„Die Brandung“ – Ist ein Krimi der bessere Roman?

In Paris kommt eine Frau, 49, verheiratet, eine Tochter, Synchronsprecherin, gestresst von der Arbeit an einem Novemberabend gerade nach Hause, als ihr Telefon klingelt. Die Polizei von Le Havre ist am Apparat und fordert sie auf, am nächsten Tag für eine Aussage nach Le Havre zu kommen. Man hat am Strand eine männliche Leiche ohne Papiere gefunden, in der Jackentasche war nur ein Zettel mit ihrer Telefonnummer. Kennt sie den Mann? Warum hatte er ihre Nummer?
Nach dem vergeblichen Versuch, dieser Aufforderung nicht nachzukommen, fährt sie am nächsten Tag ans Meer und je näher sie Le Havre kommt, desto mehr Erinnerungen stürmen auf sie ein. Sie lebte mit ihren Eltern während ihrer Kindheit und Jugend in Le Havre und wäre fast an ihrer ersten Liebe zerbrochen. Sie war mit Carven zusammen, einem charismatischen Jungen, der für ein paar Monate nach Montreal ging und sich nach seiner Abfahrt nie wieder bei ihr gemeldet hat.
Sie macht eine Aussage bei der Polizei, gibt an, den Toten auf den Fotos nicht zu kennen. Der Kommissar glaubt ihr nicht, auch ist es seltsam, dass sie nicht nach Paris zu ihrer Familie zurückfährt, sondern in Le Havre bleibt. Sie recherchiert auf eigene Faust, denn sie selbst möchte wissen, was es mit der Telefonnummer auf sich hat und sie weiß, dass ihr Aufenthalt eine Chance für sie ist, mit der noch nicht verarbeiteten Vergangenheit abzuschließen.
Dieser Krimi ist ein toller, sehr abwechslungsreicher Roman! Die Spannung ist rund um vielschichtige Themen gewebt. Da ist zuerst einmal die Kriegsgeschichte von Le Havre, das von den Alliierten fast völlig zerbombt wurde. Die Straßennamen sind geblieben, doch die meisten Häuser wurden in einem für damalige Verhältnisse futuristischen Betonstil gebaut und die Erinnerungen der Einwohner wurden vernichtet. Wenn diese Stadtteile auch heute zum UNESCO Weltkulturerbe gehören, so bedeuten sie auch Tristesse und die Farbe Grau, die sich im Meer widerspiegelt. Aber beim Lesen erfährt man noch so viel mehr. Beispielsweise wird die Geschichte zweier ukrainischen jungen Frauen erzählt, die in einer Kneipe auf ihr Visum via App warten, um nach England auszureisen. Man erfährt, wie eine Schiffstaufe vor sich geht, über den Fechtkampf der Tochter, die Kunst des Synchronsprechens und deren Bedrohung durch Künstliche Intelligenz wird geschrieben oder, um noch einmal auf Le Havre zurückzukommen, wie Le Havre zum zeitweise größten Umschlagplatz für Drogen wurde.
Wenn die Frau durch das kalte Le Havre im November streift, von stürmischen Wellen am Hafen nass wird, hat man das Bedürfniss, einen heißen Tee zu trinken und riecht das Meer. Mit wenigen Worten arbeitet die Autorin Stimmungen in ihr Buch ein, das ist beste Literatur.
Wie schon bei dem Krimi „Die nackte Haut“ ist hier auch mein Urteil: Krimis können bessere Romane sein, denn sie haben als roten Faden die Spannung und ermöglichen damit den Autoren, ihre Herzensthemen in die Handlung einzubringen.

Autor: linda

Wohne in Duisburg.

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