Deutschland liest ein Buch: Ein ganz normales Wunder

Der Verlag Kiepenheuer&Witsch hat letztes Jahr erstmalig die Aktion „Deutschland liest ein Buch“ durchgeführt. Ein Titel aus dem Verlagsprogramm wird sehr stark beworben und auf der Verlagsseite im Internet finden Literaturkreise, Lehrer und andere lesefreudige Zusammenschlüsse viele Ideen, wie man dieses Buch besprechen oder mit welchen Aktionen man das Buch begleiten kann.
Die Titelauswahl im letzten Jahr fand ich nicht überzeugend, aber
dieses Jahr bin ich begeistert!

Der Autor Woody Brown ist nicht sprechender Autist, der als erster in den USA einen Abschluss an einer Universität erlangt hat und damit in seinem Heimatland viel Aufsehen erregte.
„Ein ganz normales Wunder“ ist sein erster Roman. Um es direkt zuzugeben: Ich war überrascht, mit wie viel trockenem Humor dieses Buch geschrieben wurde!
Wir lernen Walter kennen, einen jungen Autisten, der eigene Gedanken verbal nicht äußern kann. Er hat einen liebevollen Vater und eine Mutter, die alles dafür tut, dass ihr Sohn gefördert wird und ein möglichst „normales“ Leben mit der dazugehörenden Bildung führt. Dafür kämpft sie wie eine Löwin, bzw. Kriegerin, wie Walter sie einmal nennt.
Der plötzliche Tod des Vaters wirft alle Bemühungen über den Haufen, denn die Mutter muss arbeiten gehen und Walter, der nicht über eine längere Zeit alleine bleiben kann, besucht unter der Woche die Tagesstätte „Upward Bound“. Hier trifft er auf andere junge autistischen Erwachsene, die von mehreren Betreuern mit Aktivitäten durch den Tag gebracht werden. Walter erzählt von seinen Beobachtungen in der Gruppe und stellt andere Mitglieder vor, wie den schönen Tom oder den gutmütigen Jorge, der gerne ausreißt. Auch Carlos, der einfühlsamste Betreuer, Ann, eine Praktikantin, und Dave, der Chef dieser Einrichtung, werden von Walter vorgestellt. Sie kommen in dem Roman aber teilweise auch selbst zu Wort und man liest von schwierigen Lebensbedingungen, Ängsten und kleinen Freuden. Und dann ist da noch Avery, Verkäuferin in einem Einkaufszentrum, das von der Gruppe einmal pro Woche besucht wird. Averys Blick auf die Gruppe wird von Woche zu Woche geschärft und immer häufiger stellt sie sich die Frage, ob sie aus ihrem Leben mehr machen kann.

Woody Browns Buch gibt Lesern viel Stoff zum Nachdenken. Die Leser erfahren, was es bedeutet, autistisch zu sein. Walter beschreibt es als „ADHS mal tausend“: Es ist, als stünde eine riesige Monitorwand im Gehirn und die Monitore zeigen unterschiedliche Eindrücke mit voller Lautstärke und das muss das Gehirn jede Sekunde verarbeiten. Für andere Handlungen, die man für die Bewältigung des Alltags braucht, sind im Gehirn nicht mehr viele Kapazitäten übrig.
Wie geht es einem autistischen Menschen, wenn er merkt, dass über ihn geredet wird, als sei er gar nicht anwesend, weil die anderen denken, dass er eh nichts versteht. Wie geht es ihm, wenn er gute oder schlechte Gefühle hat, Mitgefühl zeigen möchte, aber nichts äußern kann? Es ist wie eine Zwangsjacke, aus der man sich nicht befreien kann.
In dem der Autor auch über Betreuer und Außenstehende schreibt, hält er im positive Sinne der Leserschaft einen Spiegel vor. Man erkennt, wie man sich falsch verhält und welche Vorurteilsfallen es gibt, es wird aber auch gezeigt, wie jeder von uns es besser machen kann, wenn man einem Menschen mit einer Behinderung begegnet.

Fünf Sterne für dieses Buch!

Autor: linda

Wohne in Duisburg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert