Utopie in Nincshof

Eine kleine Frankreichauszeit muss auch mal sein…Hier eine weitere Urlaubslektüre:

Das Dorf Nincshof liegt an der österreichisch-ungarischen Grenze. Der Bürgermeister und zwei Mitstreiter möchten dafür sorgen, dass das Dorf aus dem Gedächtnis der Allgemeinheit verschwindet. Zu lange haben sich die da oben in Wien schon in die Belange des Dorfes eingemischt und die Herden von Radfahrern im Sommer sind den Herren ein ganz besonderes Dorn im Auge. „Freiheit den Nincsdorfern- Nincsdorf der Freiheit!“ ist der Kampfspuch, der aus einer alten Legende stammt. Ortsschilder werden abmontiert, im Internet Einträge gelöscht, in der nächsten Bibliothek alle Spuren von Nincsdorf entfernt.
Die Drei sind auf einem guten Weg und holen sich als Verstärkung noch Erna Rohdiebl mit ins Boot. Ende 70, hat sie in letzter Zeit subversives Potential bewiesen, als sie heimlich nachts in einem Privatswimmingpool mehrmals schwimmen gegangen ist.
Die Vier, sie nennen sich „Die Oblivisten“, haben Isa und ihren Mann im Visier. Das Ehepaar ist aus Wien neu in das Dorf gezogen. Sie ist Filmemacherin und interessiert sich auffällig für die Geschichte von Nincsdorf, ihr Mann ist Ziegenwirt und züchtet eine ganz seltene Ziegenart. Von den beiden drohen Aktivitäten, die die revolutionäre Bewegung in Gefahr bringen könnten. Ein Film über Nincsdorf, Ziegenberichte im Internet-undenkbar!
Doch dann lernt Erna Isa näher kennen und ihr kommen Zweifel an den oblivistischen Aktivitäten. Sie muss die Männer zur Vernunft bringen, als die Aktionen immer mehr aus dem Ruder laufen- kein leichtes Unterfangen.

Ein intelligenter und humorvoller Unterhaltungsroman, wie ich ihn schon lange nicht mehr gelesen habe.

Ein Buch im Buch im Buch im Buch…

Der Autor Jean-Philippe Touissant gerät in Panik, als er während der Coronazeit hört, dass der erste Lockdown bevorsteht. Er hat gerade sein Buch „Die Gefühle“ abgeschlossen, die Korrekturfahnen vom Verlag gegenzulesen, wird für diese besondere Zeit nicht erfüllend sein. So beschließt er, das Buch „Die Schachnovelle“ von Stefan Zweig zu übersetzen, einen Essay über das Übersetzen von Büchern zu verfassen und mit einem neuen Buch anzufangen, in dem er darüber schreibt, was es für ihn heißt, ein Buch zu schreiben.
Jetzt kommt der „Spiegel im Spiegel“- Effekt, denn wir lesen das fertige Buch, in dem er schreibt, wie er plant, ein Buch zu schreiben und es dann auch wirklich tut und quasi darin eintaucht. Für Touissant ist das Schreiben ein Akt, um innere Verknotungen zu lösen und so liest man beispielsweise von seiner Kindheit und Jugend mit dem besonderen Verhältnis zu den Eltern, er spricht das Thema Alter an, erinnert sich, wie er seine Frau Madeleine kennen und lieben gelernt hat, erzählt von seinem Leben in Brüssel, Paris und Berlin und setzt sich mit den Auswirkungen der Pandemie auseinander. Wie ein roter Faden zieht sich bei seinen Gedanken das Schachspielen durch das Buch, sei es, dass über Schwierigkeiten bei der Übersetzung der Schachnovelle geredet wird oder Touissant bei seinen Erinnerungen besonders auf Momente eingeht, in dem das Schachspiel im Leben eine große Rolle gespielt hat. Die Partien mit seinem Vater waren etwas ganz Besonderes, er hat Schachweltmeister „live“ gesehen und durch Schach hat er gute Freunde gefunden.

Dieses Buch ist ein Literaturleckerbissen. Persönliche Themen, Ideen und Gedanken des Autoren zum Schreiben und zum Schach sind so miteinander verschlungen, dass das Buch zu einem besonderen Leseerlebnis wird. Muss man Schach spielen können, um das Buch genießen zu können? Nein, es fehlt dann nur die Kirsche auf einem großen Stück leckeren Schokokuchen.

