Es schließt sich der Kreis

Vor einiger Zeit schrieb ich darüber, welches Buch ich auf eine einsame Insel mitnehmen würde, es sind die Essays von Michel de Montaigne. Jetzt las ich ein Buch, in dem es um die unglaubliche Geschichte des Buches geht, das Montaigne wohl am meisten verehrt hat. Es geht um den Titel „ Des Res Naturum“ von Lukrez.

Hauptperson dieses Buches ist Poggio Bracciolini. Er ist Notar und erster Sekretär vom Papst, doch seine Loyalität zur katholischen Kirche hält sich in Grenzen. Als Humanist lehnt er die Verderbtheit vieler Mönche und anderer kirchlichen Respektpersonen ab. Da seine Position als hochangesehener Adeliger und begnadeter Schreiber unangreifbar ist, kann er es sich erlauben, kritische Schriften zur Kirche herauszugeben. Erst als der Papst abgesetzt wird, muss  er sich eine andere Beschäftigung suchen. Als Humanist schon immer Büchern verbunden, besonders den alten aus der Antike, wird er zum Büchersammler und Bücherjäger. Er besucht Klöster in verschiedenen Ländern, um dort nach antiken Schriften zu suchen, sie abzuschreiben und nach Italien zu bringen, wo die Zahl der Anhänger des Humanismus stetig wächst. 1417 ist es dann soweit: Poggio findet, vermutlich in einem Kloster in Fulda,  die wohl noch einzig erhaltene Schrift des Philosophen Lukrez. „Des Res Naturum“ bietet viel „Zündstoff“. Hier eine ganz kurze Zusamnenfassung aus Wikipedia: Lukrez war überzeugt, dass die Seele sterblich sei (wofür er 28 „Beweise“ vorbrachte) und dass es den Göttern nicht möglich sei, sich in das Leben der Menschen einzumischen. Seine Philosophie sollte dem Menschen Gemütsruhe und Gelassenheit geben und ihm die Furcht vor dem Tode und den Göttern nehmen. Lukrez nimmt, im Gegensatz zu Epikur, Anteil an den gesellschaftlichen Ereignissen seiner Zeit, verurteilt den sittlichen Verfall des Adels, klagt den Krieg und seine Schrecken an. Außerdem geht Lukrez davon aus, dass alles aus Atomen besteht -Lukrez lebte ca. 99-55 v.Chr. … Die Verbreitung des Buches lässt sich trotz immer wieder ausgesprochenen Druckverboten nicht aufhalten und damit wird das Gedankengut von Lukrez richtungsweisend für die Ideen der Renaissance.

Ein tolles Buch zum Mehrmalslesen. Nach Ende der Lektüre wollte ich mehr wissen und lieh mir in der Bücherei dieses Buch aus.

Die Briefe sind keine leichte Kost, aber Aphorismen und kurze Sätze sind sehr „erhellend“.

Da ist ich wissen wollte, wie es mit der Renaissance weiterging, war dies  der zweiter Folgetitel:

Was passierte 1517 auf der Welt? Luther war in diesem Jahr noch ein deutsches Thema, aber was geschah 1517 z.B. in Italien, Rußland, China oder Mexiko? 

Ich habe vor einiger Zeit schon das Buch „1913“ besprochen, was ja sehr flüssig und kurzweilig geschrieben war. Dies kann ich von diesem Buch nicht behaupten. Es ist mühseliger zu lesen, da sehr viele Begebenheiten in einem trockenen Schreibstil präsentiert werden. Ob die Beschreibungen der historischen Ereignisse alle richtig sind, kann ich mangels Fachwissen nicht beurteilen. Beeindruckt hat mich das Buch aber sehr, denn was in diesem Jahr geschah, das beeinflusst z.T. heute noch unser Leben. (Und damit sind nicht nur die lutherischen Thesen gemeint). Was mein Hauptinteresse anging, über das Fortschreiten des Humanismus und der Renaissance zu lesen, so bekam ich viele neue Erkenntnisse. Zuviel neues Wissen auf einen Schlag – und noch ein Buch, das ich in einiger Zeit noch einmal lesen werde.

