Alternative Bustour durch Duisburg

Die Duisburger Stiftung für Umwelt, Gesundheit und Soziales bietet zweimal im Jahr eine alternative Bustour durch Duisburg an, einmal in den Norden, einmal in den Süden.
Am Samstag starteten wir um 14 Uhr vom Duisburger Fernbusbahnhof in den Norden. Reiner Leuchter, Landschaftsarchitekt und bei der Stadt Duisburg Mitglied im Beirat für Stadtgestaltung, war unser Reiseleiter. In den nächsten drei Stunden sollten wir ( ca. 30 Neugierige) von den 50 Stadtteilen, die Duisburg hat, ca. die Hälfte durchfahren.
Der Norden fing im Westen an, denn wir fuhren zuerst nach Homberg. Schon hier wurde klar, welche Schwerpunkte Leuchter bei seinen Erklärungen haben würde. Kritisches Hinterfragen baulicher Maßnahmen aus der Vergangenheit und Gegenwart, Vergleiche zwischen guter und minderwertiger Architektur, das Nebeneinander von Industrie- und Wohnanlagen.
In Homberg kam es zu dem Vergleich zwischen dem Wohnen in den Rheinpreußen- und Johannenhof-Siedlungen und dem Leben in den Weißen Riesen, von denen hier der letzte zu sehen ist, nachdem die anderen gesprengt wurden.

Danach fuhren wir auf die rechte Rheinseite zurück, vorbei an dem alten Trajektturm.https://de.wikipedia.org/wiki/Trajekt_Ruhrort–Homberg

Links der Hebeturm, davor das Schulschiff RHEIN.

Beim Überqueren auf der Friedrich-Ebert-Brücke bezog Leuchter Stellung zu der neuen, sehr umstrittenen Halle auf der Mercatorinsel.

Obwohl er Verständnis für die Bedenken von Naturschützern und Anwohnern von Ruhrort hatte, hielt er den Bau für die Halle für folgerichtig, denn schließlich gehört die Insel zum Duisburger Hafen, der solche Infrastruktur benötigt.

Nicht weit entfernt befindet sich das alte Hermann Wenzel Kraftwerk, das 1955 eingeweiht wurde. Es verarbeitet bis heute das Gas der Thyssenkrupp Hochöfen, das durch riesige oberirdische Gasrohre transportiert wird.

Sie sind so groß, dass man durch sie durchlaufen könnte. Das Gas ist hochgiftig, aber diese Tatsache spielte damals beim Bau und wohl auch heute keine Rolle. Auch dass die Rohre und die damit verbundene Infrastruktur Stadtteile zerschnitt, wurde früher hingenommen. So kam es beispielsweise in Laar zu einem Niedergang des Einzelhandels, noch gefördert von der Ansiedlung großer Supermärkte außerhalb des Stadtteilzentrums.

Der „Laarer Dom“ erinnert noch von eine bessere Vergangenheit, rechts oben ein Beispiel für den Niedergang des Einzelhandels und unten ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Dieses Zerschneiden von Stadtteilen kann man auch noch in anderen Stadtteilen erkennen, besonders in Hamborn oder Marxloh. Für die Industrie wurde Platz gemacht, egal wie die Gemeinde gewachsen war. ( Man denke z.B. an die Trassen der Autobahnen A 42 und A 59).
Wir kamen immer wieder an Hochöfen vorbei

und Reiner Leuchter versorgte uns mit Zahlen, was und wie viel man in welcher Zeit produziert und wie teuer die geplante Direktreduktionsanlage von Thyssenkrupp werden soll: 1,9 Milliarden Euro (davon 60% staatliche Fördergelder).



Die Weseler Straße in Marxloh war unser nächstes Ziel. Hier waren viele Menschen unterwegs, hauptsächlich Paare, die vor einer großen Entscheidung standen:

Was ziehe ich auf meiner Hochzeit an? Marxloh ist einer der europäischen Einkaufszentren, wenn es um das Einkleiden von Hochzeitspaaren geht.

Weiter ging es durch die Stadtteile Fahrn und Röttgersbach, die sich glücklich schätzen können, Straßen mit qualitätsvoller Architektur aus den 20er Jahren zu besitzen. Nach einem Abstecher zur Merkez Moschee,

nahm unser Reiseleiter Hamborn genauer unter die Lupe. Dieser Stadtteil war früher eine selbständige Stadt, was imposante Gebäude wie ein eigenes Rathaus, ein Gericht oder auch ein Gefängnis bis heute bezeugen, nicht zu vergessen das BauhausKarree, ebenfalls aus den 20er Jahren.

Rechts eine kleine Ansicht vom BauhausKarree, links der bekrönte Treppengiebel eines Backsteinhauses, in dem sich heute die Hamborner Polizei befindet.