Herzlich willkommen! (FR Nr. 4)

Meine Vorfreude auf die Einladung von Axel Birgin und seiner Frau Marie in Saint-Julien de Peyrolas war groß, denn ich hatte zuvor dieses Buch von Axel gelesen:

Er beschreibt mit Humor und dokumentiert es auch mit Fotos, wie er und seine erste Frau ein ca. 300 Jahre altes Gehöft mit viel dazugehörigem Land gekauft haben und dann anfingen, es zu renovieren und auch umzugestalten. Kein leichtes Unterfangen, wenn man eigentlich in Karlsruhe wohnt, kein Französisch spricht und auch handwerklich anfangs kein Tausendsassa ist. Aber die beiden haben viel Glück mit ihren Nachbarn, die immer tatkräftig zur Seite stehen und gute Ratschläge parat haben und Schritt für Schritt erschaffen sie sich ein kleines Paradies.
Inzwischen sind 30 Jahre vergangen. In der Coronazeit sind Axel und seine zweite Frau Marie erstmalig acht Monate am Stück in Frankreich und merken, dass sie nach Deutschland eigentlich nicht mehr zurück möchten. So sind sie heute in Karlsruhe nur noch zu Besuch und genießen ihr französisches Domizil. Na ja, fast immer, denn auch hier knarzt es manchmal, wie in dem Buch in kleinen Alltagsgeschichten zu lesen ist. Ergänzt werden diese Berichte durch Beschreibungen der besonderen Tierwelt auf ihrem Land und es gibt auch Erklärungen über typisch Französisches. Wussten Sie z. B., wie das typische Tabakschild zu seinem Aussehen kam?

Gibt es etwa eine Schutzheilige der Raucher???

Das Buch ist feiner Lesestoff für Frankreichliebende und Pflichtlektüre für alle, die von einem eigenen Heim in Frankreich träumen.

Der schöne Abend war schnell vergangen. Wir wurden herzlich empfangen und hatten uns viel zu erzählen, obwohl wir uns vorher persönlich gar nicht kannten.

Axel und Marie in ihrem Garten
Oben: Von der Terrasse hatte man einen grandiosen Blick bis zum Mont Ventoux.
Links unten: Der Hahn ist fast schon ein Wahrzeichen für das Anwesen, daneben: In der Einfahrt empfingen uns diese herrlichen blauen Iris und prompt war man in „Van-Gogh-Stimmung“!

Am nächsten Tag sahen wir uns morgens Aiguèze an. Zuerst mussten wir diese ziemlich spektakuläre Brücke überqueren.

Kurz danach empfing uns das wie aus dem Ei gepelltes provenzialisches Örtchen Aiguèze. Keine Menschenseele, wir hatten alle Schönheiten für uns alleine!

Danach ging es weiter zum Gorges d‘Ardèches. Es war unglaublich windig, beim Fotografieren musste man aufpassen, dass man nicht von den Aussichtspunkten weggeweht wurde.

Wir wären gerne länger geblieben, aber der Sturm wurde immer unangenehmer und es zog uns weiter Richtung Martigues, wo wir für die nächsten Tage unsere erste Ferienwohnung bezogen. Als wir ankamen, fragten wir uns etwas verwundert: „Sind wir wirklich noch in Frankreich“? Mehr dazu am Donnerstag.

Bitte Service!

