Einmal den Tod ausprobieren

2018: Amélie arbeitet im französischen Außenministerium. Als ihren Vertrauten hat sie ihren ehemaligen Mitschüler Éric eingestellt und sie beide sind ein erfolgreiches Team, wenn es darum geht, ausländische Firmen davon zu überzeugen, in Frankreich zu investieren.
Eine Reise nach Seoul verändert alles, denn Éric bricht bei der ersten Präsentation zusammen und bei der zweiten Chance, die Samsung den beiden gibt, lässt er Amélie im Stich und taucht unter. Was war geschehen?
Éric, Mitte 40, gibt sich immer noch die Schuld an dem Unfalltod seines Vaters vor fast zwanzig Jahren. Da half es danach auch nicht, dass er eine liebe Frau und einen tollen Sohn hatte und erfolgreich im Beruf war. Inzwischen ist er geschieden, seine Mutter befeuert seine Schuldgefühle, bei der neuen Arbeit mit Amélie stößt er an seine körperlichen und mentalen Grenzen. Er ist ausgebrannt, als er in Seoul, ein paar Stunden vor der zweiten Präsentation, in ein Geschäft geht, das „Happy Life“ heißt. Hier lernt er eine für ihn sehr befremdliche Geschäftsidee kennen: Auf Probe sterben. Eine Expresszeremonie dauert eine Stunde, beinhaltet die Gestaltung des Grabsteins, das Verfassen der letzten Worte und das überwachte Liegen in einem geschlossenen Sarg. Éric bucht diese Stunde, die ihm einen Erweckungsmoment beschert. Im Sarg stürzen so viele wichtige Gedanken auf ihn ein, dass er merkt, wie sehr er noch an seinem Leben hängt und dass sich vieles ändern muss. Nach der Stunde ist er euphorisiert und zugleich zu verstört, um zusammen mit Amélie bei Samsung aufzutreten.
Er fliegt zurück nach Frankreich, kündigt und ist beseelt von der Idee, den Service des Probesterbens auch in seinem Heimatland anzubieten. Endlich hat er eine Lebensaufgabe gefunden, mit der er anderen Menschen helfen kann.
Und tatsächlich finden sich immer mehr Menschen, die seinen Laden besuchen und fast alle machen ähnliche Erfahrungen wie Éric. Die Mundpropaganda wird immer größer, Éric eröffnet Filialen, wird wieder sehr erfolgreich. Doch dieses Mal zieht er die Reißleine und gibt alles ab. Er wird etwas Neues suchen und vielleicht spielt dabei Amélie eine Rolle, denn deren Leben lief nach Seoul alles andere als rund.

Das Thema Tod in einen leichten Unterhaltungsroman zu verpacken und das mit einer Portion Tiefgang, der die Leserschaft zum Nachdenken bringt, dazu gehört schriftstellerisches Können. Dass David Foenkinos das besitzt, stellte er schon in früheren Romanen unter Beweis.

Wer noch mehr über die südkoreanische Therapie der Toderfahrung wissen möchte, auf der Seite abschieds.com fand ich diesen Text:

https://www.abschieds.com/simulierter-tod-in-sudkorea-ein-ungewohnlicher-weg-das-leben-neu-zu-schatzen

Das schwarze Manuskript

Ashok Oswald wird in jungen Jahren in Wien von einem entfernten Bekannten gebeten, für ihn ein schwarzes Manuskript aufzubewahren. Es beinhaltet seinen Roman „Hunger“ und ist so brisant, dass er Ashok warnt, die Seiten zu lesen. Oswald nimmt das Manuskript an sich, kurz danach begeht sein Bekannter Selbstmord.
Oswald wird in den darauf folgenden Jahren der sehr erfolgreiche CEO eines Weltkonzerns, zieht nach Köln und vergisst das Manuskript, das irgendwo im Keller seiner riesigen Villa liegt.
41 Jahre später stehen an einem Morgen zwei Männer und eine Frau an Oswalds Pool, als dieser gerade seine Bahnen zieht und verlangen von ihm unter Gewaltandrohung und ohne Erklärung das Manuskript zurück. Oswald findet es glücklicherweise und händigt es den Fremden aus, die darauf wieder verschwinden.
Oswald ist inzwischen 64 Jahre alt und hat sich vorgenommen, sich von seinem alten Leben zu verabschieden, da er merkt, dass er als CEO nicht mehr richtig „funktioniert“. Dieser Vorfall ist für ihn der Auslöser, seinen Plan in die Tat umzusetzen, denn er will unbedingt wissen, was es mit dem schwarzen Manuskript auf sich hat. Er entlässt seine Hausangestellten, entledigt sich seines Handys – seine Reise beginnt… Mehr darf und will ich nicht verraten!
Ich lese die Bücher von Heinrich Steinfest sehr gerne, denn er schafft es immer wieder, Geschichten zu erzählen, die wohltuend anders sind als 80% der heutigen Neuerscheinungen. (Keine Familiengeschichte, keine Buch über Kind/Elternteilbeziehung, Kriegserfahrungen, dunkles Geheimnis, sie findet ihren Prinzen-Geschichte). „Das schwarze Manuskript“ kann man als Mischung lesen aus Krimi mit irischen Einsprengseln, Geschichte über ältere Männer und auch als Hommage an Gabriel Garcia Marquez und seinem magischen Realismus. Und alles ist erzählt mit einem Hauch Augenzwinkern und dem speziellem österreichischen Humor, wie man ihn beispielsweise auch bei Wolf Haas findet.

