Der Mittagsschlaf unter Anklage in Tasmunien

Der Mittagsschlaf hat es nicht leicht, denn er steht in Tasmunien vor Gericht. Ihm wird zur Last gelegt, dass er die Bürger Tasmuniens von der Arbeit abhält und damit das Land auf verschiedene Weise gefährdet. Beispielsweise verdient durch den Mittagsschlaf die arbeitende Bevölkerung weniger und zahlt deshalb auch weniger Steuern an den Staat. Die Schüler und Studenten werden vom Lernen abgehalten und wachsen nur ungenügend zu der neuen Denkergeneration heran. Ganz zu schweigen von den Soldaten, die die Grenzen Tasmuniens bewachen sollen- der Feind hat ein leichtes Spiel!
Dank einer List und psychologischem Geschick schafft es der Mittagsschlaf jedoch, dass der Richter ihm eine Verteidigungsrede gewährt und diese Rede hat es in sich.

Woher kommt das Wort „Mittagsschlaf“? Damit beginnt der Mittagsschlaf seine Rede. Er führt Länder an, in der ein Schläfchen zwischendurch als das Natürlichste der Welt angesehen wird. Danach zieht er alle Register auf kultureller Ebene und führt Philosophen, Maler, Komponisten und Schriftsteller auf, die alle in ihren Werken den Mittagsschlaf als etwas Wunderbares huldigen. Natürlich fehlen auch nicht medizinische Argumente, seien es die körperlichen oder die psychischen, die die Wohltätigkeit eines Mittagsschlafes belegen. Ist es nicht schön, mitten am Tag für eine kurze Zeit, allen Unbill zu vergessen und mit einem wohligen Gefühl zu versinken? Ja und dient der Mittagsschlaf nicht auch dazu, Frieden zu stiften? Würden alle dem Tagesschlaf frönen, gäbe es dann noch Krieg?

Am Ende des Buches gibt es ein Urteil, das aber überraschend ist, denn unter den Zuschauern hat sich jemand versteckt und… mehr verrate ich nicht.

Das schmale Buch ( 123 Seiten) ist liebevoll mit Abbildungen von Kunstwerken ausgestattet, die den Mittagsschlaf zum Thema haben. Die Wortwahl des Mittagsschlafes ist wohlbedacht und etwas altertümlich, was aber gut passt, denn beim Lesen kann es passieren, dass die Augen zufallen…Aber nur kurz, denn das Humorvolle dieses Buches macht Lesende schnell wieder wach.

In Korea heißt das Zauberwort „Selbstfürsorge“ (Ssukgat 1)

Dieses Buch las ich in meinem Urlaub und fand es sehr inspirierend:

Warum essen wir Europäer? Weil wir Hunger haben und/oder weil wir genießen möchten. Dass Lebensmittel uns gesund machen können, daran denken wir wohl erst an dritter Stelle: Vielleicht bei einer Erkältung, wenn es Hühnerbrühe gibt.
In Korea hat Ernährung einen ganz anderen Status. Schon ein Kleinkind bekommt das Wissen vermittelt, dass Essen Medizin ist, aber nicht hauptsächlich, um den Körper zu heilen, sondern um Krankheiten und Gebrechlichkeit zu verhindern. Das Zauberwort in Korea heißt „Selbstfürsorge“= Man isst, um Körper und Geist etwas Gutes zu tun und fühlt dabei eine große Befriedigung. Diese Kernaussage des Buches wird von der Autorin mit vielen Informationen und Rezepten unterfüttert.
Michelle Jungmin Bang ist Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln und hat nach einem Zusammenbruch damit begonnen, sich mit dem Ernährungswissen ihrer koreanischen Vorfahren zu beschäftigen. Schritt für Schritt hat sie zuerst ihre eigene Ernährung und dann auch die ihrer Familie mit deren Zustimmung umgestellt. Neben ihren familiären Aufgaben und ihrer Arbeit schuf sie sich weitere Zeiträume, um sich mehr in der Natur aufzuhalten, sich körperschonend sportlich zu betätigen und einfach mal nichts zu tun. Jetzt geht es ihr sehr gut.
Ihre Beschreibungen fand ich manchmal ein bisschen zu „heile Welt“, doch ihre Ideen, wie man diese Selbstfürsorge umsetzen kann, wogen das bei Weitem auf.
So beschreibt sie beispielsweise, wie sie dazu übergegangen ist, morgens ihrem Mann und den beiden Kindern ein Tablett mit verschiedenen gesunden Saucen und Gewürzen hinzustellen und ihnen dazu frisch aufgeschnittenes Obst oder Gemüse zum Dippen anzubieten. Dazu gibt es Reis und/oder eine Kraftbrühe.
Jeder kann nach Geschmack und Laune essen und es macht nicht viel Arbeit.
Ich esse nicht genügend Obst und Gemüse, vielleicht könnte das auch ein Weg für mich sein, mich gesünder und abwechslungsreicher zu ernähren?
In dem Buch sind einige Zutaten aufgelistet, die man nicht in den hiesigen üblichen Supermärkten gibt. Aber in Duisburg hat gerade ein koreanischer Lebensmittelladen eröffnet, den werde ich in Kürze besuchen.
Der hiesige Bio-Supermarkt ist auch auch schon ganz gut bestückt mit japanischen und koreanischen Lebensmitteln und als Einstieg kaufte ich mir „Furikake“ = Sesam-Algenstreusel und einen Nori-Snack.

Foto: Heller und schwarzer Sesam, gemischt mit Seealgen, schmeckt etwas salzig. Zu den Radieschen passte das prima, auch über Ananasstücke gestreut, fand ich es lecker. Der Verzehr von Algen ist in der koreanischen Ernährungsphilosophie besonders wichtig.
Fotocollage: Die hauchfein gepressten Algen sind ein bisschen mit Meersalz und Sonnenblumenöl verfeinert. Kann man den Duft des Meeres essen? Ja!

Mal sehen, wohin mich „Ssukgat“ noch führt.


P.S. Ssugkat ist eine Pflanze, die in der koreanischen Küche gerne verwendet wird. In Deutschland nennt man sie auch „Kronenwucherblume“.

Nordirland Nr. 1-Carrickfergus

Bevor ich mit meinen Reiseberichten beginne, möchte ich zwei Dinge vorab erwähnen. Wenn Sie mit einer Reise nach Nordirland oder Südwales liebäugeln und sehr an Ihrer Internetverbindung hängen, sollten Sie sich seelisch darauf vorbereiten, dass Sie oft keine oder eine nur sehr instabile Verbindung haben. Ich habe irgendwann akzeptiert, dass ich nicht mal eben gucken konnte, wann ein Museum geöffnet ist oder bis wann eine Fähre übersetzt. Man muss es nehmen wie es ist.
Wir sind mit unserem Caddy auf die beiden Insel gefahren. Ein Festlandauto mit der Fahrerseite links bedeutet, dass man als Mitfahrer aktiv mitfahren muss, denn als Fahrer sieht man öfter nicht den Gegenverkehr. Da heißt es dann: Frei, frei, frei, stop- Auto! Besonders auf solchen Straßen:

Und solche Straßen sind wir viel gefahren, um Landschaften zu bewundern, die nicht mit Bussen zugestellt waren. Das heißt dann aber auch, dass Sie nicht zu penibel sein dürfen, wenn es um Ihr Auto geht. Sie können an Büschen, Böschungen oder kleinen Mauern vorbei schrammen, abgesehen mal von den Autos, die Ihnen auf solchen Straßen entgegenkommen. Die meisten Fahrer waren sehr vorsichtig und nur wenige hatten es eilig oder waren selbst blind.

Als Unterkunft in Nordirland hatten wir eine Ferienwohnung in Carrickfergus gemietet, knapp 20 km von Belfast entfernt. Von hier aus machten wir verschiedene Fahrten ins Land und nach Belfast.

Vielleicht ist Ihnen dieser Name schon einmal begegnet? Es gibt ein bekanntes Lied, das viele Musiker in ihr Repertoire aufgenommen haben.

Bekannt ist die Stadt auch durch die normannische Burg aus dem 12. Jahrhundert. Diese gilt als eine der best erhaltenen Burgen Großbritanniens und wir statteten ihr einen Besuch ab.

Fotocollage oben links: Festtafel, dann König und Königin, unten rechts: Eine Ritterin der 21. Jahrhunderts als Ausdruck des nordirischen Feminismus.

In der Burg werden Szenen aus dem normannischen Alltagsleben dargestellt. Dabei werden einige Puppen eingesetzt. Zu zeigen, wie König John auf der Toilette sitzt und seine Frau Affreca schmachtend in die Ferne sieht, ist für mich ein Indiz für den speziellen englischen Humor.
Die Innenstadt von Carrickfergus ( oder auch nur Carrick genannt) ist eher trist, ein kleines Museum versucht, mit Kultur die Stadt etwas zu beleben.

Bei der Suche nach Urlaubslektüre entdeckte ich durch Zufall einen Krimi, der 1981 in Carrick spielt, also in einer Zeit, in der die Kämpfe in Nordirland noch tobten und in Belfast und anderen Städten der Ausnahmezustand herrscht. Bombenattentate, Hungerstreiks, Ausgangssperren, das war damals der Alltag.

Der junge Polizist Sean Duffy geht nach Beendigung seiner Ausbildung nach Carrick, weil er hofft, dass diese Stelle als Sprungbrett in die nahe Hauptstadt Belfast dient. Seine Entscheidung wiegt im Laufe der Geschichte immer schwerer, denn er ist Katholik und Carrick ist fast rein protestantisch. Zu seinen Kollegen und Nachbarn hat er zumeist ein gutes Verhältnis, doch bei den Ermittlungen in zwei Mordfällen kommt er Geheimnissen mächtiger Männern aus beiden politischen Lagern gefährlich nah und man versucht, ihn zu töten.
Dieser Krimi war spannend zu lesen und ich bekam eine erste Ahnung, was vor dem Friedensabkommen vor 27 Jahren in Nordirland im Detail passiert ist. Das Thema Nordirlandkonflikt wird uns permanent auf unserer Reise begleiten.

Von JJ über Klaus Nomi nach Manchester

Bereit für ein paar Gedankensprünge?

Am Wochenende gewann JJ für Österreich den European Song Contest mit seinem Lied „Wasted Love“. Der junge Mann stellte sein Können als Countertenor unter Beweis und alle waren und sind noch aus dem Häuschen.

Als ich das Lied hörte, dachte ich sofort an Klaus Nomi, der ebenfalls mit seiner Countertenorstimme eine gewisse Berühmtheit erlangte. Allerdings bereits Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre. Für die damalige Zeit war er wie ein Wesen vom anderen Stern, wie aus seiner Biografie hervorgeht.

Geboren im Allgäu, lebte er während seiner Kindheit und Jugend zusammen mit seiner Mutter im Ruhrgebiet. Er zeichnete und sang gerne und wollte Opernsänger werden. Allerdings unterstützen seine Lehrer ihn nicht bei seinem Wunsch, sich als Countertenor zu spezialisieren und er brach deshalb die Ausbildung ab. Mit Aushilfsjobs und ersten kurzen Auftritten verdiente er sich seinen Lebensunterhalt, dann ging er nach Berlin. Dort entdeckte ihn David Bowie, der ihn für die Einspielung eines Songs als Backroundsänger engagierte. Nomis Hoffnung auf eine weitere Zusammenarbeit zerschlugen sich und er beschloss, nach New York weiterzuziehen. Auch hier kämpfte er sich durch, sang Operntitel und Rocklieder und wurde schließlich in den New Yorker Clubs Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre mit seiner außergewöhnlichen Stimme berühmt. Er bewegte sich im Dunstkreis von Keith Haring oder Andy Warhol und war unterwegs in der Schwulenszene New Yorks. In Japan wurde er eine Berühmtheit und auch in Europa hatte er mehrere Auftritte, so in Deutschland bei Thomas Gottschalk. Bei ihm sang er dieses Lied.

Kurze Zeit später starb Klaus Nomi an Aids und war damit einer der ersten prominenten Aidsopfer Anfang der 80er Jahre.

Die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit schwul zu sein, war damals in New York nur an wenigen Plätzen möglich. Dies beschreibt Olivia Laing in ihrem Buch „Die Stadt der Einsamkeit“ ausführlich. (Siehe unten Link zur Besprechung). Es waren u.a Plätze am Hafen, alte Piers und Häuser, in deren Winkel sich Männer trafen. Diese Beschreibungen hatte ich noch im Kopf, als ich jetzt in Manchester war und das Northern Quarter durchstreifte.
In Manchester gibt es weiter südlicher ein spezielles Gay Village, aber im Norden ist die LSBTQ Szene präsent.
Sieht man es mit dem Architekturblick, entdeckt man viele Backsteinschönheiten:


Diese Backsteingebäude verschwinden aber immer mehr und werden von Wolkenkratzern verdrängt, wie man oben auf zwei Fotos gut erkennen kann.

Denn es sieht im Northern Quarter auch so aus:

Wie gut, endlich keine Schmuddelecken mehr? Vor 40 Jahren wurden in New York mit dem Abriss der alten Vierten die Menschen vertrieben und in Manchester passiert Ähnliches. Was geht außer dem Lebensort noch verloren, wenn solche Straßenzüge verschwinden? Das zeige ich in meinem nächsten Beitrag.



Zur „Krummen Brücke“

“Krumme Brücke“ oder auch liebevoll „Brüggli“ heißt eine Gaststätte, deren Wirt Rousseau Tagebuch schreibt. Er erzählt von seinem Alltag, seiner Sammlung von Klosprüchen, seinen Kolleginnen und Kollegen, den Gästen und philosophiert gerne. So lesen wir beispielsweise von der plötzlich verschwundenen Köchin Jackie. Nun muss Rousseau selbst ran. Er versucht gar nicht, Jackies Gerichte zu kopieren, sondern probiert Neues aus. Die Polizei wird eingeschaltet, Jackie bleibt verschwunden.
Dann sind da noch die beiden Geschichtslehrer, die zum Schachspielen kommen und sich mit den Schachfiguren auch andere Spiele ausdenken. Lukas, ehemaliger Journalist, ist ein Stammgast, dessen Passion es ist, über den Verbleib von Gasp , einer berühmten Skifahrerin, die vor einigen Jahren verunglückt ist, zu spekulieren. Natürlich gibt es auch einen Stinkstiefel, Heiner, dem es nicht gut geht, wenn er nicht meckert.

Beim Lesen taucht man in diesen Mikrokosmos ein, freut sich und leidet mit bei den großen und kleinen Geschichten des Brüggli-Teams und der Gäste.

Ich habe das Buch gerne gelesen und bekam dann durch Zufall noch visuelle Unterstützung, als wir in Duisburg Bissingheim die Gaststätte Seitenhorst besuchten.

Fotocollage mit Bildern von der Einrichtung der Gaststätte

Die Gaststätte Seitenhorst ist für ihre Schnitzel berühmt. Man muss sich vorher allerdings telefonisch anmelden und auch direkt die Bestellung durchgeben, da der Chef und gleichzeitig Koch 85 Jahre alt ist und sich seine Zeit und Kraft einteilen muss. Kommt man mit der Kellnerin Christiane ins Gespräch, erlebt man ein Bissingheimer Urgestein.

Die Kolonie- ein nordirisches Inselleben

Wir schreiben das Jahr 1979.
Der Franzose Jean-Paul Masson reist seit vier Jahren im Sommer zu einer kleinen abgelegenen irischen Insel. Dort sprechen noch einige wenige Bewohner die alte irische Sprache und er will als Sprachwissenschaftler erforschen, wie diese Sprache durch das Englische verdrängt wird. Die Inselbewohner mögen JP und unterstützen ihn, die junge schöne Witwe Mainhead wird seine Geliebte.
Doch im fünften Sommer ist alles anders. Als JP eintrifft, ist er nicht der einzige Gast. Der englische Künstler Mr. Lloyd hat sich einquartiert. Er kommt aus London, seine Frau hat hat eine Kunstgalerie, hält seine Bilder aber schon seit geraumer Zeit für antiquiert. Lloyd hofft, auf der Insel neue Inspirationen für seine Bilder zu finden.
JP und Lloyd wohnen nebeneinander und sind wie Hund und Katze. Lloyd wird von JP bei seiner Suche nach inspirierender Stille gestört, JP befürchtet, dass durch Lloyd die Inselbewohner mehr Englisch sprechen und damit Massons Bestrebungen untergraben werden, dieses Jahr seine Doktorarbeit beenden zu können.
Schließlich zieht Lloyd in eine abseits gelegene Hütte ohne Wasser und Strom. Die meisten Bewohner mögen den Engländer nicht, nur Maeinhead und ihr fünfzehnjähriger Sohn James zollen ihm Respekt und kümmern sich etwas um ihn. So gehen die Wochen dahin und es ergibt sich, dass Meinhead Lloyds Modell wird und James bei ihm zu zeichnen anfängt. Schnell erkennt Lloyd, dass James sehr begabt ist und Insel-und Naturszenen besser darstellt als er selbst. Er will James fördern und ihn mit nach London nehmen, um ihn zur Kunstakademie zu schicken. Auch eine gemeinsame Ausstellung in der Galerie seiner Frau kann er sich vorstellen. James malt wie im Fieber, denn er will weg von der Insel. Er möchte nicht wie sein Vater Fischer werden und eines Tages von einer Ausfahrt nicht mehr wiederkommen.
Die Abreise von JP und Lloyd rückt näher und näher rücken auch die tödlichen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten auf dem Festland. Hört man anfangs nur manchmal im Radio eine Meldung, dass wieder eine Bombe gezündet wurde und Menschen starben, häufen sich diese Meldungen im Laufe der Geschichte und gipfeln in zwei Anschlägen, bei denen u.a. Verwandte der Queen getötet werden. Nun ist auch die Insel involviert, denn Einwohner nehmen Partei und die Situation für Lloyd als Engländer wird nicht einfacher. Er muss nur noch sein übergroßes Meisterstück beenden, dann wird er gehen. Das Bild zeigt eine Inselszene mit allen Bewohnern und James erkennt darauf seine eigenen Bilder wieder. Zufall oder Verrat?


Wenn mich jemand fragen würde, was Literatur ist, dann sage ich: „Lesen Sie das Buch „Die Kolonie!“ Die Geschichte, die Atmosphäre des Buches, die Beobachtungen, die Sprache, die angerissenen Themen- perfektes „Material“ für einen Buchclub, in dem Menschen diskutieren und jeder etwas anderes in diesem Roman entdecken wird.

Im Fokus von Trump: Der Panamakanal

Neben Grönland hat Donald Trump auch den Panamakanal im Visier und forderte den Wunsch, dass der Panamakanal wieder der USA gehört. Da passt es doch ausgezeichnet, dass im Hanser Verlag im Frühjahr dieses Buch über den Bau des Panamakanals erschienen ist:

Bereits im 19. Jahrhundert hatten französische Ingenieure versucht, in Panama einen Kanal zwischen Atlantik und dem Pazifischen Ozean zu bauen, scheiterten aber an technischen und vor allen Dingen an gesundheitlichen Problemen. Geldfieber und Malaria töteten viele Arbeiter und die Erschließung musste eingestellt werden.
Anfang des 20. Jahrhunderts haben sich die Voraussetzungen verbessert. Inzwischen engagiert sich die USA in Panama, das zu der Zeit noch zu Kolumbien gehört, es gibt eine Eisenbahnstrecke, das Gelbfieber hat man im Griff und ein junger Arzt, John Oswald will auch vor Ort die Malaria durch bessere Hygienebedingungen bekämpfen. Er und seine Frau gehören zu den Romanfiguren, die die Geschichte des Kanals lebendig werden lassen. Der Fischer Francesco und Sohn Omar, die das Für und Wider zum Kanalbau, die Vergangenheit und die Zukunft, repräsentieren, sowie das junge Mädchen Ada von Barbados, das in Panama Arbeit sucht, um Geld für die Operation ihrer Schwester zu verdienen, gehören ebenfalls zu den Protagonisten. Aber in dem Roman wird nicht nur über das Alltagsleben im Kanalgebiet erzählt, viele kleine und ebenso bedeutende Geschichten gruppiert die Autorin um das Hauptthema. Leise Liebesgeschichten werden erzählt und es geht auch um Themen wie „Arm und Reich“, „Rassismus“, „Unterdrückung von Frauen“ oder „Politisches Handeln der Bevölkerung“. Der große Riss in der Gesellschaft im übertragenden Sinne.
Ich habe das Buch gerne gelesen. Es ist ein Kaleidoskop menschlicher Glücksmomente, Liebe, Sorgen, Ehrgeiz, Kämpfe, eben wie das Leben so ist.

Ach ja, der US-Präsident Jimmy Carter unterschrieb einen Vertrag, der besagt, dass ab dem Jahr 2000 der Kanal dem Staat Panama gehört. Nur für den Fall, dass Herr Trump etwas anderes behauptet.


Stadt oder Land- ein Buchexperiment

Ich lese Bücher auf einem E-Reader oder in Papierform. Letzte Woche hatte ich dieses Buch auf meinem E-Reader angefangen:

Der Autor Martin Oswald ist Turmschreiber im Ort Abenberg, südwestlich von Nürnberg gelegen. Er nutzt seinen längeren Aufenthalt, im Ort und in den dazu gehörigen Dörfer ausgiebig spazieren zu gehen und dabei Beobachtungen zu sammeln und sich mit Ansässigen zu unterhalten. Mir gefiel das Buch sehr gut, direkt die ersten Sätze waren ganz nach meinem Geschmack: „Nebensächlichkeitsforscher bin ich. …“Täglich breche ich auf zu meinen Erkundungsgängen, als Marginaliensammler, als Stadtrandläufer und Ortumgehungsethnologe.“

Um so ärgerlicher war es, als ich an einem Abend merkte, dass die Batterie des E-Readers leer war. Etwas unwirsch nahm ich das erstbeste Buch von meinem Bücherstapel auf dem Nachttisch.

Die Autorin lebt in Berlin. Sie hatte vor Jahren eine Panikattacke in der U-Bahn und das konzentrierte Beobachten der Mitfahrenden und das Zuhören der Gespräche halfen ihr, diese Attacke zu überstehen. Dabei entdeckte sie quasi ihr Talent zum genauen Hinsehen und Zuhören und machte daraus ein Buchprojekt. Vorzugsweise besuchte sie Cafés und saugte dort viel Menschliches auf, was sie in ihrem Buch zu Papier bringt. Auch dieses Buch mochte ich sehr und am nächsten Abend fiel es mir schwer, welches Buch ich weiterlesen sollte.
Kein Wunder, denn letztendlich sind beide Titel „Flaneurbücher“, in denen der Alltag auf der Straße unter die Lupe genommen wird. Das Spannende bei diesen beiden Bücher war der Unterschied zwischen Land und Stadt und diesen Doppelpack kann ich sehr empfehlen.

Martin Oswald hat einen feinen Humor. Wenn er beschreibt, wie auf der Straße ein Beerdigungszug den eiligen Fahrer eines Amazon-Prime Autos zur Entschleunigung zwingt, so ist das wie ein feiner Pinselstrich. Zudem versorgt er seine Leser en passant mit vielen Informationen über Abenberg und Umgebung und ja, er hat es geschafft, dass ich im Internet mehr über dieses Städtchen lesen wollte. Das Klöppelmuseum hatte es mir beispielsweise angetan, die Burg oder die Kneipe, die nur noch am Donnerstag geöffnet hat. Die Abschnitte, in denen er über seine Gespräche schreibt, zeigen besonders deutlich, dass das „alte“ Leben mit traditioneller Gemeinschaft nur schwer aufrecht zu erhalten ist.
Das Buch von Martin Oswald schärft das genaue Hinsehen in Orten und Dörfern, die nur auf den ersten Blick nichts sagend sind.

Mit dem Buch von Linda Rachel Sabiers tauchen wir so richtig in Berlin ein, denn in den Momentaufnahmen, die vielfach nicht länger als auf einer Seite beschrieben sind, wird oft herrlich berlinert. Ob alte Leute, Kinder, Hundebesitzer, Cafébetreiber oder Ehepaare, die Autorin beobachtet mit menschenfreundlichem Auge und ihre kurzen Schilderungen zeigen oft, wie viel Gutes in uns Menschen steckt. Weitere Texte beinhalten kurze Gespräche, die die Autorin mit ihrer 96 jährigen Großmutter am Telefon führt. Zu ihr hat sie ein sehr inniges Verhältnis und die Großmutter mit ihrer Abgeklärtheit und ihrem Witz sieht die Welt mit besonderen Augen.

Wenn Sie Bedarf an kleinen positiven Auszeiten haben, sind diese beiden Bücher genau richtig!

Ein Zimmer für sich allein

Braucht eine Frau, die schreiben möchte, ein Zimmer für sich allein? Die norwegische Autorin Kristin Valla, Anfang vierzig, hat mehrere Jahre keinen Roman veröffentlicht, während sie für ihre Familie da war und als Redakteurin gearbeitet hat. Ihre Unzufriedenheit über diesen Mangel wächst inzwischen täglich und belastet das Familienleben. Sie versucht deshalb, in Oslo Freiräume für sich zu schaffen, um erneut mit dem Schreiben anzufangen. Es funktioniert nicht, der Abstand zu ihrer Familie mit allen Alltagssorgen ist nicht groß genug. Deshalb entscheidet sich Kristin, alleine nach Südfrankreich zu fahren. Schon bald setzt sich bei ihr die Idee fest, dort ein kleines Haus zu kaufen, es wäre ein Haus ganz für sie allein. In Roquebrun in der Region Okzitanien wird sie fündig.

Ihr Mann weiß, wie wichtig dieses Haus für seine Frau ist und akzeptiert ihre zukünftigen längeren Auszeiten in Frankreich. Seine einzige Bedingung: Er hat nichts mit dem Haus zu tun, sie muss sich um alles alleine kümmern.

Kristin hat nur wenig Geld und das Haus, das sie sich leisten kann, ist dementsprechend in keinem guten Zustand. Es ist voller Schimmel, hat ein undichtes Dach, Fenster und Türen sind verzogen, das Badezimmer ist eine noch größere Zumutung, an die elektrischen Leitungen möchte sie gar nicht denken. So wird das Tränenvergießen in den ersten Jahren zu ihrem ständigen Begleiter. Üppige Renovierungsarbeiten lassen sie immer wieder an ihrer Kaufentscheidung zweifeln, zumal sie kaum Französisch spricht und auch in dieser Beziehung immer auf die Hilfe von anderen Bewohnern angewiesen ist. Und doch….Es gibt viele schöne Momente in den Haus, in dem sie merkt, dass sie hier unverstellt leben kann. Sie fühlt sich vielen Schriftstellerinnen nahe, die während ihres Lebens in einer ähnlichen Situation waren. Von diesen Autorinnen, in deren Karrieren Häuser oder eigene Räume eine besondere Rolle gespielt haben, lesen wir ebenfalls in dem Buch. Virgina Woolf, die mit ihrem Buch „Ein Zimmer für sich allein“ ein wegweisendes Buch über Frauen und Literatur geschrieben hat, ist für Kristin eine Heldin. Alice Walker, Patricia Highsmith, Selma Lagerlöf, die im 15. Jahrhundert lebende Christine de Pizan, Tania Blixen sind nur einige der vorgestellten Schriftstellerinnen, die während des Schreibens Häuser renovierten oder deren Dichtkunst nach dem Einzug in ein eigenes Haus deutlich zunahm.
Kristin schreibt in ihrem Haus nur selten, jedoch kehrt sie immer wieder mit einem freien Kopf nach Oslo zurück. Schließlich findet sie dort auch einen Platz zum Schreiben und das Haus in Frankreich wird nach fünf Jahren ein Haus für die ganze Familie.
Ich mag dieses Buch sehr. Frauen, die in irgendeiner Weise kreativ sein wollen, brauchen Freiräume. Um diese müssen sie oftmals kämpfen oder haben ein schlechtes Gewissen gegenüber dem Partner/ der Familie, wenn sie diese Freiräume haben und beanspruchen. Das war im 15. Jahrhundert so und ist auch heute noch ein Thema.


Klimaschutz in Ihrer Stadt

Dieses Buch erschien 2017 und nimmt als Ausgangspunkt das Pariser Klimaabkommen von 2015. 

Dem Handeln der Kommunen in Sachen Klimaschutz fällt eine entscheidende Rolle zu, wenn Deutschland bis 2030 seine gesteckten Klimaziele erreichen will.
14 Themen werden dazu von verschiedenen Autoren aus mehreren Umweltinstitute aufgegriffen. Ein Themenschwerpunkt ist die Verbesserung der Kommunikation zwischen Stadt und Einwohner, um die Zustimmung von Klimaschutzmaßnahmen und Suffizienzpolitik (Erläuterung siehe unten) in der Bevölkerung zu erhöhen. Es werden Projekte einzelner Städte vorgestellt, die unmittelbar nach dem Abkommen an den Start gingen. Zu den aktiven Städten mit bereits messbaren Erfolgen gehören beispielsweise Bottrop, Essen, Heidelberg, Schweinfurt oder Rostock. In vielen Städten liegt der Fokus bei der Kommunikation zur Bevölkerung noch auf der Darstellung technischer und finanzieller Komponenten. Politiker, die „weiche“ Vorteile kommunizieren, wie z.B. eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität in der Stadt der Zukunft und darüber hinaus die Bevölkerung aktiv und transparent in Planungen zum Klimaschutz mit einbinden, erreichen bei den Einwohnern eher eine Akzeptanz der politischen Entscheidungen zum Klimaschutz.

Bemerkenswert sind die Abschnitte, in denen es darum geht, wie man Jugendliche und Bevölkerungsschichten, deren Alltagsleben von finanziellen Nöten geprägt ist, für ein Engagement zum Klimaschutz begeistern kann.

Zwei Kapitel zur urbanen Energiewende stellen das Mieterstrommodell, sowie die Idee des Energiespar-Contractings vor, Kapitel zur Bodenentsiegelung und Gebäudebepflanzung sind zwei weitere Eckpfeiler im Maßnahmenkatalog zum Klimaschutz.

Besonders interessant fand ich die Ausführungen, wie sich die Hierarchien innerhalb einer Stadtverwaltung ändern müssen, um diese Mammutaufgabe zu bewältigen. Für kleinliches Konkurrenzdenken oder Animositäten gegenüber der Person, die für das  Klimaschutzmanagement eingesetzt wird, darf kein Platz mehr sein, gefragt ist gemeinsames und abgestimmtes Handeln.

Seit Erscheinen des Buches sind acht Jahre vergangen. Es eignet sich deshalb hervorragend dazu, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Was wurde in meiner Stadt bisher erreicht, was auf den Weg gebracht oder welche Umsetzungen warten auf den Start? Gibt es in diesem Buch Ideen, auf die meine Stadt bisher vielleicht noch nicht gekommen ist?

Und was sage ich bei diesem Thema zu meiner Heimatstadt Duisburg? In Duisburg hat man leider erst mit einiger Verspätung angefangen, die Klimaziele zu erarbeiten und umzusetzen. Die Kommunikation der Stadt empfinde ich als schlecht. Drei Beispiele: Wissen Sie, liebe Duisburger, was „KLIAS“ bedeutet oder was die Duisburger „Klima-Roadmap“ ist? Ein weiteres Beispiel zur Kommunikation: https://www.duisburg.de/microsites/klimaschutz/klimaschutzideenportal/index.php

Abgesehen davon, dass ein Teil der Seite schon mehrere Monate lang nicht richtig funktioniert, habe ich nirgendwo ein Feedback gefunden, wie die Ämter mit den Klimaschutzideen aus den Reihen der Bevölkerung umgehen.

Eine Kernaussage des Buches ist, dass, wenn der Wille zum Klimaschutz bei Politikern ernsthaft vorhanden ist, die verfügbaren Finanzen dann auch für diese Zukunftssicherung eingesetzt werden müssen. Viel Geld ausgeben für teure Prestigeobjekte, deren zukünftige Erfolge kaum zuverlässig kalkulierbar sind, ist in der heutigen Zeit unverantwortlich.
Ich wünsche mir für das Buch viele Leser und Leserinnen in der Stadtverwaltung und würde mich freuen, wenn private Personen das Buch als Grundlage für öffentliche Diskussionen hinzuziehen.

Zum Schluss ein Zeitungsartikel aus der RP vom Samstag, der zeigt, wie aktuell das Buch noch ist:

Screenshot

Begriffserläuterung:

Suffizienzpolitik ist ein Ansatz, der darauf abzielt, den Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung zu reduzieren, indem die Bedürfnisse der Menschen auf eine nachhaltige Weise gedeckt werden. Der Fokus liegt weniger auf Wachstum und mehr auf der Reduzierung des Konsums sowie der Förderung von Lebensstilen, die weniger Ressourcen verbrauchen.