Wir steigen ein in die brodelnde und knisternde Stimmung eines exquisiten Restaurants in Dublin. Daniel Costello ist der Besitzer und hat als Koch den Status eines Superstars. Um ihn herum arbeiten der Restaurantmanager, mehrere Köche, zwei Barmänner, die Empfangsdame und mehrere Kellner und Kellnerinnen, darunter auch Tracy und Hannah. Daniels Welt scheint vollkommen, denn auch familiär kann er sich mit seiner Frau Julie und den Söhnen Kevin und Oskar glücklich schätzen. Doch dann wird er „wegen einer Sache“ angeklagt und muss vor Gericht. Dies schadet seinem Ruf so sehr, dass er sein Restaurant schließen muss. Auch das Verhältnis zu Julie ist angespannt, denn „ die Sache“ sind sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen.
Abwechselnd aus der Sicht von Hannah, Julie und Daniel wird das Leben im Restaurant und die Zeit vor, während und nach der Gerichtsverhandlung geschildert.
Hannah ist eine sehr junge unerfahrene und schüchterne Studentin, die in den Semesterferien in dem Restaurant arbeitet. Während der Öffnungszeiten des Restaurants herrscht im Servicebereich permanent eine angespannte Stimmung, die manchmal ungewollt sogar in körperliche Aggressivitäten ausarten kann. Umso ausgelassener ist die Stimmung, wenn der letzte Gast gegangen ist. Das wird abendlich mit Alkohol und manchmal auch mit Drogen gefeiert. Während Tracy sich noch zusammen mit dem ein oder anderen Kollegen körperlich entspannt, stürzt Hannah oftmals betrunken ab und ist am nächsten Tag öfter unzulänglich. Aber Daniel lässt bei seiner „Süßen“ Milde walten, belohnt sie mit Komplementen oder widmet sich ihr persönlich, um ihr noch mehr beizubringen. Hannah ist in ihrer Unerfahrenheit einerseits stolz auf diese bevorzugte Behandlung, auf der anderen Seite kann sie immer schlechter damit umgehen…
Julie liebt ihren Mann. Er sieht gut aus, ist tatkräftig, seine ungebrochene Begeisterung für das Kochen und sein Restaurant und seine Loyalität ihr gegenüber rechnet sie ihm hoch an. Umso mehr ist sie verletzt und verunsichert, als es zu der Anklage kommt. Langsam formt sich bei ihr ein Bild von Daniel als Mädchen- und Frauenschwarm, das sie jahrelang ignoriert hat. Sie beginnt an Daniels Glaubwürdigkeit zu zweifeln, zieht sich von ihm zurück. Als sie Daniel in den Gerichtssaal begleitet, ändert sich dies, denn sie sieht Tracy, die aufreizende Anklägerin. Daniel ist für kurze Zeit in Julies Augen unschuldig, ein weiteres Zusammenleben scheint möglich sein…
Daniel kann als Herrscher über sein Reich alle Angestellten so behandeln, wie es ihm passt. Dazu gehört auch körperlicher Kontakt, wenn es sein muss. Deshalb versteht er die Welt nicht mehr, als es zur Anklage kommt. Wieso wird nicht mal darüber gesprochen, wie oft er Opfer von sexuellen Anspielungen von weiblichen Gästen war? Es gehören immer zwei dazu, wenn was passiert. Und wieso sind weiße Männer jetzt an allem schuld? Nur sehr selten plagen Daniel Schulgefühle und Angst, er ist der geborenen Sieger. Oder doch nicht?

Es gibt inzwischen diverse Romane zu diesem Thema und ich wollte ihn eigentlich „ nur mal eben anlesen“, aber die beschriebene Atmosphäre in dem Restaurant nahm mich zuerst gefangen. Dazu baute sich langsam eine Spannung auf, durch die sehr unterschiedlichen Blickwinkel, aus denen die Ereignisse beschrieben werden. Hannahs Unglück kommt immer näher, man ist überrascht von Tracys plötzlicher Anklage, hat Mitleid mit Julie. Und Daniels Gedanken sind noch einmal ein ganz anderes Thema.
Die irische Autorin hat einen beeindruckenden psychologischen Roman geschrieben und möchte mit ihm auf Missstände im irischen Justizsystem hinweisen, wie aus den Anmerkungen am Ende des Buches zu lesen ist. Diese Hindernisse bei der Behandlungen solcher Straffälle finden sich auch im deutschen Rechtssystem.

Pinguin liebt Bär

Passend zum Monat der Liebe möchte ich Ihnen heute dieses Bilderbuch vorstellen. Soooooo schön!

Pinguin liebt Bär. Er weiß, dass sie aus verschiedenen Gründen nicht wirklich zusammenpassen, aber er überwindet sich, fährt über das Meer zum Leuchtturm, wo Bär wohnt und gesteht ihm seine Gefühle. Bär lacht und weiß auch gar nicht, was Liebe ist. Pinguin versucht, es ihm zu erklären, aber die Anzeichen von kribbelnden Zehen und einem seekranken Bauch kann Bär bei sich nicht feststellen. Pinguin schlägt nach langem Nachdenken deshalb vor, eine Weile bei Bär zu bleiben, bis er entweder auch so fühlt oder Pinguins Liebe abgekühlt ist. Bär ist einverstanden und beide verbringen zusammen einen tollen Sommer. Sie unternehmen viel, erzählen sich alles und kümmern sich umeinander.


Als es Herbst wird, beschließt Pinguin, die Leuchtturminsel zu verlassen. Er liebt Bär immer noch, aber anscheinend erwidert Bär seine Liebe nicht. Bär ist überrascht, dass Pinguin geht, lässt ihn aber ohne ein Wort ziehen. Pinguin fährt traurig zurück und auch Bär merkt, dass es ihm plötzlich nicht gut geht. Allein auf seinem Leuchtturm zu leben, machte ihm bisher nichts aus, aber jetzt fühlt er sich einsam und alles ist trostlos und grau. Er vermisst Pinguin sehr und beginnt zu weinen. Eine Träne kullert weg und er folgt ihr…Wird die Geschichte ein gutes Ende haben? JAAA!

Das Buch für ein Lesehüngerchen

Möchten Sie manchmal abends gerne noch lesen, sind aber eigentlich für Ihren Roman oder Krimi zu müde und machen mit einem kleinen Frustgefühl das Licht aus? Oder Sie haben eigentlich gar keine Zeit, um in ein Buch zu gucken, würden aber gerne mal eben fünf Minuten Leseerholung tanken?
Dieses Buch sollte dann in Ihrer Nähe sein, denn seine Texte „gehen immer“.

Hier liegt eine Sammlung von Texten vor, die Ortheil von 2018 bis 2023 geschrieben hat. Manche ganz für sich privat, andere wiederum als Kolumne für eine Zeitung. Seine Betrachtungen sind oft nur eine halbe Seite lang, haben selten mehr als zwei Seiten, nur eine längere Geschichte ist enthalten, aber schon portioniert zwischen den anderen Texten verteilt.
In Buchbesprechungen werden gerne Wörter wie „Schatzkiste“, „Kaleidoskop“ oder „Fundgrube“ gewählt, wenn die Bandbreite der Buchthemen zum Ausdruck gebracht werden soll. Ich toppe dies und nenne das Buch ein Füllhorn.

Ortheil erinnert sich an seine Kindheit, erzählt stimmungsvoll von Beobachtungen in Italien, seiner Lieblingsstadt Köln und anderen bereisten Gegenden, nimmt die Coronazeit genau unter die Lupe, untersucht neuste Trends mit kritischem Blick. Seine Liebe gilt den Büchern, der Musik und der Kunst und man bekommt eine nicht zu verachtende Zahl von weitgefächerten Lese-und Hörtipps.

Die Stimmungen der Texte sind sehr unterschiedlich. Wenn er beispielsweise davon erzählt, wie er als kleiner schüchterner Junge im Karneval sich als Pastor verkleidet hat und in dem Gewand plötzlich ein ordentliches Selbstbewusstsein bekommt, so liest sich das anrührend und humorvoll. Auch seine Liebe zu dem Fußballverein Wuppertaler SV in der 4. Liga hat gerade für MSV Fans etwas Tröstliches.
Ortheil wird grummelig, wenn er einfach nur in einem Wald spazieren gehen möchte und dabei von Sportbesessenen, die durch den Wald hechten, wie ein Kuriosum betrachtet wird. Auch Videokonferenzen kann er wenig Gutes abgewinnen.
Von traurig bis hin zu ungewöhnlich oder gar absurd bezeichne ich die Texte, bei denen er einfach nur Menschen auf der Straße beobachtet und ihnen zugehört hat.
Zum Nachdenken und Innehalten regen die Texte an, die sich mit der derzeitigen politischen Lage, der Jugend, der herrschenden Einsamkeit und der Coronazeit beschäftigen. Was haben wir durch Corona für immer verloren und was nahmen wir uns alle während der Coronazeit vor? Mehr Wertschätzung des Alltagslebens, mehr Augenmerk auf umweltverträgliches Verhalten, einen freundlicheren Umgang mit seinen Mitmenschen… was ist davon noch geblieben?

Papier und Bleistift sollten bei der Lektüre parat liegen, um evtl. denkwürdige Sätze unterstreichen zu können oder sich ein paar von Ortheils Lese-, Film-und Hörerlebnissen zu notieren.


Ich heiße James

Erinnern Sie sich an Mark Twains Geschichte von Huckelberry Fynn? Wenn ja, dann kennen Sie auch James!
Huck wohnte zeitweise bei der Witwe Watson, die einen Sklaven Jim besaß. Jim ist dieser James und seine Geschichte wird von dem amerikanischen Autor Percival Everett auf eine ganz unglaubliche Weise erzählt.

Huck und Jim sind Freunde und das Leben geht seinen Gang. Das ändert sich schlagartig, als es Gerüchte gibt, dass die Witwe Watson Jim alleine verkaufen will. Was wird dann aus seiner Frau Sadie und Tochter Lizzie? Jim taucht für ein paar Tage unter und fährt zu einer Insel mitten im Mississippi, um zu überlegen, wie und wohin er und seine Familie flüchten soll. Kurze Zeit später taucht Huck dort auf. Er hat mit seinem Vater Ärger und erzählt Jim, dass er inzwischen als entlaufender Sklave gesucht wird. Huck und Jim können nicht auf der Insel bleiben und eine abenteuerliche Flucht beginnt. Die beiden haben permanent Angst vor Verfolgung, nur selten finden sie etwas Ruhe. Sie treffen auf argwöhnische Weiße und auf andere Sklaven, mehrmals werden die beiden getrennt, finden aber immer wieder zueinander. Jim erfährt, dass inzwischen Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten herrscht, er muss wieder nach Hause zurück. Aber Frau und Tochter sind inzwischen an eine Sklavenzuchtfarm verkauft worden und Jim macht sich mit Huck auf, die beiden zu befreien.

In der spannenden Handlung des Romans gibt es Beschreibungen von schrecklicher Gewalt und Ungerechtigkeit gegenüber Sklaven. Ganz anders dagegen die Szenen, die die weiße Bevölkerung bloßstellen und die witziger nicht sein könnten. Wenn Weiße auftauchen, unterhalten sich Sklaven in einem nuscheligen Slang, der den Weißen bestätigt, dass die Ns (ja, das N Wort kommt mehrmals vor) dumm sind. Sind sie unter sich, wechseln sie in die Hochsprache und zeigen sich als kluge und erfahrene Menschen. Von Kindesbeinen an haben sie den Slang lernen müssen, um die Weißen in Sicherheit zu wiegen. Nie darf man sich in der Sprache vertun, selbst bei Huck hält Jim die Fassade so gut es geht aufrecht.

So ist das Buch schon etwas Besonderes, aber der Mensch Jim adelt die Geschichte. Er ist hochgebildet, denn Lesen und Schreiben sind seine Leidenschaften. Als beispielsweise eine giftige Schlange ihn auf der Flucht beißt, diskutiert er im Fiebertraum mit Voltaire, in einem späteren Traum unterhält er sich mit John Locke. Er muss sein Leben aufschreiben, das Leben eines Sklaven im gelobten Amerika und er beginnt:

Es ist grandios, wie der Autor in einem Abenteuerroman die amerikanische Geschichte umschreibt und Sklaven zu den eigentlichen Intellektuellen des Landes werden lässt. Erfreulich, dass es in den USA hohe Wellen geschlagen hat.

Die Burgfrauen von Berlin

Am 1. Mai 1987 kommt die Autorin als junges Mädchen aus Kiel nach Berlin, um für den NDR über eine Hunderasseshow zu berichten. Bei einem Kampf in Kreuzberg zwischen Hausbesetzern und Polizei gerät sie während ihres Aufenthalts fast unter die Räder, wird aber im letzten Moment von zwei Frauen gerettet, die sie in ihr besetztes Haus mitnehmen. Dort leben noch andere Frauen, alle selbstbewusst und unangepasst und das gefällt der Autorin so gut, dass sie in dem Haus bleibt und nicht wieder nach Kiel zurückkehrt.
Fast 40 Jahre sind vergangen. Susanne Matthiessen wohnt immer noch in dem Haus, das inzwischen „Die Burg“ heißt, komplett von den Frauen renoviert und gekauft wurde und in dem nur Frauen in ihren Wohnungen leben.
Matthiessen ist kurz vor ihrem 60sten Geburtstag gekündigt worden. Um den Wegfall Ihres Gehalts zu kompensieren, beschließt sie, ihre Wohnung zu vermieten und in ihren Keller zu ziehen. Da das Leben in Berlin immer teurer wird, die Wohnungsnot immer größer und der bürokratische Wahnsinn immer schlimmer, kommt diese Idee so gut an, dass andere Frauen ebenfalls ein Kellerleben beginnen. Eine Journalistin erfährt davon und schreibt eine Reportage, die hohe Wellen schlägt und schließlich Sahra Wagenknecht die Burg aufsuchen lässt, um die Frauen kennenzulernen und sich ihre Probleme anzuhören. Das sorgt für erhebliche Unruhe im Haus, zumal plötzlich auch Männer in dem Haus auftauchen, sei es als unverschämter Untermieter oder als übergriffiger alter Vater, für den die Tochter keinen Heimplatz findet. Zudem muss heimlich eine Leiche entsorgt werden, nicht leicht, wenn man eine Polizistin plus Spürhund als Nachbarin hat.
Susanne Matthiessen nimmt ihren runden Geburtstag zum Anlass, über ihr Leben und das der anderen Frauen nachzudenken. Als Verfasserin von Reden einer Regierungspartei war sie erfolgreich, jetzt wurde sie abserviert. Familie hat sie keine, die anderen Frauen sind ihre Lebensmenschen. Das Zusammensein ist oftmals chaotisch, aber das gehört einfach dazu. Was die Autorin frustriert ist die Tatsache, dass die feministischen Ideale und Ziele ihrer Gruppe sich trotz der langen Zeit nicht erfüllt haben, denn Frauen sind in vielen Bereichen immer noch nicht gleichberechtigt. Die älteste Bewohnerin der Burg sieht in Susanne eine Kämpferin. Sie hat noch 20 Jahre vor sich und soll das Haus leiten, soll nochmal mit den anderen Bewohnerinnen losziehen, um in Berlin das Leben der Frauen ein Stückchen besser zu machen. Und Susanne hat tatsächlich eine innovative Idee, wie sie und ihre Mitstreiterinnen wie in den alten Zeiten für die Rechte der Frauen sich einsetzen und auf Missstände aufmerksam machen können.

Ein turbulentes Buch mit zum Teil schwarzem Humor oder Augenzwinkern. Jedes Kapitel beginnt mit einem Spruch aus dem alten Poesiealbum von Susanne- ach, was sind diese alten Weisheiten doch aktuell! Ein Buch, das Spaß macht und beschwingt!

Bereit für ein Abenteuer?