Hamborn hat darüber hinaus einen eigenen Stadtpark und einen botanischen Garten. Auch der Marktplatz beeindruckte durch seine Größe, hier wird in der Verwaltung gerade zusammen mit den Anwohnern eine Umgestaltung geplant: Parkplätze sollen weichen, der Platz soll mehr ein Freizeitraum für die Bevölkerung werden.
Wir kamen bei unserer Rundfahrt an zwei Schulneubauten vorbei und zwei alten renovierten Schulen. Was dieses Thema angeht, ist Duisburg gut aufgestellt und tut etwas für die Zukunft.
In Neumühl gibt es direkt zwei Beispiele, die zeigen, wie schwierig Stadtplanung sein kann.
Das 2013 aufgegebene St. Barbara Krankenhaus ist heute ein Lost Place. Wie es dazu gekommen ist und was in den letzten 12 Jahren an diesem Ort passiert ist, können Sie hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/St._Barbara-Hospital_(Duisburg)

Durch die Felix-Dahn Straße fuhren wir, weil sie in Duisburg laut Reiner Leuchter exemplarisch für die z.T. sinnlose Abholzung von altem Baumbestand ist. Ca. 100 Jahre alte Bäume wurden wegen Kabelverlegungen gefällt und durch Jungbäume ersetzt. Bis diese allerdings denselben Nutzen für die Umwelt haben, braucht es mindestens zwei Generationen.

Den Landschaftspark steuerten wir nicht an, da er wohl vielen Duisburgern schon bekannt ist. Was ich nicht wusste: Das gesamte Areal des Landschaftsparks beträgt 200 ha, also ist er ca. 280 Fußballfelder groß. Hätte ich nicht gedacht.
Wurde aus dem Areal des Landschaftsparks etwas Neues gemacht, gibt es an anderen Stellen Gelände, wo früher Gebäude standen, die sinnlos abgerissen wurden, da danach Neubaupläne nicht weiter verfolgt wurden. So finden sich immer wieder solche Orte in Duisburg:

In Meiderich trafen wir einmal mehr auf Häuser der GEBAG, genauer gesagt in der Ratingsee-Siedlung.

Auch hier lohnt es sich, den Wikipedia-Eintrag zu lesen, nicht nur wegen der Architekturgeschichte, sondern auch wegen der Tatsache, dass sich an diesem Ort ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald befand.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ratingsee-Siedlung

Das Tourende war Gewässern gewidmet. Über den Rhein waren wir ja schon gefahren, aber wir passierten nun zum zweiten Mal die alte Emscher, dann den Rhein-Herne-Kanal und schließlich die Ruhr.

Oben links der Rhein bei Homberg, darunter der Rhein-Herne-Kanal, oben rechts die renaturierte alte Emscher und rechts unten die Ruhrlandschaft.

Wenn auch die Wasserqualität erst in den letzten Jahren so gut geworden ist, dass man im Kanal und in der Ruhr wieder schwimmen könnte, so gehörten diese Teile Duisburgs immer schon zu Orten, an denen die Bevölkerung gerne ihre Freizeit verbrachte. Ein aktueller Beweis: Der gut ausgebaute Radweg der Fern-Radwanderroute „Ruhrradweg“.

Nach der Bustour fuhren wir in den Innenhafen, um etwas zu essen. Hier bekamen wir noch eine Extraportion Duisburg, dank mehrerer Wandbilder, die unter der A59 für Duisburg werben.

Eine rüstige 90jährige Duisburgerin machte die Rundfahrt mit und war voll des Lobes am Ende der Tour. Sie hätte viel Neues zu ihrer Heimatstadt erfahren und es gäbe viel Stoff zum Nachdenken. Diesem Urteil schließe ich mich gerne an. Der Duisburger Süden wird übrigens am 12.10. erkundet.

Ich hatte zuvor noch nie von der Duisburger Stiftung gehört. Eine gute Sache, wie ich finde. Hier ein Ausschnitt aus ihrem Flyer,

Zur Homepage geht es: http://www.stiftung-duisburg.de

Anmerkung: Einige der Fotos habe ich nicht am Samstag gemacht, sondern auf früheren Radtouren. (Falls es Ihnen aufgefallen ist, dass die Jahreszeiten nicht immer kompatibel sind).

Kennen Sie „Lost Sheroes“?

