Harriets Albtraum

Dieser Krimi spielt in der nahen Zukunft. Die Protagonistin Harriet lebt mit ihrer betuchten Familie in München. Seit sie fünf Jahre alt ist, gibt sie öffentlich Klavierkonzerte und ihre Laufbahn als berühmte Pianistin scheint vorbesimmt. Doch dann ändert sich alles, als sie siebzehn Jahre alt ist und eine Operation an der Hand misslingt und die Karriere zerstört. Die Eltern ziehen nach Frankfurt und Harriet wird Klavierbauerin.

Das sind Harriets Erinnerungen.

Inzwischen ist Harriet zweiunddreißig und hat ein eher freudloses Leben. Reich ist sie nicht mehr, denn ihre erfolgreiche Mutter kam bei einem Autounfall ums Leben und das vorhandene Geld finanziert den Aufenthalt ihres dementen Vaters in einem Sanatorium. Um über die Runden zu kommen, hat Harriet inzwischen nachts einen zweiten Job als Türsteherin vor einem Luxuskaufhaus, das 24 Stunden geöffnet ist, angenommen. Sie wohnt in einem 30 qm Raum im 9.Stock eines ehemaligen Wolkenkratzers. Früher gehörte dieser einer Bank, jetzt leben dort Menschen, die zur großen Gruppe der Armen gehören. Weiterhin wird Harriets Alltag geprägt von fast täglichen Katastrophenwarnungen, bedingt durch große Hitze und den damit verbundenen Bränden in Wäldern oder in der Stadt.

Auf dem Weg zu einer Familie, deren Klavier gestimmt werden muss, gerät Harriet in einen dieser Waldbrände. Sie rettet zusammen mit zwei anderen Frauen eine ihr unbekannte alte Frau aus deren Haus. Bevor die Frau ohnmächtig wird, nennt sie Harriets Namen. Harriet bringt die Frau mit deren Auto ins Krankenhaus. Als die alte Frau aus der Ohnmacht erwacht, ist sie gegenüber Harriet abweisend und verbietet sich jeden weiteren Kontakt. Harriet ist nicht nur deswegen irritiert, sondern ihr macht auch die Tatsache zu schaffen, dass sie Auto gefahren ist. Sie hat nie den Führerschein gemacht.
In den darauffolgenden Wochen gerät Harriets Alltag immer mehr ins Wanken, denn sie bekommt den Eindruck, dass ihr aus einem großen schwarzen Loch Erinnerungsbrocken vor die Füße geworfen werden, die sie nicht zuordnen kann. Die Angst, verrückt zu werden oder zu sein, wird unerträglich. Um Klarheit zu gewinnen, nimmt sie eine Woche Urlaub und fährt nach München, dem Ort ihrer Kindhei und Jugend.

Und der Albtraum beginnt…

Zoë Becks spannender und beklemmender Krimi steht seit mehreren Wochen auf der Krimibestenliste des Deutschlandfunks. Völlig zu recht!

Wenn eine Straßenlaterne, ein Gespenst und ein Regenwurm einkaufen gehen

Heute bespreche ich ein Bilderbuch, das ich beim Lesen direkt ins Herz geschlossen habe.

Erzählt wird eine Woche aus dem Leben eines Geräuschehändlers. Er hat einen kleinen Laden in einem unscheinbaren Haus. Am Montag ist eine Straßenlaterne eine Kundin von ihm. Auf ihrer Straße ist es es nachts zu ruhig und sie braucht ein paar Geräusche, um wach zu bleiben und hell zu leuchten. Kein Problem für den Geräuschehändler. Er mixt ihr eine Geräuschkulisse aus einer Prise Kinderlachen, eine Messerspitze Martinshorn und Bremsengequietsche und eine Portion Lieder, die man aus Autoradios hört. Dienstags hilft er einem Zirkusdirektor aus der Patsche. Die Musikkapelle ist ausgefallen und er braucht schnell eine Stimmungskanone. Im Laufe der Woche kommen noch ein Gespenst, das noch mehr Gruselatmosphäre ausstrahlen möchte, einem Trauerkloß verkauft er Geräusche von Kichererbsen, so dass dieser wieder zu lachen beginnt und einer Reisekrähe verhilft er zu Reisebegleitern, in dem er bei anderen Krähen mit Geräuschen aus Afrika die Lust aufs Verreisen weckt. Schließlich kann er am Samstag einem Regenwurm für eine mega hippe Regenparty 87 verschiedene Regengeräusche anbieten.
Und am Sonntag? Da hat der Geräuschehändler frei und fährt ans Meer, um seinen Vorrat an Möwengeschrei und Meeresrauschen wieder aufzufüllen. Doch dann passiert etwas Unerwartetes und am Ende hängt ein Schild in der Ladentür „Komme bald wieder!“

Man kann dieses Bilderbuch Kindern ab 4 Jahren vorlesen oder Selbstlesern ab der 2. Klasse schenken oder man kauft es sich selbst und bekommt gute Laune, wenn man es sieht.

