New York in Duisburg- ein toller Musikabend

Am Samstag waren mein Mann und ich bei der Premiere der Musical-Kommödie „On the Town“ von Leonard Bernstein. Wir sind beide keine großen Musicalfans, doch verehren wir beide Bernstein. Um es kurz zu machen: Wir werden uns das Musical ein zweites Mal ansehen – es war so toll und ich hoffe, dass viele Duisburger ins Theater gehen und/oder Menschen aus dem Umland sich auf den Weg nach Duisburg machen.

Ich über nehme die Besprechung aus der RP von Montag:

VON ANKE DEMIRSOY

DUISBURG. Nur 24 Stunden Landgang, dann geht es zurück an die Front: Für die Matrosen Gabey, Chip und Ozzie ist New York City im Jahr 1944 ein einziger Ausnahmezustand.

Kein Wunder, dass sie vor Unternehmungslust fast aus ihren Anzügen platzen. In Leonard Bernsteins Musical „On the Town“ prallen ihre Sehnsüchte auf eine Metropole, die schon im Alltag nicht zur Ruhe kommt. Die Regisseurin Louisa Proske, die selbst lange in New York gelebt hat, inszeniert das Stück am Theater Duisburg als schnelle Reise durch eine Stadt, die ihre Besucher mit Bildern überflutet.

Wie ein Kameraverschluss öffnen und schließen sich die Vorhänge für die vielen Szenenwechsel. Die Bühne von Momme Hinrichs zeigt immer neue Ansichten: Straßenschluchten, Innenräume, U-Bahn-Abteile, Times Square, Nachtklubs, den Vergnügungspark auf Coney Island. Vieles ist nahezu fotorealistisch auf Vorhänge gemalt. Eine Taxifahrt, bei der Chip in die Fänge der temperamentvollen Fahrerin Hildy gerät, wird fast zu einer Filmszene, in der die Hochhäuser am Auto vorübergleiten. Aber es gibt auch Traumsequenzen: New York, Projektionsfläche für viele Wünsche, befeuert die Imagination.

Louisa Proske und ihr Team verlassen sich völlig zu Recht auf die Stärke von Bernsteins Jugendwerk, das in der Verfilmung mit Gene Kelly, Frank Sinatra und Jules Munshin weltberühmt wurde. Unterstützt von präzise choreografierten Tanzszenen, die Tempo mit Glamour verbinden (Marie-Christin Zeisset), inszenieren sie die Stadt als Feuerwerk der Sinneseindrücke.

Dazu trägt auch die Kostümabteilung bei: Esther Bialas greift auf die 1950er-Jahre zurück – und gibt für diesen Abend Vollgas. Vom Arbeiter bis zur Upper Class fächern sich gesellschaftliche Klassen auf. Trenchcoats und Pelzmäntel, Bürokleidung und Uniformen, Hüte, Taschen und Regenschirme beleben die Bühne. Glitzernde Revuekostüme mischen einen Schuss Sex-Appeal hinzu. An manchen Kleidern bleibt der Blick lange hängen: Ivy Smith, die „Miss U-Bahn des Monats Juni“, erscheint dem vor Erschöpfung eingeschlafenen Gabey in zartem Himmelblau mit transparentem Faltenrock als perfektes Traumbild.

Nichts gleitet in bloßen Pomp ab, weil die Regie den Blick konsequent auf die Figuren gerichtet hält. Die Charaktere der drei jungen Männer gewinnen Kontur, weil sie selbstbewussten Frauen begegnen, die sich in den Kriegsjahren neue Freiräume erkämpft haben. Leon de Graaf (Gabey), Julius Störmer (Chip) und Peter Lewys Preston (Ozzie) zeichnen diesen Reifungsprozess glaubhaft nach. Maria Joachimstaller ist als „Miss U-Bahn“ eine Kombination aus Ehrgeiz und Charme, Laura Magdalena Goblirsch angelt sich als Taxifahrerin den Fahrgast ihrer Wünsche. Valerie Luksch legt die Menschenforscherin Claire de Loone als unterkühlte Wissenschaftlerin an, doch dauert es nicht lange, bis ihre Studien einen deutlich feurigeren Charakter annehmen.

Das auf Musical spezialisierte Ensemble singt und tanzt durchweg auf hohem professionellem Niveau. Unter der Leitung von Stefan Klingele, Chefdirigent am Theater Bremen, gelingt den Duisburger Philharmonikern eine schillernde Mischung aus Leichtfüßigkeit, Überschwang und Großstadt-Nervosität. Aus dem Orchestergraben tönt sozusagen eine Musik, die niemals schläft: Jazzige Synkopen, Ballroom- und Swing-Anmutungen, ein pointiert eingesetztes Schlagzeug und Xylofon-Ideen treiben das Bühnengeschehen voran. Kurze, fanfarenartige Bläserrufe blitzen auf wie Reklamelichter.