Seit Anfang der Woche kann ich gar nicht genug bekommen von den „Lost Sheroes“. Eine Kollegin gab mir den Tipp und ich meldete mich in der ARD Audiothek an, um Podcastfolgen mit diesem Titel zu hören. „Lost Sheros“, das sind Frauen, die in Geschichtsbüchern gar nicht oder nur unter ferner liefen auftauchen. Oder haben Sie schon einmal von En-hedu-ana, Hoelun, Sophie Bosede Oluwole oder Delia Derbyshire gehört? Um Sie auch auf den Geschmack zu bringen: En-hedu-ana lebte vor ca. 4200 Jahren, war Hohepriesterin und gilt als erste namentlich bekannte Autorin (oder Autor) der Menschheitsgeschichte. Hoelun (ca. 1140–1221) war die Mutter des mongolischen Fürstens Dschingis Khan und seine engste Beraterin. Ohne sie hätte der Fürst nie seine Macht erlangt. Sophie Bosede Oluwole (1935-2018) war eine nigerianische Philosophin, die sich für eine neue Philosophiegeschichte einsetzte, in der nicht nur Lehren von weißen Männern vorkommen. Oluwole bewies u.a., dass der Gedanke der Demokratie nicht in Griechenland geboren wurde, sondern das afrikanische Volk der Yoruba Demokratie bereits praktizierte und die Idee der Demokratie erst über Ägypten nach Griechenland kam. Ja und dann ist da noch Delia Derbyshire (1937 – 2001). Sie komponierte 1963 die berühmte Dr. Who Fernsehserienmusik (ohne damals genannt zu werden). Dieses Stück gilt als Geburtsstunde der Technomusik und beeinflusste nachweißlich Musiker wie die Gruppe Kraftwerk oder auch Kate Bush.

Diese vier Beispiele zeigen die große Bandbreite der Lebensläufe, von denen in dem Podcast erzählt wird. Seit 2022 erscheint alle vierzehn Tage eine neue Folge . Die Schauspielerin Milena Straube moderiert die Sendungen und wählt mit ihrem Team die Lebensläufe aus den vielen Vorschlägen der Hörerschaft aus. Neben Straube gibt es in jedem Beitrag eine zweite Person aus einem fachspezifischen Bereich, die zu der Shero Fundiertes erzählt.
Warnung: Beim Hören kann man manchmal wütend werden, wenn es darum geht, was den Frauen angetan wurde, damit sie nicht „den Glanz der Männer“ stehlen. Aber man lernt auch sehr viel und ich freue mich, dass generell immer häufiger „Sheroes“ im Scheinwerferlicht stehen. Und schließlich finde ich es bei manchen Lebensläufen auch faszinierend, wie ein kleiner Zufallstritt Frauen zu große Taten brachten.

Wochenenden mit Tee, Duft und dem Wissen von koptischen Mönchen

Vorletzten Sonntag besuchte mich meine Freundin, um meiner Kollegin und mir eine Buchbindung zu zeigen, die von koptischen Mönchen in Ägypten (ca. 300 n. Chr.) erstmals angewandt wurde.
Bei dieser Buchbindung werden sogenannte „Signaturen“ (mehrere gefaltete Blätter, die ineinander gelegt werden) mit einer Art Kettenstich zusammengenäht. Wir brauchten ca. 3 Stunden, um unsere ersten beiden koptischen Bücher fertig zu stellen.

Fotocollage: Unten ein paar Schritte während der Herstellung: Links: Mit einer Ahle und einem Lochlineal werden Löcher mit gleichmäßigem Abstand in die Signaturen gestochen. Mitte: Der Buchdeckel wird für das Lochstanzen vorbereitet. Rechts: Die genähten Signaturen mit dem Buchdeckel zu verbinden ist der kniffligste Teil.

Es gibt diverse Möglichkeiten, ein Buch mit einer koptischen Bindung zu versehen. Dieses Video erklärt es fast genauso, wie wir es am Sonntag gelernt haben.

Stolz, auf den Spuren der Mönche gewandelt zu sein und nun zwei koptische Bücher zu besitzen, machte ich mir dann Gedanken, was ich mit den Büchern anfange.
Das Buch mit dem braunen Deckel wurde gestern mein Teebilderbuch.


Kleine handgeschöpfte Papierquadrate beträufle ich mit schwarzem Tee, lasse diesen dann zerfließen oder bespritze mit einer in Tee eingetauchten Zahnbürste das Papier. Daraus ergeben sich zufällige Teeflecken, die mich nach längerer Betrachtung zu Bildern inspirieren. Die Teeflecken ergänze ich mit Aquarellfarben und feinem Filzstift.

Das zweite Buch hat als Deckel ein gefaltetes Aquarellpapier, wie oben links zu sehen ist.

Ein Duftbuch sollte es werden!
Zuerst bemalte ich das Aquarellpapier und ließ es trocknen. Dann stach ich vorne und hinten jeweils kleine Löcher in die Deckelseiten. (Oben rechts sieht man die Rückseite des Buches). Dritter Schritt: Ich verteilte zwischen den beiden Seiten vorne und hinten getrocknete Blätter einer Zitronenverbene (Fotos unten). Jetzt musste der Deckel nur noch zugenäht werden.

Die Farben der Perlen des Lesezeichens stehen für mich für verschiedene Duftquellen wie z.B. bei blau für Meer, weiß für Maiglöckchen oder grün für Pfefferminztee.


Das Büchlein duftet herrlich und ist wie gemacht für das Sammeln von Urlaubs- oder Sommereindrücken oder als Buch, in dem ich „Duft“ Erinnerungen notiere.

Kommunalpolitische Werkstatt

Seit dieser Woche besuche ich in der Duisburger Volkshochschule eine Gesprächsrunde, die sich mit der Kommunalpolitik befasst. Ich habe ca. 20 Mitstreitende, Frauen und Männer sind anzahlmäßig gleich vertreten, der Altersdurchschnitt liegt bei knapp 60 Jahren, drei junge Frauen sorgen dafür, dass er nicht noch höher liegt. Was das Thema berufliche Erfahrungen angeht, ist die Runde sehr gemischt und spannend. Eine ehemalige Pastorin, ein Professor für vergleichende Politikwissenschaften, eine Studentin, die als Nebenjob KI füttert, eine OB Kandidatin, ein Vorstand aus einem Bürgerverein, da werden in den nächsten Wochen viele unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen.
Am Anfang der Stunde verteilte einer der beiden Kursleiter diese Bücher:

Diese Bücher kann sich jeder gegen eine Schutzgebühr von 15 Euro bei der Landeszentrale für politische Bildung NRW bestellen.

https://www.politische-bildung.nrw

Da diese Gesprächsrunde schon seit 3 1/2 Jahren besteht und über die Hälfte der Kursbesucher „Wiederholungstäter“ sind, besteht für die Frischlinge wie mich die Möglichkeit, neben der Lektüre der Bücher in der VHS Cloud Material herunterzuladen, um die Abläufe in der Kommunalpolitik kennenzulernen.
Was passiert in den nächste Wochen? Wir werden über kommunale Probleme und Entscheidungen sprechen, es werden Gäste eingeladen, die zu bestimmten Themen Vorträge halten und alle Teilnehmer haben stets die Möglichkeit, Fragen zu stellen.
Ich besuche diesen Kurs, weil ich nicht länger nur auf die Stadt Duisburg schimpfen will. Wie sind welche Abläufe geregelt, an welche Gesetze muss sich die Verwaltung halten, welche Möglichkeiten hat sie, mehr zu tun, als es z.Zt. passiert? Wo ist das Nichtdürfen und wo ist das Nichtwollen? Wie kann ich als Bürgerin Einfluss nehmen?

Warum schreibe ich das heute? Als ich nach 1 1/2 Stunden nach Hause fuhr, machte sich bei mir eine Dankbarkeit breit, in einem demokratischen Staat zu leben, der solche Angebote ermöglicht und seine Bürger unterstützt, wenn sie es denn wollen.

Bilderbuchwochenende

Am Wochenende habe ich mir einen Stapel neuer Bilderbücher mit nach Hause genommen. Diese drei Titel gefielen mir besonders gut:

Das kleine Igelmädchen Tilly und ihre Oma sind ein unschlagbares Team. Von ihrer lieben Oma hat Tilly beispielsweise die beste Kuscheldecke der Welt geschenkt bekommen. Tilly liebt sie heiß und innig, doch dann geschieht ein Unglück und Tilly muss die Decke als Halstuch tragen. Bei der Gartenarbeit würde sie ihrer Oma gerne helfen, doch steht Tilly gerne auch mal im Weg und dann ist die Oma ein bisschen grummelig. Auch mit Tillys Launen hat es die Oma manchmal nicht leicht, aber am Ende des Tages ist alles wieder gut und wenn die liebe Oma noch eine Gutenachtgeschichte vorliest, schläft Tilly ganz schnell ein…und die Oma auch!

Die Zukunft muss nicht so schlimm werden, wie manche befürchten, denn es gibt heute schon atemberaubende Zukunftsvisionen, die zuversichtlich machen. Höchste Zeit also, ein Buch für Kinder herauszubringen. Sie sind die Betroffenen und gleichzeitig auch „Influencer“ in der heutigen Erwachsenenwelt.
In Format eines Wimmelbilderbuches werden verschiedene Themenbereiche unter die Lupe genommen. Ein Zuhause unter Wasser mit einer Küche, in der Gestankssensoren anzeigen, ob Lebensmittel noch gut sind und in der es eine Insektenfarm gibt für den täglichen Proteinsnack zwischendurch? Ein Zauberspiegel im Badezimmer, der Krankheiten erkennt oder Schneckenklebstoff anstatt Pflaster?
Wie werden die Schulen aussehen, der Urlaub am Strand oder ein Spaziergang in einem Park?


Auch als Erwachsene hatte ich Spaß an den farbenfrohen Illustrationen und Erklärtexten und staunte über zahlreiche Erfindungen, die uns heutzutage teilweise noch arg befremdlich sind. Aber wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass wir mit Minicomputern in der Hosentasche herumlaufen und Schüler streiken, damit Erwachsene sich mehr um Klimafragen kümmern?
Am Ende des Buches werden Vorschläge gemacht, was jedes Kind / Jugendlicher/ Erwachsene heute schon tun kann, um die Zukunft einzuläuten. Abgerundet wird das Buch schließlich von einem Glossar, in dem schwierige Wörter erklärt werden.

Wenn das jeder macht…dann…? 
Ja, was passiert, wenn jeder sein Zimmer nicht aufräumen würde, alle Menschen mit einem Miesepetergesicht herumlaufen oder alle sich gegenseitig anrempeln würden? Jeweils auf einer Doppelseite werden verschiedene Situationen zu einzelnen Themen gezeigt und man kann zusammen mit seinen Kindern wunderbar über die Szenen sprechen und auch viel lachen, denn die Bilder stecken voller witziger Ideen. 


Wenn das jeder macht, also z.B. auch öfter mal zuhören, ein Lob verteilen oder ein Stück seiner guten Laune abgeben, würde die Welt dann nicht ein Stück besser? Auch dazu gibt die Autorin Beispiele.

Von Liegehäuschen, Bügelbahn und Krautkocherei

Wenn man in unserer Region am Montag etwas besichtigen möchte, ist die Auswahl nicht allzu groß, denn viele Museen oder Ausflugsziele sind geschlossen. Nicht so das Openluchtmuseum in der Nähe von Arnheim. In diesem Freilichtmuseum kann man den ganzen Tag verbringen und staunen, lernen, flanieren oder sich verwöhnen lassen.

Auf dem großzügigen Gelände werden historische Häuser und Ausstellungsstücke zu verschiedenen Themen gezeigt. Der Clou: Man kann à la Hop-in/ Hop-off in eine fast 100 jährige Straßenbahn steigen und sich von Haltestelle zu Haltestelle fahren lassen. Der vielleicht schönste Teil der Anlage ist der eines alten Dorfangers.

Fotocollage: Auf dem Gelände sind verschiedene Windmühlen verteilt und man lernt einiges über ihre verschiedenen Funktionen. Oben rechts eine kleine Werft.

Fotocollage: Alte Bauernhäuser sind teilweise sehr schön eingerichtet.

Interessant war auch der Gartenbereich mit einem sehr großen Kräutergarten, farbenprächtig waren mehrere Plätze mit schönen Beeten.

Der Kräutergarten ist sehr umfangreich, zum ersten Mal sah ich eine Indigopflanze, aus der man früher blauen Farbstoff herstellte. Oben links: Die Kapuzinerkresse hatte „freie Bahn“.

Eingerichtete Arbeiterhäuser, eine Milchfabrik, Handwerksbetriebe oder eine Krankenstation vom Beginn der 20. Jahrhunderts boten viel Anschauliches und ich machte Bekanntschaft mit mir unbekannten Einrichtungen.

Kinder waren nicht nur von dem großen Spielplatz begeistert, denn es gab noch ein besonderes Kinderdorf mit Unterhaltungsmöglichkeiten und Workshopangebote.
Verhungern musste man nicht, an mehreren Plätzen fanden sich Imbisse oder Restaurants. Da das Freilichtmuseum auch eine eigene Brauerei besitzt, konnte man auch eine kleine Bierverkostung bestellen.

Wir beobachteten mehrere Gruppen, die speziell auf Fotopirsch waren oder Maler, die sich von den vielfältigen Motiven inspirieren ließen.

Trotz vollem Parkplatz und mehreren Reisegruppen hatte man nicht den Eindruck, dass es im Park überlaufen war.
Arnheim ist bekannt für seinen „Burger Zoo“, das Freilichtmuseum liegt ganz in der Nähe.

Jürgen Ploog- der Grandseigneur der deutschen Untergrundliteratur

Ich arbeitete Ende der 70er Jahre in der damals größten Buchhandlung Deutschlands, dem Stern Verlag in Düsseldorf. Die Bücher der berühmten amerikanischen Autoren der Beat Generation Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs fand man dort nur vereinzelt im Regal, denn zu dieser Zeit hatten diese Schriftsteller hauptsächlich Leser und Leserinnen, denen das „Establishment“ suspekt war und die den Wunsch nach Freiheit und Veränderung hatten. Noch weniger präsent waren deutsche Autoren, die ähnliche Gedanken in ihren Büchern verfolgten. Peter Paul Zahl, Jörg Fauser oder Rolf Dieter Brinkmann wurden vom Feuilleton manchmal besprochen, aber die Autoren aus Verlagen wie z.B. Rotbuch, März oder Maro ignorierte man gerne. Die Inhalte waren „nicht lesbar“ oder entsprachen nicht dem bürgerlichen Weltbild der 60er bis 80er Jahre. Die Autoren mussten um ihren Lebensunterhalt kämpfen. Es gab allerdings eine Ausnahme…

Jürgen Ploog (1935 bis 2020) hatte schon in jungen Jahren beschlossen, sein Leben dem Schreiben zu widmen und herauszufinden, welche Welten sich mit der Sprache erschließen lassen. Im Gegensatz zu seinen Mitstreitern entschied er sich, eine Ausbildung zum Piloten zu machen und flog danach 33 Jahre für die Lufthansa. Das machte ihn finanziell unabhängig und ihm war es egal, ob seine Bücher sich verkauften. Bedingt durch seine Arbeit, war er oft in New York und wurde ein guter Freund von William S. Burroughs. Damit war er am „Puls“ der amerikanischen Beatbewegung und lernte bei Burroughs eine Cut-up Technik kennen. (Techniken, bei der ein bestehender Text zerschnitten und zufällig neu zusammengesetzt wird, um einen neuen Text zu erschaffen). Das neue Zusammensetzen der Wörter spült Unbekanntes aus dem eigenen Innenleben an die Oberfläche und dies wurde für Jürgen Ploog für viele Jahre der Weg, seine Texte zu schreiben.
Kämpften deutsche Untergrundautoren mit den grauen Alltagserlebnissen und dem deutschen Politikmief, konnte Jürgen Ploog durch seinen Beruf auf Beobachtungen zurückgreifen, die er weltweit machte. Auf einem Markt in Bangkok, in einer Bar in Tokio, im Supermarkt in Chicago… Sein Unterbewusstsein speicherte jeden Eindruck und er floss in seine Texte mit ein.
Dies alles machte ihn zu einer charismatischen Gestalt in der alternativen Literaturszene. Dass Ploog gutaussehend, immer freundlich und höflich, also quasi ein Gentleman war, unterstützte noch seinen Ruf als „Grandseigneur“.

In dem Buch erinnern sich Wegbegleiter an Jürgen Ploog, Tagebucheinträge und E-Mail Verkehr sind zu lesen, auch findet man einige Textauszüge aus seinen Büchern. Auf die legendäre Literaturzeitung „Gasolin 23“, deren Mitherausgeber Ploog 14 Jahre lang war, wird eingegangen, Foto- und Bildmaterial (Jürgen Ploog malte auch) ergänzen die Texte.

Ob ich Jürgen Ploog einmal begegnet bin? In den ersten Jahren meines Lebens als Buchhändlerin besuchte ich neben der Frankfurter Buchmesse auch einmal die Mainzer Minipressen Messe, die zur selben Zeit stattfand. Hier präsentierten sich damals über 100 Verlage, die den Mainstream nicht bedienten. Als junge Frau hätte ich ihm nicht viele Fragen stellen können, zu unterschiedlich waren die Lebenswelten. Heute wäre das anders. Bei den abgedruckten E-Mails sind auch einige dabei, die Ploog in den letzte Jahren seines Lebens geschrieben hat. In ihnen nimmt er Stellung zu unserer heutigen Welt und schreibt Kluges.

Diese Buchbesprechung ist einfach gestrickt und entspricht nicht dem geistigen Level des Buches oder anderen bereits erschienen Buchbesprechungen. Aber vielleicht habe ich sie neugierig gemacht auf diesen Autoren oder auf die Zeit, in der es noch Untergrundliteratur gab.

Hier eine zweite Buchbesprechung: https://www.welt.de/kultur/article689eddd7cf5f0271ccd53954/Juergen-Ploog-Der-Pilot-der-die-Avantgarde-nach-Frankfurt-brachte.html

Leporellotag

Letzte Woche versuchte ich mich in der Herstellung eines kleinen Leporellobüchleins.

Eine Anleitung dazu fand ich auf dieser Seite:

Das Papierfalten und die Herstellung des Buchdeckels waren nicht sehr zeitaufwendig und so kam ich schon schnell zu dem Punkt, das Büchlein mit Inhalt zu füllen. Dazu nahm ich mal wieder die Briefmarkenalben meines Opas zur Hand und schon bald war ein Thema gefunden: Porträts berühmter Frauen!
Ich wollte aber nicht nur die Briefmarken einkleben, sondern zu jeder Frau auch etwas schreiben. So suchte ich mir Zitate heraus von den Frauen, die ich kannte, las den Lebenslauf auf Wikipedia nach, um herauszufinden, warum Frauen eine eigene Briefmarke bekamen oder verzierte die Seiten mit passenden Mustern.

