Leben und arbeiten in einem Auto-zu zweit

Der Autor Fredy Gareis ist freier Journalist und hat für eine Reportage drei Monate mit den Hobos in den USA gelebt. Seitdem geht ihm sein Wunsch nach mehr Unabhängigkeit nicht mehr aus dem Kopf. Auch seine Freundin Patrizia will aus Hamburg weg: Arbeiten, nur um die teure Miete zahlen zu können? Wie Gareis kann sie als Radioreporterin ebenfalls überall arbeiten und ist ungebunden. So geben beide ihre zwei Wohnungen im späten Frühjahr auf, verstauen das Wichtigste in zwölf Bananenkartons und stapeln diese in ihr 21 Jahre altes Auto „Aubergine“. Auf die Kartons kommt eine Matratze zum Schlafen, als Luxus kaufen Sie eine Kühltasche umd eine portable Toilette. Fertig.
Sie fahren quer durch Deutschland, mal um Familie und Freunde zu besuchen, um beruflichen Verpflichtungen nachzugehen oder einfach, um Deutschland besser kennenzulernen- wie z.B. den Duisburger Landschaftspark. Beim Reisen ist die Hauptaufgabe, jeden Tag einen Platz zu finden, wo sie übernachten können, möglichst sicher und in freier Natur. Sie lernen viele Leute kennen, außergewöhnliche Menschen, die entweder aus finanziellem Zwang oder aus Überzeugung nur noch im Auto leben. ( Es gibt in Deutschland die Bewegung, die zunehmend an Bedeutung gewinnt. Sie heißt „Vanlife“, bei Interesse einfach mal googeln).
Das Leben auf so engem Raum ist für beide manchmal nicht leicht und es kracht ab un zu ordentlich zwischen den beiden. Aber sie möchten ihre Ungebundenheit nicht mehr missen, denn bei ihren Besuchen bekommen sie immer wieder vorgeführt, wie der konventionelle Alltag aussieht: Oft vollgestopft mit Dingen, die man nicht braucht, kaum noch Platz für Spontanität. So entscheiden sie sich, im Herbst in die USA zu reisen und dort in einem Van zu überwintern.
Das Buch ist unterhaltend geschrieben. Wer schon einmal mit ähnlichen Gedanken gespielt hat, bekommt einige konkrete Tipps, wie das Leben im Auto besser gelingt. Aber Gareis beschönigt auch nicht. Er gibt zu, dass sie eine Unfreiheit gegen eine andere eingetauscht haben, denn dieses Leben bedeutet große Einschränkungen und auch häufiger Furcht vor Unbekanntem und Sorge vor Unvorhersehbarem.

Musik spielt im Leben der beiden eine wichtige Rolle. So gibt es am Ende des Buches eine Titelliste von Musikstücken, die die Reise begleiteten. Die Liste findet man auf Spotify unter

https://sptfy.com/9brV

Hier noch ein kleiner Film zu dem Buch:


Wie sieht Ihr Verhältnis zur Zeit aus?

Mit diesem Buch habe ich mich seit einigen Monaten beschäftigt. Es fiel mir in die Hände, als das öffentliche und private Leben plötzlich stillstand und die Coronazeitrechnung begann.
Das Buch versucht in zehn Kapiteln auf 270 Seiten, den Begriff der Zeit allumfassend zu beschreiben und zu deuten. Der Untertitel des Buches „Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“ gibt den wichtigsten Aspekt des Buches wieder, aber es gibt darüberhinaus auch Texte zum Thema „Weltraumzeit“, „Ewigkeit“ oder „Weltzeit“. Manche Textstellen lesen sich nicht ganz einfach und ich brauchte immer wieder Pausen, um über verschiedene Sätze nachzudenken.
Ich habe mehrere Anläufe genommen, eine Inhaltsangabe zu schreiben, doch dies überforderte mich. Da ich das Buch wichtig finde, stand ich vor der Wahl, einen Link zu einer fremden Inhaltsangabe zu setzen oder mir etwas anderes einfallen zu lassen. So biete ich ihnen jetzt einige, wirklich nur wenige, Textstellen an, die Ihnen einen ersten Eindruck vermitteln. Vielleicht wird dadurch Ihr Interesse an dem Buch geweckt, es würde mich freuen.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Langeweile. Da ist einmal die Langeweile, die der Mensch sich in seinem Inneren selbst erschafft, aber es gibt auch die Langeweile von außen:

Ein anderes Kapitel widmet sich der „Vergesellschaftung der Zeit“. Welches Verhältnis hatten die Menschen früher zum Begriff „Zeit“? Wie hat sich dieses Verhältnis in den letzten 100, 50, 20 und 10 Jahren verändert durch technologische Neuerungen und andere „moderne Anpassungen“ wie z.B. beim Umgang mit Geld. Was machen die Neuerungen aus den Menschen und ihrer Zeit?

Versuchen, die Welt zu verstehen…da kommt keine Langeweile auf.

Tipps für „Zeitreisen-Places to be“

In nicht mehr allzu ferner Zukunft werden Zeitreisen möglich sein. Also warum sich nicht jetzt schon einmal informieren, welche „Hot Spots“ es gibt, die nicht so überlaufen sind, wie beispielsweise Ziele während des römischen Reichs oder Königskrönungen? Dieses Buch ist der ultimative Reiseführer und gehört in jeden Haushalt:

Von Reisen zu vergangenen Weltausstellungen wird eher abgeraten. Sie sind langweilig, denn man sieht als Zeitreisender dort zumeist nur Erfindungen, die einem schon bekannt sind, abgesehen vielleicht von der Blutegelmaschine zur Wetterbestimmung oder der sprechenden Schokolade. Dagegen ist für das Autorenteam eine Reise in die ehemalige DDR eine gesunde Mischung aus überraschenden gesellschaftlichen Entdeckungen und Nervenkitzel. Als noch kein anderes Land auf der Welt daran dachte, gab es in der DDR beispielsweise schon eine ordentliche Grundrente oder Müllverwertung, Kinder bekamen sogar einen kleinen Obolus für gesammeltes Altpapier. Die Bespitzelung von Bevölkerung und Touristen ist u.U. natürlich schon mit etwas Gefahr verbunden, aber wie sagt man so schön: No risk, no fun!
Wer noch mehr Risiko und Adrenalinstöße sucht, wer gerne „Outdoor-Urlaub“ macht, für den eignen sich die Jahrtausende, in denen Dinosaurier und andere Riesenspezies unsere Erde bevölkerten. Das Handbuch listet alle Vorteile für eine „Dinoreise“ auf, hält aber auch nicht mit den lebensbedrohenden Nachteilen hinter dem Berg. Auch Reisen in Kriegsgebiete sind bei einem gewissen Klientel beliebt, hier nennt der Reiseführer konkret Daten, an denen die Wahrscheinlichkeit, nicht getötet zu werden, am größten ist.
Das A und O bei der Reisevorbereitung ist das Überprüfen, ob es in der Zeit, in die man reisen möchte, a) das Land/ den Kontinent überhaupt gibt, b) ob evtl. gerade eine Eiszeit herrscht, c) ein Meteoreinschlag oder Vulkanausbruch nicht bevorsteht d) Menschen, auf die man trifft, nicht Kannibalen sind, e)….Man muss Vieles überdenken, bevor man eine Reise in die Vergangenheit antritt.
Ein Sonderkapitel befasst sich mit dem Thema „Auswandern und in der Vergangenheit ein neues Leben beginnen“ (Das sollte man sich wirklich 200% gründlich überlegen, denn früher war nicht alles besser), ein anderes Kapitel widmet sich den ethischen Problemen bei Zeitreisen. ( Mal eben ins ….Jahrhundert jetten und den ein oder anderen Bösewicht diskret aufhalten- keine gute Idee).