Der Teufelskreis der Einsamkeit

Als wir Anfang des Monats in Luxemburg waren, sah ich abends überall Menschen, die etwas Verlorenes ausstrahlten. Vielleicht lag es daran, dass ich gerade dieses Buch las und meine Antennen für Einsamkeit besonders sensibel waren:

Die Autorin gibt ihr Leben in England vollständig auf, um zu ihrem neuen Freund nach New York zu ziehen. Eine fatale Entscheidung, denn ihr Freund serviert sie sehr schnell ab. Sie beschließt, in New York zu bleiben, findet eine Arbeit und wechselt in den nächsten Jahren mehrmals die trostlosen Unterkünfte. Was Olivia Laing völlig unterschätzt hat ist die Wucht, mit der das Einsamkeitsgefühl sie trifft. Sie kennt niemanden in New York und versucht auf langen Spaziergängen, das Gefühl in den Griff zu bekommen. Doch beim Anblick von Pärchen und Familien breitet sich die Einsamkeit immer mehr in ihr aus und bestimmt ihr Denken und Handeln. Sie zieht sich zurück, hat Angst davor, in der Öffentlichkeit als Einsame entlarvt zu werden.
Glücklicherweise hat sie als studierte Kulturwissenschaftlerin Zugang zur Kunst und sie entdeckt schließlich für sich Künstler, deren Leben und Werke ihrer Meinung nach auch von großer Einsamkeit geprägt sind. Parallel zu ihrer eigenen Geschichte erzählt sie deshalb auch von Edward Hopper, Andy Warhol, David Wojnarowicz und anderen Künstlern, die für sie verschiedene Facetten der Vereinsamung repräsentieren. So geht es beispielsweise um das Abhandenkommen von Sprache bei Warhol oder bei Wojnarowicz um die grenzenlose Suche nach Sex und Intimität in den heruntergekommenen Piers und Kinos am Trafalgar Square in den 70er Jahren.
Einsamkeit „passiert“ nicht nur bei Verlust einer geliebten Person, sondern auch, wenn Menschen durch die Gesellschaft ausgegrenzt oder stigmatisiert werden. Der Umgang mit Aidskranken in den 80er Jahren ist für Olivia Laing ein Paradebeispiel.
Die Einsamkeit der Menschen in Zeiten des Internets mit dem Wunsch nach endloser Aufmerksamkeit und Anerkennung ist ein weiteres Thema in diesem Buch. Auch hier gibt die Autorin wieder ihre eigenen Erfahrungen preis und berichtet über die Aktivitäten des Internetgurus Josh Harris.
Die Analysen der Autorin, was Einsamkeit ist und wie tiefgreifend sich Einsamkeit bei Menschen auf Körper und Psyche auswirkt, haben mich sehr beeindruckt. Ihre eigene Geschichte mit Texten über die amerikanische Künstlerszene zu kombinieren, ist überraschend und nachvollziehbar.
Olivia Laing findet etwas Trost in der Tatsache, dass sie in ihrer Verlorenheit nicht alleine ist, sondern immer mehr Menschen von Einsamkeit heimgesucht werden. Auch scheint es so, dass einsame Menschen eine erweiterte Wahrnehmung des Alltagslebens haben, daraus zieht sie selbst eine positive Kraft.
Nach Laings Meinung ist das offene Bekennen zur eigenen Einsamkeit fast immer noch ein Tabu in der Gesellschaft. Diese fürchtet sich vor dem Gefühl und verdrängt es gerne. Die wohl gemeinten Ratschläge Nichtbetroffener (einem Verein beitreten, ein Ehrenamt übernehmen, sich einen Hund anschaffen) helfen gegen das Alleinsein, sind für die Einsamkeit aber nur ein Pflaster. Deshalb wünscht sich die Autorin mehr Orte, in dem einsame Menschen sich ohne Scham treffen und sich gegenseitig unterstützen können, um aus dem Teufelskreis der Einsamkeit zu entkommen.

Eine Kindheit zwischen Bauern und Bohemians

So ein kleiner Junge hat es wirklich nicht leicht! Jan Peter Bremer lebt in den 70er Jahren mit seinen Eltern im ländlichen Kreis Lüchow-Dannenberg. Zuerst auf einem Bauernhof in einem Dorf, in dem es nur einen Lehrer für alle Schüler gibt und die Kinder der ersten Klasse von einem Schüler aus der dritten Klasse im Schreiben und Lesen unterrichtet werden. Kein guter Start für die schulische Laufbahn von Jan Peter und er tut sich in den folgenden Jahren sehr schwer, zumal er auch ungelenk ist, mit seinem Wuschelkopf komisch aussieht und manchmal seltsam spricht. Das aber eigentlich Schlimmste für ihn als Schüler ist die Tatsache, dass seine Eltern nicht in das bäuerliche Weltbild der erwachsenen Dorfbewohner und deren Kinder passen. Die Familie kommt ursprünglich aus Berlin und sein Vater Uwe Bremer gehört zu den fünf Gründungsmitgliedern der berühmten Rixdorfer Druckwerkstatt der Dichter. In dem Schlösschen, das im Nachbardorf der zweite Wohnsitz der Familie wird, findet ein ständiges Kommen und Gehen bekannter Künstler, Schriftsteller und Journalisten statt. In Zeiten von RAF und der „Atomkraft- nein danke“-Bewegung sind für die Dorfbewohner alle Besucher entweder Gammler oder potenzielle Terroristen. Während die Eltern fast in einer Blase auf ihrem Schlösschengrundstück leben und kaum etwas von der Ablehnung mitbekommen, muss Jan Peter jeden Tag in der Schule die Verachtung und den Hass auf seine Familie aushalten. Er sagt nie etwas, das hat man damals nicht getan.
Die Jahre vergehen. Jan Peter ist in der 7. Klasse und darf auf das Gymnasium wechseln. Langsam ändert sich dort seine Situation, als er entdeckt, wie gut es ihm geht, wenn er liest und eigene kleine Geschichten verfasst. Diese sind wirklich gut und er wird erstmalig gelobt. Sein Selbstwertgefühl steigt und damit scheint die Chance zu bestehen, endlich Freunde zu finden.
Der Autor schreibt liebe-und humorvoll über seine Eltern und deren Freunde. Wie er als Junge versucht, trotz seiner vielen Schwierigkeiten kleine Freuden im Leben zu entdecken, das ist rührend zu lesen. Ein leises Buch, dessen Lektüre ich mit einem Lächeln beendete.

Wer mehr über das Leben des Künstlers Uwe Bremer und dessen Freunde erfahren möchte, dem empfehle ich diesen Bildband. Ein Augen- und Leseschmaus!

Wir sind wandelnde Pfützen

Heute habe ich für Sie einen Buchtipp passend zum nassen Herbstwetter.

„Unser Körper besteht zu 80 % aus Wasser. Wir sind also aufrecht stehende Pfützen.“ besagt ein Kalenderspruch, den ich in diesem Buch gefunden habe:

Auf 136 Seiten beleuchten die beiden Autorinnen (Journalistin und Geografin) das Thema Pfützen. Dank zahlreicher Fotos und launig geschriebenen Texten werden uns die Augen geöffnet, an welchen besonderen Miniseen wir zumeist als Erwachsene gedankenlos vorbei gehen oder über die wir uns sogar ärgern. Als Kind war das anders, plitschplatsch in eine Pfütze gesprungen, war das nicht herrlich?

Die einen ärgern sich darüber, beim Spazierengehen Umwege machen zu müssen, die anderen freuen sich, dass die Pfützen den Himmel auf die Erde holen


Drösele ich mal auf, wo die Pfütze eine Rolle spielt: Picasso, Gerhard Richter und andere Künstler verewigten Pfützen in ihren Bildern, in der Literatur gibt es z.B. Passagen bei Albert Camus oder Günter Grass, wo die Pfütze beschrieben wird. In der Fotografie war und ist die Pfütze ein beliebtes Motiv, angeführt von dem Bild „Der Sprung“ von Henri Cartier-Bresson. Zu jeder Jahreszeit bieten die Minigewässer Hingucker:

Blätterschiffchen im Herbst

In unseren grauen Städten bringen Pfützen Farbe und Abwechslung und wenn es windig ist, noch flüchtige Bewegungen.


