Eine Kindheit zwischen Bauern und Bohemians

So ein kleiner Junge hat es wirklich nicht leicht! Jan Peter Bremer lebt in den 70er Jahren mit seinen Eltern im ländlichen Kreis Lüchow-Dannenberg. Zuerst auf einem Bauernhof in einem Dorf, in dem es nur einen Lehrer für alle Schüler gibt und die Kinder der ersten Klasse von einem Schüler aus der dritten Klasse im Schreiben und Lesen unterrichtet werden. Kein guter Start für die schulische Laufbahn von Jan Peter und er tut sich in den folgenden Jahren sehr schwer, zumal er auch ungelenk ist, mit seinem Wuschelkopf komisch aussieht und manchmal seltsam spricht. Das aber eigentlich Schlimmste für ihn als Schüler ist die Tatsache, dass seine Eltern nicht in das bäuerliche Weltbild der erwachsenen Dorfbewohner und deren Kinder passen. Die Familie kommt ursprünglich aus Berlin und sein Vater Uwe Bremer gehört zu den fünf Gründungsmitgliedern der berühmten Rixdorfer Druckwerkstatt der Dichter. In dem Schlösschen, das im Nachbardorf der zweite Wohnsitz der Familie wird, findet ein ständiges Kommen und Gehen bekannter Künstler, Schriftsteller und Journalisten statt. In Zeiten von RAF und der „Atomkraft- nein danke“-Bewegung sind für die Dorfbewohner alle Besucher entweder Gammler oder potenzielle Terroristen. Während die Eltern fast in einer Blase auf ihrem Schlösschengrundstück leben und kaum etwas von der Ablehnung mitbekommen, muss Jan Peter jeden Tag in der Schule die Verachtung und den Hass auf seine Familie aushalten. Er sagt nie etwas, das hat man damals nicht getan.
Die Jahre vergehen. Jan Peter ist in der 7. Klasse und darf auf das Gymnasium wechseln. Langsam ändert sich dort seine Situation, als er entdeckt, wie gut es ihm geht, wenn er liest und eigene kleine Geschichten verfasst. Diese sind wirklich gut und er wird erstmalig gelobt. Sein Selbstwertgefühl steigt und damit scheint die Chance zu bestehen, endlich Freunde zu finden.
Der Autor schreibt liebe-und humorvoll über seine Eltern und deren Freunde. Wie er als Junge versucht, trotz seiner vielen Schwierigkeiten kleine Freuden im Leben zu entdecken, das ist rührend zu lesen. Ein leises Buch, dessen Lektüre ich mit einem Lächeln beendete.

Wer mehr über das Leben des Künstlers Uwe Bremer und dessen Freunde erfahren möchte, dem empfehle ich diesen Bildband. Ein Augen- und Leseschmaus!

Ein Krimi als Erinnerung an eine verlorene Welt

Zusammen mit seinem Hund Mars lebt der ca. 50 Jahre alte Gus alleine auf einem Bauernhof in den Cévennen. Er hat seinen Platz im Leben gefunden und kümmert sich hingebungsvoll um seine Kühe und sein Land. Telefon hat er keins, den alten Fernseher stellt er nur selten an. Außer zu Abel, einem ebenfalls alleinlebenden älteren Bauern in der Nachbarschaft, hat er kaum Kontakt zu anderen Menschen.
Die Ruhe im Leben von Gus ist vorbei, als er eines Abends Schüsse und schreckliche Schreie auf dem Grundstück von Abel hört. Gus ist geschockt und traut sich erst am nächsten Tag, zum Hof des Nachbarn zu gehen. Abel ist jedoch wohlauf, reagiert allerdings auf den Besuch von Gus unwillig und versucht ihn loszuwerden. Abels ungewöhnliches Verhalten weckt die Neugierde von Gus, zumal ihm plötzlich frühere Zusammentreffen mit Abel einfallen, die darauf hindeuten, dass sein Freund Geheimnisse hat.
Gus beschäftigen aber auch noch andere Merkwürdigkeiten. Sein Hund wird im Wald angegriffen und verletzt. An der Stelle, wo es passiert ist, findet Gus im Schnee Spuren von nackten Füßen. Dann tauchen kurz hintereinander auf seinem Hof zwei Evangelisten auf, die mit ihm über Gott sprechen wollen und der Bürgermeister des Dorfes, über den Gus eine schlechte Meinung hat, möchte Gus plötzlich seinen Hof abkaufen. Das alles beschäftigt Gus, aber noch verläuft sein Leben in geordneten Bahnen. Die Katastrophe beginnt, als Abel ihn unverhofft zu einem Abendessen einlädt…

