Morgen bespreche ich den Roman „Das Regenmobil“, in dem Musik eine große Rolle spielt. Um Sie ein bisschen einzustimmen, hier vier sehr unterschiedliche Werke, die für den Protagonisten wichtig sind.
Autor: linda
Das Farbtagebuch
Probieren geht über studieren-genau! Und deshalb ist jetzt eine gute Zeit, entweder mal etwas Neues auszuprobieren, ein altes Hobby neu zu beleben, sich mal kleine Verrücktheiten zu leisten oder es einfach mal der Katze unten nachzumachen.

Bei mir fing das Ausprobieren damit an, dass mein Mann unsere Holzbank neu angestrichen hat.

Wir hatten sieben Farben für jeweils dreizehn Felder bei der Lehne und der Sitzfläche, wie die Farben verteilen? Sie glauben gar nicht, wie schwer dies war bis unser beider Bauchgefühl uns sagte, dass die Kombination gut sei. Schon jetzt freuen wir uns auf einen Besuch im Dezember beim Meister der Farbkombinationen: Im Gemeentemuseum in Den Haag werden viele Bilder von Piet Mondrian gezeigt.

Das Beschäftigen mit Farben machte mir viel Spaß und ich beschloss, diesen Spaß auszudehnen. Seitdem habe ich ein Farbtagebuch und male jeden Tag ein kleines Bild. Ich plane nichts im voraus, sondern lasse mich zuerst bei den Farben und Formen treiben, bis dann plötzlich ein Gedanke auftaucht und ich das Bild in einer Richtung beende. Das ist sehr entspannend und stimmungsaufhellend und ich freue mich, dass ich bisher anscheinend wenig Veranlassung sah, dunkle Farben zu benutzen.




Das Farbtagebuch aus einer besonderen Zeit- als Erinnerung, Mahnung und Ermutigung.
Ganz ehrlich
An einem sonnigen Nachmittag
bummelte ich an einem Stück der Berliner Mauer entlang.
Ich versuchte die Graffitis auf der Mauer zu entschlüsseln,
meistens ohne Erfolg.
Mein Grübeln wurde unterbrochen,
als auf halber Strecke ein Plakat über die Mauer lugte.
Auf dem Plakat war der Kopf einer jungen Frau zu sehen,
davor standen die Worte „Ganz ehrlich.“
„Ganz ehrlich“- was wollte man mir mitteilen?
Und warum ganz ehrlich?
War man früher halb, mehroderweniger oder nur ein bisschen ehrlich gewesen
und wollte jetzt endlich mal ganz in die Vollen mit der Wahrheit gehen?
Dieser Vermutung widersprach der Gesichtsausdruck der jungen Frau.
Kein Blickkontakt mit mir,
ihre Augen sahen mit leichtem Spott in eine nahe Ferne.
War das Ehrlichsein doch schwieriger als gedacht?
Ihr Mund hatte den Monalisastil,
ihre rechte Hand stützte das Gesicht leicht ab,
eine etwas verunglückte Denkerpose,
die das Ganzehrlichgesäusel nicht glaubhafter machte.
Ehrlichkeitsgeplänkel, Ehrlichkeitslitanei, Ehrlichkeitspokerface, Ehrlichkeitskuriosum, Ehrlichkeitsorakel-
ich dachte mich in Rage bis zum heutigen Tage.
(Bitte lesen Sie Tage in diesem Fall wie Rage, also mit weichem j, damit es sich reimt-vielen Dank.)

Der Akazienkavalier

„Von Menschen und Gärten“ ist der Untertitel dieses Buches und ich fing bereits im Januar an, es zu lesen, weil ich mich in den Gärten andere Menschen „umsehen“ wollte. Das ging ziemlich schief, denn in den meisten Kapiteln ist entweder nur eine Pflanze das Thema (z.B. ein Ficus in einer Küche oder der Seidelbast als Pflanze der Bettler) oder es geht um einen Garten, dieser dient aber eher nur als Schauplatz für Begegnungen mit Menschen.
Ich war deshalb von diesem Buch enttäuscht und legte es wieder weg. Jetzt, wo ich meinen eigenen blühenden Garten habe, gab ich dem Buch aber eine zweite Chance. Die Autorin erzählt von Begegnungen mit Menschen in mehreren Ländern Europas, deren Leben zeitweise oder ganz vom Leben im Garten oder mit einer Pflanze geprägt wurde. Beeindruckend das Kapitel, in dem sie von einem Treffen mit einer blinden Gärtnerin erzählt. Zu Herzen gehend ist die Familiengeschichte von vier Schwestern, die sich regelmäßig unter einem alten Birnbaum treffen. Der Autorin Colette wird eine Geschichte gewidmet, wie sie im zweiten Weltkrieg aus ihrer Wohnung den Garten des Palais Royal sieht und den Alltag unter der deutschen Besatzung beschreibt. Ja und dann ist da noch der bekannte deutsche Schauspieler Walter Sittler, der auf einer Fensterbank einen Wüstengarten pflegt oder ein Wolkengarten über dem Memelland, den man entdecken kann.
Ich mag die achtzehn Geschichten dieses Buches inzwischen sehr. Es sind z.T. ergreifende Schicksale, von denen die Autorin erzählt, aber auch ihre Gabe, Details und Stimmungen zu beschreiben, hat mir gut gefallen.
Wenn man es mit dem Dankeschön ernst meint
In den letzten Tagen gingen per Anzeige, Leserbriefe oder Radiospots viele Dankeschöns hinaus in die Welt an alle, die momentan dafür sorgen, dass unser Alltagsleben nicht völlig zusammenbricht. Dazu gehören auch diejenigen, die in den Supermärkten arbeiten. In einem Supermarkt ist mir vorgestern Folgendes passiert:
Morgens hatte ich beim Aufräumen in einem alten Verbandskasten aus meiner Buchhandlung fünf Mundschutzmasken gefunden. Ich bin absolut kein Fan dieser Masken, besonders nicht zur jetzigen Heuschnupfenzeit, wenn die Nase als Sauerstofflieferant fast immer ausfällt. Aber ich zog eine an, als ich einkaufen ging, weil ich auch mal sehen wollte, wie andere Menschen reagieren. Im Supermarkt war ich die einzige mit Maske und wurde, so hatte ich zumindest den Eindruck, manchmal etwas besorgt angesehen. Mehrere Verkäuferinnen räumten Ware ein. Eigentlich sind diese Damen immer gut oder wenigstens neutral gelaunt, aber jetzt schien es mir, dass sie alle bedrückt waren. Bis mich eine Verkäuferin anlächelte und sich dafür bedankte, dass ich eine Maske trage…Ich lächelte nur zurück, viel zu irritiert, etwas zu sagen.
Wieder zuhause, musste ich noch an die Verkäuferin denken. Wie würde ich mich selber fühlen, wenn ich täglich der Möglichkeit mich anzustecken, hundertfach ausgeliefert wäre? Wäre ich nicht auch dankbar, wenn eine fremde Person von sich aus etwas dafür tut, mich nicht anzustecken?
Ich werde ab sofort immer eine Maske tragen, denn dann ist die Dankbarkeit- siehe oben-kein Lippenbekenntnis mehr.
Aber ich habe mir noch eine zweite Frage gestellt: Warum tun wir uns so schwer, eine Maske zu tragen? Wir bezeichnen uns als vernünftige Menschen, aber die meisten von uns ignorieren hierbei alle sehr guten Argumente, die für das Tragen sprechen. Liegt es vielleicht daran, dass die Maske für uns ein Anzeichen, ein Symbol ist, dass etwas ganz und gar nicht in unserem Alltag stimmt und wir wollen diese Tatsache verdrängen, in dem wir die Maske nicht tragen? Ist dieses Verdrängen für uns wichtiger als unsere Gesundheit? In anderen Staaten wie Japan oder Thailand hat man zu den Masken ein anderes Verhältnis, hier ist es gesellschaftlich völlig ok, wenn man seine eigene Gesundheit und die von anderen schützen will. Also warum nicht bei uns?
Morgen entschleunige ich die Blog, am Samstag geht es mit dem Rätsel weiter.
P.S. Ich bekam gerade ein etwas unwirsches Mail, in dem sich der Absender beschwerte, dass er ja eine Maske tragen würde, wenn es denn eine zu kaufen gäbe.
Es ist besser, sich einen Schal umzubinden, als gar nichts zu tun, so die Aussage eines Arztes in einer gestrigen Radiosendung.
Was in eine Streichholzschachtel passt
Angeregt von den Büchern, die ich gestern besprach, habe ich ein neues Bastelprojekt gestartet. Unter dem Motto „Steichholzschachtel ABC“ versuche ich, für jeden Buchstaben eine passende Füllung für eine Schachtel zu finden. Hier meine ersten sechs Buchstaben:

Will be continued.
Streichholzlektüre

Diese drei Bücher habe ich in den letzten Wochen zwischendurch gelesen. Ich schreibe bewusst „zwischendurch“, weil alle drei sich durch kurze Texte auszeichnen.
Angefangen habe ich mit dem linken Buch. Wie ich vor einiger Zeit schrieb, ist Walle Sayer z.Zt. mein Lieblingsautor und auch in diesem Buch versteht er es wieder, kleine Alltagsbeobachtungen in brillanter Sprache zu präsentieren.
Zum zweiten „Streichholzbuch“ kam ich eher durch Zufall. Ich hatte den Film „Paterson“ von Jim Jamusch gesehen und war hin und weg. Es geht in dem Film um den jungen Paterson, der in der Stadt „Paterson“ sich den Lebensunterhalt als Busfahrer verdient. Er führt zusammen mit seiner Freundin ein völlig unaufgeregtes Leben, manche würden dazu auch stinklangweiliges Leben sagen. Doch Paterson entdeckt in seinem Alltag immer wieder kleine Schönheiten oder Absurditäten und diese Entdeckungen hält er in Gedichten fest. Einige Gedichte werden im Hintergrund gesprochen, wenn er mit seinem Bus unterwegs ist und diese Gedichte sind z.T. in dem zweiten Streichholzbuch veröffentlicht. Hier die Verse, die zu dem Buchtitel führten:

Zurück zu den Büchern:
Zum Spaß sah ich nach, ob es noch andere Streichholzbücher gibt und entdeckte das rechte Buch von Nicholson Baker. „Eine Schachtel Streichhölzer“ ist ein Roman in 33 Kapiteln. Jedes Kapitel beginnt damit, dass der Familienvater Emmett gegen 4 Uhr morgens ein Streichholz anzündet, um den Kamin anzuzünden. Dann macht er sich einen Kaffee und setzt sich in einen Sessel. Während die anderen Familienmitglieder noch schlafen, hört und sieht er dem Kaminfeuer zu, entdeckt weitere Geräusche und schweift zu anderen Gedanken ab. Das können Erinnerungen an seine Kindheit sein, aber auch Betrachtungen zu seiner Küchenkreppsammlung, dem richtigen Ablageort der Seife in einer Duschkabine oder zu Alltagssituationen mit seiner Frau Claire und den beiden Kindern.
Emmett ist ein Verwandter im Geiste von Paterson. Auch für ihn ist sein Durchschnittsleben eine Wundertüte, die ihm so viel zum Staunen und Hinterfragen bietet, dass es ihm nie langweilig wird.
Dieser Roman hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Abgesehen von den komischen Passagen, wenn Emmett einem Problem auf den Grund geht, besticht das Buch wie die beiden anderen Bücher durch seine entschleunigte Stimmung. Nichts Bombastisches, nichts Dramatisches wird geboten, einfach „nur“ das Alltagsleben. Dessen kleine Wunder muss man nur sehen- gerade jetzt haben wir die Zeit, dies ein bisschen zu üben.
Morgen zeige ich Ihnen, wie ich den Buchtitel „Was in die Streichholzschachtel passte“ umgesetzt habe.
Flexible Geburtstagswünsche Nr. 2
Letzte Woche stellte ich Ihnen ein aktuelles kleines Geburtstagsgedicht vor. Dafür bekam ich viel Zuspruch. Das hat mich sehr gefreut und motiviert, vielleicht noch einen zweiten Geburtstagsvers zu schmieden. Hier ist er:
Hast du Geburtstag in diesen Zeiten,
muss ich dir eine besondere Freude bereiten!
Ab sofort kannst du mit mir skypen
oder mich auf Instagram liken.
Lass uns auf Skype
auf dich einen Gläschen Sekt trinken
und uns einander liebevoll zuwinken.
Danach singe ich dir
ein Geburtstagsständchen ganz famos
und dann bist du mich auch fast schon wieder los.
Wünsche dir nur noch das Allerbeste
zu deinem, hoffentlich gesunden, Wiegenfeste!
Morgen stelle ich Ihnen drei Bücher vor, die meinen momentanen Schreibfaible ausgelöst haben.
Was man auf einer menschenleeren Straße erleben kann


Gehen Sie auf den Friedhof?
Letzte Woche war ich auf dem Friedhof und mir fiel auf, dass Blumen auf einigen Gräbern, die sonst immer sehr gepflegt sind, die Köpfe hingen ließen oder schon vertrocknet waren. Da ich so etwas schlecht ignorieren kann, holte ich ein paar Kannen Wasser und verteilte es auf die bedürftigen Pflanzen. Heute war ich wieder dort und ich entdeckte zwei weitere immer besuchte Gräber, die nun etwas verwahrlost aussahen. Die Gründe können verschiedene sein, aber ich habe beschlossen, bis auf Weiteres ein paar Grabpatenschaften zu übernehmen. Mir fällt dabei kein Zacken aus der Krone und die Vorstellung, dass vielleicht jemand irgendwann wiederkommt und sieht, dass sein Grab gut gepflegt wurde und diese Person sich dann sehr freut, ist für mich Motivation genug.