Die Kastanienallee


Stellen Sie sich eine wunderschöne Kastanienallee vor, in deren Schatten über hundertjährige hochherrschaftliche Villen stehen, umgeben von atemberaubenden Gärten. Dazwischen schmiegen sich ein historisch wertvoller Tennisclub und eine teure Privatklinik. An der Ecke allerdings müssen Sie bei Ihrem Bild einen kleinen schmierigen Zeitschriften-und Zigarettenladen („Trafik“ in Österreich genannt) einbauen, in dem der Besitzer Hermann mit seiner Frau Heidi und Tochter Jessica aus einem Bildband von Manfred Deix entsprungen sein könnten:

Ja eigentlich kann man sich auch die Bewohner der Villen deixesque vorstellen, als da wären beispielsweise ein abgewrackte Psychiater, ein stets alkoholisierte Rechtsanwalt und Frauenheld oder der Marmeladenfabrikbesitzer, der gerne im Tennisclub sich bei den Umkleidekabinen der Frauen herumdrückt und „Trophäen“ von sich gerade duschenden jungen Mädchen einsammelt.
Natürlich gibt es auch die passenden Frauen zu diesen Kronen der Schöpfung, sie dulden, leiden, sind naiv oder lenken sich mit Shopping ab. Um es kurz zu machen: Hinter den Gardinen gibt es kaum weiße Westen und man sieht beflissen weg, wenn der Trafikant sich beispielsweise an den Antiquitäten eines reichen, geistig zurückgebliebenen Erben bereichert. Je weiter man liest, desto sumpfiger wird es. Doch dann tritt Herbert erstmalig auf, tätowierter Hüne im schwarzen Lederdress, Ex-Berufssoldat und Securityman, der Proust zitiert und einen Altwarenladen mit viel Geschick in ein heimeliges Geschäft der schönen Dinge umwandelt. Als dann noch die Frauen anfangen, aufzumuksen und eigene Pläne schmieden, gewinnt man den Glauben an die Menschheit wieder zurück.
Am Ende des Romans liegt einer der Ekelpakete tot in einer Höhle, doch was ist mit den anderen Gaunern und Mauschlern und wie geht es mit den Frauen weiter? Ich war etwas ratlos und freute mich dann sehr, als ich las, dass die Autorin (das Pseudonym einer bekannten österreichischen Autorin) bereits an einer Fortsetzung der Kastanienallee-Geschichte schreibt. So ein böser Blick auf die Welt der Schönen und Reichen macht einfach Spaß…

Glastage

Letzte Woche fand in der Duisburger Stadtbibliothek eine Lesung zu diesem Buch statt (Besprechung aus der RP siehe unten):

Angeregt von diesem Roman über die Gerresheimer Glashütte, waren wir vorgestern im Düsseldorfer Kunstpalast in der Glasabteilung. Hier gibt es noch bis zum 5.10. eine Sonderausstellung zum Thema Muranoglas.

Fotocollage aus Bildern, die verschiedene Anwendungsgebiete zeigen: Oben links Teilansicht eines Lüsters, rechts daneben eine mannshohe Skulptur, deren Herstellung eine besondere logistische Herausforderung darstellte. Links unten: Ein Glasstein zur Dekoration oder zur Einlassung in einer Wand, rechts daneben eine Vase, die in Murano als Sinnbild für den Aufbruch in der Glaskunst nach dem Zweiten Weltkrieg steht.