Ich habe wegen Montaigne als Überschrift „Es schließt sich der Kreis“ gewählt, aber diese Buchbesprechungen sind auch der Einstieg für meine „Italientage“, die morgen beginnen. Letzte Woche war ich dort und habe viel „Renaissance“ gesehen und natürlich auch wieder Erstaunliches.

 

 

 

 

Wenn ein Vogel singt…

…dann ist das in Yarmouk etwas Besonderes, denn eigentlich sind alle Vögel geflohen oder sie wurden von den verhungernden Einwohnern aus Verzweiflung erschossen. Yarmouk ist ein Vorort von Damaskus und hier spielt dieses Buch:

 

Der Autor wird 1988 in Damaskus geboren. Sein Vater ist blind und übernimmt die Erziehung, seine Mutter verdient als Grundschullehrerin den Lebensunterhalt für die Familie. Aeham wird schon früh von seinem Vater dazu ermuntert, das Klavierspielen zu erlernen.  Er hat Talent und so werden seine Kindheit und Jugend durch den Besuch der Musikschulen und dem stetigen Üben geprägt. Die Eltern träumen von einem Sohn, der Konzertpianist wird, doch Aeham, der inzwischen selbst komponiert, ist auf der Suche nach einem anderen Weg, um mit Musik Geld zu verdienen. So hilft er erst einmal seinem Vater in dessen neuem, schnell gutgehenden Musikladen und heiratet Tahani. Einige Monate später, beide erwarten ihr erstes Kind, beginnt der Krieg. Der Stadtteil Yarmouk, in dem hauptsächlich geflüchtete Palästinenser leben, die Syrien in den 60er Jahren aufgenommen hat, wird abgeriegelt und schon bald geht es nur noch ums nackte Überleben. Nahrung und Medizin werden  knapp, unübersichtlich und nicht erklärbar sind die diversen politischen Gruppierungen, die in Yarmouk versuchen, die Herrschaft zu erlangen. Bomben zerstören ganze Straßenzüge, Scharfschützen schießen grundlos auf Zivilisten. In dieser Situation beschließt Aeham ein Zeichen zu setzen und stellt sich mit seinem Klavier auf die Straße. Er spielt für einen Männerchor, später singen Kinder zu seinen Liedern. Das Foto vom Buchvover geht um die Welt, Aeham wird berühmt. Das ist nicht nur gut, es bringt ihn auch in Gefahr, da er den Kriegsparteien jetzt ein Dorn im Auge ist. So muss er 2014 flüchten, alleine, und lässt Eltern, seine Frau und inzwischen zwei Kinder zurück. Er kommt irgendwann nach Deutschland, wo man ihn kennt und schon bald gibt er erste Konzerte. Seine Familie darf ihm nach deutschen Gesetzen nicht folgen. Er leidet sehr darunter, doch dann findet eine Veranstalterin ein gesetzliches Schlupfloch für eine Familienzusammenführung und Sommer 2016 ist es soweit, er sieht seine Familie wieder. Damit endet das Buch.

Die erste Hälfte des Buches, die der Friedenszeit, las sich sehr interessant, denn man erfährt Einiges über die syrische Gesellschaft. Auch das Thema „Klavier“ war für mich spannend. Spätere Passagen des Buches, in dem der Autor über den Kriegszustand erzählt, waren und sind für mich nicht begreifbar. Was halten Menschen aus, warum bringen Menschen so grenzenloses Unglück über andere? 

Aber lernen Sie Aeham selber kennen!

 

Warten ist was Gutes!

