Spaziergänge durch Sprachlandschaften ( mit:forschen Nr. 2)

Im letzten Beitrag erzählte ich Ihnen von der Internetseite mit:forschen. Hier werden Forschungsprojekte von Universitäten, Instituten oder Vereinen vorgestellt, bei denen die ehrenamtliche Hilfe von Bürgern gebraucht wird.

Seit zwei Wochen mache ich bei einem Projekt der Universität Luxemburg mit, das 2016 begonnen wurde. So wird es auf mit:forschen beschrieben:

“Im Projekt Lingscape erforschen wir die Vielfalt von Sprache im öffentlichen Raum. Ob Sticker, Straßenschild oder Graffiti, ob auf Deutsch oder mehrsprachig, ob in Deutschland oder auf der ganzen Welt – geh mit Lingscape auf Sprach-Safari und hilf uns dabei, Sprachlandschaften zu dokumentieren.“

Fotocollage mit Schildern zu den Themen Denkmalschutz, Nachbarschaft, Handball und Kulturfestival

Ich fotografiere gerne, mich interessieren Graffitis, öfter ärgere ich mich über Aufkleber, finde manche Schilder überflüssig- warum nicht mitmachen, um eine weitere Motivation zu haben, häufiger mal spazieren zu gehen?

Bei den letzten Spaziergängen kam ich mir ein bisschen wie auf einer Schnitzeljagd vor, was mir Spaß machte. Mein Jäger-und Sammlerinstinkt war geweckt. Ich lernte schon eine Menge über die Sprache im öffentlichen Raum. Ungefähr 60 Sprachäußerungen habe ich bisher gesammelt, es gibt so viele Unterscheidungskriterien…hier ein paar Beispiele:


Schilder:
private und installiert von einer öffentlichen Stelle

Fotocollage mit drei Bildern von Verkehrsschild, Verbotshinweis und Namensschild eines Büdchen.



Sie vermitteln:
Hinweise, Verbote, Namen, Werbung, Meinungen, Aufrufe, Erinnerungen

Fotocollage mit Schildern

Themen:
Tourismus, Sport, Politik, Kultur, Sprüche, Natur, Wirtschaft, Religion, Technik, Wissenschaft

Gültigkeit:
aus der Vergangenheit, zeitlich begrenzt, zukunftstauglich?

Wie sieht es mit der Zukunft dieser Schilder aus? Sterben „Winterdienste“ in unseren Breitengraden in ein paar Jahren aus? Auch „Fuck Jäger“ könnte an Aktualität verlieren, wenn diese Felder zum Naturschutzgebiet erklärt werden. „Alle zusammen gegen Faschismus“- diese Aufforderung verliert nicht an Bedeutung.

Materialien:
Blech, Papier, Mauer, Plastik, Holz, Metall, Stoff, Glas

Fotocollage aus Schildern aus verschiedenen Materialien

Sprachen (bisher):
Deutsch, englisch, türkisch

Gestaltung:
nüchtern, künstlerisch, handgemalt

Ich bekam schon ein kleines Gefühl von Sprachlandschaften, denn die Aufkleber in den Duisburger Stadtteilen Rumeln-Kaldenhausen, Rheinhausen und Duisburg-Mitte unterschieden sich. Nach R-K „schwappten“ schon Aufkleber von Vereinen aus dem benachbarten Krefeld, in R. fand ich die meisten türkischen Aufkleber, in Mitte stieß ich auf eine Reihe politischer Aussagen oder auf Aufkleber aus anderen Städten.

Fotocollage

Gemeinsam hatten alle Stadtteile MSV Fußball-Aufkleber, die es in diversen Ausführungen gibt und die mir leider immer wieder negativ auffielen, weil sie andere Schilder überklebten. Muss das sein?

