Führung durch verborgene Schlossräume

Am Samstag nahmen wir in Düsseldorf an einer besonderen Führung teil. So wurde sie beworben:
Sie möchten während Ihres Schlossbesuchs nicht nur die Prunkräume besichtigen, sondern auch die Dienergänge, Keller und Kanäle sehen? Unser Vermittlerinnen-Team gewährt in dieser Führung Einblick in das Alltagsleben und die Wege der Dienerschaft. Welche Wege musste man nehmen, um von Ost nach West zu kommen? Wo waren die Räume für den praktischen Bedarf? Außerdem erfahren Sie Interessantes über das unterirdische Wasserleitsystem: was hat das alles mit der Itter zu tun und wie gelangte das Abwasser mit den Fäkalien nach draußen? Kluge Verbindungen und verzweigte Gänge sorgen für Erstaunen darüber, was sich der Architekt beim Bau des Schlosses so alles hat einfallen lassen… Auch echte Schlosskenner:innen dürfen sich hier noch überraschen lassen.

Unten links: Warum gibt es über den Kleiderschränken eine Luke, hinter der sich ein Gang befand? Hier mussten Bedienstete mit einer Kerze hinein krabbeln und den Fußboden der Etage über ihnen kontrollieren, denn es bestand die Gefahr, dass der Holzboden schimmelte. Unten rechts: Wohin führt diese steile Treppe- die Auflösung findet sich am Ende des Textes.

Auszug aus Wikipedia: Denn hinter den Fassaden verbirgt sich in vier Geschossen (plus Keller) ein raffiniert durchkomponiertes System von 80 Räumen, zwei Lichthöfen und sieben Treppenhäusern. Dies erzeugte einen Überraschungseffekt, wie er in der barocken Bau- und Gartenkunst schon vorher beliebt war: Besucher sollten erst im Innern die Geräumigkeit bemerken.

Wir stiegen aber nicht nur Stufen rauf und runter, um den Wegen der Dienerschaft und den Abwasserkanälen unter dem Schloss zu folgen, sondern wir besuchten auch die Gästezimmer, die der Kurfürst für seine Gäste eingerichtet hatte.

Die Einrichtungen der vier Gästezimmer, waren unterschiedlich üppig. Wichtige Gäste kamen pompöser unter als Gäste, die der Kurfürst nicht so mochte. Man achte auf die empfindlichen Holzböden, darunter krochen die Diener entlang.

Blicke über das Schlossdach wurden uns auch gestattet. Hier sah man die beiden Lichthöfe, die möglichst viel Sonnenlicht in die Räume leiten sollten, um Taler für Kerzenlicht zu sparen.

Haben Sie geraten, welches Schloss wir besuchten?

Diese Tour (75 Minuten) wird in Schloss Benrath angeboten. Anschließend sahen wir uns noch die Prunkräume des Schlosses an und wärmten uns danach im Schlosscafé auf.

Oben der prachtvolle Tanzsaal. Doch wo sitzt das Orchester?
Unten: Auch die anderen Räume waren sehenswert.

Oben : Das Foto zeigt die Decke des Tanzsaals. In der Mitte ein helles „Loch“. (Links unten) Rechts unten: Die Pfeile zeigen an, wo die Musiker rund um das Loch gesessen haben.

Sich unterordnen, um frei zu sein

Dieses Buch von Robert Walser kaufte ich mir vor Jahren. Ich weiß nicht mehr, ob es mir jemand persönlich empfohlen hat oder ob ich eine Besprechung gelesen habe. Damals verschwand es erst einmal im Buchregal, jetzt war seine Zeit gekommen.

Im Klappentext steht, das Jakob von Gunten Diener werden möchte, weil er „in der Erniedrigung die Freiheit sucht“. Diesen Gedanken fand ich ungewöhnlich und meine Neugierde auf das Buch stieg.

Jakob von Gunten kommt aus wohlhabendem Haus. Während sein älterer Bruder Johann ganz den Erwartungen der Eltern entspricht und in der Gesellschaft etwas darstellt (das Buch erschien 1908 und Berlin ist Ort der Geschichte), läuft Jakob von Zuhause weg. Er ist ein Freigeist, dessen hohe Intelligenz schnell erkennt, dass in der besseren Gesellschaft alles nur Fassade ist und die Menschen reglementiert leben. Jakob beschließt, eine Schule zu besuchen, die junge Männer zu Dienern ausbildet. Auf den ersten Blick scheint dieser Beruf eher eine Bestrafung für einen Mann zu sein, der seine Freiheit über alles liebt. Aber gerade durch das konsequente Untergeben wird nach Ansicht Jakobs eine unbegrenzte geistige Freiheit ermöglicht.

Die Schule ist ein merkwürdiger Ort. Das Geschwisterpaar Benjamenta leitet sie, andere Lehrer sind nicht da oder schlafen permanent. Die Ausbildung besteht hauptsächlich aus dem Auswendiglernen einer Broschüre und das Pauken von Benimmregeln. Jakob ist allen anderen Schülern weit überlegen und wickelt den strengen Direktor um den kleinen Finger. Dann stirbt dessen Schwester und die Schule wird kurz danach aufgelöst. Alle Schüler werden durch den Direktor als Diener weitervermittelt, nur Jakob lässt er nicht gehen. Er hat inzwischen erkannt, dass er auf die Gesellschaft von Jakob nicht mehr verzichten will und beide planen, gemeinsam Abenteuer zu bestehen.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, beschäftigte mich dieser Gedanke,“Unterwerfung, um Freiheit zu erlangen“ noch länger. Man könnte ja noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass ich mich untergebe, macht mich nicht nur frei, sondern ich tue dazu noch etwas Gutes. Mein Herr benutzt mich als Fußabtreter, weil er sich schlecht fühlt oder ein psychisches Defizit hat. Nach der Erniedrigung meiner Person geht es ihm besser, wozu ich beigetragen habe. Also ist das Fußabtretersein ein gute Tat…

Nach diesen abschweifenden Überlegungen interessierten mich Besprechungen von anderen Lesern. Da bereits 1908 erschienen, äußerten sich beispielsweise schon Hermann Hesse zu dem Roman, in dem er lobend die Sprache erwähnte, bekannte Literaturkritiker vergleichen das Werk beispielsweise mit Romanen von Franz Kafka, deuten das Buch als Parodie auf den deutschen Bildungsroman oder es ist für sie eine „Märchenfabel“.

Wer nimmt die Herausforderung an und findet seine eigene Interpretation?