Unten links: Louise Dumont war eine bekannte Schauspielerin und gründete gemeinsam mit Gustav Lindemann und anderen Gesellschaftern das Düsseldorfer Schauspielhaus. August Macke und Peter Behrens waren zwei von vielen Kunstschaffenden, mit denen sie zusammen arbeitete.
Unten rechts: Eine Briefmarke zum 150. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach

Weitere Buchideen folgen!

Eine Japanerin in Deutschland

Keiko ist eine lebensfrohe und reiselustige junge Frau, die in den 60er Jahren nach einer Europarundreise beschließt, von Japan nach Deutschland auszuwandern. Sie will nicht zwangsverheiratet werden, liebt die deutsche klassische Musik und ist von der Offenheit der Menschen beeindruckt.
Fleißig lernt sie die deutsche Sprache und bekommt schließlich die Chance, in Berlin in einem japanischen Restaurant zu arbeiten. Ihr Leben ist nicht einfach, doch als sie tatsächlich in einem Chor angenommen wird, ist ihr Glück ziemlich perfekt. Mit dem Chor sieht sie viel von der Welt und lernt auf einer Reise auch ihren zukünftigen Ehemann Karl kennen. Er heiratet Keiko gegen den Willen seiner Eltern, die sehr betucht sind und für die Keiko zu fremdartig, zu alt und nicht standesgemäß ist.
Aki und Kento sind die beiden Kinder des Paares, das nur ein paar Jahre glückliches zusammenlebt. Karl, schwer depressiv, verlässt die Familie und Keiko ist gezwungen, die beiden Kinder alleine aufzuziehen. Die Schwiegereltern unterstützen sie zwar finanziell, aber nur die beiden Enkel sind bei ihnen zuhause wirklich willkommen. Die lebenslustige Keiko vereinsamt, verliert ihre Kraft und Lebensfreude, während die Kinder groß werden. Ihr Sohn Kento unterstützt sie verlässlich, doch das Verhältnis zu ihrer Tochter Aki wird immer komplizierter. Die junge Aki ist rebellisch und kann Keikos aus ihrer Zeit in Japan stammenden Ansichten oftmals nicht nachvollziehen. Als Erwachsene leidet Aki an dem schwierigen Verhältnis zu ihrer Mutter. Sie liebt Keiko sehr, doch sie macht Aki auch aggressiv, besonders als Keiko im Alter dement wird und sich noch mehr zurückzieht. Da Keiko seit 50 Jahren nicht mehr in Japan war und der Kontakt zu der Familie in den letzten Jahren eingeschlafen ist, hat Aki schließlich die Idee, mit ihrer Mutter nach Japan zu reisen. In Japan lernt sie ihre Mutter auf verschiedene Weise neu kennen und verstehen.

In Momentaufnahmen wird diese besondere Familiengeschichte erzählt. Das Mutter-Tochter-Verhältnis steht zwar im Vordergrund, doch die Psychogramme der Nebenpersonen, die Beschreibung der kulturellen Unterschiede zwischen Japan und Deutschland und der ruhige Erzählton sind weitere Gründe, diesen Roman zu empfehlen.

Von Slipknot Binding zu Ukiyo und Shibui

Im März besuchte ich einen Workshop zum Thema Buchbinden. Seitdem habe ich viele Ideen gesammelt und es kribbelte mir schon länger in den Fingern, mich ohne Hilfe an ein kleines Buchprojekt zu wagen.
Das A und O bei der Buchherstellung ist die Bindung bzw. Klebung. Ich wollte nichts Aufwendiges machen und versuchte mich deshalb in der Slipknot Bindetechnik.

Dazu nahm ich Blankospielkarten. Im Gegensatz zum Video wollte ich erst einmal die Bindung ausprobieren, bevor ich gestaltete Karten mit der Bindung verhunzte.

Das Löchern mit einer Ahle ist nicht schwer. Im Video gefielen mir die großen Löcher nicht so gut für die kleinen Karten und ich musste einen Faden finden, der doppelt durch ein Loch gezogen werden konnte. Letztendlich nahm ich Zwirn. Sicherlich nicht optimal, da der etwas steife Faden durch die Aufwicklung sich krümmte. Aber es funktionierte.

Mit welchem Inhalt sollte ich nun das Büchlein füllen?
Ich entschied mich, in dem Büchlein japanische Wörter, zu denen es in deutscher Sprache keine Entsprechung gibt, zu illustrieren. Es gibt noch mehr Wörter, vielleicht mache ich demnächst noch einen zweiten Band.