Diese Ausstellung befindet sich in zwei Räumen, uns blieb noch Zeit, die permanente Glasausstellung zu besuchen.
WOW- das Spiegelkabinett ! Eine Farb- und Formenexplosion, um jedes Ausstellungsstück zu würdigen, bräuchte es schon Stunden. Zur Zeit werden ca. 1500 Exponate der Öffentlichkeit gezeigt, die aus einem Bestand von 13000 Objekten ausgewählt wurden. Ich schätze, dass in diesem Spiegelkabinett ca. 1000 Teile zu sehen sind.

Rechts: Wo soll man zuerst hinsehen? Oben links: Alte Glasgefäße mit ihrer schillernden Oberfläche, daneben eine Flaschenauswahl. Unten links ein Beispiel für aktuelle Glaskunst, rechts daneben eine Sammlung von Briefbeschwerern.

Es gibt Glasschätze zu entdecken, die atemberaubend und/oder Überraschend sind, sei es wegen ihrer handwerklichen Kunst, der Ästhetik, ihres Alters oder des Titels.

Rechts: Ein Kleid aus Glas- mir fiel es schwer, es nicht zu berühren. Links: Der Lichteinfall in diesem abstrakten Werk strahlte etwas Geheimnisvolles aus, das vom Foto kaum wiedergegeben wird.
Links ein Kosmetikflakon, ca. 1300 bis 1500 Jahre alt, rechts eine „neue“ Ziege aus Glas.
Eine Alditüte aus Glasperlen als Huldigung der Plastiktüte- Ausführung toll, Idee naja. Craggs Idee gut, Ausführung naja.

In der Ausstellung werden viele Aspekte zu der ausgestellten Glaskunst angesprochen. Drei Beispiele: Auf welche Arten kann man Glas herstellen und wie haltbar sind diese verschiedenen Sorten, wie sind ihre Möglichkeiten der Verarbeitung? In den 70er Jahren wurde in den USA ein Miniofen erfunden, in dem man Glas brennen konnte. Das nahmen die Universitäten zum Anlass, das Glashandwerk als Lehrfach einzuführen und damit nahm u.a. die Verbreitung von Glasskulpturen einen rasanten Aufschwung. Auch bei Glaskunst gibt es die Provenienzforschung, die schwieriger ist als bei Bildern, da bei Gemälden öfter auf der Rückseite Anmerkungen oder Aufkleber zu finden sind.

Die Ausstellung ist für Hobbyfotografen sehr lohnenswert. Ich versuchte mich mal wieder in Schwarzweißaufnahmen:

Im Kunstpalast laufen derzeit noch weitere interessante Ausstellungen, u.a. mit dem Titel „Künstlerinnen“ https://www.kunstpalast.de/de/event/kuenstlerinnen/

und eine Retrospektive zu dem Werk des Düsseldorfer Künstlers Hans Peter Feldmann: https://www.kunstpalast.de/de/event/hans-peter-feldmann-kunstausstellung/

Ein Besuch des Museums lohnt sich also auf jeden Fall.

Und hier nun noch die Besprechung aus der RP vom 25.9.2025:

VON PETER KLUCKEN

Wie stellt man einen historischen Roman vor, bei dem eine erdachte Geschichte mit historischen Fakten verbunden sind? Dorothee Krings gelingt das vorbildlich, wie sie jetzt beim ersten Abend der neuen Saison im Duisburger Verein für Literatur bewies. Dort präsentierte die renommierte RP-Redakteurin ihren Debütroman „Tage aus Glas“ nicht nur mit einigen ausgewählten Vorlesepassagen; sie gab auch Einblicke in ihre mehrjährigen Recherchen, die das faktische Gerüst ihrer schriftstellerischen Arbeit bilden.

