Mutpost

Kennen Sie den Podcast „COSMO Daily Good News“? So wird er auf der Homepage beschrieben:

Rechtspopulismus, Naturkatastrophen, Terrorismus: Bad News sind gut für das Geschäft. Deswegen schätzen wir die Weltlage oft düsterer ein, als sie wirklich ist. Die COSMO Daily Good News legen den Fokus auf die guten Nachrichten. Denn die Welt ist besser, als die meisten Menschen denken.

Ein Beitrag dauert jeweils ca. 2 Minuten, hier kann man ihn hören:

https://www1.wdr.de/mediathek/audio/cosmo/daily-good-news/index.html

Vor einigen Tagen wurde in Cosmo über die Homepage „Mutpost“ berichtet, die vom Dresdener Werner-Felber-Institut für Suizidprävention nach einem englischen Vorbild ins Leben gerufen wurde.

Auf der Seite findet man kurze und längere Briefe, in denen Männer und Frauen anderen Menschen Mut machen möchten, weiterzuleben.
Diese Briefe können in jeder Lebenskrise Hoffnung vermitteln. Manche beschreiben anscheinend ausweglose Situationen, andere versuchen, Kraft für ein eigenes positiveres Selbstbildnis zu geben. Was diese Briefe auf jeden Fall schaffen: Sie vermitteln Mitgefühl und die Erkenntnis, nicht alleine zu sein, das ist wohl der größte Verdienst dieser Seite.

Jeder kann einen Mutbrief schreiben. Er wird geprüft und veröffentlicht, wenn er den Richtlinien entspricht. Hier geht es zu der Mutpost-Seite

Diese gute Idee verdient es, weitergetragen zu werden.

I get a bird

Johan Zweipfennig, ein Busfahrer aus Neumünster, geht in seiner Mittagspause in eine Telefonzelle, um seine Tochter Marie anzurufen. Er findet in der Zelle einen Zeitplaner, den er einsteckt. Dass er Marie nicht erreicht, sondern nur „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ hört, wirft ihn aus der Bahn, doch dann passiert noch etwas Fürchterliches, so dass Johan eine längere Zeit in einer Fachklinik für psychiatrische Erkrankungen verbringen muss. Erst als es ihm wieder besser geht, findet er die Kraft, den Zeitplaner zurückzusenden. Er legt einen Brief mit einer Entschuldigung bei, inzwischen sind drei Jahre vergangen.
Jana, die Besitzerin des Zeitplaners, schreibt Johan zurück und es entwickelt sich eine außergewöhnliche Brieffreundschaft, denn auch Jana hat eine Tochter, von der sie nicht weiß, wo sie ist.
Jana lebt in Freiburg, stammt aber aus Neumünster und die beiden entdecken Schnittpunkte in ihren Lebensläufen. Gemeinsam ist ihnen auch, dass das aktuelle Leben für sie ein andauernder Kampf ist. Johan hat eine ganze Kollektion von Ängsten, denen er sich täglich stellen muss, Jana hatte einen sehr schweren Unfall und die langandauernde Genesung gibt ihr viel Zeit, über ihre Vergangenheit mit diversen Dämonen nachzudenken.
Johan und Jana sind zwei Fremde, die sich, gerade weil sie sich fremd sind, Wahrheiten sagen bzw. schreiben können. Sie helfen sich damit gegenseitig, die Dunkelheit in ihrem Leben ganz langsam hinter sich zu lassen. Am Ende des Buches, nach fünf Monaten Korrespondenz, reist Jana zu einer Beerdigung nach Neumünster. Vielleicht wird sie Johan sehen, vielleicht nicht.
Anne von Canal und Heikko Deutschmann haben gemeinsam einen tollen Briefroman geschrieben, der wohl kaum jemand unberührt lässt.

Das Glück des Zauberers

Pahroc ist 106 Jahre alt, als er 2012 beschließt, seiner Enkelin Mathilda, zu der Zeit 3 Monate alt, Briefe zu schreiben, in denen er sein Leben schildert und dabei die wichtigsten Erkenntnisse zum Thema Zauberei an sie weitergibt. Wenn sie 18 Jahre ist, soll sie die Briefe überreicht bekommen.

Schon bald stellte sich nach der Geburt von Pahroc heraus, dass dieser ein Zauberer würde. Er hat in den folgenden Jahren gute Lehrmeister, übt seine Kunst aber in der Öffentlichkeit nur verborgen aus. Obwohl er z.B. aus Steinen Geld erschaffen kann, geht er normalen Berufe, wie Radiotechniker oder Erfinder nach und bleibt zusammen mit seiner Frau und den Kindern bescheiden. Im zweiten Weltkrieg kommt ihm seine Zauberkunst häufiger gelegen, denn er kann durch Wände gehen oder sich auch in einen Vogel verwandeln und über Grenzen hinwegfliegen. Allerdings verfolgt ihn viele Jahre Schneidebein, ein anderer Zauberer, der einen hohen Posten im Naziregime hat. Ihm ist der weltoffene und tolerante Pahroc, der damit all das verkörpert, was er selbst nicht ist, ein Stachel im Fleisch und er will ihn vernichten. Aber Pahroc hat auch einen Beschützer und so überlebt er den Krieg und als Leser begleitet man ihn bis ins Jahr 2017. Er kommentiert deutsche Geschichte und Weltgeschehen mit den Blicken eines weisen alten Mannes und automatisch geht man beim Lesen auf eigene Erinnerungsreise.

Lebens- und Geschichtsschreibung kombiniert mit fantastischen Zauberkünsten, eine nicht alltägliche Mischung für einen Roman. Mir hat er gut gefallen. Ich habe auch das Hörbuch begonnen, allerdings fand ich dieses weniger gelungen. Der Sprecher Otto Mellies liest mit einer sehr bedächtigen Stimme, die wohl einem über Hundertjährigen angemessen sein soll. Aber dies ist fast einschläfernd und die Geschichte plätschert dahin, was sie im Buch nicht tut.

Verrückt oder bewundernswert (Lyonwoche Nr. 7)

Heute möchte ich Ihnen vom Postboten Cheval erzählen. Es ist keine Weihnachtsgeschichte, aber eine, die trotzdem ein bisschen zu Herzen gehen kann. Cheval hat in 33 Jahren seinen Traum verwirklicht und diesen Traum kann man von Lyon aus besuchen. Erst einmal ein paar Bilder:

Cheval hatte schon einige Schicksalsschläge erlitten, als er mit 43 Jahren anfing, in seinem Gemüsegarten diesen Palast eigenhändig zu bauen. Dazu brauchte er 33 Jahre, also ca. 10000 Tage, bzw 93000 Stunden. Um alle Briefe auszutragen, lief er jeden Tag über 40 km und sammelte dabei Steine auf und entwickelte in seinem Kopf  die Baupläne. 

Der Palastschmuck behandelt verschiedene Themen, wie z.B. das Paradies, die Weltreligionen oder Verehrung von Cäsar, Archimedes oder Vercingetorix. Die Baustile erinnern an arabische Moscheen, hinduistische Tempel oder mittelalterliche Schlösser. 

1904 beendete er sein Werk. Er wurde in den Jahren oft für verrückt erklärt oder zumindest als Spinner tituliert. Sein Palast wurde als Kitsch bezeichnet und doch zog er immer mehr junge Künstler an. Cheval hatte sich nie an irgendwelche künstlerischen Regeln gehalten und das bewunderten z.B. Picasso, Max Ernst oder Niki de Saint Phalle, nur um einige Künstler zu nennen.

Ich gehöre zu Chevals Bewunderinnen. Nicht wegen des Palastes an sich, sondern wegen der Tatsache, dass er 33 Jahre lang, bei Wind und Wetter, seiner Idee konsequent gefolgt ist ohne sich um das Gespött und der versuchten Einflussnahme seiner Mitmenschen zu scheren.