Heute vor 30 Jahren…

Ausnahmsweise mal zwei Einträge an einem Tag…

..fand mein Mann vor einigen Tagen in einem Buch. An einige Bücher kann ich mich noch erinnern: Grammatik des Lächelns und Die Rose von Tibet fand ich toll, zum Medicus muss ich wohl nichts sagen (fand ich auch gut), von Weißes Rauschen war ich enttäuscht. Bei den anderen habe ich Lücken, aber die Krimis von Leo Malet sind auf jeden Fall gut!.

Begleiter durch den Berliner Schwimmsommer

Dieses Buch habe ich in den letzten Sommerwochen peu à peu gelesen. Die Autorin ist während eines Jahres in 52 Seen in und um Berlin geschwommen. Sie beschreibt die unterschiedlichen Schwimmerfahrungen und Sinneseindrücke während der vier Jahreszeiten und die Erinnerungen, die sie von den einzelnen Seen und ihrer Umgebung behalten hat. Das ist für alle, die gerne wie ich in Seen schwimmen, lesenswert, aber auch für diejenigen, die Berlin und die Mark Brandenburg lieben. Fontane wird öfter zitiert, am Ende des Buches gibt es einen Infoteil über fast alle von Lee besuchten Seen.

Aber das Buch ist noch viel mehr. Lee ist gebürtige Kanadierin. Ihre Kindheit ist geprägt von der Scheidung ihrer Eltern und sie verlässt früh das Zuhause und auch Kanada. Sie geht nach London, studiert dort und heiratet jung, doch die Ehe scheitert nach zwei Jahren. Um für ihre Dissertation zu forschen, zieht sie nach Berlin. Sie ist einsam, hat Depressionen und am Anfang ist es das Schwimmen in den Seen, das ihren Lebensmut aufrecht erhält. Hier beginnt das Buch und in Rückblicken erfahren wir Lees Lebensgeschichte. Wir begleiten sie, wie sie sich im Laufe der Zeit ändert, selbstbewusster wird und das Leben von einer anderen Warte aus sieht. Optimistischer.

Eine schmucke Geschichte

Dieses Buch entdeckte ich vorletzte Woche in einer Trödelkiste.

Paris 1934: Die Autorin Else Triolet und ihr Freund Louis Aragon kommen mit dem Geld, das sie mit Schreiben von Zeitungsartikeln und Büchern verdienen, nicht über die Runden. Da hat Elsa die Idee, Ketten zu gestalten, Ketten, wie man sie Paris noch nie gesehen hat. Elsa will z.B. Roßhaar, Porzellan, Papier oder Baumwolle verwenden, sie hat zig Ideen. Doch mit den Ideen fangen auch die Hürden an, wo die Ketten „Zutaten“ kaufen? Elsa springt völlig ins kalte Wasser, hat keine Ahnung von Zulieferern, kaufmännischen Grundlagen oder den Spielregeln der damaligen Modewelt, vorangestellt die der Haute Couture. In ihrem Buch erzählt sie von der Zeit, in der sie zur bekannten Schmuckdesignerin wurde. Neben dem Erfolg gab es eine kleine Portion Glück, aber hauptsächlich sehr viel Arbeit, Entbehrungen und Rückschläge. 

Mit diesem schmalen Reportage-Roman (knapp 150 Seiten mit einigen stimmungsvollen Fotos) lernt man eine außergewöhnliche Frau kennen, die etwas wagt, an sich glaubt und sich nicht unterkriegen lässt. Aber man erhält auch einen guten Einblick in das damalige Paris, das geprägt war von wirtschaftlicher Depression: Kaum Arbeit, viel Armut. Deshalb Bewunderung für Triolets Weg. 

Philosophen auf der Straße

Dieses Buch kaufte ich mir, nachdem ich eine Führung in Düsseldorf mitgemacht hatte. Das Thema war „Obdachlos sein in Düsseldorf“ und wurde von zwei Obdachlosen durchgeführt. (Siehe auch mein Blogeintrag vom 22.8.17)

Der Autor war selbst mehrere Jahre lang obdachlos. Er kann sich in die Gefühle der anderen Obdachlosen hinein versetzen und Beziehungen aufbauen und schaffte es daher, Obdachlose zu ihrem Leben auf der Straße zu befragen. 25 Porträts, vorwiegend von Männern, sind in diesem Buch enthalten. Es gibt Kriminelle, die sich z.B. auf Empfängen einschleichen und dort essen und manchmal auch Scheckkarten mitnehmen. Es gibt Menschen auf der Straße, die in einer eigenen Welt leben, sei es in einem Star Trek Universum oder als Drehbuchschreiber für Sandra Bullock. Aber die meisten Interviewten gaben sehr klare, böse, hochgradig zynische oder fast schon philosophische Antworten zu ihrem Leben. Und diese Interviews haben mich sehr nachdenklich gemacht und berührt. Wir Angepassten leben drinnen, Obdachlose leben draußen. Manche der Befragten, von denen mehrere abgeschlossene Studiengänge hatten, Künstler oder Manager waren, wollen mit Drin, mit der heutigen Gesellschaft in Deutschland, aus verschiedenen Gründen nichts mehr zu tun haben. Sie verweigern sich, betteln nicht oder kommen auch nicht mehr unseren üblichen Vorstellungen von Sauberkeit nach. Dann gibt es Menschen, die immer mal wieder versuchen, nach drinnen zu kommen, doch fast immer scheitern sie. Der Weg zurück ist so schwer, sei es, dass man sich an sein Leben auf der Straße gewöhnt hat und es einer großen Willensanstrengung bedarf, sich in der immer schneller sich ändernden Welt drinnen zurechtzufinden, bzw. viele Obdachlose einfach auch Angst haben, etwas falsch zu machen.

