Bretagne 8 – Was Bretonen bewegt- in wenigen Worten

Vor einigen Monaten schrieb ich über meine Teilnahme an einem „Citizen Science“ Projekt der Universität Luxemburg. Die Universität erforscht Sprache im öffentlichen Raum und braucht den Input von vielen Freiwilligen, die Schilder, Aufkleber, Zettel, Graffiti usw. fotografieren und ihre Fotos danach der Universität zur Verfügung stellen. (Siehe auch unten der Beitrag „Spaziergang durch Sprachlandschaften-Nr. 2“).
Auch während der zwei Wochen in der Bretagne blieb ich nicht untätig. Besonders gerne sammelte ich die Bilder, weil ich auf der Karte der Uni sah, dass es in diesem Teil von Frankreich bisher kaum Meldungen gab.
Heute stelle ich Ihnen einige Fundstücke vor, da ich meine, über diese Art von Wortmeldungen auch eine Menge über die Bretagne und ihre Bewohner zu erfahren.

Beiträge zu der Durchsetzung der Unabhängigkeit der Bretagne und/oder der bretonischen Sprache habe ich oft gefunden und eine Reihe von gesellschaftspolitischen Aussagen.

Mitte unten: Der Buzuk ist eine regionale Währung.
Oben rechts: Eins von mehreren Aufklebern, die den Verkauf von Häusern an Nichteinheimische kritisieren. dadurch stehen viel Häuser den größten Teil des Jahres leer.

Zahlreiche Plakate und Aufkleber riefen auch für mehr Rechte von Frauen und LSBTIQ+ Menschen auf.

Umwelt- und andere alternative Themen wurden ebenso propagiert, ein anderer Eindruck war, dass auf öffentlichen Schildern mehr an den Gemeinschaftssinn appelliert wird.

Links oben: Im Süden sollen riesige Wasserauffangbecken gebaut werden. Bei der Planung wird dabei auf schützenswerte Landschaftsteile zu wenig Rücksicht genommen.
Links unten: Im Fenster eines Privathauses fand ich diesen Aushang, der erklärt, warum 70 % der 301 Schmetterlingsarten in Frankreich bereits verschwunden sind.
Rechts daneben: Das Bemühen um Entsiegelung von Bürgersteigen war in einigen Städten deutlich wahrnehmbar.

Etwas wurde auch für das Geschichts-und Traditionsbewusstsein getan:

Am Ende habe ich noch ein bisschen Poesie und Philosophie für Sie:


Diese Schilder zu lesen und zu verstehen waren für mich auch eine schöne Übung, meine französischen Sprachkenntnisse zu erweitern.

Nächste Woche schreibe ich über unsere Anreise in die Bretagne (über Amiens) und unsere Rückreise ( über La Rochelle und das Loiretal)..

Spaziergänge durch Sprachlandschaften ( mit:forschen Nr. 2)

Im letzten Beitrag erzählte ich Ihnen von der Internetseite mit:forschen. Hier werden Forschungsprojekte von Universitäten, Instituten oder Vereinen vorgestellt, bei denen die ehrenamtliche Hilfe von Bürgern gebraucht wird.

Seit zwei Wochen mache ich bei einem Projekt der Universität Luxemburg mit, das 2016 begonnen wurde. So wird es auf mit:forschen beschrieben:

“Im Projekt Lingscape erforschen wir die Vielfalt von Sprache im öffentlichen Raum. Ob Sticker, Straßenschild oder Graffiti, ob auf Deutsch oder mehrsprachig, ob in Deutschland oder auf der ganzen Welt – geh mit Lingscape auf Sprach-Safari und hilf uns dabei, Sprachlandschaften zu dokumentieren.“

Fotocollage mit Schildern zu den Themen Denkmalschutz, Nachbarschaft, Handball und Kulturfestival

Ich fotografiere gerne, mich interessieren Graffitis, öfter ärgere ich mich über Aufkleber, finde manche Schilder überflüssig- warum nicht mitmachen, um eine weitere Motivation zu haben, häufiger mal spazieren zu gehen?

Bei den letzten Spaziergängen kam ich mir ein bisschen wie auf einer Schnitzeljagd vor, was mir Spaß machte. Mein Jäger-und Sammlerinstinkt war geweckt. Ich lernte schon eine Menge über die Sprache im öffentlichen Raum. Ungefähr 60 Sprachäußerungen habe ich bisher gesammelt, es gibt so viele Unterscheidungskriterien…hier ein paar Beispiele:


Schilder:
private und installiert von einer öffentlichen Stelle

Fotocollage mit drei Bildern von Verkehrsschild, Verbotshinweis und Namensschild eines Büdchen.



Sie vermitteln:
Hinweise, Verbote, Namen, Werbung, Meinungen, Aufrufe, Erinnerungen

Fotocollage mit Schildern

Themen:
Tourismus, Sport, Politik, Kultur, Sprüche, Natur, Wirtschaft, Religion, Technik, Wissenschaft

Gültigkeit:
aus der Vergangenheit, zeitlich begrenzt, zukunftstauglich?

Wie sieht es mit der Zukunft dieser Schilder aus? Sterben „Winterdienste“ in unseren Breitengraden in ein paar Jahren aus? Auch „Fuck Jäger“ könnte an Aktualität verlieren, wenn diese Felder zum Naturschutzgebiet erklärt werden. „Alle zusammen gegen Faschismus“- diese Aufforderung verliert nicht an Bedeutung.

Materialien:
Blech, Papier, Mauer, Plastik, Holz, Metall, Stoff, Glas

Fotocollage aus Schildern aus verschiedenen Materialien

Sprachen (bisher):
Deutsch, englisch, türkisch

Gestaltung:
nüchtern, künstlerisch, handgemalt

Ich bekam schon ein kleines Gefühl von Sprachlandschaften, denn die Aufkleber in den Duisburger Stadtteilen Rumeln-Kaldenhausen, Rheinhausen und Duisburg-Mitte unterschieden sich. Nach R-K „schwappten“ schon Aufkleber von Vereinen aus dem benachbarten Krefeld, in R. fand ich die meisten türkischen Aufkleber, in Mitte stieß ich auf eine Reihe politischer Aussagen oder auf Aufkleber aus anderen Städten.

Fotocollage

Gemeinsam hatten alle Stadtteile MSV Fußball-Aufkleber, die es in diversen Ausführungen gibt und die mir leider immer wieder negativ auffielen, weil sie andere Schilder überklebten. Muss das sein?

Fotocollage mit MSV Aufklebern

In dem Projekt wurden bisher weltweit gut 150000 Fotos eingepflegt. Auf einer interaktiven Karte kann man sehen, wo wie viele Schilder bisher dokumentiert sind und nach weiteren Klicks werden diese abgebildet. Oder man gibt auf einer Seite von Lingscape ( https://lingscape.app/de/ ) als Suchbegriff eine Stadt oder ein Land ein, um sich die Schilder anzeigen zu lassen. So sieht dies z.Zt. für Duisburg aus:

https://lingscape-app.uni.lu/pin/list/?search=Duisburg&projects_set=&o=-id

Möchte man sich beispielsweise als Schule, Verein o.a. eine eigene Datenbank für Schilder aufbauen, muss man einmalig einen Nutzernamen eintragen, nach dem man auch suchen kann. Im Urlaub Schilder sammeln- eine neue Art von Souvenirs?

Diese Schilder sind nicht nur Sprachgeschichte, sondern auch ein Stück Alltagsgeschichte und zeigen, wie die Welt heute ist. Mir gefällt der Gedanke, ein bisschen dazu beizutragen, dass diese Geschichten in der Zukunft gezeigt werden können und nicht in Vergessenheit geraten.

Schil mit einem Hinweis, dass an dieser Stelle am 14.10.1779 nichts passiert ist