Der Wiener Opernball ist nichts für Memmen

Für schlappe 300 Euro hat Stefanie Sargnagel eine Eintrittskarte für den Wiener Opernball ergattert. Um inkognito die Schönen und Reichen beobachten und später über sie schreiben zu können, begibt sie sich zuerst in die Hände der befreundeten Maskenbilderinnen eines Theaters. Diese foltern sie über Stunden mit Schönheitsritualen und stecken sie in ein sehr enges Abendkleid, das Ergebnis ist eine goldene Walküre.
Dann ist der Abend der Abende gekommen. Vor der Oper hat sich das niedere Volk zum Gaffen und Tratschen versammelt, der Autorin ist es hier schon zum ersten Mal überaus peinlich, dass sie über den roten Teppich schreitet. Wie gerne wäre sie in diesem Moment niederes Volk. Doch Job ist Job und Recherche ist Recherche. Glücklicherweise wird sie begleitet von einem Freund, der den Komponisten Johan Strauss verehrt und sich aufs Walzertanzen freut und einer Freundin, die eine scharfe Beobachterin ist – es lebe der Klassenkampf!
Am Anfang des Abends ist für die Gäste das Lächeln oberstes Gesetz, denn überall lauern Fernsehkameras, die nur auf eine Entgleisung warten. Da ist es egal, ob man beim Tanzen sich mit dem eigenen Seidenschal fast stranguliert, weil man sich in dem Diamantendiadem der Nachbartänzerin verheddert oder jemand, dem das Fett aus der Kleidung quillt, auf deinen Fuß tritt und im Schuh der kleine Zeh abgetrennt wird. Lächeln!
Nur den wirklich alten Reichen mit ihren langen Hälsen und den dazu gehörenden magersüchtigen Töchtern sind neutrale Gesichter erlaubt und sie müssen auch nicht tanzen- eine Beobachtung der Autorin.
Das Staatsoberhaupt trifft ein, jeder will gut sehen, da kann es dann doch schon mal zu unschönen Auseinandersetzungen kommen. Auch beim Tanz der Debütantinnen heizt sich die Stimmung weiter auf, wie auch beim Eintreffen von „Mörtel“, dem Millionär Richard Lugner, dieses Mal an seiner Seite Priscilla Presley.
Dann sind die Fernsehkameras endlich weg. Das Fremdschämen hat bei Stefanie Sargnagel gerade erneut einen Höhepunkt erreicht, als sie von einer Frau erkannt wird. Sie lädt die Autorin in ihre Loge ein und von da an erinnert Sargnagels Reportage über den Opernball eher an ein rauschhaftes Fest, an dem auch Dionysos seine Freude gehabt hätte. Kokain you‘re welcome!