Ein Lob auf den Bleistift

Vor einigen Wochen stellte ich Ihnen aus der Reihe „Dinge des Lebens“ den Band „Stoff“ vor, heute geht es um den Bleistift.

Bevor ich das Buch las, überlegte ich mir, was mir selbst zu diesem Thema einfällt. Merkwürdigerweise kam mir zuerst das Geräusch des Anspitzens in den Sinn, gefolgt vom Ärger, wenn eine Spitze beim Anspitzen abbricht oder der Freude, wenn man beim Anspitzen nicht absetzen muss und sich eine kleine Holzgirlande bildet (siehe roter Pfeil).

Bei uns liegen zuhause überall Bleistifte herum. Keiner ist von ihnen gekauft, es sind alles Werbegeschenke oder Urlaubsmitbringsel. Einkaufszettel werde mit ihnen geschrieben oder auch kurze Notizen, wenn man etwas im Fernsehen sieht. Beim längeren Telefonieren zu kritzeln, auch dafür eignet sich der Bleistift bestens. Auf dem Nachttisch liegen ebenfalls Schreibblog und Bleistift bereit, um etwas aus Büchern abzuschreiben oder Ideen festzuhalten.


Das sind alles flüchtige Schreibmomente, einen Brief würde ich nie mit einem Bleistift schreiben, da die Schrift verblasst oder u.U. auch etwas verschmiert.

Ich schreibe mit einem Bleistift schneller als mit anderen Stiften. Habe ich einen Lieblingsbleistift? Ja, in der Tat. Er ist weich, bricht beim Anspitzen nie ab und liegt gut in der Hand. Ihn besitze ich schon lange, er war mein Stift, mit dem ich vor langer Zeit die Stenografieschrift übte. (Der blaue Stift unten auf dem Foto).

Meine Erinnerungen gehen auch zurück in die Schulzeit. Damals waren meine Bleistifte oben oft angekaut (ja, ja, als Schülerin muss man viel grübeln…). Minibleistifte bekamen eine Verlängerung, um sie weiterhin halten zu können.

Mit dem Nachdenken über den Bleistift stellen sich bei mir automatisch auch Erinnerungen an Radiergummis ein. Je weicher diese waren, desto lieber hatte ich sie. Und weiß mussten sie sein! In meinem ersten voll ausgestatteten Schreibmäppchen, das ich in der Grundschule geschenkt bekam, war ein rot-dunkelblauer „Ratzefummel“, dessen rote weiche Seite auf dem Papier nach dem Radieren immer einen roten Schimmer hinterließ. Das war für mich inakzeptabel.

Die integrierten Radiergummis habe ich nie benutzt, sie waren mit immer zu hart oder zu rot…

Durch dieses Buch lernte ich den Bleistift noch besser kennen. Die Entdeckung des Graphits 1564 in England war der Startschuss für die Entwicklung des Bleistifts. Es dauerte dann aber noch ca. 100 Jahre, bis ein Bleistift in den Handel kam, der allerdings noch ganz anders aussah und den sich nur sehr reiche Menschen kaufen konnten.
Erst Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte ein Chemiker ein Verfahren, dass Ton und Graphit verschmelzen ließ. Das Gemisch wurde dann zu Minen geformt und mit Holz ummantelt. Der Bleistift als Massenprodukt war geboren und über mehrere Generationen hinweg baute die Familie Faber ihr weltweites Bleistiftimperium auf.

Ein anderes Kapitel beschäftigt sich mit dem Bleistift in der Literatur und in der Kunst. Hier kommt ein neuer Aspekt des Schreibens mit Bleistift hinzu, denn Autoren nahmen nicht nur Papier als Unterlage. Sie verewigten sich auch auf Steinen, Manschetten oder Fliesen- sie, das sind Puschkin, Rimbaud und Byron.
Dass ein Bleistift sehr klein sein kann, war für Stefan Lorant von großem Vorteil, denn er war zur Zeiten Hitlers im Gefängnis und notierte heimlich seine Erfahrungen auf Toilettenpapier. Nach seiner Befreiung erschien sein Buch „I Was Hitler‘s Prisoner“. Der Maler Max Beckmann benutzte ebenfalls einen Minibleistift, mit dem er heimlich in einem kleinen Notizbuch seine Mitmenschen skizzierte. Der Autor Robert Walser schrieb mit einem Bleistift so klein, dass der Nachlassverwalter zuerst dachte, es sei eine Geheimschrift.
In Erzählungen und Romanen taucht der Bleistift immer wieder auf (so häufig, dass es darüber sogar ein spezielles Buch gibt mit dem Titel „Bleistiftliteratur“ von Claas Morgenroth). Mögen Franz Kafka, Vladimir Nabokov und auch Herr Goethe stellvertretend für alle Autoren stehen, die den Wert und die Einzigartigkeit des Bleistifts zu schätzen wussten.

Weitere Themen sind das physikalische Verhältnis zwischen Bleistift und Papier, die möglichen Härtegrade eines Bleistifts und das Zeichnen mit einem Bleistift. Auch diese Ausführungen des Autors gefielen mir sehr gut.

Das Buch ist eine Liebeserklärung an den Bleistift, der ich mich gerne anschließe. Sein Gewicht ist federgleich, zusammen mit seinen Kumpels Anspitzer und Radiergummi ist er überall einsetzbar und braucht kein Passwort oder Strom.