Dieser „Roman Noir“ hat die Spannung eines Krimis, aber mit der Geschichte von Gus und Abel setzt der Autor Bouysee dem früheren Leben auf dem Lande auch ein Denkmal. Es war ein Leben voller Gewalt, aber auch ein Leben, in dem Menschen noch Ehrfurcht vor der Natur hatten und die Natur „lesen“ konnten. Bouysse beschreibt dieses archaische Leben mit eindringlichen Bildern, die nicht gleichgültig lassen.

Was man von hier aus sehen kann

So lautet der Titel meines gerade beendeten Hörbuchs.

Es spielt in einem kleinen Dorf im Westerwald. Immer wenn die Dorfbewohnerin Selma (Stellen Sie sich Rudi Carrell vor, dann wissen Sie, wie Selma aussieht) einen Traum mit einem Okapi hat, stirbt jemand und am Anfang des Romans hat sie gerade erneut von diesem Tier geträumt. Die Dorfbewohner sind wieder beunruhigt und es drängt sie, Unerledigtes anzupacken, wie z.B. den Optiker, der Selma endlich seine Liebe zu ihr gestehen will oder Louises Mutter, die sich von ihrem Mann trennen möchte. Auch Louise, die zweite Hauptperson in dieser Geschichte, Enkelin von Selma und Schülerin, hat etwas Angst. Doch es passiert nichts, bis eines Tages…

Louise ist inzwischen 30 Jahre. Sie ist Buchhändlerin und verliebt in Frederik, einem buddhistischen Mönch in Japan. Seit dem tragischen Unfall vor zwanzig Jahren hat sich nicht viel in dem Dorf geändert. Nur ihr Vater ist hinaus in die Welt, alle anderen leben weiter in diesem Westerwälder Mikrokosmos.

Der Sprecherin dieses Hörbuchs, Sandra Hüller, gelingt ist hervorragend, die leisen Stimmungen und Gedanken der Dorfbewohner in dieser „unaufgeregten“ Geschichte wiederzugeben. Beim Zuhören wurde ich immer wieder von der empathischen Beobachtungsgabe und der bildhaften Sprache der Autorin verblüfft. Ein Hörgenuss für alle, die nicht immer Action brauchen.

Pause am morgigen Tag, dann geht es mit einem Rätsel hinein ins Wochenende.

Die Auflösung des Bilderrätsels (Lyonwoche 4 3/4)

Willkommen in der Bekleidungsindustrie. Da diese in Lyon und seinem Umland lange eine große Rolle spielte, wählte ich dieses Foto aus, um einen schönen Übergang zu meinem morgigen Bericht über den Besuch zweier „Stoff“-Orte hinzubekommen.

Dies ist eine Hechelmaschine. Die Hechel ist ein kammartiges, aus spitzen Drähten gefertigtes landwirtschaftliches Gerät, durch das Flachs- und Hanffasern zum Reinigen (Hecheln) gezogen werden. Das Wort leitet sich vom selben Wortstamm wie der Haken ab, was auf die zum Kämmen der Fasern angebrachten Haken hindeutet[1]. Moderne Faseraufschlussmaschinen bauen ebenfalls auf den traditionellen Prozessen auf, verwenden jedoch mechanische Aufschlussstrecken, in denen das Brechen, Schwingen und Hecheln in entsprechenden Arbeitsschritten mechanisch umgesetzt wird. (Erklärung von Wikipedia).

Das Hechelmaschine-Bild nahm ich im Dorfmuseum von Pérouges auf. Pérouges steht auf der Liste der schönsten Dörfer in Frankreich und liegt nicht weit von Lyon entfernt. Besonders gerne werden hier 3-Musketiere-Filme gedreht.

Morgen besuchen Sie mit mir die letzten beiden Lyonner Web-Werkstätten.