Besuch in der Kulturraffinerie K714

Den Pianisten Vikingur Ólafsson einmal live erleben, das stand auf unserer Wunschliste Mein Mann entdeckte im Frühjahr, dass Ólafsson nach Monheim kommen sollte und kaufte im März zwei Karten.
Letzte Woche, als das Konzert in unsrem Kalender näherrückte, sahen wir nach, in welcher Halle der Pianist auftreten sollte. „Kulturraffinerie K714“- irgendetwas klingelte dabei mir …Hatte ich nicht schon Plakate in Hamburg und Köln gesehen, wo das Konzerthaus abgebildet war und man dafür warb, den modernsten Saal Europas zu besitzen? Im Internet erkannte ich das Konzerthaus wieder und las, dass das „Pre-Opening“ des Konzerthauses am 2. September sei. Wow, wir sind anwesend bei der Voreröffnung des modernsten Konzertsaals Europas, das kommt ja nicht alle Tage vor…

Sehr gespannt fuhren wir also nach Monheim. Uns empfing das Konzerthaus mit einer Dixitoilette vor der Tür. (Ob das blaue Häuschen dort stehen bleibt? Das wäre bestimmt schon das erste Alleinstellungsmerkmal im Kampf um den Platz 1 bei den europäischen Konzerthäusern…)

Die Biergartenbänke standen bereit für die eigentliche Eröffnung, auch Getränkewagen warteten auf ihren Einsatz, für die „Pre-Besucher“ blieben sie allerdings geschlossen.

Auch die Lage der Kulturraffinerie verdient Sternchen. Man blickt auf den Rhein und freut sich des Lebens unter den Augen von Monheims Wahrzeichen, der Gänseliesel von Markus Lüpertz.

Wir gingen ein bisschen spazieren und wollten noch etwas essen. In Sichtweite liegt das italienische Restaurant „Fiume“. Wir trafen gegen 18 Uhr da, das Restaurant war zur Hälfte besetzt. Nach einer Viertelstunde bekamen wir eher zufällig die Speisekarte, da der für uns zuständige Kellner einen Blick in seinen toten Winkel gewagt hatte. Nachdem wir weitere 20 Minuten vergeblich hofften, unsere Bestellung abgeben zu können, verließen wir den Ort, gingen 5 Minuten weiter und kamen zum Hotel „Zum Vater Rhein“. Hier gibt es ebenfalls ein Restaurant mit europäischer Speisekarte. Schnelle Bedienung, gutes Essen.

Warum heißt ein Konzertsaal eigentlich „Kulturraffinerie K714“? Die Außenwände gehören zu einer alten Fassabfüll- und Mineralöl-Raffinerieanlage von Shell. Das K steht für Kultur, die 714 bezieht sich auf den Rheinkilometer.

Das Gebäude sieht tagsüber schon recht chic aus, aber bei Dunkelheit wird das Haus beeindruckend illuminiert.

Kommen wir zum wichtigsten Teil, der Innenausstattung des Gebäudes.

Rote Teppiche erwarten die Gäste und führen sie in eine ehemalige Fabrikationshalle. Die Vorstellung war ausverkauft und es wurde kurz zunehmend enger, obwohl bei dieser Veranstaltung nur ca. 1400 Besucher anwesend waren. Wo gehen die Menschen hin, wenn im Winter ein Stehplatzkonzert mit über 4000 Besuchern in der Halle stattfindet? Vielleicht in den Keller, da war noch ziemlich viel Platz. Hier irrten nur einige Besucher umher, die sich fragten, hinter welcher der nicht näher gekennzeichneten Türen sich wohl die Toiletten verstecken. (Hinweis an den Hausherren: Die Wasserversorgung in den Waschbecken der Damentoilette ist äußerst schwankend).
Die Zahl der Sitzplätze (vorwiegend Barhocker an kleinen Stehtischen) ist übersichtlich, die schwarze Sitzsackgruppe zwischen Garderobe und Bar sollte wieder entfernt werden, bevor sich noch jemand den Ischiasnerv einklemmt und die Stadt verklagt.
Der Konzertsaal: Er wurde als neuer Raum mitten in die alten Mauern gebaut. Düster kommt er daher und in den letzten Reihen stolperten diverse ältere Herrschaften zu ihren Sitzen, da die Beleuchtung hier nur als „funzelig“ bezeichnet werden kann. Deshalb mein Rat: Falls Sie planen, dieses Schmuckstück der deutschen Konzertsaallandschaft zu besuchen, sollten Sie sich Karten leisten, die bis zu der Reihe 23 gehen. Neben der Dunkelheit ist in den letzten Reihen die Akustik zwar noch gut, aber durch einen Überbau gedämpft. Zudem staut sich hier die Wärme, wie mehrere mit dem Programmheft wedelnde Zuhörer bewiesen. Sollten Sie zu zweit ein Konzert besuchen, überprüfen Sie, ob ihre Sitze wirklich nebeneinander liegen. Die Plätze 8 und 9 werden hinten durch einen Gang getrennt, wie wir feststellen mussten.

Das Konzertprogramm:


Vikingur Òlafsson war im ersten Teil zu sehen. Er spielte seine Passagen sehr einfühlsam, aber der Funke sprang bei mir nicht über. Das lag eventuell an der Musik von Beethoven, die ich nur bedingt mag oder auch an der Orchesterbesetzung. Ca. dreißig Musiker saßen auf der Bühne. Die Akustik war glasklar, aber es gab kein Volumen.
Das änderte sich nach der Pause. Nunmehr präsentierten sich ca. 80 Musiker des berühmten Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchesters und die Symphonie war für den Konzertsaal bestens als Feuertaufe geeignet. Hier wurde es teilweise bombastisch und beim Einsatz mehrerer Blechinstrumente konnten die Ohren schon einmal klingeln. Am Ende wurde frenetisch applaudiert, wir gehörten dazu.

Das modernste Konzerthaus Europas? Von der Technik her mag das stimmen, das kann ich nicht beurteilen, aber ansonsten wird es aus meiner Sicht keine Pilgerstätte für Musikfreunde. Hier das Programm der nächsten Monate, machen Sie sich selbst ein Bild:

https://www.kulturraffinerie-k714.de/de/kalender

Braucht Monheim so einen Konzertsaal, der beträchtlich zu der Verschuldung der Stadt beigetragen hat? Mein erster Monheim-Artikel von 2021 (Unten Beitrag Nr. 2) und dessen Aktualisierung hilft Ihnen vielleicht bei der Einordnung.

Autor: linda

Wohne in Duisburg.

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