Es geht in „Tage aus Glas“ um den Streik der Glasmacher in der Gerresheimer Hütte im Jahr 1901. Ein Lokalhistoriker hatte Dorothee Krings vor Jahren klagend darauf hingewiesen, dass dieser Streik und die schließlich im Jahre 2005 geschlossene Gerresheimer Glashütte, deren Emblem noch heute auf vielen Gläsern zu finden ist, in Vergessenheit zu geraten droht.
Dabei war diese Glashütte einst die größte weltweit. 150 Millionen Flaschen wurden dort um das Jahr 1900 produziert, die in die ganze Welt exportiert wurden. 2000 Flaschenmacher pusteten sich ihre Lungen aus dem Leib, um bei einer Tagesschicht bis zu 230 Flaschen zu produzieren. Die Arbeit war mehr als herausfordernd. Die Hitze vor den Glasöfen war so groß, dass die Augenbrauen versengen konnten, wenn man nicht aufpasste.
Eindringlich und präzise schildert Dorothee Krings in ihrem Roman die Arbeitsvorgänge und Arbeitsbedingungen. Das Flaschenmachen kennt sie mittlerweile mindestens so gut wie Schiller das Glockengießen. Den Flaschenmachern in Gerresheim sei es vergleichsweise gut gegangen, berichtete Dorothee Krings. Ihre Informationen zum geschichtlich-industriellen Hintergrund, den sie fesselnd schilderte, illustrierte sie mit historischen Aufnahmen, die sie während ihrer aufwändigen Recherchearbeit in Archiven und Museen fand.
Flaschenmacher in Gerresheim durften in kleinen Werkshäusern wohnen, die alle kleine Gärten zur Selbstversorgung hatten. Der Lohn war für damalige Verhältnisse recht gut, es gab sogar einen Werksarzt und ein Invalidenheim für Arbeiter.
Vor diesem Hintergrund, so Dorothee Krings, habe es für die Gerresheimer Flaschenmacher, die auch „Püster“ (wegen der nötigen Puste beim Flaschenblasen) genannt wurden, eigentlich keinen Grund zum Streik gegeben. Zum Streik entschlossen sie sich dennoch aus einem ehrbaren Grund: Aus Solidarität mit Flaschenmachern in anderen deutschen Städten, denen es nicht so gut ging.
Es gab zwar auch 1901 eine Gewerkschaft und eine Streikkasse, aber kein Streikrecht wie heute. Wer sich in Gerresheim am Streik beteiligte, musste kündigen und verlor damit zugleich das Recht, in einem Werkshaus zu leben. Dennoch machten 1100 von den 2000 Flaschendrehern beim Gerresheimer Streik mit.
Was der Streik für die Arbeiter und ihre Familien bedeutet, habe sie in ihrem Roman darstellen wollen, sagte Dorothee Krings. Dabei interessierte sie besonders die Auswirkungen auf die Frauen, die zwar nicht als Püster gearbeitet hatten, die aber natürlich ebenfalls von den Auswirkungen des Streiks betroffen waren.
Zwei parallele Frauenschicksale stehen bei ihrem Roman im Mittelpunkt. Einmal Bille, Tochter eines einfachen Glasmachers, die davon träumt, mit ihrem Freund Adam nach Amerika auszuwandern. Und Leonie, Tochter des Werksarztes, für die der Vater Wege in ein großbürgerliches Leben ebnen möchte. Beide Frauen seien auf verschiedene Weise eingeengt, so die Autorin.
Dorothee Krings gelingt es, die Geschichte der Frauen lebensnah und spannend zu erzählen. Die Verbindung der historischen Fakten des letztlich vergeblichen Streiks der Glasmacher mit den „erfundenen“ Lebensgeschichten gelingt ihr wunderbar. Im Literaturverein las sie zu Beginn den Prolog vor, bei dem ein kleiner Junge, Sohn eines stolzen Glasmachers, auf einem Jahrmarkt beim Wettklettern nach einer Fleischwurst tödlich verunglückt. Die Schlagzeile in der Zeitung erscheint am selben Tag wie die Schlagzeile zum Streikbeginn der Glasmacher.
Das Lebensgefühl in den Gerresheimer Arbeiterfamilien ist fortan zerbrechlich; der Titel des Romans „Tage aus Glas“ spielt auf diese Zerbrechlichkeit an. Die Brücke vom Glasarbeiterstreik im Jahr 1901 in die Gegenwart kann geschlagen werden. Die streikenden Flaschenmacher hielten sich für unersetzlich, wussten noch nichts von der Maschine, die ein Mann namens Michael Joseph Owens in Amerika im Jahr 1903 erfinden würde, mit der so viele Flaschen produziert werden konnten wie 40 erfahrene Püster. Owens Automat von 1903 erinnere an die KI von heute, so Dorothee Krings.

Wolfgang Trepper sagt nur mal eben Danke

Heute erscheint im Kösel Verlag das neue Buch des Duisburger Kabarettisten Wolfgang Trepper.

Ich las dieses Buch aus Neugier, denn Wolfgang Trepper ist in Rheinhausen aufgewachsen und besuchte immer mal wieder meine Buchhandlung. Dort lernte ich ihn als sehr höflichen, fast schüchternen jungen Mann kennen. Irgendwann kam er nicht mehr, er war weggezogen und ich verlor ihn aus den Augen. Einige Jahre später sah ich ihn dann bei einer seiner Vorstellungen wieder und ich konnte kaum glauben, dass das Wolfgang Trepper war. Sein „harsches“ Auftreten war für mich sehr überraschend und ich erhoffte mir, in dem Buch ein paar Erklärungen zu finden, wie es zu dem Sinneswandel gekommen war.
Um es vorweg zu nehmen: Ich habe mit dem Buch aus verschiedenen Gründen herzerwärmende Lesestunden verbracht und empfehle es ohne wenn und aber.
Warum? Da geht es, wie man schon im Untertitel lesen kann, um Tante Henny. Ihr hat Wolfgang Trepper viel zu verdanken. Sie wurde zur Ersatzmutter, als die eigene Mutter immer häufiger ins Krankenhaus musste und der berufstätige Vater mit der Erziehung seiner beiden Söhne überfordert war. Tante Henny- ich habe sie auch sofort lieben gelernt. Sie war bodenständig, sagte, was sie dachte und das war fast immer sehr vernünftig und obwohl sie und ihr Mann, der Oheim, nicht viel Geld hatten, machten sie aus dem Leben ein Fest und freuten sich an kleinen Dingen wie Bolle. Eine bessere Lebenslehrmeisterin konnte Wolfgang Trepper nicht haben und das weiß er bis heute.
Seinen Lebenslauf beschreibend, taucht man in dem Buch zuerst in Duisburger Welten in den 80er und 90er Jahren ein. Trepper arbeitete bei Krupp, sehr ungern, so dass er sich immer mehr für den Rheinhauser Handball Verein OSC engagierte und dabei war, als der OSC in die Bundesliga aufstieg. War er schon zum OSC eher durch Zufall gekommen, sollten noch weitere Zufälle in seinem Leben folgen, die Trepper immer, nach Beratung mit Tante Henny, genutzt hat, um sich weiterzuentwickeln und Neues auszuprobieren. Das lobe ich mir.
Er kam zu Radio DU und das war seine wahre „Arbeitsheimat“. Der Programmdirektor war offen für die ausgefallenen Programmideen und Kommentare von Trepper, ja, stachelte ihn sogar an, noch „ durchgeknallter“ zu werden. Irre Jahre, denn beim Radio war Spontanität das A und O.
Aber ganz langsam suchte sich nach einigen Jahren eine andere Passion ihren Weg in Treppers Kopf: Der Auftritt auf der Bühne! Und wieder war Kollege Zufall vor Ort, denn Corny Littmann, Inhaber des legendären Schmidt Theaters in Hamburg, wurde auf Trepper aufmerksam und nahm ihn unter seine Fittiche. Es ging immer steiler aufwärts mit seiner Karriere als Kabarettist, so dass er beim Radio kündigte, nach Hamburg zog und dort seitdem mit Frau und Tochter lebt. ( Aber noch eine kleine Wohnung in Duisburg hat, weil hier eben seine Heimat ist).
Ja und da ist er nun, der Wolfgang Trepper mit seinen 64 Jahren. Hat alles erreicht, kann stolz auf sich sein, auch auf seine Projekte in Afrika, für die er nach jedem Auftritt sammelt. In dem Buch lernt man einen Mann kennen, der kritisch über sich und sein Leben nachdenkt und man erfährt, dass er privat immer noch ein ruhige Mensch ist, der sich um Harmonie bemüht.

Kennen Sie „Lost Sheroes“?

Seit Anfang der Woche kann ich gar nicht genug bekommen von den „Lost Sheroes“. Eine Kollegin gab mir den Tipp und ich meldete mich in der ARD Audiothek an, um Podcastfolgen mit diesem Titel zu hören. „Lost Sheros“, das sind Frauen, die in Geschichtsbüchern gar nicht oder nur unter ferner liefen auftauchen. Oder haben Sie schon einmal von En-hedu-ana, Hoelun, Sophie Bosede Oluwole oder Delia Derbyshire gehört? Um Sie auch auf den Geschmack zu bringen: En-hedu-ana lebte vor ca. 4200 Jahren, war Hohepriesterin und gilt als erste namentlich bekannte Autorin (oder Autor) der Menschheitsgeschichte. Hoelun (ca. 1140–1221) war die Mutter des mongolischen Fürstens Dschingis Khan und seine engste Beraterin. Ohne sie hätte der Fürst nie seine Macht erlangt. Sophie Bosede Oluwole (1935-2018) war eine nigerianische Philosophin, die sich für eine neue Philosophiegeschichte einsetzte, in der nicht nur Lehren von weißen Männern vorkommen. Oluwole bewies u.a., dass der Gedanke der Demokratie nicht in Griechenland geboren wurde, sondern das afrikanische Volk der Yoruba Demokratie bereits praktizierte und die Idee der Demokratie erst über Ägypten nach Griechenland kam. Ja und dann ist da noch Delia Derbyshire (1937 – 2001). Sie komponierte 1963 die berühmte Dr. Who Fernsehserienmusik (ohne damals genannt zu werden). Dieses Stück gilt als Geburtsstunde der Technomusik und beeinflusste nachweißlich Musiker wie die Gruppe Kraftwerk oder auch Kate Bush.

Diese vier Beispiele zeigen die große Bandbreite der Lebensläufe, von denen in dem Podcast erzählt wird. Seit 2022 erscheint alle vierzehn Tage eine neue Folge . Die Schauspielerin Milena Straube moderiert die Sendungen und wählt mit ihrem Team die Lebensläufe aus den vielen Vorschlägen der Hörerschaft aus. Neben Straube gibt es in jedem Beitrag eine zweite Person aus einem fachspezifischen Bereich, die zu der Shero Fundiertes erzählt.
Warnung: Beim Hören kann man manchmal wütend werden, wenn es darum geht, was den Frauen angetan wurde, damit sie nicht „den Glanz der Männer“ stehlen. Aber man lernt auch sehr viel und ich freue mich, dass generell immer häufiger „Sheroes“ im Scheinwerferlicht stehen. Und schließlich finde ich es bei manchen Lebensläufen auch faszinierend, wie ein kleiner Zufallstritt Frauen zu große Taten brachten.

Bilderbuchwochenende

Am Wochenende habe ich mir einen Stapel neuer Bilderbücher mit nach Hause genommen. Diese drei Titel gefielen mir besonders gut:

Das kleine Igelmädchen Tilly und ihre Oma sind ein unschlagbares Team. Von ihrer lieben Oma hat Tilly beispielsweise die beste Kuscheldecke der Welt geschenkt bekommen. Tilly liebt sie heiß und innig, doch dann geschieht ein Unglück und Tilly muss die Decke als Halstuch tragen. Bei der Gartenarbeit würde sie ihrer Oma gerne helfen, doch steht Tilly gerne auch mal im Weg und dann ist die Oma ein bisschen grummelig. Auch mit Tillys Launen hat es die Oma manchmal nicht leicht, aber am Ende des Tages ist alles wieder gut und wenn die liebe Oma noch eine Gutenachtgeschichte vorliest, schläft Tilly ganz schnell ein…und die Oma auch!

Die Zukunft muss nicht so schlimm werden, wie manche befürchten, denn es gibt heute schon atemberaubende Zukunftsvisionen, die zuversichtlich machen. Höchste Zeit also, ein Buch für Kinder herauszubringen. Sie sind die Betroffenen und gleichzeitig auch „Influencer“ in der heutigen Erwachsenenwelt.
In Format eines Wimmelbilderbuches werden verschiedene Themenbereiche unter die Lupe genommen. Ein Zuhause unter Wasser mit einer Küche, in der Gestankssensoren anzeigen, ob Lebensmittel noch gut sind und in der es eine Insektenfarm gibt für den täglichen Proteinsnack zwischendurch? Ein Zauberspiegel im Badezimmer, der Krankheiten erkennt oder Schneckenklebstoff anstatt Pflaster?
Wie werden die Schulen aussehen, der Urlaub am Strand oder ein Spaziergang in einem Park?


Auch als Erwachsene hatte ich Spaß an den farbenfrohen Illustrationen und Erklärtexten und staunte über zahlreiche Erfindungen, die uns heutzutage teilweise noch arg befremdlich sind. Aber wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass wir mit Minicomputern in der Hosentasche herumlaufen und Schüler streiken, damit Erwachsene sich mehr um Klimafragen kümmern?
Am Ende des Buches werden Vorschläge gemacht, was jedes Kind / Jugendlicher/ Erwachsene heute schon tun kann, um die Zukunft einzuläuten. Abgerundet wird das Buch schließlich von einem Glossar, in dem schwierige Wörter erklärt werden.

Wenn das jeder macht…dann…? 
Ja, was passiert, wenn jeder sein Zimmer nicht aufräumen würde, alle Menschen mit einem Miesepetergesicht herumlaufen oder alle sich gegenseitig anrempeln würden? Jeweils auf einer Doppelseite werden verschiedene Situationen zu einzelnen Themen gezeigt und man kann zusammen mit seinen Kindern wunderbar über die Szenen sprechen und auch viel lachen, denn die Bilder stecken voller witziger Ideen. 


Wenn das jeder macht, also z.B. auch öfter mal zuhören, ein Lob verteilen oder ein Stück seiner guten Laune abgeben, würde die Welt dann nicht ein Stück besser? Auch dazu gibt die Autorin Beispiele.