Fotocollage mit MSV Aufklebern

In dem Projekt wurden bisher weltweit gut 140000 Fotos eingepflegt. Auf einer interaktiven Karte kann man sehen, wo wie viele Schilder bisher dokumentiert sind und nach weiteren Klicks werden diese abgebildet. Oder man gibt auf einer Seite von Lingscape ( https://lingscape.app/de/ ) als Suchbegriff eine Stadt oder ein Land ein, um sich die Schilder anzeigen zu lassen. So sieht dies z.Zt. für Duisburg aus:

https://lingscape-app.uni.lu/pin/list/?search=Duisburg&projects_set=&o=-id

Möchte man sich beispielsweise als Schule, Verein o.a. eine eigene Datenbank für Schilder aufbauen, muss man einmalig einen Nutzernamen eintragen, nach dem man auch suchen kann. Im Urlaub Schilder sammeln- eine neue Art von Souvenirs?

Diese Schilder sind nicht nur Sprachgeschichte, sondern auch ein Stück Alltagsgeschichte und zeigen, wie die Welt heute ist. Mir gefällt der Gedanke, ein bisschen dazu beizutragen, dass diese Geschichten in der Zukunft gezeigt werden können und nicht in Vergessenheit geraten.

Schil mit einem Hinweis, dass an dieser Stelle am 14.10.1779 nichts passiert ist

mit:forschen! Flexibles Ehrenamt gesucht?

Dieser Hinweis stand unter einem Artikel in der Zeitung „Chrismon“. In dem Artikel ging es um Porträts von Bürgern, die ehrenamtlich Universitäten, Vereine oder Interessengruppen bei ihren Forschungen unterstützen. Meine Neugierde war geweckt und ich besuchte die Homepage :

Screenshot

https://www.mitforschen.org

Das hatte ich nicht erwartet! Es gibt hier zig Angebote, bei denen man mitmachen kann, bzw. es werden auch abgeschlossenen Projekte angezeigt, um einen Eindruck zu bekommen, wo Bürger in der Vergangenheit mitgeholfen haben.

Man kann die Angebote nach folgenden Themen filtern:

Screenshot

Die Projekte werden genau beschrieben, d.h. wer Hilfe bei seinen Forschungen braucht, welche Ziele verfolgt werden und ob das Mitmachen auch für Kinder geeignet ist. Bei manchen Projekten bleibt man zuhause und hilft am PC mit, bei anderen geht man raus und zählt, beobachtet oder fotografiert.
Ein paar Beispiele:

Man dokumentiert, wie sich Landschaften, Natur und Dinge durch den Klimawandel ändern: https://www.changing-natures.org/de/

Recherchen zu der Geschichte der Verschickungsheime: https://verschickungsheime.de/

Man zählt nicht nur zweimal im Jahr, welche Vögel im eigenen Umfeld zu sehen sind: http://www.mitforschen.org/projekt/mitmachen-beim-monitoring-der-vogelwelt-nrw

Die Geschichte von der Firma Krupp aufarbeiten:http://www.mitforschen.org/projekt/auf-den-spuren-der-eigenen-familie-karteikarten-zu-arbeiterinnen-und-angestellten-der-firma

In alten Familienalben Landschaftsfotos abfotografieren und einsenden. Es wird erforscht, wie sich Landschaften im Laufe der Zeit verändern: https://landschaftsfotoportal.senckenberg.de/gallery

Für die Ahnenforschung hat ein Verein angefangen, Bilder von alten Grabsteinen in einer Datenbank zu sammeln: http://www.mitforschen.org/projekt/digitale-dokumentation-von-grabsteinen

Sich einen Baum aussuchen und dessen Zustand über das Jahr hin dokumentieren: http://www.mitforschen.org/projekt/mein-baum

Dokumentation des Verhaltens und der Persönlichkeit des eigenen Hundes: https://www.wau-app.com/

Ich habe mir nicht jedes Angebot angesehen, doch gewann ich den Eindruck, dass man sein ehrenamtliches Engagement sehr individuell einrichten kann bezüglich Verpflichtung und Zeitaufwand.
Während der Feiertage habe ich angefangen, mich an einem Projekt zu beteiligen, das mich ein bisschen an eine Schnitzeljagd erinnert. Ich gehe seitdem regelmäßiger spazieren, mein Handy zum Fotografieren immer parat. Mehr verrate ich Ihnen in meinem nächsten Beitrag.