Der lebende Beweis

Die Ich-Erzählerin, Mitte vierzig, zog vor 15 Jahren von der Großstadt in ein kleines Dorf in der Uckermark. Sie und ihre Familie kauften damals einen alten Hof und eine alte Gärtnerei und die nächste Jahren waren geprägt durch zig Renovierungen und Verwirklichungen neuer Ideen. Inzwischen sorgt das Café in der Gärtnerei für den Lebensunterhalt, da es ein „regionaler Hotspot“ für Feierlichkeiten geworden ist.

Am Anfang des Romans nimmt die Ich-Erzählerin eine zunehmende Entfremdung gegenüber ihrer Familie wahr und auch ihre eigene Person stellt sie immer mehr in Frage. Was will sie wirklich? Warum lebt sie hier? War es richtig, in dieses Dorf zu ziehen? Sie verkriecht sich auf dem Dachboden, schreibt ihren Mitbewohnern, Mann, den zwei Söhnen und ihrer Mutter einen offiziellen Brief, in denen sie ihnen mitteilt, jegliche mütterlichen Verpflichtungen „zu kündigen“. Sie muss sich selbst retten, um nicht zu verwildern, wie sie es als Kind schon einmal erlebt hat.
In dem Dorf ist sie nur geduldete Zugezogene, möchte aber gerne zur Dorfgemeinschaft dazu gehören und beginnt, ihr eigenes Verhalten und das der Dorfbewohner vom Dachbodenfenster genau zu beobachten und zu notieren. So verfolgt sie beispielsweise die Alkoholiker, den Einsiedler, den Täglichspazierer, zwei Fremde auf der Bank oder die seltsam distanzierte Pastorin. Sie versucht darüber hinaus, mehr Kontakte im Dorf zu knüpfen und hilft z.B. zwei Dorfbewohnern, die im Archiv für Geschichte Dokumente digitalisieren. Dabei taucht die Erzählerin in die Geschehnisse im Dorf während des 30jährigen Krieges ein oder erfährt von Hexenprozessen. Sie beginnt, diese mit der Gegenwart zu verbinden und Alltagsszenen beginnen mit alten Geschichten in ihrem Kopf zu verschwimmen.
Es gibt einige wenige Momente, in denen sie in ihre alte Rolle als Ehefrau und Mutter zurückkehrt, doch immer wieder spürt sie ihre Wurzellosigkeit in dem Dorf, so dass sie beim Osterfeuerfest schließlich eine Entscheidung trifft.

Die Autorin setzt mit diesem Buch den Roman fort, für den sie 2019 für den Deutschen Bücherpreis nominiert war. Der erste Abschnitt meines Textes fasst den Inhalt kurz zusammen.


Ich habe das erste Buch nicht gelesen, was aber nicht störend war. Die Autorin schafft es nach meiner Meinung sehr gut, die Zerrissenheit der Ich-Erzählerin zu zeigen und ihren Wunsch nach wahren Verbindungen, nachdem die Familie dies ihr nicht mehr gibt. Manche Gedanken der Erzählerin erscheinen zuerst wirr, doch ergeben sie schließlich alle einen Sinn.