Nachtrag 1 von mir: Dies ist meine kurze Beurteilung, die Sie auf der Homepage der Oper am Rhein lesen können:

Ein Augen- und Ohrenfest mit großartigen kombinierten Sing- und Tanzleistungen des Ensembles! Ich hatte vor der Aufführung nicht erwartet, mit dieser Aufführung eine der besten der ganzen Spielsaison zu sehen. Sobald man Platz genommen hat, kommt „Broadway-Feeling“ auf und man wird in das pulsierende New York der 40er Jahre katapultiert. Ich habe an dem Abend teilweise herzhaft gelacht, aber mit etwas Abstand bleiben die ruhigen und nachdenklichen Szenen in Erinnerung. Das Musical wird zu einer ernsthaften Geschichte, deren heutige Gültigkeit uns die Regisseurin Louisa Proske in einer kleinen genialen Szene vor Augen führt.

Nachtrag 2 von mir: Ich habe mir auf der Musikplattform Deezer inzwischen schon zweimal die Musik angehört. Drei Lieder haben Ohrwurmpotential, andere gehen wirklich zu Herzen.

Nachtrag 3: Hier ein Appetithäppchen in Filmform:

https://www.instagram.com/reel/DXo-mDODBFV/?igsh=eDZvMzMweXhqOTF0

Das Musical Anatevka- ist es noch zeitgemäß?

In dieser und der nächsten Spielzeit der Deutschen Oper am Rhein habe ich das Vergnügen, als „Scout“ Premieren zu besuchen und im Anschluss daran mich mit anderen Scouts (wir sind dieses Jahr 11 Personen) auszutauschen, bzw. eine kleine Rezension zu schreiben. Dabei wird besonders darauf wert gelegt, dass die Scouts nicht nur das Stück selbst, sondern auch die Örtlichkeiten und das Davor und Danach bewerten.
(Wer mehr über dieses Projekt wissen möchte, letzte Woche erschien dazu ein Zeitungsbericht in der Rheinischen Post: https://rp-online.de/nrw/staedte/duisburg/duisburg-die-neuen-opernscouts-der-rheinischen-post_aid-120108911

„ Anatevka“ war am Freitag unser erster Premierenbesuch. Das Musical nahm mich direkt gefangen, als am Anfang das Lied „Tradition“ mit Stimmgewalt gesungen wurde. Sangen 50 Künstler (die ganze Dorfgemeinschaft von Anatevka auf der Bühne? Im weiteren Verlauf des Stücks war ich immer wieder beeindruckt von der Musik, Anatevka sollte nicht nur wegen „Wenn ich einmal reich wär“ bekannt sein, es bietet noch andere schöne „Ohrwürmer“. Was mich ebenfalls begeisterte, war das Bühnenbild mit den wandelbaren Tüchern.  In der Szene des Schabbatgebetes kam die Idee besonders zum Tragen. Durch die Transparenz der Tücher, durch die man andere Familien sehen konnte, die eine Kerze anzünden, ging  dieser Moment zu Herzen.

Und dann die Hochzeit von Zeitel und Mottel. Welche Achterbahn der Gefühle! Zuerst pure Lebensfreude mit dem Flaschentanz, dann menschelte es, als Tevje und Lazar Wolf sich wieder streiten und dann die Gewalt der russischen Männer, die randalieren und am Ende die Fiedel zerschlagen. Totenstille. Diese Szene werde ich sicherlich nicht vergessen.

Immer noch aufgewühlt und beeindruckt, war ich nach der Pause gespannt auf den zweiten Teil. Doch für mich fiel dieser musikalisch und szenisch etwas ab bis zu dem Moment, als Tevje still alleine auf der Bühne steht und der Vorhang fällt. Ein Ende, das wohl niemanden unberührt ließ.

Ich konnte mich am Anfang mit Andreas Bittl als Tevje nicht anfreunden. Zu sehr hatte ich noch Ivan Rebroff im Kopf. Aber im Laufe des Abends änderte es sich und seine Dialoge mit Gott oder sich selbst ließen mich schmunzeln. Die anderen Schauspieler und Schauspielerinnen spielten auch gut, die Gesangsstimmen waren alle angenehm

Mir hat das Musical gefallen, auch dank des mit Hingabe spielenden Orchesters und ich reihte mich gerne am Ende mit ein in die Standing Orvations des Publikums. Das Thema „Traditionen“ hat meiner Meinung nach etwas an Aktualität verloren, doch „Vertreibung“ ist umso aktueller und diese Mischung macht es nach wie vor zu einem außergewöhnlichen Musical, dem ich viele Zuschauer wünsche.

Als kleinen Appetitanreger hier ein Trailer einer Aufführung vom Saarländischen Staatstheater: