Palermo aus meiner Buchsicht (Sizilien 3)

Bevor wir nach Sizilien geflogen sind, las ich zur Einstimmung drei Bücher.

Diesen sehr atmosphärischen Krimi konnte ich in Palermo lebendig werden lassen, denn das Hotel „Grand Hotel des Palmes“ , in dem die Geschichte meistens spielt, gibt es noch heute. Berühmt wurde es u.a. deshalb, weil Richard Wagner hier seine Oper „Parzival“ zu Ende geschrieben hat.

Unten Mitte: In der Empfangshalle hat Richard Wagner seinen Platz gefunden.
Links unten: In dieser „Lounge“ tranken wir Kaffee und aßen jeweils ein großes Stück leckeren Orangenkuchen. Rechts daneben eine beeindruckende Bar.



Dieses Buch sollte mich auf das Thema „Palermo und die Mafia“ einstimmen. Auch im ersten Buch spielt die Mafia eine Rolle, aber in diesem Krimi geht es um eine Staatsanwältin, die gegen einen Minister vorgeht, weil er über Jahre hinweg mit der Mafia zusammen gearbeitet hat. Ein deutscher Journalist erlebt dies mit und gerät zwischen die Fronten. Ein unterhaltender Krimi, in dem manche Vorgänge überzeichnet wurden, um die Spannung zu erhöhen. Allerdings geht es auch darum, dass es bei der Mafia kein Schwarz-Weiss gibt, sondern durchaus auch Grautöne, die durch die Abwesenheit oder das Desinteresse der Staatsmacht erzeugt werden.
Das Buch erschien 2015. Seitdem ist auf Sizilien viel passiert. Immer mehr Politiker, aber vor allen Dingen immer mehr Bürger beziehen eindeutig Position gegen die Mafia. An mehreren Stellen sahen wir Erinnerungsschilder oder Plaketten, die an von der Mafia ermordete Menschen erinnern.

Diese Gedenktafel hat ein für Sizilien ikonisches Foto als Vorbild: Die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Gespräch. Sie wurden 1992 in Palermo bei Bombenattentaten ermordet.

Ich spreche kein Italienisch und habe versucht, mit Hilfe mehrerer Sprach-KIs, die sich in der Übersetzung teilweise unterscheidet haben, den Texte unterhalb des Wandtafel zu übertragen:
„In Sizilien“
„So intelligent und fleißig man auch sein mag, es ist nicht gesagt, dass man Karriere macht und es ist auch nicht gesagt, dass man es schafft,
zu überleben. Sizilien hat den Klientelismus zu einer Lebensregel gemacht. In diesem Umfeld ist es schwierig, reine und einfache
berufliche Fähigkeiten zu haben. Was zählt, ist der Freund oder die Bekanntschaft, die einem einen kleinen Schubs gibt. Und die Mafia, die für die Übertreibung sizilianischer Werte steht, was letztendlich dazu führt dass das, was eigentlich das Recht jedes Bürgers ist, als Gefallen erscheint.“
Glovanni Falcone
Dinge der Cosa Nostra 1991
GIOVANNI FALCONE UND PAOLO BORSELLINO


In Palermo gibt es inzwischen sogar touristische Führungen unter dem Motto „No Mafia“, denen ich aber zwiespältig gegenüber stehe, da hier auch Orte gezeigt werden, wo Attentate stattgefunden haben.
Palermo war 2019 die sicherste Stadt in Italien und auch heute liegt sie noch vor Mailand, Rom oder Florenz. Die Mafia ist nicht verschwunden, Drogenhandel oder Erpressung gibt es noch immer. Aber die „Cosa Nostra“ agiert nun mehr stärker im Hintergrund und versucht, in den einzelnen Vierteln staatliche Aufgaben zu übernehmen, in dem sie Armen hilft oder „Ordnung schafft“. Tourismus als Einnahmequelle wurde inzwischen entdeckt und es wird viel dafür getan, dass Besucher ein sicheres Gefühl haben.

Dieses Buch gefiel mir am besten. Drei Kurzgeschichten zeigen das Leben der Leute, die hart für ein kleines Glück arbeiten und gelernt haben, sich zu gedulden und mit ihrem Schicksal nicht zu sehr zu hadern. In den Vierteln dieser Menschen spielt sich das wahre Leben ab, es wird gestritten, man versöhnt sich, es wird geklatscht oder man hegt Umsturzgedanken. Dabei ist Essen und Trinken oft der Kitt oder auch Trost, wenn die Melancholie zu groß wird.
Besonders beim Besuch der Märkte in Palermo, auf den Fotos ist es der „Mercato di Ballarò“, musste ich öfter an diese Geschichten denken.

Zum Schluss noch ein Tipp: Unten rechts sehen Sie einen Street Food Stand auf dem Markt. Das Angebot an Köstlichkeiten ist riesig (und war uns zumeist unbekannt) und ich bedauere es ein wenig, hier nicht an einer geführten Tour teilgenommen zu haben, bei der man an mehreren Ständen hält und das Street Food erklärt bekommt. Sitzplatzgelegenheiten gibt es genügend, man kann also in Ruhe genießen.

Was tun, bzw. nicht tun, wenn es in Palermo regnet? Dazu schreibe ich etwas in der nächsten Woche.

„Die Brandung“ – Ist ein Krimi der bessere Roman?

In Paris kommt eine Frau, 49, verheiratet, eine Tochter, Synchronsprecherin, gestresst von der Arbeit an einem Novemberabend gerade nach Hause, als ihr Telefon klingelt. Die Polizei von Le Havre ist am Apparat und fordert sie auf, am nächsten Tag für eine Aussage nach Le Havre zu kommen. Man hat am Strand eine männliche Leiche ohne Papiere gefunden, in der Jackentasche war nur ein Zettel mit ihrer Telefonnummer. Kennt sie den Mann? Warum hatte er ihre Nummer?
Nach dem vergeblichen Versuch, dieser Aufforderung nicht nachzukommen, fährt sie am nächsten Tag ans Meer und je näher sie Le Havre kommt, desto mehr Erinnerungen stürmen auf sie ein. Sie lebte mit ihren Eltern während ihrer Kindheit und Jugend in Le Havre und wäre fast an ihrer ersten Liebe zerbrochen. Sie war mit Carven zusammen, einem charismatischen Jungen, der für ein paar Monate nach Montreal ging und sich nach seiner Abfahrt nie wieder bei ihr gemeldet hat.
Sie macht eine Aussage bei der Polizei, gibt an, den Toten auf den Fotos nicht zu kennen. Der Kommissar glaubt ihr nicht, auch ist es seltsam, dass sie nicht nach Paris zu ihrer Familie zurückfährt, sondern in Le Havre bleibt. Sie recherchiert auf eigene Faust, denn sie selbst möchte wissen, was es mit der Telefonnummer auf sich hat und sie weiß, dass ihr Aufenthalt eine Chance für sie ist, mit der noch nicht verarbeiteten Vergangenheit abzuschließen.
Dieser Krimi ist ein toller, sehr abwechslungsreicher Roman! Die Spannung ist rund um vielschichtige Themen gewebt. Da ist zuerst einmal die Kriegsgeschichte von Le Havre, das von den Alliierten fast völlig zerbombt wurde. Die Straßennamen sind geblieben, doch die meisten Häuser wurden in einem für damalige Verhältnisse futuristischen Betonstil gebaut und die Erinnerungen der Einwohner wurden vernichtet. Wenn diese Stadtteile auch heute zum UNESCO Weltkulturerbe gehören, so bedeuten sie auch Tristesse und die Farbe Grau, die sich im Meer widerspiegelt. Aber beim Lesen erfährt man noch so viel mehr. Beispielsweise wird die Geschichte zweier ukrainischen jungen Frauen erzählt, die in einer Kneipe auf ihr Visum via App warten, um nach England auszureisen. Man erfährt, wie eine Schiffstaufe vor sich geht, über den Fechtkampf der Tochter, die Kunst des Synchronsprechens und deren Bedrohung durch Künstliche Intelligenz wird geschrieben oder, um noch einmal auf Le Havre zurückzukommen, wie Le Havre zum zeitweise größten Umschlagplatz für Drogen wurde.
Wenn die Frau durch das kalte Le Havre im November streift, von stürmischen Wellen am Hafen nass wird, hat man das Bedürfniss, einen heißen Tee zu trinken und riecht das Meer. Mit wenigen Worten arbeitet die Autorin Stimmungen in ihr Buch ein, das ist beste Literatur.
Wie schon bei dem Krimi „Die nackte Haut“ ist hier auch mein Urteil: Krimis können bessere Romane sein, denn sie haben als roten Faden die Spannung und ermöglichen damit den Autoren, ihre Herzensthemen in die Handlung einzubringen.

Die nackte Haut

Die deutsche Jazzpianistin Jutta Hipp inspirierte den Autor bei seiner Hauptperson.

Wenn Sie sich auf den Krimi einstimmen möchte, hören Sie sich dieses Musikstück von Jutta Hipp an:

https://www.youtube.com/watch?v=Ki-qirkrvhw&list=PLpsdq8Ur_ubTeiaFAGqGbtz6eopgZxSYM&index=2

Das Buch:

Martha Kiesler ist Jazzpianistin aus Hamburg und wandert während des Krieges in die USA aus. In Deutschland wurde Jazz von den Nazis verboten und ihr Freund Willy kam durch einen Unfall ums Leben. In New York wird sie immer erfolgreicher, spielt sogar als weiße Frau in den Jazzlokalen von Harlem.
Ein O-Ton Dokument mit Jutta Hipp:

https://link.deezer.com/s/32qDvoFVrZg1vUGZPenW5

Doch dann kommt es zum großem Streit mit ihrem Manager und 1951 kehrt sie nach Hamburg zurück. Das ist die Vorgeschichte.
In St. Pauli trifft sie auf einige bekannte Gesichter. Friedhelm, ehemaliger Nazischerge, ist jetzt Polizist. Jack, der ein Jazzlokal eröffnen will, möchte, dass Martha bei ihm spielt. Martha nimmt das Angebot an unter der Bedingung, dass Jack auch den Bassisten Paul einstellt. Ihn hat Martha kurz zuvor kennengelernt. Er ist für Martha „ihr Musiker im Geiste“, hängt allerdings an der Nadel und wird als Deserteur von der US-Army gesucht. Doch Martha hält zu ihm, vielleicht weil er sie auch an Willy erinnert.
Jack stimmt schließlich zu, doch damit beginnt der Ärger, denn Paul hat noch andere Geheimnisse. Da sind Josie, ein zwölfjähriges Mädchen, das plötzlich bei Paul im Zimmer auftaucht, der gewalttätige Mike, mit dem Paul mehrmals aneinander gerät und ein Mann mit Strohhut, der auch gefährlich ist.
Über St.Pauli „thront“ darüber hinaus der Baulöwe Winter, der seine Finger nach Jacks Immobilie ausstreckt. Mit Winters Freundin Blondie ist Martha befreundet und durch sie bekommt sie die ersten Hinweise, dass Willy damals nicht durch einen Unfall gestorben ist.

St.Pauli liegt in Trümmern. Jeder Tag ist ein Kampf und alle versuchen, ihre nackte Haut zu retten und Kriegserinnerungen zu verkraften. Martha kann diese Welt vergessen, wenn sie einen gewissen Whiskypegel intus hat und auf der Bühne mit Paul und anderen Musikern Jazz spielen kann. Dann vibriert die Luft.
Leser/Leserin: Schnell auf einer Musikplattform die Musikstücke heraussuchen, die Martha spielt! Sich dann in der Musik verlieren, die damalige Atmosphäre nachspüren, das ist der große Anreiz dieses Buches. Dass es auch Krimizutaten enthält, das ist eine erfreuliche Begleiterscheinung.

Als Spione ihre heile Welt verloren

Jakob Dreiser wächst in in den 60er und 70er Jahren in einem Dorf in Norddeutschland auf. Als Schüler ist er ein Außenseiter, denn er lernt freiwillig Russisch in Zeiten des Kalten Krieges und er schreibt Gedichte. Mit fünfzehn flüchtet er aus dem dörflichen Mief, schlägt sich durch und findet tatsächlich einen Verlag, der seine Gedichte druckt. 1989 wird er dann schlagartig berühmt. Die Mauer fällt, er und eine junge Poetin aus der ehemaligen DDR werden für die Literaturwelt mit ihren Gedichten das Gegenstück zu dem Skorpions und ihrem Lied „Wind of Change“. Die beiden treten auf Festivals und Lesungen auf und reisen als Botschafter des Friedens in der Welt herum.
Jakob hat mit 25 finanziell ausgesorgt und lebt in Rom. Dort ist er sehr beliebt, da er ein guter und intelligenter Zuhörer ist und seinen Mitmenschen immer mit einem optimistischen Lächeln begegnet. An einem Nachmittag geht er zu einem Empfang der russischen Botschaft. Er ist sehr dankbar, dass er aus seinem alten Leben flüchten konnte und seine permanente Angst aus den Zeiten des Kalten Krieges vorbei ist. Allerdings langweilt er sich auch ein bisschen und hört deshalb interessiert zu, als ihm von Dieter Germershausen ein Angebot macht, für ihn eine Aufgabe zu erledigen. Germershausen ist Mitarbeiter des deutschen BND und auch ab und zu mal des KGB und ist gar nicht erfreut, dass die klaren politischen Seiten des Kalten Krieges sich inzwischen in Luft aufgelöst haben. Er sieht das Ende seines Arbeitslebens vor sich und will in einem letzten Coup landen, um sich und seine Freundin so finanziell ausstatten, dass sie den Rest ihres Lebens sorglos verbringen können. Er plant, einen Hubschrauber in Kasachstan zu kaufen. Dank der schwammigen politischen Lage gibt es Hubschrauber dort zum Schnäppchenpreis und die kolumbianischen Drogenbosse zahlen gutes Geld für diese Flugzeuge.
Germershausen hat schon lange ein Auge auf Jakob geworfen, denn dieser ist sehr kommunikativ, während Germershausen am liebsten schweigt.
Jakob hilft und zeigt dabei ungeahnte Agentenqualitäten, die weit über die Befehle von Germershausen hinausgehen. Nicht nur die Hubschraubertransaktion hält für die beiden Überraschungen bereit, denn Germershausens, der über Jahrzehnte nur eine graue Maus unter den Agenten war, gerät durch seine Aktivitäten plötzlich in den Fokus von anderen Agenten.

Ach, was waren wir in den 90er Jahren blauäugig und dachten, Kalter Krieg und andere Kriege gehörten der Vergangenheit an. Der Autor nimmt sich diesem Thema auf humorvoller Weise an und würzt sein Buch mit John le Carré-und Jules Vernes Zutaten. Sehr unterhaltend!

Wenn eine Rose ein Mauerblümchen unterschätzt

Die berühmte Schauspielerin Holly zog sich unerwartet vor sechs Jahren auf eine einsame Insel vor Helsinki zurück und hat seitdem keine Interviews gegeben. Eines Tages schreibt sie der Chefredakteurin der Zeitung „Mensch in der Natur“ einen Brief, in dem sie anregt, sie auf der Insel zu besuchen, da sie den eigentlich in Nordafrika beheimateten Blauwangenspint dort gesehen hat.

Fotomontage mit einem Blauwangenspint

Die Redakteurin ist begeistert, denn sie kann ihre Tochter Eva zu Holly schicken. Eva ist Vogelkennerin und könnte durch das von den Fans lang erwartete Interview mehr Anerkennung bekommen.
Nur einmal pro Woche hält die Fähre an der Insel und Eva graut es anfangs vor den nächsten 8 Tagen, als sie von Holly empfangen wird. Die Schauspielerin, Anfang fünfzig, ist ein blonder Vamp, der permanent spricht und eigene Regeln für ihr Leben aufgestellt hat. Eva hingegen, Anfang dreißig mit dunklem strengen Pagenkopf, liebt die Stille und hört am liebsten Menschen zu. Beim Sitzen versteckt sie dabei gerne ihre Hände unter den Oberschenkeln.
In den ersten Tagen erzählt Holly oft von ihrem durch einen Bootsunfall verstorbenen Ehemann Franz und zwingt Eva mehrmals dazu, Dinge zu tun, die sie bisher noch nie gemacht hat. Eva muss im kalten Meer schwimmen, soll rauchen, einen Kopfstand zu machen oder mehr als ein Glas Wein zu trinken. Dieser Druck macht Eva wütend auf Holly, doch sie tut alles, muss sie doch noch das Interview führen. In ihrem Notizbuch notiert sie dazu gewissenhaft alle Fragen, die sie Holly stellen möchte. Doch es kommt nicht dazu. Ganz langsam strampelt sich eine andere Eva frei, die Herausforderungen mag und eigene Pläne verfolgt.
Nach dem Aufenthalt wird es einen Zeitungsartikel über Holly geben, allerdings wird es kein Interview sein.

Die Autorin Maisku Myllymäki ist in Finnland ein Star. „Holly“ ist das erste Buch, das von ihr in Deutschland jetzt erschienen ist. Finnischer Humor gilt als teilweise skurril und einige Passagen des Buches entsprechen dieser Ansicht. Eva vergleicht sich, Holly und andere Menschen stetig mit dem Aussehen und Wesen von Vögeln. Das ist manchmal amüsant uncharmant.
In dem Buch baut sich ganz langsam eine Spannung auf. In Nebensätzen hat das Mauerblümchen Eva beispielsweise plötzlich das Lächeln einer Hyäne oder man erfährt nebenbei, dass sie schwanger ist. Dann ist da der nicht koschere Bootsunfall von Hollys Ehemann oder Hollys Gelegenheitsliebhaber Roberto erscheint plötzlich auf der Bildfläche. Hollys Wesen ändert sich daraufhin um 180 Grad und Eva kann froh sein, dass sie noch lebt, als Roberto wieder verschwindet.

Nicht alles ist im Buch logisch zu Ende gedacht, aber das störte mich nicht weiter. Die Atmosphäre der Geschichte ist eine besondere und das gefiel mir gut.


Ein Schüttelreim- nicht aus dem Ärmel geschüttelt!

2025 erschien der zweite Band mit Schüttelreimen von Dietrich Brüggemann.

Was ist ein Schüttelreim? Hier eine Definition, gefunden bei Chat GPT:

Ein Schüttelreim ist ein Doppelreim, bei dem die Anfangsbuchstaben oder Konsonantencluster der letzten zwei betonten Silben in zwei Versen vertauscht werden, um eine komische Wirkung zu erzielen. Er ist eine Form des Nonsens und findet sich häufig in humoristischer Kurzlyrik. Ein Beispiel:

Dietrich Brüggemann beherrscht diese Sprachkunst perfekt und in seinem Buch bekommen gleich am Anfang die zehn Gebote aus der Bibel ein Update. Nr. 6 lautet dann:

Ihr sollt nicht um Keime raufen,
sondern lieber Reime kaufen.

Weitere Reimthemen sind beispielsweise „Gegen rechts“, „Aus der Tierwelt“ oder „Zweite Hälfte“. Ein weites Feld sind kulinarische Beobachtungen oder das Zusammenleben von Mann und Frau:

Wenn ich dir ein Ei bringe,
machst du mir einen Brei, Inge?

Man sollte dieses Buch nicht in einem Rutsch lesen, sondern jeden Tag nur ein paar Schüttelreime „konsumieren“. Manche sind wunderbar subversiv, oder böse, andere landen etwas unter der Gürtellinie, bieten reinen Quatsch oder kritisieren auch mal unverhohlen. Die zarten Illustrationen von Dennis Rudolph passen gut dazu.

Neben den Zweizeilenreimen gibt es auch ein paar längere Texte und ein Nachwort. Dieses sollte man unbedingt lesen, denn der Autor erzählt, welche Erfahrungen er gemacht hat, als er Chat GPT aufforderte, ihm Schüttelreime zu präsentieren. Die KI hat es bis auf eine Ausnahme nicht geschafft, einen Schüttelreim nach den Regeln zu regenerieren. Dafür bekam der Autor eine Reihe von neuen Wortkreationen präsentiert, auch nicht ganz uninteressant und vor allen Dingen großer Blödsinn. KI schüttelte es also nicht aus dem Ärmel und ich auch nicht…
Als ich mit der Lektüre anfing, hatte ich als Schüttelreimregel im Kopf, dass in der zweiten Zeile die Buchstaben der beiden letzten Wörter der ersten Zeile nur getauscht werden müssten. Da mir die Buchverse viel Spaß machten, suchte ich eigene Reime:

Auf der Party trug Gina ein nobles Kleid
und rief in die Runde „Nur kein Neid!“

Katharina wollte eine Arie von Rigoletto singen,
oh, was musste ihre Stimme ringen!

Möchtest du die Forelle essen?
Nein danke, gib dem Kater das edle Fressen.

Susanna bekommt eigentlich gerne Besuch,
doch was ist das jetzt für ein bestialischer Geruch?

Fritzi wollte im Sandkasten einen Kuchen backen,
beim Essen hörte man danach die Backenzähne knacken.

Ganz nett, aber noch nicht optimal, wie ich dann merkte, als ich später die offizielle Definition las.

Neuer Versuch:

Willst du im Park heute laufen?
Ja, aber nur rund um den Leute Haufen!

Hörst du es im Stau bellen?
Das ist wohl bei den Baustellen…

Was sollen diese schlauen Fragen?
Das werden dir die Frauen sagen!

Probieren Sie es einmal selbst, sich einen Schüttelreim auszudenken. Es liest sich leichter, als es ist!








Der lebende Beweis

Die Ich-Erzählerin, Mitte vierzig, zog vor 15 Jahren von der Großstadt in ein kleines Dorf in der Uckermark. Sie und ihre Familie kauften damals einen alten Hof und eine alte Gärtnerei und die nächste Jahren waren geprägt durch zig Renovierungen und Verwirklichungen neuer Ideen. Inzwischen sorgt das Café in der Gärtnerei für den Lebensunterhalt, da es ein „regionaler Hotspot“ für Feierlichkeiten geworden ist.

Am Anfang des Romans nimmt die Ich-Erzählerin eine zunehmende Entfremdung gegenüber ihrer Familie wahr und auch ihre eigene Person stellt sie immer mehr in Frage. Was will sie wirklich? Warum lebt sie hier? War es richtig, in dieses Dorf zu ziehen? Sie verkriecht sich auf dem Dachboden, schreibt ihren Mitbewohnern, Mann, den zwei Söhnen und ihrer Mutter einen offiziellen Brief, in denen sie ihnen mitteilt, jegliche mütterlichen Verpflichtungen „zu kündigen“. Sie muss sich selbst retten, um nicht zu verwildern, wie sie es als Kind schon einmal erlebt hat.
In dem Dorf ist sie nur geduldete Zugezogene, möchte aber gerne zur Dorfgemeinschaft dazu gehören und beginnt, ihr eigenes Verhalten und das der Dorfbewohner vom Dachbodenfenster genau zu beobachten und zu notieren. So verfolgt sie beispielsweise die Alkoholiker, den Einsiedler, den Täglichspazierer, zwei Fremde auf der Bank oder die seltsam distanzierte Pastorin. Sie versucht darüber hinaus, mehr Kontakte im Dorf zu knüpfen und hilft z.B. zwei Dorfbewohnern, die im Archiv für Geschichte Dokumente digitalisieren. Dabei taucht die Erzählerin in die Geschehnisse im Dorf während des 30jährigen Krieges ein oder erfährt von Hexenprozessen. Sie beginnt, diese mit der Gegenwart zu verbinden und Alltagsszenen beginnen mit alten Geschichten in ihrem Kopf zu verschwimmen.
Es gibt einige wenige Momente, in denen sie in ihre alte Rolle als Ehefrau und Mutter zurückkehrt, doch immer wieder spürt sie ihre Wurzellosigkeit in dem Dorf, so dass sie beim Osterfeuerfest schließlich eine Entscheidung trifft.

Die Autorin setzt mit diesem Buch den Roman fort, für den sie 2019 für den Deutschen Bücherpreis nominiert war. Der erste Abschnitt meines Textes fasst den Inhalt kurz zusammen.


Ich habe das erste Buch nicht gelesen, was aber nicht störend war. Die Autorin schafft es nach meiner Meinung sehr gut, die Zerrissenheit der Ich-Erzählerin zu zeigen und ihren Wunsch nach wahren Verbindungen, nachdem die Familie dies ihr nicht mehr gibt. Manche Gedanken der Erzählerin erscheinen zuerst wirr, doch ergeben sie schließlich alle einen Sinn.

Ein Trauerredner ermittelt

Mads Madsen und Patrick Schulze sind in ihrer Kindheit unzertrennliche Freunde, bis eines Tages Patrick mit seiner Mutter plötzlich aus Glücksburg verschwindet und nicht mehr zurück kehrt.
Mads, inzwischen erwachsen, ist Trauerredner geworden und lebt in Flensburg. Eines Tages liegt unter seiner Wohnungstür ein weißer Briefumschlag, darin ein unbeschriebener weißer Briefbogen. Wenig später erfährt er, dass Patrick bei einem Unfall gestorben ist. Viele Erinnerungen kommen zurück, u.a., dass sie beiden sich immer mit Geheimtinte Botschaften geschrieben haben. Mads behandelt daraufhin das Briefpapier, es ist eine Nachricht von Patrick. Er bittet Mads, seine Trauerrede zu halten und „wie ein Agent“ nachzuforschen, es würde sein Schaden nicht sein.
Schon nach den ersten Begegnungen mit Menschen aus Patricks Umfeld ist Mads der Überzeugung, dass der Unfall ein Mord war und sein ehemaliger Freund mit üblen Geschäften zu tun hatte. Mills, die leitende Kommissarin bei diesem Fall, verdächtigt Mads, mit in diesem Geschäften zu stecken, besonders, als Mads mit einem weiteren Todesfall in Zusammenhang gebracht werden kann. Doch trotz der Warnung von Mills, sich nicht weiter einzumischen, forscht Mads weiter, zumal er dabei auch einer Erklärung immer näher kommt, warum Patrick und dessen Mutter damals verschwunden sind. Damit bringt er sich, seine Familie und Freunde in Lebensgefahr und die Rettung kommt wahrhaftig erst in allerletzter Sekunde.
Mir hat dieser Krimi gut gefallen. Er ist unaufgeregt geschrieben, bei einigen Passagen und Figuren blitzt nordischer Humor durch. Ich wäre geneigt, ein Wochenende mit einem zweiten Teil zu verbringen, sollte dieser erscheinen.

Der Wiener Opernball ist nichts für Memmen

Für schlappe 300 Euro hat Stefanie Sargnagel eine Eintrittskarte für den Wiener Opernball ergattert. Um inkognito die Schönen und Reichen beobachten und später über sie schreiben zu können, begibt sie sich zuerst in die Hände der befreundeten Maskenbilderinnen eines Theaters. Diese foltern sie über Stunden mit Schönheitsritualen und stecken sie in ein sehr enges Abendkleid, das Ergebnis ist eine goldene Walküre.
Dann ist der Abend der Abende gekommen. Vor der Oper hat sich das niedere Volk zum Gaffen und Tratschen versammelt, der Autorin ist es hier schon zum ersten Mal überaus peinlich, dass sie über den roten Teppich schreitet. Wie gerne wäre sie in diesem Moment niederes Volk. Doch Job ist Job und Recherche ist Recherche. Glücklicherweise wird sie begleitet von einem Freund, der den Komponisten Johan Strauss verehrt und sich aufs Walzertanzen freut und einer Freundin, die eine scharfe Beobachterin ist – es lebe der Klassenkampf!
Am Anfang des Abends ist für die Gäste das Lächeln oberstes Gesetz, denn überall lauern Fernsehkameras, die nur auf eine Entgleisung warten. Da ist es egal, ob man beim Tanzen sich mit dem eigenen Seidenschal fast stranguliert, weil man sich in dem Diamantendiadem der Nachbartänzerin verheddert oder jemand, dem das Fett aus der Kleidung quillt, auf deinen Fuß tritt und im Schuh der kleine Zeh abgetrennt wird. Lächeln!
Nur den wirklich alten Reichen mit ihren langen Hälsen und den dazu gehörenden magersüchtigen Töchtern sind neutrale Gesichter erlaubt und sie müssen auch nicht tanzen- eine Beobachtung der Autorin.
Das Staatsoberhaupt trifft ein, jeder will gut sehen, da kann es dann doch schon mal zu unschönen Auseinandersetzungen kommen. Auch beim Tanz der Debütantinnen heizt sich die Stimmung weiter auf, wie auch beim Eintreffen von „Mörtel“, dem Millionär Richard Lugner, dieses Mal an seiner Seite Priscilla Presley.
Dann sind die Fernsehkameras endlich weg. Das Fremdschämen hat bei Stefanie Sargnagel gerade erneut einen Höhepunkt erreicht, als sie von einer Frau erkannt wird. Sie lädt die Autorin in ihre Loge ein und von da an erinnert Sargnagels Reportage über den Opernball eher an ein rauschhaftes Fest, an dem auch Dionysos seine Freude gehabt hätte. Kokain you‘re welcome!

Berlin erlesen und ersehen!

Letzte Woche waren wir ein paar Tage in Berlin. Der Hauptgrund war der Besuch einer Theatervorstellung: Der Schauspieler Lars Eidinger spielt seit 2008 Shakespeares „Hamlet“ in der Schaubühne auf dem Kurfürstendamm.

Screenshot der Schaubühne- Internetseite

Zweieinhalb Stunden tauchten wir ein in die Hamletwelt Eidingers, der sich die Seele aus dem Leib spielte, besonders als anscheinend wahnsinnig gewordener Prinz von Dänemark. Es war ein denkwürdiger Theaterbesuch, den ich Ihnen sehr empfehle. Wenn Sie in Berlin sind, versuchen Sie Karten zu bekommen, Restkarten werden immer wieder angeboten.
Da wir Berlin schon ganz gut kennen, las ich zuvor dieses Buch, um ein paar Anregungen für die anderen Tage zu bekommen.

In 55 ausführlichen Beiträgen werden Besichtigungstipps für Literaturliebhaber gegeben. Sortiert nach Berliner Bezirken (einige Ziele liegen auch in der näheren Umgebung von Berlin), bekommt man beispielsweise Lust, besondere Bibliotheken, Museen, Friedhöfe, Buchhandlungen, Cafés oder Autorenhäuser aufzusuchen und auf Entdeckungsreise zu gehen.
Ich lernte durch dieses Buch das „Museum für Kommunikation“ kennen und sehr schätzen. Über den Besuch werde ich demnächst berichten.

Das Wetter war sehr winterlich und grau. Ein paar Erinnerungsfotos wollte ich aber doch gerne mitnehmen und so kamen diese Nachtaufnahmen als Doppelbelichtungen mit nach Duisburg:

Beim Anhalterbahnhof
Am Checkpoint Charlie, abends um 22 Uhr – Wie ausgestorben…
Beim Görlitzer Bahnhof
Am Lausitzer Platz
Am Alex
Memoria Urbania Berlin