Das sind „Wohlfühlargumente“, die für die Pfütze sprechen, doch es gibt noch wichtigere Gründe, Pfützen zukünftig mehr wertzuschätzen.
Pfützen sind lebenswichtige Plätze für Flora und Fauna. Pflanzen wachsen in Pfützen oder benötigen das feuchte Mikroklima des Wassers.(Z.B. seltene Orchideen in freier Natur).

Große wie kleine Tiere brauchen Pfützen als Trinkplatz. Trocknen Pfützen nicht nach wenigen Tagen wieder aus, siedeln sich Kleinstlebewesen an, Molche und Frösche nehmen die Pfütze als Laichgewässer.


Wie oben schon angedeutet, sorgen Pfützen für ein feuchtes und damit auch kühlendes Mikroklima. So könnten sie auch für uns Menschen ein Mittel sein, nach Starkregenfällen in heißen Sommern die Umgebungstemperatur zu senken. Warum sich im Garten nicht eine „Privatpfütze“ anlegen?

Mir ist echt „pfützig“! Dieses Wort gab es schon mal im Frühneuhochdeutschen und starb dann um 1500 aus. Schön wäre es, wenn es in die deutsche Sprache wieder zurückkehren würde, denn es bedeutete in früheren Zeiten: „Eine als nützlich erachtete Sache mit Spaß und Eifer vorantreiben“.

Wieder in eine Denkfalle getappt?

Was ist richtig, was ist falsch? Was ist das Beste, was ist das Schlechteste? Soll ich oder soll ich nicht? Kann ich oder kann ich nicht?
Wir müssen jeden Tag Entscheidungen treffen und versuchen, durch Nachdenken ein gutes Ergebnis zu erreichen. Doch leider tappen wir alle immer wieder in Denkfallen, die uns den Alltag erschweren.
In acht Kapiteln erklärt uns die Autorin dieses Buches, welche Arten von Denkfallen es gibt, erläutert diese mit vielen Beispielen und zeigt Möglichkeiten auf, wie man u.U. richtiges Denken erlernen kann. (Das geht leider nicht immer, dazu gleich noch mehr).

Fangen wir mit drei Beispielen von leicht erkennbaren Denkfallen an:
Sie sehen in einer Glasbläserei, wie eine Person durch das Blasen in ein Rohr eine Vase ausformt. Das sieht ja einfach aus, das kann ich auch!

Falsch gedacht. Dazu gehören viel Übung und Wissen, das kann man nicht aus dem Lamäng = eine Illusion dank Selbstüberschätzung.
Denkfalle Nr. 2: Sie müssen etwas vorführen oder vortragen. Bei der Vorbereitung gehen sie es aber nur im Kopf durch und meinen dann, es schon zu können. Zwischen Theorie im Kopf und Praxis im Tun liegt ein großer Unterschied!
Denkfehler Nr. 3: Wir stellen nur solche Fragen, die unsere vorgefasste Meinung bestätigen. Ein Beispiel: Ein Junge kommt mit einem zerrissenen T-Shirt nach Hause. Die Mutter fragt sofort:“Hast du dich wieder mit jemandem geprügelt?“ Das kam in der Vergangenheit schon zweimal vor. Dass der Junge mit dem Shirt an einem Zaun oder einer Tür hängen geblieben oder das Shirt wegen Altersschwäche einfach gerissen ist, kommt für die Mutter nicht in Frage. Zu versuchen, andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, könnte ein Weg sein, zukünftig Situationen richtig einzuschätzen.

Schwer wird es, Denkfallen zu umgehen, wenn unser Gehirn auf urzeitliche Erfahrungen zurückgreift. Bei unseren Vorfahren führte der Verlust von Nahrung zum Tod. Verlust war also ein großer Angstzustand, der bis heute unser alltägliches Handeln bestimmt. Was wir einmal besitzen, wollen wir nur ungern wieder abgeben. Schauen wir doch mal in den Kleiderschrank:


Da wäre weiterhin die Vorliebe für Bequemlichkeit. Gilt eine Ursache für einen Zustand als passend, warum dann noch groß nach anderen Ursachen suchen? Selbst wenn wir meinen, dass wir unvoreingenommen urteilen, ist unsere Meinung tendenziös, da unser Gehirn auf viele Erfahrungen zurückgreift, die wir brauchen, um uns in der Welt zurechtzufinden. Das geschieht unbewusst, ist aber leider so.

