Was verrät Ihr Einkaufszettel über Sie?

Die Kunsthistorikerin und Journalistin Sandra Danicke sammelt seit dem Jahr 2000 Einkaufszettel, nachdem sie im Rinnstein auf einen Zettel aufmerksam wurde, auf dem „15 x Kohlwurst für Frau Jäger“ notiert war. Die Frage „Was macht Frau Jäger mit so viel Kohlwurst?“ schoss der Autorin durch den Kopf und sie sah sich den Einkaufszettel genauer an. Auf welchem Papier, mit welchem Stift und in welcher Handschrift war er geschrieben worden? Weitere aufgesammelte Zettel aus Einkaufswagen, auf Parkplätzen oder im Altpapier kamen dazu und ein ganz spezielles psychologisches Universum tat sich Sandra Danicke auf. Für sie ist jeder Einkaufszettel zudem ein Kunstwerk, Joseph Beuys hätte an manchen seine Freude gehabt.

In dem Buch kann man sich auf knapp 160 Seiten in dem Einkaufszetteluniversum verlieren. Der Abbildung eines Zettels auf der rechten Seite wird links eine Interpretation dieses Schriftstücks gegenüber gestellt. Das ist witzig zu lesen, beißender Spott ist der Autorin nicht fremd.

Das Papier ist meistens weiß, gefolgt von pink, grün, gelb. Alte Briefumschläge, Pappunterteller aus der Bäckerei, Zettel von einem Hotel- oder Apothekennotizblock werden gerne genommen. Auch die Größe der Zettel variiert. Mikroskopische Schnipsel messen sich mit fleckigen DIN A 5 Karoblättern.
Geschrieben wird zumeist mit Kugelschreiber, Filzstift (gerne pinke Farbe), Bleistift oder Buntstift (mal eben geklaut vom Sohnemann). Ein Zettel ist aber auch am PC verfasst worden und sticht hervor durch seine Akkuratesse.

Die Handschrift- ein ganz weites Feld für Deutungen! Romantisch, zielstrebig, chaotisch, es gibt nichts, was es nicht gibt. Auch interessant, wo auf dem Zettel Wörter geschrieben werden. Zumeist linksbündig untereinander, aber es gibt auch kreative Geister, die Wörter wild verteilen und dann im Supermarkt ihrem Gehirn direkt eine kleine Challenge anbieten. Ein Einkaufszettel sieht wie ein waagerechtes Silbenrätsel aus.

Kommen wir zu den Dingen, die eingekauft werden müssen. Das nächste Saufgelage wird geplant, am Samstag startet eine Grillorgie, hat da jemand etwa einen Putzfimmel? Die Aussagen mancher Zettel sind eindeutig. Einige notierende Personen scheinen ein schlechtes Gedächtnis zu haben, denn Wörter tauchen mehrmals auf ihrem Zettel auf. Werden Markenprodukte aufgeschrieben oder einfach nur „Schokolade“, „Klopapier“ oder „Kaffee“?
Spannend oder lustig wird es bei Abkürzungen oder Einkaufszetteln aus der Schweiz, wo man dann untereinander Müsli-Küchli-Käsli lesen kann.

Besonders interessant fand ich die Einkaufszettel, die von mehreren Personen geschrieben wurden. Mal waren die verschiedenen Handschriften vermischt, dann wieder exakt getrennt. Oder jemand hat einen Einkaufszettel geschrieben, eine andere Person kommentiert ihn mit Ausrufezeichen, verbessert, streicht durch oder macht exakte Angaben. Ein Hauch von Ehedrama haftet einigen Zetteln an.

Drei Einkaufszettelthemen werden in diesem Buch nicht besprochen. Welche Dramen können sich abspielen, wenn
a) man die Schrift nicht lesen kann, mit der der Einkaufszettel geschrieben wurde, man Abkürzungen nicht versteht oder im Laden die gewünschten Produkte nicht findet.
b) man den Einkaufszettel zuhause vergessen hat! Ein paar Stichworte: Zermartern des Gehirns, wenn man weiß, dass im Einkaufswagen noch irgendetwas fehlt, sich aber nicht erinnert, was es ist.
Vergebliche Versuche, eine Person telefonisch zu erreichen, um Auskunft zu erbitten oder erfolgreiche Versuche, die mit spitzen Bemerkungen am anderen Ende der Leitung begleitet werden.
c) Zuhause merken, dass man etwas Wichtiges vergessen hat…

Das Universum des Einkaufszettels ist bedroht, denn immer mehr Menschen starren auch beim Einkaufen auf ihr Handy. Der Einkaufszettel ist tot? Lang lebe der Einkaufszettel- Freigeister, schreibt Einkaufszettel!