Dieses Buch nimmt Sie mit auf eine mehrmonatige Abenteuerreise. Nicht nach Borneo, Ecuador oder Kamerun, sondern nach Paris. Allerdings nicht zum Bling-Bling Paris mit Louvre, Eiffelturm oder Place de la Concorde, sondern wir lesen von Exkursionen „außerhalb der Mauer“. Der Mauer? Damit ist die Pariser Stadtautobahn (oder auch Périphérique) gemeint.
Die Autorin Anne Weber ist Deutsche, die bereits seit den 80er Jahren in Paris lebt. Sie wohnt innerhalb der Mauer, gehört zu den Etablierten, den weißen Franzosen. Vor Jahren lernte sie auf einer Reise den Filmemacher Thierry kennen und sie freundeten sich an. Jetzt hat Thierry ein neues Filmprojekt. Er will über die Vorstädte berichten, wo neue Sportstätten für die Olympiade 2024 entstehen. Wie wirken sich diese Projekte auf die „Banlieus“ aus? Thierry ist Franzose mit algerischen Wurzeln und wohnt dort. Er lädt die Autorin ein, ihn bei einem Streifzug durch die Vorstädte im Nordosten von Paris zu begleiten.
Um es vorweg zu nehmen: Am Ende des Buches sind beide über mehrere Monate über 600 Kilometer gelaufen und ein Ende ihrer Expeditionen ist nicht abzusehen. Anne Weber, die sich vorher nie dafür interessiert hat, was jenseits der Périphérique geschieht, bzw. auch Angst hatte, alleine die Vororte aufzusuchen, lernt und sieht in dieser Zeit ungleich mehr als bei ihren früheren weiten Reisen.
Wenn man sich für Frankreich interessiert, erfährt man viel über das noch immer schwierige Verhältnis zwischen Franzosen mit französischen Wurzeln und Franzosen mit nordafrikanischen Bindungen. Die Autorin wird mit den widrigen und teilweise skandalösen Lebensumständen von Franzosen aus Nordafrika oder den Einwanderern aus Senegal, Mali, Sudan oder Indien und Sri Lanka konfrontiert.
Dabei beobachtet sie genau, wie beispielsweise architektonische Desaster aus den 80er Jahren, ausgedacht von sogenannten Stararchitekten und die Zerschneidung der Vororte durch Schnellstraßen zu diesem trostlosen Leben beitragen. Nur selten gibt es kleine Inseln, wo menschliche Wärme zu spüren ist. Eine dieser Inseln ist das Café von Rashid, das für Thierry und Anne eine feste Anlaufstelle bei ihren Wanderungen wird. Sie gehören bald zu den Stammgästen und nehmen an den Schicksalen der anderen Cafébesucher teil.
„Bannmeilen“ ist aber auch ein Buch über Vorurteile und Freundschaft. Anne traut sich anfangs nicht, als weiße Frau in die dunklen Gesichter der Anwohner zu blicken. Sie schämt sich, fühlt sich völlig deplatziert und auch bedroht. Nur langsam lernt sie, dass ihre Anwesenheit den anderen egal ist.
Der Umgangston zwischen Anne und Thierry ist ironisch, manchmal sogar zynisch und politisch völlig inkorrekt. Nur so ist es ihnen möglich, über alles Traurige und Ungerechte, das sie sehen und erfahren, zu reden ohne ihre Freundschaft zu gefährden. Manchmal allerdings hilft das auch nicht mehr und dann ist es besser, einfach zu schweigen.

Ich hätte die beiden gerne auf ihren Wanderungen begleitet und beneide die Autorin um ihren Erfahrungsschatz.

Für alle Gartenseelen

Teodor Cerić, Literaturstudent, flieht während des Krieges in den 90er Jahren aus seiner Heimatstadt Sarajevo und verbringt einige Jahre in verschiedenen europäischen Ländern, wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt.
Schon in seiner Kindheit entwickelt er eine besondere Beziehung zum Gemüsegarten seiner Eltern. Hier hilft er seinem Vater bei den anstehenden Arbeiten und liebt die Stille und die Möglichkeit, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. So sind auf seiner unfreiwilligen Reise Gärten für ihn ein Zufluchtsort. Er besucht den berühmten Kiesgarten des Regisseurs Derek Jarman in England. Jarman legte ihn in den 80er Jahren an, als er an Aids erkrankt war und verbrachte dort seine letzten Lebensjahre. In der Einöde von Dungerness erschafft er ein Festival aus Blüten und Skulpturen, die er aus Strandgut erschafft.
Ganz anders der Garten von Samuel Beckett. Gestaltete Trostlosigkeit, in der Beckett sich von der Welt zurückgezogen hat, um schreiben zu können.
Teodor Cerić mag keine großen Gärten, denn in ihnen fühlt er sich eher einsam. Das ändert sich erst, als er als Hilfsgärtner in den Pariser Tuilerien und im englischen Painshill Garten arbeitet. Er erzählt von der Kameradschaft der Pariser Gärtner inmitten seelenloser Blumenbeete und von Tom Page, der im 18. Jahrhundert in Painsmill als „Schmuckeremit“ lebte.
Rom, Kreta und Graz sind weitere Orte, an denen er grüne Oasen findet, die ihn über Gärten philosophieren lassen.

Einmal mehr entdeckte ich in einem Buch einen gärtnerischen Seelenverwandten und war glücklich bei der Lektüre.