Jürgen Ploog- der Grandseigneur der deutschen Untergrundliteratur

Ich arbeitete Ende der 70er Jahre in der damals größten Buchhandlung Deutschlands, dem Stern Verlag in Düsseldorf. Die Bücher der berühmten amerikanischen Autoren der Beat Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs fand man dort nur vereinzelt im Regal, denn zu dieser Zeit hatten diese Schriftsteller hauptsächlich Leser und Leserinnen, denen das „Establishment“ suspekt war und die den Wunsch nach Freiheit und Veränderung hatten. Noch weniger präsent waren deutsche Autoren, die ähnliche Gedanken in ihren Büchern verfolgten. Peter Paul Zahl, Jörg Fauser oder Rolf Dieter Brinkmann wurden vom Feuilleton manchmal besprochen, aber die Autoren aus Verlagen wie z.B. Rotbuch, März oder Maro ignorierte man gerne. Die Inhalte waren „nicht lesbar“ oder entsprachen nicht dem bürgerlichen Weltbild der 60er bis 80er Jahre. Die Autoren mussten um ihren Lebensunterhalt kämpfen. Es gab allerdings eine Ausnahme…

Jürgen Ploog (1935 bis 2020) hatte schon in jungen Jahren beschlossen, sein Leben dem Schreiben zu widmen und herauszufinden, welche Welten sich mit der Sprache erschließen lassen. Im Gegensatz zu seinen Mitstreitern entschied er sich, eine Ausbildung zum Piloten zu machen und flog danach 33 Jahre für die Lufthansa. Das machte ihn finanziell unabhängig und ihm war es egal, ob seine Bücher sich verkauften. Bedingt durch seine Arbeit, war er oft in New York und wurde ein guter Freund von William S. Burroughs. Damit war er am „Puls“ der amerikanischen Beatbewegung und lernte bei Burroughs eine Cut-up Technik kennen. (Techniken, bei der ein bestehender Text zerschnitten und zufällig neu zusammengesetzt wird, um einen neuen Text zu erschaffen). Das neue Zusammensetzen der Wörter spült Unbekanntes aus dem eigenen Innenleben an die Oberfläche und dies wurde für Jürgen Ploog für viele Jahre der Weg, seine Texte zu schreiben.
Kämpften deutsche Untergrundautoren mit den grauen Alltagserlebnissen und dem deutschen Politikmief, konnte Jürgen Ploog durch seinen Beruf auf Beobachtungen zurückgreifen, die er weltweit machte. Auf einem Markt in Bangkok, in einer Bar in Tokio, im Supermarkt in Chicago… Sein Unterbewusstsein speicherte jeden Eindruck und er floss in seine Texte mit ein.
Dies alles machte ihn zu einer charismatischen Gestalt in der alternativen Literaturszene. Dass Ploog gutaussehend, immer freundlich und höflich, also quasi ein Gentleman war, unterstützte noch seinen Ruf als „Grandseigneur“.

In dem Buch erinnern sich Wegbegleiter an Jürgen Ploog, Tagebucheinträge und E-Mail Verkehr sind zu lesen, auch findet man einige Textauszüge aus seinen Büchern. Auf die legendäre Literaturzeitung „Gasolin 23“, deren Mitherausgeber Ploog 14 Jahre lang war, wird eingegangen, Foto- und Bildmaterial (Jürgen Ploog malte auch) ergänzen die Texte.

Ob ich Jürgen Ploog einmal begegnet bin? In den ersten Jahren meines Lebens als Buchhändlerin besuchte ich neben der Frankfurter Buchmesse auch einmal die Mainzer Minipressen Messe, die zur selben Zeit stattfand. Hier präsentierten sich damals über 100 Verlage, die den Mainstream nicht bedienten. Als junge Frau hätte ich ihm nicht viele Fragen stellen können, zu unterschiedlich waren die Lebenswelten. Heute wäre das anders. Bei den abgedruckten E-Mails sind auch einige dabei, die Ploog in den letzte Jahren seines Lebens geschrieben hat. In ihnen nimmt er Stellung zu unserer heutigen Welt und schreibt Kluges.

Diese Buchbesprechung ist einfach gestrickt und entspricht nicht dem geistigen Level des Buches oder anderen bereits erschienen Buchbesprechungen. Aber vielleicht habe ich sie neugierig gemacht auf diesen Autoren oder auf die Zeit, in der es noch Untergrundliteratur gab.