Gerstern habe ich das Thema“Warten“ schon angeschnitten, heute nun noch eine passende Buchbesprechung:

Hassen Sie es auch, im Stau, am Telefon oder an der Kasse warten zu müssen? Der Zustand des Wartens hat in unserer Gesellschaft einen wirklich sehr schlechten Ruf. Dies möchte die Autorin mit ihrem Buch ändern, und sie beleuchtet das Thema „Warten“ auf sehr unterschiedliche Weise. Berühmte Leute und Wissenschaftler sowie Passagen aus der Weltliteratur werden zitiert. Hinzu kommen Interviews mit Personen, für die das Warten etwas ganz Besonderes ist. Dadurch wird das Buch sehr lebendig. Die Autorin selbst gibt Tipps, wie man dem Warten auch etwas Positives abgewinnen kann und sei es „nur“, endlich mal wieder Zeit zu haben, in einem Buch zu lesen, wenn man beim Arzt wieder lange warten muss.

Zwiespältig bis begeistert

Am Wochenende war ich in Düsseldorf im Museum Kunstpalast, um die Ausstellung „Night and Day“ von Axel Hütte zu sehen. Ca. 70 Fotos im Großformat werden gezeigt, aufgenommen in den 90er Jahren bis zum Jahr 2017. Man sieht Landschaften und Stadtansichten, manchmal falsch herum aufgehängt, manchmal nicht auf Papier entwickelt, sondern auf einem Trägermaterial, das an Metall erinnert.

Axel Hütte (er gehört zu der bekannten „Düsseldorfer Schule) ist beim Fotografieren mit einem Team unterwegs, denn seine analoge Großbildkamera ist ein Schwergewicht und damit z.B. durch den Dschungel zu ziehen ist sicherlich ein wahres Abenteuer und erinnert eher an eine Forschungsreise. Auch der Tatsache, dass er analog fotografiert, also digital nicht nachbearbeitet und auf den richtigen Moment warten muss, zolle ich beim Betrachten großen Respekt. Aber…Die in den Medien hochgelobte Magie der Motive fühlte ich nur bei sehr wenigen Bildern. Bin ich vielleicht verdorben, weil ich schon zu viele Fotos gesehen habe? Ich glaube nicht. Die Präsentation der Bilder war größtenteils unprofessionell.

Ich zitiere einen Artikel aus der Rheinischen Post: Es gehört zu den Wahrzeichen der Düsseldorfer Schule, dass ihre Bilder zumeist menschenleer sind. Bei manchen ist es auffällig; bei Axel Hütte aber wäre jeder Mensch geradezu störend. Es gibt gelegentlich Spuren von zivilisatorischem Gebaren, wie die sehr kleine Ufermarkierung in der Serie der nebulösen Rheingau-Fotos. Das aber ist allenfalls eine Lappalie am Bilderrand.

Diese Bilder nahm ich mit meinem Handy auf (Fotografieren ist in der Ausstellung erlaubt):

Die meisten Bilder hatten kein entspiegeltes Glas, das war sehr störend und man erkannte z.T. die Motive nicht richtig oder nur aus schrägem Winkel. Dafür habe ich kein Verständnis und jetzt, 2 Tage später, schüttele ich innerlich immer noch den Kopf.

Es gibt aber noch ein zweites „Aber“: Im Museum läuft noch eine zweite Ausstellung und diese ist beeindruckend.  Hier eine kurze Beschreibung aus einem Flyer: 

In den Kunstsammlungen der Stadt Düsseldorf wurden 1937 über 1.000 Kunstwerke beschlagnahmt – nur Museen in Berlin und Essen waren stärker betroffen. Wenige Werke sind heute wieder im Bestand des Museum Kunstpalast, der weitaus größere Teil ist verschollen oder zerstört, einige Werke befinden sich in anderen Sammlungen. Achtzig Jahre nach den – auf verschiedenste Weise – folgenreichen kunstpolitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten wird mit dieser Präsentation ein aktueller Blick auf das Thema geworfen. Sie bezieht die Ergebnisse eines Forschungsprojekts des Jahres 2013 mit ein, in dem detailliert rekonstruiert wurde, welche Werke damals auf staatliche Order aus den Düsseldorfer Depots entfernt wurden. Neben Doku-mentationsmaterial sind einige Gemälde, Skulpturen und Arbeiten auf Papier zu sehen, u.a. von Otto Dix und Paula Modersohn-Becker.

Die Hütte-Ausstellung geht noch bis zum 14.Januar. Wenn Sie selbst gerne fotografieren, besuchen Sie sie am Wochenende, dann man kann interessante Bilder mit Spiegelungen machen. .. Die zweite Ausstellung läuft noch bis zum  7.10.18.

Wenn Sie am nächsten Wochenende meinen Blog lesen sollten, dann haben Sie evtl. ein Déjà vu-Erlebnis. Ich bin wieder in einer Düsseldorfer Ausstellung, die ich ziemlich läppisch fand, entdeckte aber im selben Gebäude quasi unterm Dach ein Kleinod.

 

 

 

Schriften begleiten unseren Alltag

Ob morgens in der Zeitung, bei der Arbeit im Internet, während des Einkaufsbummels oder abends im Krimi- uns begegnen  zig verschiedene Schriften, wenn wir Texte gewollt oder auch ungewollt lesen. Ist Ihnen bewusst,  wie Sie durch Schriften manipuliert werden?

Dieses Buch nimmt Sie mit in die Welt der Schriften.

Wir lernen berühmte Schriftgestalter kennen, von denen auch einige aus Deutschland kommen und gucken ihnen bei der oft sehr mühseligen Arbeit über die Schulter. Bekannte Schriften und ihre Geschichte werden vorgestellt, manche waren Vorbild für andere Schriften, manche gerieten in Vergessenheit, weil ihr Gebrauch z.B. überhandnahm und man sich sattgesehen hatte.

Man bekommt beim Lesen ein Gefühl für Schriften, denn es werden auch die schlechtesten Schriften besprochen, ebenso Schriften, die besondere Stimmungen vermitteln und Signale aussenden und damit in der Werbung den Verbraucher manipulieren sollen. (Sie werden überrascht sein, wenn Sie nach dem Lesen des Buches konkret darauf achten!).

Schließlich gibt der Autor mit einigen kleinen Geschichten, die schon fast an Possen erinnern, dem Leser Anlass zum Schmunzeln. Warum hat, laut Werbeexperten,  z.B. Hilary Clinton die Wahlen verloren? Hilarys Werbeagentur, die es wohl mit Schriften nicht so genau nahm, benutzte bei Plakaten, Buttons, Flyern usw. eine Schrift, die in den USA ausschließlich für Toilettenartikel benutzt wird….

Am Wochenende gibt es noch einen Nachschlag zu diesem Thema mit dem Hinweis zu einer Ausstellung und einem Rätsel.

 

 

Witz ist nicht gleich Witz

Bei diesem Buch gibt es eine „Schmunzelgarantie“.

Zwei ehemalige Philosophiestudenten versuchen, wichtige philosophische Themen mit Hilfe von Witzen zu verdeutlichen. Jedem der 10 Kapitel ist ein kurzer Dialog zweier Griechen vorangestellt, die Fragen wie z.B. „Was ist der Sinn des Lebens?“, „Was ist moralisch?“, „ Was bedeutet Ewigkeit?“ diskutieren. Danach kommen die Autoren zu Wort, geben eine kurze Einführung und lassen den Leser an ihrem reichen Fundus an Witzen teilhaben. Bekannte Witze erscheinen im neuen Licht und man beginnt zu grübeln. Viele Witze sind sehr „trocken“ und erinnerten mich mit Vergnügen an englischen Humor.
Das Buch hat einen Stammplatz auf meinem Nachttisch. Ab und zu ein Kapitel lesen, lachen, ein bisschen nachdenken und darüber dann sanft einschlafen…

Schnee

 

Jede Schneeflocke ist ein Unikat
Jede Schneeflocke ist ein Unikat

Diesen Bildband hatte ich im Mai schon einmal erwähnt. Es handelt sich um einen Bildband mit Schneekristall-Fotos von Wilson Bentley. Jetzt habe ich eine Erzählung gelesen, in der Bentley die Hauptperson ist.

Schneekristalle

Er lebt im 19. Jahrhundert in Vermont und ist Sohn eines Bauers. So muss er natürlich bei allen Arbeiten mithelfen und doch findet er Zeit, sich seiner Leidenschaft zu Schneeflocken zu widmen. Er fotografiert Schneekristalle und will beweisen, dass kein Schneekristall gleich aussieht. Seine Familie und auch die Dorfbewohner haben kein Verständnis dafür und stempeln ihn als Spinner ab. Allein eine junge Lehrerin motiviert ihn und es entwickelt sich eine tiefe Zuneigung zwischen den beiden. Doch dann reist die Lehrerin plötzlich ohne Begründung ab, Bentley leidet sehr darunter und beschließt, sie in New York zu suchen, obwohl er ihre Adresse nicht kennt. Für Bentley beginnt eine aufregende Zeit…

Ein Buch für alle, die wie Bentley die Schönheit der Welt auch in „unbedeutenden“ Dingen erkennen, ein Buch für alle Coelho Leser und Leserinnen, denn  Bentleys Meinung über Gott und Glaube ist für diese Erzählung auch wichtig.

Noch ein Tipp: Dieses Buch nicht als E-Buch lesen, zu schön ist der blaue Samteinband mit eingeprägten Schneeflocken. Ein besonderes haptisches Erlebnis beim Lesen.

 

 

Berlin- kurz vor Weihnachten

Eismann

Berlin, kurz vor Weihnachten. Ein alter Mann wird in einem Schrebergarten tot aufgefunden. Er ist erfroren, denn er sitzt nackt auf einem Stuhl und ist gefesselt. Schnell wird ein Verdächtiger gefunden, doch Hauptkommissar Kahn glaubt nicht an dessen Schuld. Auch ist es sehr schwierig herauszufinden, wer der Tote überhaupt ist. Aber seinem Bauchgefühl kann Kahn nicht richtig nachgehen, denn eine Opernsängerin stürzt aus dem Fenster ihrer Wohnung und ein Selbstmord ist unwahrscheinlich. Die Ermittlungen sind zäh bis zu dem Zeitpunkt, als vor den Toren Berlins eine dritte Leiche auftaucht, ebenfalls ein nackter erfrorener alter Mann. Kahn und seine Assistenten finden Zusammenhänge zwischen den drei Morden und diese sind unglaublich.

Es ist schon einige Zeit her, dass ich einen Krimi in dieser Qualität gelesen habe. Wünsche mir, dass die Autorin einen weiteren Kriminalroman mit Kahn als Hauptfigur schreibt. Kahn hat nicht mehr viele Jahre bis zur Pensionierung. Äußerlich ist er sehr abgeklärt, aber im Inneren sieht das ganz anders aus. Also kein „Hochglanzkommissar“, sondern ein Mensch mit Ecken und Kanten.

 

Still

Leises Wimmern, geheimnisvolles Tuscheln, wohliges Schnurren- Karl Hartmann hört seit der ersten Sekunde seines Lebens alles und dieses übermenschliche Gehör ist für ihn keine Gnade, sondern es besiegelt sein schlimmes Schicksal. Seine Eltern sind beide überglücklich, als Karl da ist. Doch bei der Mutter Charlotte schreit er unerbittlich, denn sie hat eine laute Stimme, während er bei Vater Johann zu Ruhe kommt, wenn dieser ihn mit in den Wald nimmt. Die Ärzte sind ratlos. Charlotte gibt ihm aus Verzweiflung immer mehr zu essen, denn dann ist er kurze Zeit ruhig.  So wird Karl fett, die Dorfbewohner nennen ihn ein Monster, der nie lächelt, geschweige denn spricht. Erst als Johann herausfindet, dass Karl unter jeglicher Art von Geräuschen leidet und ihm im Keller eine Art schallgedämpftes Kinderzimmer einrichtet, hat Karl ein klein wenig mehr eine „normale“ Kindheit. Er entdeckt Bücher, beginnt zu zeichnen, wird dabei älter, schlauer, neugieriger und traut sich mit Ohrstöpseln eines Tages nach draußen. Dort beobachtet er Charlotte mit einem anderen Mann an einem Weiher, er begreift nicht, was die beiden tun. Auch versteht er die anderen Dorfbewohner nicht. Sie handeln widersprüchlich, sagen schlimme Dinge über ihn und seine Familie. Aber Karl fragt niemanden, warum alles so ist, wie es ist und bekommt langsam ein eigenes Weltbild, in dem der Tod ein Gnade sein muss, denn mit dem Tod kommt die Stille. Karl beginnt im Dorf zu töten, dann flieht er und mordet in anderen Orten. Dann lernt er Marie kennen, zum ersten Mal begegnet er einem vorurteilsfreien Menschen. Doch Marie wird von ihrem Vater misshandelt und der Grund des Tötens wird daraufhin für Karl ein anderer. Er muss erneut fliehen. Jahre vergehen, Kommissar Schubert ist ihm seit den ersten Todesfällen im Dorf auf der Spur, doch konnte er bisher nichts beweisen. Schubert, der Marie geheiratet hat, ahnt nicht, dass Karl die ganzen Jahre nur an Marie gedacht hat und sie noch einmal sehen will, Karl weiß nichts von der Heirat. Dann gibt es ein Wiedersehen…

Als ich das Buch beendet hatte, war ich sprachlos, erschüttert. Der Titel wird vom Verlag als ein Psychothriller angepriesen, doch das ist er nicht. Karls Weltbild hält unserem Weltbild den Spiegel vors Gesicht und zeigt, wie absurd unser heutiges Leben teilweise ist. Wenn Sie einen Vergleich mit anderen Büchern brauchen: „Still“ erinnert teilweise an „Das Parfüm“ und an den Krimi „Tannöd“, der in Deutschland und in Schweden zum besten Krimi des Jahres gewählt wurde.

Morgen werden Sie übrigens eine andere Stille hören… 

Ein Buch für die Feiertage?

Die 24 jährige Ausnahmepianistin Ashley ist tot, gefunden in einem Lagerhaus in Manhattan. War es Selbstmord, wurde sie ermordet? Der Journalist McGrath wittert eine Chance auf eine große Story und stellt selbst Ermittlungen an. Auslöser dafür ist der Vater von Ashley, der berühmte Regisseur Cordova. Um Cordova ranken sich die wildesten Gerüchte, denn er ist sehr lange nicht mehr in der Öffentlichkeit aufgetreten und seine Filme sind legendär. Sie alle zeigen Abgründe menschlicher Handlungen, doch man weiß nie, was in den Filmen Realität ist oder was vielleicht nur der eigenen Phantasie entspringt. McGrath hat den Verdacht, dass Cordova in kriminelle Machenschaften verwickelt ist. Bei seinen Recherchen werden die Inhalte der Filme immer wichtiger, der Journalist findet Hinweise in ihnen, die mit Praktiken der schwarzen Magie und Kindestötungen zu tun haben. Er muss Cordova finden, doch es werden ihm viele Steine in den Weg gelegt…

Schwarze Magie, Okkultismus- eigentlich sind dies für mich keine Themen für ein Buch, das ich gerne lese. Aber ich gestehe, dass ich einfach nicht aufhören konnte. Und so kam ich zum Schluss der Geschichte und dieses Ende versöhnte mich wieder. Die knappen 800 Seiten waren keine vergebene Liebesmüh. Warum ein Buch für die Feiertage? Man muss Zeit haben, um am Buch dran zu bleiben. Ich hatte sie nicht immer und dann musste ich ziemlich im Gedächtnis nach Namen und den dahinter versteckten Personen suchen. Außerdem sollte man ein bisschen Englisch sprechen. In dem Buch sind Protokolle, Zeitungsausschnitte und Screenshots vom Darknet eingearbeitet, die McGrath bei seinen Recherchen benutzt, sie alle sind in englischer Sprache geschrieben.