater hat er ebenfalls eine Radprofikarriere gemacht und er erzählt in diesem Buch von seinem Werdegang bis zum Ende seiner Profilaufbahn.

Als Tour de France Fan las ich dieses Buch mit großem Interesse. Von den Stars der Radmanege erfährt man schon häufiger etwas in den üblichen Medien, aber die Lektüre über den Lebensweg eines Fahrers der „zweiten Reihe“ lässt mich jetzt anstehende Radrennen mit etwas anderen Augen sehen. Ich erfuhr u.a. viele Details, wie die Radrennindustrie funktioniert.
Der Erzählstil von Rick Zabel ist offen und ehrlich. Das macht ihn sympathisch und man glaubt ihm die Schilderungen seiner Höhen und Tiefen. Er hat nie den übergroßen Ehrgeiz seines Vaters gehabt, war damit zufrieden, an der Tour de France mehrmals teilzunehmen und in seiner Blütezeit als Edelhelfer für einen Star zu fahren. Zabel trainierte fast immer pflichtbewusst („Fun-Fact“: Zwischen 30000 und 40000 km / Jahr erreichen Radprofis auf ihren Trainingsfahrten), doch er feierte auch mal gerne, kümmerte sich mehr um Frau und Kinder als sein Vater es tat oder versuchte schon früh, sich neue Standbeine für das Leben nach dem Profisport aufzubauen.
Mit 30 Jahren beendete er 2024 seine Profilaufbahn, um nicht den Spaß am Radfahren zu verlieren. Wie zu lesen ist, hat er einige Projekte für seinen neuen beruflichen Lebensabschnitt, mögen sie ihm ein gutes Leben bescheren!

In Korea heißt das Zauberwort „Selbstfürsorge“ (Ssukgat 1)

Dieses Buch las ich in meinem Urlaub und fand es sehr inspirierend:

Warum essen wir Europäer? Weil wir Hunger haben und/oder weil wir genießen möchten. Dass Lebensmittel uns gesund machen können, daran denken wir wohl erst an dritter Stelle: Vielleicht bei einer Erkältung, wenn es Hühnerbrühe gibt.
In Korea hat Ernährung einen ganz anderen Status. Schon ein Kleinkind bekommt das Wissen vermittelt, dass Essen Medizin ist, aber nicht hauptsächlich, um den Körper zu heilen, sondern um Krankheiten und Gebrechlichkeit zu verhindern. Das Zauberwort in Korea heißt „Selbstfürsorge“= Man isst, um Körper und Geist etwas Gutes zu tun und fühlt dabei eine große Befriedigung. Diese Kernaussage des Buches wird von der Autorin mit vielen Informationen und Rezepten unterfüttert.
Michelle Jungmin Bang ist Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln und hat nach einem Zusammenbruch damit begonnen, sich mit dem Ernährungswissen ihrer koreanischen Vorfahren zu beschäftigen. Schritt für Schritt hat sie zuerst ihre eigene Ernährung und dann auch die ihrer Familie mit deren Zustimmung umgestellt. Neben ihren familiären Aufgaben und ihrer Arbeit schuf sie sich weitere Zeiträume, um sich mehr in der Natur aufzuhalten, sich körperschonend sportlich zu betätigen und einfach mal nichts zu tun. Jetzt geht es ihr sehr gut.
Ihre Beschreibungen fand ich manchmal ein bisschen zu „heile Welt“, doch ihre Ideen, wie man diese Selbstfürsorge umsetzen kann, wogen das bei Weitem auf.
So beschreibt sie beispielsweise, wie sie dazu übergegangen ist, morgens ihrem Mann und den beiden Kindern ein Tablett mit verschiedenen gesunden Saucen und Gewürzen hinzustellen und ihnen dazu frisch aufgeschnittenes Obst oder Gemüse zum Dippen anzubieten. Dazu gibt es Reis und/oder eine Kraftbrühe.
Jeder kann nach Geschmack und Laune essen und es macht nicht viel Arbeit.
Ich esse nicht genügend Obst und Gemüse, vielleicht könnte das auch ein Weg für mich sein, mich gesünder und abwechslungsreicher zu ernähren?
In dem Buch sind einige Zutaten aufgelistet, die man nicht in den hiesigen üblichen Supermärkten gibt. Aber in Duisburg hat gerade ein koreanischer Lebensmittelladen eröffnet, den werde ich in Kürze besuchen.
Der hiesige Bio-Supermarkt ist auch auch schon ganz gut bestückt mit japanischen und koreanischen Lebensmitteln und als Einstieg kaufte ich mir „Furikake“ = Sesam-Algenstreusel und einen Nori-Snack.