Dieses Buch gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Matthias Matschke. Wunderbar! Stellen Sie sich vor, ein jüngerer Theo Lingen erklärt Ihnen in gewohnter Oberlehrermanier, wie Sie sich zu verhalten haben. Ich hatte 2 1/2 Stunden viel Spaß.

Mein Sonntag auf dem SZ Magazin-Sofa

Ich habe liebe Freunde, die regelmäßig die Süddeutsche Zeitung lesen und für mich das wöchentlich erscheinende SZ-Magazin aufheben. Letztlich bekam ich wieder eine volle Tasche mit gesammelten SZ-Magazinen und gestern widmete ich mich den ersten Ausgaben des großen Stapels.
Die Titelblätter der Magazine sind oft schon ein Hingucker:

Was ich gestern besonders schätzte, waren die Hotelempfehlungen jeweils am Ende eines Heftes. Ein kleines Hotel in Syrakus auf Sizilien, ein altehrwürdiges in Locarno, ein weit abgelegenes auf Kreta- seit langer Zeit spürte ich wieder ein bisschen Fernweh.
Mein bisheriger Lieblingsartikel war dieser:

Kurz bevor sie gehen, legen manche Japaner in Restaurants als Dankeschön für den Kellner auf den leeren Teller eine kleine Origamifigur, die sie aus Servietten oder anderem Papier gefaltet haben. Yuki Tatsumi hat inzwischen 12000 dieser kleinen Kunstwerke gesammelt und es gab inzwischen in Japan eine Ausstellung und ein Buch („Japanese Tip – Soul Of Japan On The Table„) erschien. Ich finde diese Geste sehr schön und versuchte mich direkt an einem Origami-Herz. Klappte ganz gut, jetzt fehlt nur noch ein Restaurantbesuch.

Nach dieser Vorlage faltete ich das Herz – gefunden auf „Pinterest“

Auch viele Fotostrecken in den Magazinen sind für mich inspirierend. Mir fiel dieses Mal auf, dass es z.Zt. wohl angesagt ist, verschwommene Bilder zu präsentieren. Also machte ich selbst ein paar Versuche.

In Rotterdam
Besucher im Bottroper Quadrat
Natürlich….in Paris!

Ich liebe die SZ-Magazine, aber gleichzeitig frustrieren sie mich auch ab und zu. Es gibt so viele Hinweise auf interessante Internetseiten. Ich zerfleddere die Zeitungen, hebe einzelne Seiten auf und nehme mir fest vor, zeitnah im Internet nachzulesen. Ich will ja nichts verpassen!

Meine Erfahrungen machen mich einfach nicht klüger.
Im April arbeitete ich Seiten ab, die aus Magazinen von 2015/2016 stammten, einige Internetadressen waren inzwischen schon nicht mehr aktuell.
Vielleicht hätte ich die Zeit besser so verbringen sollen?

Nein, ich freue mich schon wieder auf den nächsten Stapel, er ist ein gutes Rezept, wenn die Langeweile zu übermütig wird.

Kann man über einen Stein lachen?

Ja, ich kann und habe beim Zuschauen alles um mich herum vergessen:

Der Anlass, das Video mir anzusehen, war die Lektüre dieses Buches:

Ein feines Büchlein mit 127 Seiten, in dem der berühmte Pantomime Carlos Martínez mit einem Augenzwinkern kurze Geschichten erzählt, die er während seiner 30jährigen Laufbahn erlebt hat. Aber er wird auch ernst, wenn es um sein Verhältnis zu den vielen Garderoben geht, in denen er sich geschminkt hat, auf seinen Auftritt wartete oder fremde Menschen traf. Die Garderobe ist für ihn Mentorin, Geliebte, Gefährtin, immer für ihn da, immer bereit, seinen Gedanken zuzuhören oder ihn zu schützen.
Die zweite wichtige Verbündete ist die Stille. Wenn er die weiße Farbe auf das Gesicht aufträgt, verliert er seine Worte und wird stumm. Die Stille bemächtigt sich seiner und erst nach dem Auftritt wird sie ihn wieder verlassen, wenn er sich bei den Zuschauern für den Besuch seiner Vorstellung bedanken wird.

Das Buch hat mich verzaubert. Nicht nur wegen seiner Geschichten, die das Feingefühl und die Menschenfreundlichkeit von Martínez widerspiegeln, sondern auch wegen der Zitate über die Stille in Kombination mit ausdrucksvollen Fotos von Martinez beim Schminken. Ich durfte für eine kurze Zeit teilhaben an einer mir fremden Welt.

Das Duell

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Erinnern Sie sich noch, wer seine Sendung mit diesem Zitat immer beendete? Es war Marcel Reich-Ranicki, der in seinem „Literarischen Quartett“ mit dem Brechtzitat seine Zuhörer verabschiedete.

Ich habe dieses Buch als Hörbuch in den letzten Tagen genossen, allerdings passt o.g. Zitat hervorragend zu meinem Gefühl am Ende des Buches.

Der Untertitel auf dem Buch gibt an, wovon das Buch handelt. Es ist die Geschichte einer Hass-Liebe zwischen einem Autor und einem Literaturkritiker, die über Jahrzehnte andauert. Mir war dieses besondere Verhältnis zwischen den beiden bekannt, doch wusste ich nicht viel über die Hintergründe und wollte jetzt mehr erfahren.

Das Buch beginnt mit Kapiteln, in denen beider Kindheit erzählt wird, danach widmet es sich den so unterschiedlichen Schicksalen während des zweiten Weltkriegs. Diese Jahre sind für die zukünftigen Leben der Männer prägend. Grass war als junger Soldat Angehöriger der SS und suchte seinen großen Einsatz, Reich-Ranicki und seine Frau lebten erst im Warschauer Ghetto und nach ihrer Flucht viele Monate in Todesangst in einem Versteck.
Mitte der 50er Jahre lernen sich beide kennen, sind sich nicht sympathisch und ihre Wege trennen sich wieder. Ihre gemeinsame Geschichte beginnt erst 1960, als Reich-Ranicki, inzwischen freiberuflicher Literaturkritiker in Deutschland, als einziger das so gefeierte Buch „Die Blechtrommel“ zerreißt und das große schriftstellerische Talent von Grass teilweise in Frage stellt.
Wer interessiert ist an deutscher Geschichte ( z.B. das Engagement von Grass für Willy Brandt) und am deutschen Literaturbetrieb ( Einblicke in die „Gruppe 47“, auch ein bisschen Klatsch, schließlich Verleihung des Nobelpreises an Grass) wird bestens bedient. Die Inhalte mehrerer Bücher von Grass werden skizziert und ich bekam Lust, in der Danziger Trilogie mal wieder zu blättern und Passagen zu lesen.

Fassungslos am Ende des Buches war ich von der Art, wie Grass und Reich-Ranicki miteinander umgegangen sind. Wie können sich zwei hochintelligente Menschen über viele Jahre immer wieder so verletzen? Am Ende ihres Lebens wissen oder ahnen beide zumindest, wie sehr sie sich Schaden zugefügt haben. Immerhin.

Das Hörbuch wird von Gerd Heidenreich gesprochen. Lob von mir, ohne wenn und aber.

Sich unterordnen, um frei zu sein

Dieses Buch von Robert Walser kaufte ich mir vor Jahren. Ich weiß nicht mehr, ob es mir jemand persönlich empfohlen hat oder ob ich eine Besprechung gelesen habe. Damals verschwand es erst einmal im Buchregal, jetzt war seine Zeit gekommen.

Im Klappentext steht, das Jakob von Gunten Diener werden möchte, weil er „in der Erniedrigung die Freiheit sucht“. Diesen Gedanken fand ich ungewöhnlich und meine Neugierde auf das Buch stieg.

Jakob von Gunten kommt aus wohlhabendem Haus. Während sein älterer Bruder Johann ganz den Erwartungen der Eltern entspricht und in der Gesellschaft etwas darstellt (das Buch erschien 1908 und Berlin ist Ort der Geschichte), läuft Jakob von Zuhause weg. Er ist ein Freigeist, dessen hohe Intelligenz schnell erkennt, dass in der besseren Gesellschaft alles nur Fassade ist und die Menschen reglementiert leben. Jakob beschließt, eine Schule zu besuchen, die junge Männer zu Dienern ausbildet. Auf den ersten Blick scheint dieser Beruf eher eine Bestrafung für einen Mann zu sein, der seine Freiheit über alles liebt. Aber gerade durch das konsequente Untergeben wird nach Ansicht Jakobs eine unbegrenzte geistige Freiheit ermöglicht.

Die Schule ist ein merkwürdiger Ort. Das Geschwisterpaar Benjamenta leitet sie, andere Lehrer sind nicht da oder schlafen permanent. Die Ausbildung besteht hauptsächlich aus dem Auswendiglernen einer Broschüre und das Pauken von Benimmregeln. Jakob ist allen anderen Schülern weit überlegen und wickelt den strengen Direktor um den kleinen Finger. Dann stirbt dessen Schwester und die Schule wird kurz danach aufgelöst. Alle Schüler werden durch den Direktor als Diener weitervermittelt, nur Jakob lässt er nicht gehen. Er hat inzwischen erkannt, dass er auf die Gesellschaft von Jakob nicht mehr verzichten will und beide planen, gemeinsam Abenteuer zu bestehen.

Nachdem ich das Buch beendet hatte, beschäftigte mich dieser Gedanke,“Unterwerfung, um Freiheit zu erlangen“ noch länger. Man könnte ja noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass ich mich untergebe, macht mich nicht nur frei, sondern ich tue dazu noch etwas Gutes. Mein Herr benutzt mich als Fußabtreter, weil er sich schlecht fühlt oder ein psychisches Defizit hat. Nach der Erniedrigung meiner Person geht es ihm besser, wozu ich beigetragen habe. Also ist das Fußabtretersein ein gute Tat…

Nach diesen abschweifenden Überlegungen interessierten mich Besprechungen von anderen Lesern. Da bereits 1908 erschienen, äußerten sich beispielsweise schon Hermann Hesse zu dem Roman, in dem er lobend die Sprache erwähnte, bekannte Literaturkritiker vergleichen das Werk beispielsweise mit Romanen von Franz Kafka, deuten das Buch als Parodie auf den deutschen Bildungsroman oder es ist für sie eine „Märchenfabel“.

Wer nimmt die Herausforderung an und findet seine eigene Interpretation?

Paris als roter Faden-Nr.2

Vor ein paar Wochen erschien dieses Buch:

Als Hobbyfotografin und Verehrerin vom französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson(=HBC) war das Buch ein Lesemuss für mich, denn die Werbung versprach, dass die wiedergegebenen Interviews bisher gar nicht oder kaum veröffentlicht wurden.

Das Buch war eine Enttäuschung, denn Zweidrittel der Interviews kannte ich bereits aus anderen Büchern. Außerdem hatte ich mir vorher nicht bewusst gemacht, dass sich in Interviews Fragen natürlich immer wiederholen. So wurde die Lektüre zum Ende hin immer langweiliger. Bezug zu Paris? Es gibt seit 2003 in Paris die „Fondation Henri Cartier-Bresson,die als Museum und Archiv für das fotografische und malerische Werk Cartier-Bressons fungiert.

Wenn Sie sich über Cartier-Bresson informieren möchten, empfehle ich Ihnen diese beiden Titel:

Links ein Werk über HCBs Philosophie des Fotografierens, rechts ein kleiner Bildband mit kurzer Biografie und kurzen Interviews.

Ein Buch, das die Enttäuschung mehr als ausglich, war dieses:

Ich weiß nicht, ob HCB und Francoise Gilot sich gekannt haben, aber ich vermute, dass sie sich gut verstanden hätten. Beide halten nichts von Photo- bzw. Kunstschulen, ihre beider Kunst kommt aus ihrem tiefsten Inneren. HBC lehnte das Schneiden eines Fotos vehement ab, Gilot machte einen gemalten Strich niemals rückgängig. Das zu den Gemeinsamkeiten der beiden.

Auch dieses Buch basiert auf mehreren Interviews, die der Autor Malte Herwig mit der Künstlerin über einen längeren Zeitraum geführt hat. Ihre Vitalität mit 90 Jahren ist ein immer wiederkehrendes Thema und die Fotos von ihr in Paris und New York belegen dies.
Francoise Gilot war nicht der Wunschjunge ihrer Eltern, wurde aber trotzdem wie ein Junge erzogen. So sind die Härte gegen sich selbst, ihr großes Bedürfnis nach Selbständigkeit und das Verstecken ihrer Gefühle und Gedanken sicherlich teilweise damit zu erklären. Wie sie sagt, sprechen ihre Bilder zu der Außenwelt, das muss genügen.
Ihr Leben mit Picasso und ihr Entschluss, ihn zu verlassen, sind eher ein Randthema dieses Buches. Dazu befragt, war sie sich der Risiken, mit Picasso zusammenzuziehen und Kinder zu bekommen, durchaus bewusst. „Wenn du wirklich leben willst, musst du etwas Dramatisches riskieren, sonst lohnt sich das Leben nicht. Wenn du etwas riskierst, erlebst du auch schlimme Dinge, aber du lernst vor allem eine Menge und lebst und verstehst immer mehr. Vor allem wirst du nicht langweilig. Das ist das Allerschlimmste: langweilig werden.“

Wer selbst malt oder zeichnet kann in diesem Buch Einsichten gewinnen, wie sich das eigene Kunstwerk entwickelt. Herwig kann nicht zeichnen und bittet Gilot, ihm Tipps zu geben. Anfangs widerstrebend lässt sich Gilot schließlich darauf ein. Diese Ausführungen zum künstlerischen Schaffen sind besonders lesenswert.

Sie interessieren sich für Kunst? Dann habe ich zum Schluss noch einen Filmtipp für Sie (spielt in Paris): „Das letzte Porträt“, ein Film über 18 Tage im Leben des des Künstlers Alberto Giacometti.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Final_Portrait

Paris als roter Faden- Nr. 1

Heute und nächste Woche möchte ich Ihnen vier Bücher kurz vorstellen, in denen Paris eine Rolle spielt.

In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts lebte Kurt Tucholsky zuerst in Berlin und zog dann nach Paris. In 17 Kurzgeschichten vergleicht er die beiden Städte (Berlin: Arbeit, Arbeit, Arbeit+darüber klagen+telefonieren + unhöflich sein, Paris: Arbeit,Arbeit,Arbeit, aber im nonchalantem Trott+ lecker essen+freundlich sein ) oder gibt Momentaufnahmen vom Alltag in beiden Städten wieder. Die Geschichte über den täglichen Spaziergang nach der Arbeit im Tiergarten, bei dem Paare sich erst einmal ihre Herzen über den doofen Chef, unverschämte Kunden oder intrigante Kollegen ausschütten, ist wunderbar. Ebenso auch die Betrachtung, was es bedeutet, wenn ein Pariser „Ah ça…“ sagt oder seine Begegnung auf der Champs-Elysees mit einer Katze, die ursprünglich aus Insterburg kommt und mit ihm Ostpreussisch spricht.

