Wo spielt das Wunderkind?

Nachdem die Fußball-EM vorbei war, begann ich, dieses Buch zu lesen.

Es geht um die Brüder Mark und Geoff. Mark lebt in den USA, hat Frau und Tochter und arbeitet als technischer Redakteur in eine Genossenschaft. Er ist eher ein stiller und ernster Mensch, der zu Tagträumereien neigt und sich viele Gedanken um sich und seine Mitmenschen macht. Dass er innerhalb kurzer Zeit auf der Arbeit zweimal ausrastet, ist deshalb sehr ungewöhnlich und seine Vorgesetzte verordnet ihm eine Auszeit.
Von seinem Bruder Geoff hat er jahrelang nichts gehört und so ist Mark überrascht, als dieser eines Tages aus London anruft und ihn um Hilfe bittet. Mark lässt sich von seiner Frau überreden, nach London zu fliegen und damit beginnt das Abenteuer. Geoff, eher ein Luftikus und bisher wenig erfolgreicher Talentscout für Fußballer, zeigt Mark ein Video, auf dem man einen Jungen auf einem Fußballplatz überirdisch gut spielen sieht.

Mit diesem Jungen könnte man Millionen verdienen, das Problem ist, dass Geoff nicht weiß, wo das Video in Afrika gedreht wurde. Da er ein Gipsbein hat und Mark eh der klügere von beiden ist, soll er gegen eine spätere Gewinnbeteiligung den Jungen finden. Mark lässt sich darauf ein und beginnt die Recherche. Er bekommt gegen Bares Hinweise von Lefebvre, einem französischen Bekannten von Geoff, ebenfalls Talentscout, aber mit viel mehr Erfahrung.
An dieser Stelle machte ich eine Lesepause und ging zum MSV, um noch mehr Fußballatmosphäre für das weitere Lesen im Kopf abzuspeichern.

Am Samstag spielte der MSV in Homberg gegen den ältesten Profifußballverein der Welt, dem Notts County FC aus England. Der MSV gewann 3:1 und als Zuschauer lernte man die neuen Spieler von Duisburg kennen. Meinen Favoriten hatte ich schnell ausgemacht, es war die Nr. 7. Ich wusste nicht, wie der junge Spieler hieß, nur er war unermüdlich und zeigte gute Pässe. Später sah ich dann seinen Namen- Bookjans- besser geht es nicht für eine Buchhändlerin…

Am Sonntag freute ich mich auf das Buch im Liegestuhl, doch nach wenigen Seiten wurde ich sehr überrascht. Der Autor wechselte plötzlich das Thema und schilderte den Alltag in der Genossenschaft, für die Mark arbeitete. Das erinnerte mich sehr an die Stromberg-Fernsehserie. Auch nett, aber doch nicht jetzt! Wo ist dieses Stadion, wo ist das Wunderkind Godwin? Ich war zunehmend verärgert und überblätterte diverse Seiten, bis es unvermittelt wieder mit der Fußballgeschichte weiterging. Mark findet das Stadion, aber es ist schließlich Lefebvre, der nach Afrika fliegt, um Godwin nach Europa zu holen. Ob er das schafft?
Das Buch hat ein völlig unerwartetes Ende, dessen Plausibilität ich mit einem „Na ja“ bewerte. Ein Buch also mit Licht und Schatten.
Aber trotzdem war es keine verlorene Lesezeit, denn ich war zum MSV gegangen und das war ein schöner Nachmittag, der die Fans hoffnungsvoll nach Hause fahren ließ, ganz nach dem Motto:

MSV Duisburg Problem in Reimen

Seit ein paar Tagen freue ich mich jeden Abend auf diese Nachttischlektüre:

Wer Fritz Eckenga nicht kennt, so beschreibt er sich auf seiner Homepage: Fritz Eckenga ruhrt in sich selbst. Vom Stützpunkt Dortmund aus dichtet er sich die Welt zusammen. Die Ergebnisse stellt er auf Bühnen, in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften und im Radio vor. Eckenga spielt Solo-Programme, schreibt Theaterstücke, Hörbücher und ist Radiokolumnist.
Dieses Buch enthält alle Gedichte bis zum Jahr 2015. Ja, er ist ein „Ruhrpottkind“ und ja, ich bin es auch und sein Humor und seine Sprache erfreuen mich ungeheuer. Mal knallt er einer Bevölkerungsgruppe direkt etwas vor den Latz und regt sich öfter tierisch auf, mal feiert er ein Zynismusfest, dann taucht plötzlich ein kurzes leises Gedicht auf, nein, er ist nicht nur ein Holterdipolterdichter, er gibt auch Einiges über seine eigenen Befindlichkeiten preis.
Ein Gedichtbeispiel soll folgen. Den Text las ich vorgestern Abend und heute früh steht ein Artikel über die Jahreshauptversammlung vom MSV Duisburg in der Zeitung. Die Presse wurde ausgeschlossen, aber die Frage nach dem neuen Trainer beim MSV bleibt…

Ging mir nicht mehr aus dem Kopf und später beim Postkartengestalten kam dann auch prompt diese Karte heraus:

Hoffentlich in Kürze im Stadion: Die Presse ist wieder wohlgelitten und wurde zur Vorstellung des neuen MSV Trainers eingeladen. Die Journalisten wünschen ihm und dem MSV viel Glück.

Tja, was soll ich sagen…

Es müssen nur die Richtigen kommen

Was passiert, wenn ein Stratege und Philosoph (der Schuldirektor), ein Ex-Profifußballer und Grundschullehrer, ein depressiver Fußballstar und ein Grußkartenentwerfer mit Mädchenfürallesqualitäten sich in den 70er Jahren in einem Dorf in Yorkshire zusammenraufen? Die Dorffußballer werden Pokalsieger und der Name „The Steeple Sinderby Wanderers“ wird zum Schrecken der britischen Fußballwelt. Leeds United, Manchester City, Celtic Glasgow, sie haben alle keine Chance. Die Steeple Sinderby Wanderer spielen auf einer Streuobstwiese, laufen in butterblumengelben Trikots ein, gehen nebenbei noch ihren Berufen nach und wachsen über sich hinaus. Aber nicht nur sie, das ganze Dorf erwacht aus seiner Lethargie und auch manche anderen Dorfbewohner entdecken ungeahnte Qualitäten an sich.

Es ist wie im Märchen, es ist eine Satire, bei der ich oft gelacht habe, es ist  ein so schönes Buch! Selbst für Nichtfussballfans, denn es menschelt wunderbar und auch melancholische Gemüter kommen auf ihre Kosten.

Und da ich in Duisburg lebe und hier der MSV Freud und Leid verbreitet, ein Wort an die MSV-Spieler und den Trainer: Lasst Euch das Buch zu Weihnachten schenken und bildet Euch weiter- das meine ich ganz ernst!