Foto: Heller und schwarzer Sesam, gemischt mit Seealgen, schmeckt etwas salzig. Zu den Radieschen passte das prima, auch über Ananasstücke gestreut, fand ich es lecker. Der Verzehr von Algen ist in der koreanischen Ernährungsphilosophie besonders wichtig.
Fotocollage: Die hauchfein gepressten Algen sind ein bisschen mit Meersalz und Sonnenblumenöl verfeinert. Kann man den Duft des Meeres essen? Ja!

Mal sehen, wohin mich „Ssukgat“ noch führt.


P.S. Ssugkat ist eine Pflanze, die in der koreanischen Küche gerne verwendet wird. In Deutschland nennt man sie auch „Kronenwucherblume“.

Von JJ über Klaus Nomi nach Manchester

Bereit für ein paar Gedankensprünge?

Am Wochenende gewann JJ für Österreich den European Song Contest mit seinem Lied „Wasted Love“. Der junge Mann stellte sein Können als Countertenor unter Beweis und alle waren und sind noch aus dem Häuschen.

Als ich das Lied hörte, dachte ich sofort an Klaus Nomi, der ebenfalls mit seiner Countertenorstimme eine gewisse Berühmtheit erlangte. Allerdings bereits Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre. Für die damalige Zeit war er wie ein Wesen vom anderen Stern, wie aus seiner Biografie hervorgeht.

Geboren im Allgäu, lebte er während seiner Kindheit und Jugend zusammen mit seiner Mutter im Ruhrgebiet. Er zeichnete und sang gerne und wollte Opernsänger werden. Allerdings unterstützen seine Lehrer ihn nicht bei seinem Wunsch, sich als Countertenor zu spezialisieren und er brach deshalb die Ausbildung ab. Mit Aushilfsjobs und ersten kurzen Auftritten verdiente er sich seinen Lebensunterhalt, dann ging er nach Berlin. Dort entdeckte ihn David Bowie, der ihn für die Einspielung eines Songs als Backroundsänger engagierte. Nomis Hoffnung auf eine weitere Zusammenarbeit zerschlugen sich und er beschloss, nach New York weiterzuziehen. Auch hier kämpfte er sich durch, sang Operntitel und Rocklieder und wurde schließlich in den New Yorker Clubs Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit seiner außergewöhnlichen Stimme berühmt. Er bewegte sich im Dunstkreis von Keith Haring oder Andy Warhol und war unterwegs in der Schwulenszene New Yorks. In Japan wurde er eine Berühmtheit und auch in Europa hatte er mehrere Auftritte, so in Deutschland bei Thomas Gottschalk. Bei ihm sang er dieses Lied.

Kurze Zeit später starb Klaus Nomi an Aids und war damit einer der ersten prominenten Aidsopfer Anfang der 80er Jahre.

Die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit schwul zu sein, war damals in New York nur an wenigen Plätzen möglich. Dies beschreibt Olivia Laing in ihrem Buch „Die Stadt der Einsamkeit“ ausführlich. (Siehe unten Link zur Besprechung). Es waren u.a Plätze am Hafen, alte Piers und Häuser, in deren Winkel sich Männer trafen. Diese Beschreibungen hatte ich noch im Kopf, als ich jetzt in Manchester war und das Northern Quarter durchstreifte.
In Manchester gibt es weiter südlicher ein spezielles Gay Village, aber im Norden ist die LSBTQ Szene präsent.
Sieht man es mit dem Architekturblick, entdeckt man viele Backsteinschönheiten:


Diese Backsteingebäude verschwinden aber immer mehr und werden von Wolkenkratzern verdrängt, wie man oben auf zwei Fotos gut erkennen kann.

Denn es sieht im Northern Quarter auch so aus:

Wie gut, endlich keine Schmuddelecken mehr? Vor 40 Jahren wurden in New York mit dem Abriss der alten Vierten die Menschen vertrieben und in Manchester passiert Ähnliches. Was geht außer dem Lebensort noch verloren, wenn solche Straßenzüge verschwinden? Das zeige ich in meinem nächsten Beitrag.



Stadt oder Land- ein Buchexperiment

Ich lese Bücher auf einem E-Reader oder in Papierform. Letzte Woche hatte ich dieses Buch auf meinem E-Reader angefangen:

Der Autor Martin Oswald ist Turmschreiber im Ort Abenberg, südwestlich von Nürnberg gelegen. Er nutzt seinen längeren Aufenthalt, im Ort und in den dazu gehörigen Dörfer ausgiebig spazieren zu gehen und dabei Beobachtungen zu sammeln und sich mit Ansässigen zu unterhalten. Mir gefiel das Buch sehr gut, direkt die ersten Sätze waren ganz nach meinem Geschmack: „Nebensächlichkeitsforscher bin ich. …“Täglich breche ich auf zu meinen Erkundungsgängen, als Marginaliensammler, als Stadtrandläufer und Ortumgehungsethnologe.“

Um so ärgerlicher war es, als ich an einem Abend merkte, dass die Batterie des E-Readers leer war. Etwas unwirsch nahm ich das erstbeste Buch von meinem Bücherstapel auf dem Nachttisch.

Die Autorin lebt in Berlin. Sie hatte vor Jahren eine Panikattacke in der U-Bahn und das konzentrierte Beobachten der Mitfahrenden und das Zuhören der Gespräche halfen ihr, diese Attacke zu überstehen. Dabei entdeckte sie quasi ihr Talent zum genauen Hinsehen und Zuhören und machte daraus ein Buchprojekt. Vorzugsweise besuchte sie Cafés und saugte dort viel Menschliches auf, was sie in ihrem Buch zu Papier bringt. Auch dieses Buch mochte ich sehr und am nächsten Abend fiel es mir schwer, welches Buch ich weiterlesen sollte.
Kein Wunder, denn letztendlich sind beide Titel „Flaneurbücher“, in denen der Alltag auf der Straße unter die Lupe genommen wird. Das Spannende bei diesen beiden Bücher war der Unterschied zwischen Land und Stadt und diesen Doppelpack kann ich sehr empfehlen.

Martin Oswald hat einen feinen Humor. Wenn er beschreibt, wie auf der Straße ein Beerdigungszug den eiligen Fahrer eines Amazon-Prime Autos zur Entschleunigung zwingt, so ist das wie ein feiner Pinselstrich. Zudem versorgt er seine Leser en passant mit vielen Informationen über Abenberg und Umgebung und ja, er hat es geschafft, dass ich im Internet mehr über dieses Städtchen lesen wollte. Das Klöppelmuseum hatte es mir beispielsweise angetan, die Burg oder die Kneipe, die nur noch am Donnerstag geöffnet hat. Die Abschnitte, in denen er über seine Gespräche schreibt, zeigen besonders deutlich, dass das „alte“ Leben mit traditioneller Gemeinschaft nur schwer aufrecht zu erhalten ist.
Das Buch von Martin Oswald schärft das genaue Hinsehen in Orten und Dörfern, die nur auf den ersten Blick nichts sagend sind.

Mit dem Buch von Linda Rachel Sabiers tauchen wir so richtig in Berlin ein, denn in den Momentaufnahmen, die vielfach nicht länger als auf einer Seite beschrieben sind, wird oft herrlich berlinert. Ob alte Leute, Kinder, Hundebesitzer, Cafébetreiber oder Ehepaare, die Autorin beobachtet mit menschenfreundlichem Auge und ihre kurzen Schilderungen zeigen oft, wie viel Gutes in uns Menschen steckt. Weitere Texte beinhalten kurze Gespräche, die die Autorin mit ihrer 96 jährigen Großmutter am Telefon führt. Zu ihr hat sie ein sehr inniges Verhältnis und die Großmutter mit ihrer Abgeklärtheit und ihrem Witz sieht die Welt mit besonderen Augen.

Wenn Sie Bedarf an kleinen positiven Auszeiten haben, sind diese beiden Bücher genau richtig!