Tucholskys Berichte sind wie seine Gedichte: witzig, politisch, manchmal skurril und geschrieben mit kritischem aber immer auch gütigem Blick auf die Fehler der Menschen. An manchen Stellen ist die Aktualität der Geschichten bemerkenswert.

Dieses Buch las ich jetzt zum zweiten Mal:

Der Autor Peter Gethers, u.a. Drehbuchschreiber für Roman Polanski, hasst 10 Dinge und auf Platz 1 stehen Katzen. Das hält seine Freundin allerdings nicht davon ab, ihm eines Tages ein winziges graues Fellknäuel in die Hand zu legen, weil sie meint, Gethers hätte zuhause ein bisschen mehr Gesellschaft nötig. Der Widerstand Gethers ist schnell gebrochen, denn „Norton“ ist erstens süßer als süß. Er gehört zu der Scottish Fold Rasse und hat damit allerliebste Knicköhrchen. Zweitens ist er aber auch klug, abgeklärt, fast immer mutig und charmant. Mit ihm zusammen entspannt spazieren gehen? Kein Problem. Mit ihm verreisen, z. B. in der Concorde nach Paris? Die Crew frisst Norton aus der Hand. In einem Pariser Nobelhotel absteigen? Beim nächsten Mal fragt der Portier zuerst nach dem Wohlergehen Nortons, wie es Gethers geht, ist zweitrangig.

Jahre vergehen. Wir lesen, wie Norton nach der Trennung von der Freundin Gethers in Fragen von neuen Frauenbekanntschaften beratend zur Seite steht oder wie er Gethers Vater, ein noch größerer Katzenhasser, tröstet.

Tipp: Falls Sie eine Katze haben und Ihnen das Buch gefällt, lesen Sie es nicht Ihrer Katze vor. Ich machte einmal diesen Fehler, danach herrschte ganz dicke Luft zwischen meinem Kater und mir. Ich hatte beim Vorlesen zu begeistert geklungen und mein Gesichtsausdruck drückte wohl ab und zu mal ein „ Aach jaaa“ aus…

Der Sezierer des „grauen“ Alltags

Und hier ein weiterer Autor, den ich dieses Jahr neu entdeckt habe:

Georges Perec, ein französischer Autor, legt in seinen Büchern den Alltag unter das Mikroskop und erfasst minutiös jede Art von Handlung, die zu einem Vorgang gehört, hält jede noch so unbedeutende Beobachtung fest und erkundet Möglichkeiten des Ordnens. Er ist nicht auf Sensationen aus wie beispielsweise Zeitungen. Perec ist von Zeitungen gelangweilt, denn sie berichten nicht über Dinge, die sein Leben betreffen, nicht über den gewöhnlichen Alltag oder über Selbstverständliches.

Im rechten Buch listet er die Beobachtungen auf, die er 1974 an drei Tagen gemacht hat. Täglich hat er mehrere Stunden auf dem Pariser Place Saint-Sulpice gesessen und notiert: Menschen, Fahrzeuge, Tiere, Geräusche, Düfte, wechselnde Schriftzüge, Beleuchtungen, Farben. An den drei Tagen gibt es Regelmäßigkeiten, wie beispielsweise immer wieder vorbeifahrende Busse oder Menschen, die zu ihrer Arbeit gehen, aber auch viele „Mikro-Ereignisse“, die so unterschiedlich sind, dass selbst der langweiligste Alltag interessant sein kann, wenn man nur genau hinschaut.

Im linken Buch erhebt er mit dem Thema „Denken/Ordnen“ den Alltag ebenfalls in eine andere Sphäre. Als Leserin stachen bei mir zuerst die Kapitel über die Kunst des Bücherordnens, über das Lesen und die Betrachtungen über Brillen heraus, doch seine Anmerkungen über die Gegenstände, die auf seinem Schreibtisch liegen oder seine drei Erinnerungen an früher besuchte Zimmer gefielen mir auch sehr gut.

Wer mehr über Georges Perec wissen möchte:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Georges_Perec