Die Autorin ist Professorin für Psychologie an der Yale University. Sie ist hoch dekoriert und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Denkmustern. Ihr Buch, aus dem ich Ihnen nur einige wenige Denkfehler vorgestellt habe, las ich in kleinen Häppchen, um über das Gelesene in Ruhe nachzudenken. Wie sie unser Denken aufdröselt, fand ich zumeist schlüssig. Zukünftig alle möglichen Denkfallen zu umgehen, ist ein für mich aussichtsloses Unterfangen, aber das stetige Bewusstsein, dass das eigene Denken falsch oder beeinflusst sein könnte, kann ein guter Anfang sein.
Der Autorin hofft, dass ihr Buch dazu beiträgt, dass besseres Denken das eigene Leben erleichtert und den Umgang mit anderen Menschen fairer macht, weil man unvoreingenommener ist. Ich hoffe mit ihr!

Das glückliche Geheimnis

Arno Geiger schreibt über sein Leben als Schriftsteller und sein ganz persönliches Geheimnis.
Er lebt in den 90er Jahren als junger Mann zusammen mit seiner Freundin in einer kleinen ärmlichen Wohnung in Wien. Sein Traum ist es, Schriftsteller zu werden.
Eines Tages entdeckt er in einem Altpapiercontainer einen Stapel Bücher. Er sucht weitere Container ab, findet auch dort welche und beginnt, Bücher auf Flohmärkten gewinnbringend zu verkaufen. Die nächsten drei Jahre macht er daraufhin wöchentlich seine mehrstündige Tour zu den Altpapiersammelstellen. Am Anfang geniert er sich noch, denn wer in Abfall kramt, wird als Bettler stigmatisiert. Aber gewinnbringende Funde wie beispielsweise Originalpostkarten von den Wiener Werkstätten lassen seine Bedenken verblassen. Sein Grundeinkommen ist gesichert.
Erste Erfolge stellen sich in seiner Schriftstellerkarriere ein, aber der große Durchbruch ist es noch nicht. Wird er als Müllsammler enden? Er bekommt für ein Jahr ein Stipendium und geht nach Berlin. In dieser Zeit macht er viele neue Erfahrungen und als er nach Wien zurückkehrt, beginnt eine neue Lebensphase. Inzwischen hat er sich von seiner Freundin getrennt und ist mit Karin, seiner späteren Frau, zusammen. Die Beziehung ist schwierig, denn er ist nun ganz auf das Schreiben seines nächsten Romans fokussiert und hat nicht die Zeit, die sich Karin von ihm wünscht. Sein Laufbahn wird 2005 schließlich gekrönt vom Gewinn des Deutschen Buchpreises. Er ist jetzt ein gefragter Mann, das Verhältnis zu Karin wird dadurch nicht leichter. Beide haben Affären, sie trennen sich und sind dann wieder ein Paar. Hinzukommt, dass sein dementer Vater immer pflegebedürftiger wird und er zwischen Wien und Wolfurt in Vorarlberg pendeln muss.
Was ihn diese Zeit durchstehen lässt, das sind seine Radtouren zu den Altpapiercontainern. Körperlich halten sie ihn fit und seine Funde sind für seinen Beruf inzwischen unabdingbar. Neben Büchern hat er früher auch Briefe mitgenommen. Er macht jetzt seine Runden, um weitere Briefkonvolute zu finden, denn diese Briefe geben ihm Einblicke in Lebenswelten, die oft so ganz anders sind als seine eigene. Nichts Menschliches ist ihm mehr fremd und besonders Schriftstücke, die sich mit alten Kriegserfahrungen auseinandersetzen, werden Inspirationen für einige seiner nächsten Werke.
Am Ende des Buches sind 25 Jahre vergangen. Arno Geiger sucht nicht mehr. Wie er sich in dieser Zeit mehrfach gewandelt hat, so hat sich auch der Alltag verändert. Handschriftliches findet man nicht mehr, stattdessen mehr Pizza-und Weinkartons. Sein Entschluss steht fest: Er wird über sein glückliches
Geheimnis schreiben, seinem Doppelleben als Müllsammler.

Ein Krimi als Erinnerung an eine verlorene Welt

Zusammen mit seinem Hund Mars lebt der ca. 50 Jahre alte Gus alleine auf einem Bauernhof in den Cévennen. Er hat seinen Platz im Leben gefunden und kümmert sich hingebungsvoll um seine Kühe und sein Land. Telefon hat er keins, den alten Fernseher stellt er nur selten an. Außer zu Abel, einem ebenfalls alleinlebenden älteren Bauern in der Nachbarschaft, hat er kaum Kontakt zu anderen Menschen.
Die Ruhe im Leben von Gus ist vorbei, als er eines Abends Schüsse und schreckliche Schreie auf dem Grundstück von Abel hört. Gus ist geschockt und traut sich erst am nächsten Tag, zum Hof des Nachbarn zu gehen. Abel ist jedoch wohlauf, reagiert allerdings auf den Besuch von Gus unwillig und versucht ihn loszuwerden. Abels ungewöhnliches Verhalten weckt die Neugierde von Gus, zumal ihm plötzlich frühere Zusammentreffen mit Abel einfallen, die darauf hindeuten, dass sein Freund Geheimnisse hat.
Gus beschäftigen aber auch noch andere Merkwürdigkeiten. Sein Hund wird im Wald angegriffen und verletzt. An der Stelle, wo es passiert ist, findet Gus im Schnee Spuren von nackten Füßen. Dann tauchen kurz hintereinander auf seinem Hof zwei Evangelisten auf, die mit ihm über Gott sprechen wollen und der Bürgermeister des Dorfes, über den Gus eine schlechte Meinung hat, möchte Gus plötzlich seinen Hof abkaufen. Das alles beschäftigt Gus, aber noch verläuft sein Leben in geordneten Bahnen. Die Katastrophe beginnt, als Abel ihn unverhofft zu einem Abendessen einlädt…

Dieser „Roman Noir“ hat die Spannung eines Krimis, aber mit der Geschichte von Gus und Abel setzt der Autor Bouysee dem früheren Leben auf dem Lande auch ein Denkmal. Es war ein Leben voller Gewalt, aber auch ein Leben, in dem Menschen noch Ehrfurcht vor der Natur hatten und die Natur „lesen“ konnten. Bouysse beschreibt dieses archaische Leben mit eindringlichen Bildern, die nicht gleichgültig lassen.

Eine Geschichte der Frauen in 100 Objekten

Angesichts der Tatsache, dass die Autorin Annabelle Hirsch deutsch-französische Wurzeln und u.a. in Paris Kunstgeschichte studiert hat, ist es nicht verwunderlich, dass von den 100 beschriebenen Objekten ca. die Hälfte aus Frankreich kommt. So liest man nicht nur eine Geschichte der Frauen, sondern erfährt auch viele überraschende Details über unser Nachbarland.
Dieses Buch (411 Seiten) hat mich in vieler Hinsicht begeistert. Jedes Objekt stellt die Autorin auf höchstens drei Seiten vor, so dass sich die Lektüre optimal für den kleinen Lesehunger von dem Einschlafen eignet.
Das Alter der Objekte reicht von 30000 Jahren vor Chr. bis zum Jahr 2017.
Wussten Sie, dass es seit zehn Jahren Indizien gibt, dass die urzeitlichen Gemälde in den französischen Höhlen, die von den Wissenschaftlern bis dahin wie selbstverständlich den Männern zugeschrieben wurden, auch von ihren Frauen stammen?
Kennen Sie die Geschichten vom „Le rouge Baiser“, dem „100-KM/H-Mantel“ des Pariser Modehauses Dornac oder des Messers der Mère Filloux, die den Ruhm Lyons als Haute Cuisine-Stadt auslöste? Ich habe oft gestaunt, durch welche Umstände die Rechte von Frauen vergrößert oder öfter beschnitten wurden, wenn es den Männern gerade passte. (In Hollywood gab es beispielsweise bis in die 30er Jahren mehr Regisseurinnen und Produzentinnen, doch dann entdeckten Männer, dass man mit Filmen Geld verdienen konnte und das Ende der mächtigen Frauen von Hollywood wurde eingeläutet.)

Lois Weber drehte bis 1940 138 Filme, also in einer Zeit, in der Frauen noch nicht wählen oder ein eigenes Bankkonto besitzen durften

Manche Kapitel haben mich empört. Schlimm das Foto von Robert Capra, das 1944 die dreiunszwanzigjährige Simone Touseau in Chartres zeigt, die glatzköpfig mit einem Baby auf dem Arm von Menschen beschimpft und auf der Straße gejagt wird. Die Autorin erzählt anhand des Fotos die Geschichte der „Épuration sauvage“, bei der Frauen, die mit den Deutschen kollaborierten, gebrandmarkt wurden.
Kennen Sie Brownie Wise, Liane Berkowitz, Majorie Hills oder Elisabeth Selbert? Dieser Name und viele andere, oft vergessene, Namen sind mir im Zusammenhang mit der Geschichte der Frauen zum ersten Mal begegnet. Da die Autorin in jedem Kapitel kurz und knackig schreibt, bleiben viele Möglichkeiten, sich nach Beendigung des Buches in eins der hundert Frauenthemen zu vertiefen.

Annabelle Hirsch bietet in ihrem Buch Fakten aber auch Denkmodelle an, in denen sie die Geschichte der Frau neu interpretiert. Bei manchen dieser Überlegungen verfällt sie allerdings in ein schwarz-weißes Denkschema, das sie sonst den Männern vorwirft. Das ist schade.

P.S. Meine Heldin ist übrigens Elisabeth Selbert.

Man spricht immer von den „Vätern des Grundgesetzes“, aber „nur“ 61 von den 65 Mitgliedern des Gremiums waren Männer. Zu den vier Frauen der Gruppe gehörte Elisabeth Selbert. Gegen große Widerstände aller anderen Mitglieder setzte sie durch, dass der Satz:“Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ in das Grundgesetz mit aufgenommen wurde.

2024- Das Jahr der Musik

2019 erschien im Diogenes Verlag zum ersten Mal ein Musikkalender in Buchformat unter dem Titel „Ein Jahr voller Wunder“. Für jeden Tag des Jahres wählte die Autorin einen Komponist oder Komponistin aus, erzählte kurz die Lebensgeschichte und stellte ein Stück vor.
Für 2024 gibt es erneut diesen Kalender:

Ich bekam vom Diogenes Verlag eine Leseprobe und diese machte mich neugierig. Der Schwerpunkt der 2024er Ausgabe liegt in der Präsentation von Komponistinnen. Hier ein Beispiel:

10. Januar 2024

Germaine Tailleferre (1892 – 1983)
Violinsonate Nr. 2

1: Allegro non troppo

Heute gibt es eine frische, anmutige Violinsonate von einer der coolsten Frauen in der Musik des 20.Jahrhunderts. Geboren als Marcelle Germaine Taillefesse, änderte sie ihren Namen in einem bewussten Akt der Rebellion gegen den Vater. Dieser untersagte ihr nämlich – wie es wohl die meisten bürgerlichen Väter von Töchtern jener Zeit getan hätten –ihrer großen Leidenschaft nachzugehen: der Musik. Sie ließ sich nicht beirren, nahm weiterhin Klavierunterricht bei ihrer aufgeklärten Mutter (Hut ab, MadameT.!) und ergatterte schließlich einen Platz am renommierten Pariser Konservatorium. Dort studierte sie zusammen mit vielen der interessantesten Musiktalente der damaligen Zeit, darunterFrancis Poulenc (7.Januar) und Maurice Ravel (5.April), der sie besonders zum Komponieren ermunterte.Tailleferre lebte lange und war sehr produktiv und komponierte alles, von Balletten für Sergei Djagilew, den bad boyder Tanzmoderne,bis hin zu Filmmusiken, die kühn afrikanische Themen aufgriffen, und Konzertwerke für ungewöhnliche Instrumente wie Saxofone. Als einziges weibliches Mitglied der avantgardistischen Pariser Gruppe Les Six war sie natürlich stark mit den vorherrschenden Vorurteilen gegenüber Komponistinnen konfrontiert, doch allem Vernehmen nach hat sie sich davon nicht in ihrem Schaffen beirren lassen. Ganz besonders liebe ich,dass sie anscheinend bis kurz vor ihrem Tod, mit Anfang neunzig, immer noch am Klavier saß und komponierte.
Ich habe für Sie einen Ausschnitte aus o.g. Werk ausgesucht:

2024-Auf zu einer musikalischen Entdeckungsreise!

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