Hier eine zweite Buchbesprechung: https://www.welt.de/kultur/article689eddd7cf5f0271ccd53954/Juergen-Ploog-Der-Pilot-der-die-Avantgarde-nach-Frankfurt-brachte.html

Eine Japanerin in Deutschland

Keiko ist eine lebensfrohe und reiselustige junge Frau, die in den 60er Jahren nach einer Europarundreise beschließt, von Japan nach Deutschland auszuwandern. Sie will nicht zwangsverheiratet werden, liebt die deutsche klassische Musik und ist von der Offenheit der Menschen beeindruckt.
Fleißig lernt sie die deutsche Sprache und bekommt schließlich die Chance, in Berlin in einem japanischen Restaurant zu arbeiten. Ihr Leben ist nicht einfach, doch als sie tatsächlich in einem Chor angenommen wird, ist ihr Glück ziemlich perfekt. Mit dem Chor sieht sie viel von der Welt und lernt auf einer Reise auch ihren zukünftigen Ehemann Karl kennen. Er heiratet Keiko gegen den Willen seiner Eltern, die sehr betucht sind und für die Keiko zu fremdartig, zu alt und nicht standesgemäß ist.
Aki und Kento sind die beiden Kinder des Paares, das nur ein paar Jahre glückliches zusammenlebt. Karl, schwer depressiv, verlässt die Familie und Keiko ist gezwungen, die beiden Kinder alleine aufzuziehen. Die Schwiegereltern unterstützen sie zwar finanziell, aber nur die beiden Enkel sind bei ihnen zuhause wirklich willkommen. Die lebenslustige Keiko vereinsamt, verliert ihre Kraft und Lebensfreude, während die Kinder groß werden. Ihr Sohn Kento unterstützt sie verlässlich, doch das Verhältnis zu ihrer Tochter Aki wird immer komplizierter. Die junge Aki ist rebellisch und kann Keikos aus ihrer Zeit in Japan stammenden Ansichten oftmals nicht nachvollziehen. Als Erwachsene leidet Aki an dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie liebt Keiko sehr, doch sie macht Aki auch aggressiv, besonders als Keiko im Alter dement wird und sich noch mehr zurückzieht. Da Keiko seit 50 Jahren nicht mehr in Japan war und der Kontakt zu der Familie in den letzten Jahren eingeschlafen ist, hat Aki schließlich die Idee, mit ihrer Mutter nach Japan zu reisen. In Japan lernt sie ihre Mutter auf verschiedene Weise neu kennen und verstehen.

In Momentaufnahmen wird diese besondere Familiengeschichte erzählt. Das Mutter-Tochter-Verhältnis steht zwar im Vordergrund, doch die Psychogramme der Nebenpersonen, die Beschreibung der kulturellen Unterschiede zwischen Japan und Deutschland und der ruhige Erzählton sind weitere Gründe, diesen Roman zu empfehlen.

Was ein unbändiger Wille erreichen kann

Arkadia Fink, auch Moll genannt, ist ein dreizehnjähriges Mädchen, deren Mutter vor einiger Zeit verschwunden ist. Während ihr Vater sehr darunter leidet und kaum noch als Schreiner arbeitet, hat Moll einen Plan, wie sie ihre Mutter zum Zurückkehren bewegen kann. Die Mutter ist Komponistin und hat ihre schöne Stimme ihrer Tochter vererbt. Moll setzt nun alles daran, Mitglied des berühmten Knabenchors in ihrer Nachbarschaft zu werden. Ein Mädchen in einem Knabenchor? Moll schafft das nicht Vorstellbare zusammen mit ihrer Lehrerin Eleonore, der Tochter des Chorleiters. Sie drillt Moll und das Mädchen lernt, dass es für einen Chor nicht reicht, nur eine schöne Stimme zu haben. Sie muss üben, üben, üben. Darüber hinaus erwartet man von Moll ein knabenähnliches Aussehen und absolute Unauffälligkeit. Bei einer Aufführung jedoch reißt Moll aus diesem Schema aus und singt fulminant die Arie der Königin der Nacht von Mozart. Das Publikum und der Chorleiter stehen Kopf und Moll darf mit nach Berlin zu einem Auftritt in der Philharmonie.



Moll ist sich sicher, dass ihre Mutter sie in Berlin sehen wird, schließlich hat sie ihrer Tochter zwischendurch immer wieder Kompositionen zugeschickt und verfolgt Molls Leben. Doch dann kehren ganz langsam Molls Erinnerungen zurück und am Ende ist die Mitgliedschaft im Knabenchor nur noch eine Episode in Molls Leben.

Dieses Buch hat gute Chancen, im Herbst als das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen gewählt zu werden und einen Preis zu gewinnen. Es ist ein Hohelied auf die Musik und fasziniert durch die rotzfrechen Szenen, in denen sich Moll durchsetzt und bewegt in den traurigen Momenten, die Moll und ihr Vater durchleben.