Das ist ein kleiner Eindruck:

Der Stempel auf dem Deckblatt hat die Bedeutung „Man gewinnt immer etwas, wenn man ein Buch öffnet.“

Wer sich für die Wörter interessiert, hier eine Auflistung (Gefunden auf den Internetseiten ego.FM und familie.de):

Shouganai 

Der Begriff bedeutet so viel wie „es ist nun mal so“ oder „dagegen kann man nichts machen“ und soll daran erinnern, Dinge zu akzeptieren, auf die man keinen Einfluss hat. Das erspart unnötige Sorgen. 

Ukiyo

…heißt so viel wie „die fließende Welt“ und beschreibt das Konzept, im Hier und Jetzt zu leben und Augenblicke voll und ganz zu genießen, ohne an die Vergangenheit oder die Zukunft zu denken.

Komorebi

Komorebi beschreibt das Naturschauspiel von Licht und Schatten, wenn sich Sonnenstrahlen ihren Weg durch Baumkronen und Blätter suchen:

Boketto 

Boketto beschreibt ein ausdrucksloses in die Ferne Starren, zum Beispiel wenn man tagträumt oder sich in tiefen Gedanken verliert.

Kogarashi

Als Kogarashi wird der erste kalte Wind bezeichnet, der den Winter ankündigt und ein Zeichen dafür ist, dass die letzten warmen Herbsttage vorbei sind und spätestens jetzt die Mützen und Schals aus dem Keller geholt werden sollten.

Tsundoku 

…beschreibt den Vorgang, ein neu gekauftes Buch nicht zu lesen, sondern es einfach zu den anderen neuen Büchern auf einen Stapel zu legen, sodass sich immer mehr ungelesene Bücher ansammeln. Für dieses Phänomen gibt es viele Gründe, vielleicht fehlt einem die Zeit zum Lesen oder man hat sich nur vom schönen Cover blenden lassen oder man muss erst noch dieses eine Buch fertig lesen, dass man vor drei Jahren angefangen hat.

Mono-no-Aware

Der Ausdruck kann am besten mit dem Anblick von Kirschblüten umschrieben werden. Man weiß, dass das schöne Bild nur ein paar Tage hält, bevor die Blüten verblühen – doch gerade dieses Wissen macht die Blüten noch schöner. Genau dieses Gefühl der Wehmut über die Freude, aber gleichzeitig auch die Vergänglichkeit der Schönheit beschreibt Mono-no-

Shibui

Eigentlich bezeichnet Shibui den Geschmack „anregend bitter“, im übertragenen Sinne steht es aber für alte Dinge, die Erwachsene Menschen gut finden, weil sie Erinnerungen an ihre Jugend oder Kindheit wecken. Das können ganz verschiedene Sachen sein, zu der jüngere Menschen keinen Bezug mehr haben, zum Beispiels Musik, Spiele oder Kleidung.

Yoisho

Das Wort „yoisho“ sagt man, wenn man sich nach einem harten Arbeitstag auf einen Stuhl oder die Couch fallen lässt, ähnlich zu einem langen Seufzen oder einem tiefen Ausatmen, das signalisiert, dass jede Menge Last und Schwere – zumindest für den Moment – abfallen.

Ikigai

Die freie Übersetzung wäre „das, wofür es sich zu leben lohnt“ oder „das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen“. Das eigene Ikigai zu finden, kann einen intensiven Selbstfindungsprozess benötigen, führt aber zu einer grundsätzlichen Zufriedenheit und Erfüllung im Leben.

Natsukashii

Natsukashii beschreibt das positive Gefühl, das einsetzte, wenn man etwas Schönes nach langer Zeit wieder erlebt, schmeckt, hört oder fühlt. Auch bei diesem Begriff wird die Verbundenheit der japanischen Kultur zu Vergangenem und Vergänglichkeit deutlich.

Otsukaresama“ soll Anerkennung und Dankbarkeit für die harte Arbeit ausdrücken, die sich jemand macht. 

Kuchisabishii ist eine Bezeichnung dafür, keinen Hunger zu haben, aber trotzdem zu naschen, weil der Mund sich „einsam“ fühlt.

Semishigure“ beschreibt das laute Singen der Zikaden im Sommer, das sich wie ein feiner Regenschauer anhört.

„Nekobanban“ beschreibt die vorbildliche Angewohnheit, auf das Autodach zu klopfen, bevor man einsteigt und losfährt. So werden Katzen vertrieben, die sich eventuell zwischen den Rädern verstecken und beim Losfahren verletzt werden können.

„Irusu“ = Vorgeben, nicht zu Hause zu sein und die Lichter nur versehentlich angelassen zu haben.“ 

Als „Hikikomori“ bezeichnet man eine Person, die sich der Gesellschaft vollständig entzieht. 

„Age-Otori“ bedeutet, nach einem neuen Haarschnitt (noch) schlimmer auszusehen als zuvor.