Der Autor schreibt im letzten Kapitel über sein Leben. Er ist drinnen angekommen, doch es dauerte lange und ihm ist bewusst, dass er auch schnell wieder draußen sein kann. Hat man einmal die Erfahrung gemacht, obdachlos zu sein, nimmt man im Leben nichts mehr als selbstverständlich und weiß, worauf es letztendlich im Leben ankommt.

Dieses Buch ist wichtig

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  • Richard, Witwer, sitzengelassener Geliebter, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, ist gerade pensioniert worden. Er muss sich in seiner Einsamkeit und in der vielen freien Zeit neu einrichten und hat eines Tages die opstruse Idee, afrikanische Flüchlinge, die auf dem Oranienplatz streiken, zum Thema Zeit zu befragen. Bereitwillig antworten die Streikenden und davon ermutigt, stellt Richard weitere Fragen. So lesen wir von verschiedenen Flüchtlingsschicksalen, erfahren, warum die Männer geflüchtet sind und was für ein Leben sie in ihrem Heimatland hatten. Je mehr Richard erfährt, desto mehr will er helfen. Er versucht, ihnen bei bürokratischen Problemen beizustehen, fährt sie durch Berlin, sucht für sie Aushilfsjobs bei Bekannten oder lädt sie nach Hause ein, um ihnen für ein paar Stunden ein anderes Leben zu bieten. 

Die Autorin hat einen Roman geschrieben, der es viel besser als zig Fernsehrreportagen versteht, das Schreckliche zu vermitteln, das hiesigen Flüchtlingen in der Vergangenheit passiert ist. Wie sie aus ihrem Leben herausgerissen und von ihren Familien getrennt wurden, wie viele Verwandte und Freunde auf der Flucht gestorben sind, wie gefährlich die Flucht war, das ist kaum mit Worten zu beschreiben. Der Roman hört damit aber nicht auf, denn er bietet viele Fakten darüber, was mit den Flüchtlingen in unserem Land geschieht und das ist bei vielen Dingen grotesk.

Der Roman ist 2015 erschienen und wurde in den Buchhandlungen gut verkauft. Doch dann kamen schon wieder die nächsten Neuerscheinungen und der Titel geriet in Vergessenheit. Jetzt kann man ihn als Taschenbuch erwerben, eine Chance, dass diese Geschichte, die zumindest das Mitgefühl eines jeden vergrößern sollte, doch noch häufiger gelesen wird.

Ich habe das Buch teilweise gelesen und teilweise gehört. Das Hörbuch berührte mich noch mehr, beim Buch habe ich einige Passagen mehrmals gelesen.

 

 

 

Trokosi

Ein Krimi, der in Ghana spielt? Machte mich sofort neugierig. Die Handlung: Dawson, ein junger Detektiv, wird aus der Hauptstadt aufs Land geschickt, um dort den Mord an einer Medizinstudentin aufzuklären. Sie half bei der AIDS Hilfsorganisation mit und versuchte die Trokosi, junge Mädchen, die einem Fetischpriester geopfert wurden, aus dessen Herrschaft zu befreien. Tatmotive gibt es viele, und Dawson scheitert zuerst wegen seines Jähzorns und der Angst der Bevölkerung vor Hexerei. Erst als er suspendiert ist, findet er eine Spur, die auch mit dem Verschwinden seiner Mutter vor über 20 Jahren zu tun hat.
Moderne prallt auf Tradition in einem afrikanischen Staat. Die Alltagsschilderungen und die spannende Handlung machen diesen Krimi zu etwas Besonderem.

kassel: eine fiktion

Der Autor Vila-Matas erhält die Einladung, nach Kassel zur Documenta zu kommen. Er soll dort täglich in einem abseits gelegenen chinesischen Restaurant für mehrere Stunden sitzen und schreiben, bzw. Interessierten Rede und Antwort zu seiner Arbeit geben. Vila-Matas, Ende sechzig und ein bekannter spanischer Autor, der in Barcelona lebt, hat zuerst überhaupt keine Lust, doch dann nimmt er die Einladung an. Wird er in Kassel die Kunst-Avantgarde finden, die in Spanien schon lange totgesagt ist?

In Kassel kümmern sich mehrere jüngere Frauen abwechselnd um ihn und führen ihn u.a. auch zu einigen Kunstinstallationen. Es überrascht ihn, wie positiv er auf diese reagiert. Fällt er abends am Anfang des Aufenthaltes immer in seine gewohnte depressive Stimmung, so nimmt diese immer mehr ab und am Ende ist er voller Enthusiasmus, ja er hat regelrecht einen Schub für seine eigenes Schaffen bekommen.

Dieser Roman erschien rechtzeitig zu der diesjährigen Documenta. Da ich im September diese besuchen möchte, las ich den Roman, in dem es um die letzte Documenta geht. Obwohl mir die Wehleidigkeit des Autors manchmal etwas zuviel wurde, finde ich den Roman gelungen. Er enthält einige kluge Passagen und diese brachten mich dazu, darüber nachzudenken, was Kunst für mich und mein Leben bedeutet, was Kunst für mich überhaupt ist. Und da kann man lange philosophieren… In dem Roman werden ausführlich einige der vom Autor besuchten Kunstwerke besprochen. Wenn man sich diese dann im Internet ansieht, wird der Roman noch lebendiger.

 

 

 

 

Ein geschenkter Tag-Nr. 2

Hier nun die kurze Buchbesprechung, passend zu meinem gestrigen Tag.

 

Simon und seine Frau Carine fahren zu einer Hochzeit in der Verwandschaft. Auf dem Weg dorthin nehmen sie die beiden Schwestern von Simon mit. Damit ist der Frieden im Wagen vorbei, denn Lola und besonders Garance sind das genaue Gegenteil von Simons Ehefrau. Carine ist Apothekerin, ordnungs- und anstandsliebend, die beiden Schwestern bekommen nach bürgerlichen Regeln ihr Leben nicht in den Griff. Die drei Frauen streiten sich, giften sich an, so dass der ansonsten so friedliebende und besonnene Simon am Ende der Fahrt schon genervt ist. Das verstärkt sich noch, als er die Begrüßungen der arroganten Verwandschaft über sich ergehen lassen muss und er erfährt, das Vincent, sein geliebter kleiner Bruder, nicht kommen kann, weil er ein Schloss hüten muss. Völlig überraschend macht er seinen beiden Schwestern den Vorschlag, zu Vincent zu fahren und die Hochzeitsgesellschaft zu verlassen. Die beiden Frauen sind begeistert und so fahren die drei zu Vincent. Dort verbringen die vier Geschwister einen geschenkten Tag voller besonderer Momente…

Auf 150 Seiten eine wunderbare leichte Komödie voller Poesie- typisch französisch und deshalb wäre zur Lektüre ein Gläschen Champagner gar nicht so verkehrt!

Sturmwarnung

Wenn Ihnen an einem Tag mal der ein oder andere Mitmensch auf den Wecker geht,
wenn Sie mal einen Tag haben, an dem Sie sich selbst ziemlich leid tun,
wenn Sie am liebsten auf ein Schiff flüchten würden, um aufs Meer zu kommen, um durchzuatmen
wenn Ihnen mal nach einem Rachenputzer in Form eines Buches ist, dann ist dieses Buch genau richtig

Kapitän Schwandt ist 79, als er zusammen mit Stefan Kriecken, dem Inhaber des Ankerherz Verlages, dieses Buch schreibt. Er erzählt von seinem abenteuerlichen Leben, in dem er auf See und an Land sehr viel erlebt hat und bezieht Stellung zu heutigen Erscheinungen des Zeitgeistes. Dabei nimmt er kein Blatt vor dem Mund, schont sich nicht und andere erst recht nicht. Diese Textpassage aus dem Nachwort beschreibt es treffend:

Ich habe das Buch (191 Seiten mit ausdrucksstarken Fotos und Illustrationen) in einem Rutsch gelesen und danach ging es mir besser, denn hier hat jemand geschrieben, der Vieles auf den Punkt bringt, der meinem eigenen Punkt sehr nahe ist.

Mode-Protest-Naturschutz: Vivienne Westwood

 

Die englische Modedesignerin Vivienne Westwood hat mich schon seit ihrem Auftrauchen in den 80er Jahren fasziniert und deshalb las ich sehr motiviert ihre Biografie. Natürlich blickt man bei der Lektüre hinter die Kulissen der Modeindustrie, aber Westwood ist eine so vielschichtige Persönlichkeit, dass das Buch sehr viel mehr bietet. Die Modeschöpferin engagierte sich schon früh bei politischen oder soziale Missständen und entwarf „Protestmode“. Sie wurde damit zuerst Ikone der Punkbewegung, später Vorbild bei der Rückbesinnung auf handwerkliche Traditionen in England, und heute setzt sie sich erfolgreich für den Klimaschutz ein. „Nebenbei“ ist sie aber auch Mutter zweier Söhne und Großmutter und lebte mit verschiedenen Männern zusammen, die ihren Weg sehr beeinflussten. So erzählt das Buch, in der Westwood übrigens auch oft selbst zu Wort kommt, das Leben einer unglaublich starken Frau.