Herr Origami

Auf diesem Foto sehen Sie meinen ersten gefalteten Kranich. Für alle, die es auch einmal versuchen möchten, füge ich nach der Buchbesprechung einen YouTube Link hinzu. Dieses Lernvideo war für meine beiden linken Hände das beste.

Der junge Japaner Kurogiku arbeitet bei seinem Vater in einem Dorf, das für sein handgeschöpftes Washipapier berühmt ist. Eines Tages geht am Fenster der Werkstatt eine Europäerin vorbei, in die sich Kurogiku sofort verliebt. Doch niemand kennt sie im Dorf, er findet nur heraus, dass sie aus Italien stammt. Der junge Mann reist nach Europa und macht sich dort auf die Suche nach ihr. Die schöne Italienerin bleibt unauffindbar und so landet Kurogiko schließlich in der Toskana. Er zieht in ein aufgegebenes Haus und beginnt mit dem Papierschöpfen und dem Origamifalten. Jahre vergehen, in denen Herr Origami, wie die Einheimischen ihn inzwischen nennen, auf den Zufall hofft, der die Italienerin zu seinem Haus führen wird.
Eines Tages kommt ein junger Mann vorbei, der eine Unterkunft sucht. Er heißt Casparo und ist Uhrmacher. Beide Männer verstehen sich ohne viele Worte, denn wie bei Herrn Origami ist auch Casparo von seinem Handwerk beseelt und möchte eine einzigartige Uhr erschaffen. Aus den Männern werden fast Freunde, die zusammen nach Japan fliegen, um dort Kurogikus Dorf zu besuchen. Dort erzählt der alte Mann Casparo von dem Fugo-Projekt, bei dem aus dem unschuldigen Washi Papier seines Vaters eine Kriegswaffe wurde. Kurogikos Satz „Jede Schönheit hat seine Schattenseiten.“ wird danach der rote Faden diese schmalen Romans.
Alle Buchkapitel erinnerten mich beim Lesen jeweils an eine japanische Tuschemalerei: mit wenigen Pinselstrichen (Sätzen) wird von einem Universum erzählt. Ein Buch, das bei mir noch lange nachklingen wird.

Ein blauer Tag

Ein blauer Tag

Bild 41 von 365, inspiriert von diesem Gedicht:

HILDE DOMIN

„Ein blauer Tag“

Ein blauer Tag
Nichts Böses kann dir kommen
an einem blauen Tag.
Ein blauer Tag
die Kriegserklärung.
Die Blumen öffneten ihr Nein,
Die Vögel sangen Nein,
ein König weinte.
Niemand konnte es glauben.
Ein blauer Tag
und doch war Krieg.

Gestorben wird auch an blauen Tagen,
bei jedem Wetter.
Auch an blauen Tagen wirst du verlassen
und verläßt du,
begnadigst nicht
und wirst nicht begnadigt,
Auch an blauen Tagen
wird nichts zurückgenommen.
Niemand kann es glauben:
Auch an blauen Tagen
bricht das Herz.

Japanische Geschichte in Duisburg

Noch bis zum 27.2. zeigt das Museum DKM in Duisburg u.a. eine Ausstellung zum Thema „Japan öffnet sich dem Westen“. Dies geschah ab Anfang des 20. Jahrhunderts und hatte weitreichende Folgen für Japan und auch für seine Kolonien, wie z.B. das heutige Korea oder Taiwan.
Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt neben Licht- und Videoinstallationen auf der Präsentation von historischen Kimonos, die diese kulturelle Umwälzung durch eigenwillige Muster wiederspiegeln. (Man erkennt z.B. Panzer, Flotten, Soldaten da in dieser Zeit in einem Krieg Japan über Russland siegte).
Da es nicht erlaubt war, die Ausstellungsstücke zu fotografieren, versuche ich, mit eigenen Fotos die Stimmung der Präsentation ein bisschen zu unterfüttern.

Kimonos, nicht mit militärischen Abbildungen, aber mit Graffiti oder historischen Briefmarken.

Was aus dem Westen kam, galt in Japan als schick und es wurde nachgeahmt oder weiterentwickelt. Das galt insbesondere bei der Mode, aber beispielsweise auch bei der Musik.

Das DKM Museum besticht nicht nur durch seine Ausstellungen, sondern auch durch seine permanente Sammlung von asiatischen Exponaten und Gefäßen und durch die Aufteilung der Räumlichkeiten. Immer wieder hat man überraschende Ausblicke auf Innenhöfe, die zum Fotomotiv taugen.

Wenn Sie planen, das DKM zu besuchen, sollten Sie unbedingt diesen kostenlosen Katalog vor dem Rundgang mitnehmen und sich, vielleicht bei einer Tasse Kaffee, zuerst ein bisschen einlesen. Einzelne Kunstwerke werden im Katalog besser beschrieben als direkt vor Ort und man bekommt einen guten Überblick.

Sankt Petersburg: Palast der Erinnerungen

Die junge Marina ist Museumsführerin in der Eremitage in Leningrad, als 1941 die Bombardierung der Deutschen beginnt. Nachdem die meisten Kunstschätze abtransportiert und in Sicherheit gebracht worden sind, ist sie eine der wenigen Angestellten, die in dem Museum bleibt und von dessen Dach aus nachts Wache schiebt, um Brände zu melden. Der Winter 41/42 ist extrem kalt und die Menschen leiden zunehmend unter den deutschen Angriffen, der Kälte und dem Hunger. Immer mehr Menschen sterben, auch in Marinas Umfeld. Um diesem Grauen zu entgehen, flüchtet sich Marina in ihren Palast der Erinnerungen. Zusammen mit der alten Museumswärterin Anja ist sie immer wieder durch die leeren Räume des Museums gelaufen und hat sich in Erinnerung gerufen, welches Bild an welcher Stelle hing. Sie hatte Lieblingsbilder und die Gedanken an diese sind für Marina tröstlich und lassen sie für kurze Zeit alles vergessen.

Marina überlebte den Krieg. Sie heiratete, bekam zwei Kinder und ist jetzt eine alte Frau, die Alzheimer hat. Ihr Mann kümmert sich liebevoll um sie und anfangs gelingt es beiden noch, Marinas Abschied von der realen Welt zu überspielen. Doch bei einer Hochzeit läuft Marina weg und wird auch nach einem Wochenende nicht gefunden. Sie hat sich in dem Rohbau einer Villa versteckt und dieser erinnert sie an die ausgebombten Häuser in Leningrad. Sie hat Angst, aber sie lebt auch immer mehr in ihrem Palast der Erinnerungen und entdeckt, staunend wie ein Kind, die Welt neu.

Mich hat das Buch sehr berührt, denn beim Lesen gerät man zwischen zwei Extreme: Der schreckliche Krieg in Leningrad auf der einen Seite, die Schönheit der Kunst auf der anderen. Beides geht einem nah, denn die Autorin beschränkt sich bei ihren Schilderungen, welches Leid der Krieg für die Menschen bedeutet, nur auf wenige persönliche Schicksale. Exemplarisch für die Kunst werden von Marina nur einige Gemälde ausführlich beschrieben und beim Lesen hat man im wahrsten Sinne Bilder vor Augen.
Marina als junge und als alte Frau, auch das wird gefühlvoll beschrieben. Der Autorin gelingt es, das Thema Alzheimer nicht als Krankheit darzustellen, sondern als einen neuen Lebensabschnitt, der von der Betroffenen angenommen wird, während die Angehörigen sich schwer tun.


Der Dirigent

1940- Leningrad, kurz vor Beginn des Krieges zwischen Sowjetunion und Deutschland. Dmitri Schostakowitsch hat begonnen, seine siebente Symphonie zu komponieren. Der Druck auf den wohl berühmtesten Komponisten Russlands ist hoch, jeder erwartet ein neues Meisterwerk. So ist sein gesundheitlicher und psychischer Zustand bedenklich, denn er muss sich „nebenbei“ noch um seine Familie kümmern und im Konservatorium unterrichten. Allein die Treffen mit seinen Freunden geben ihm noch ein bisschen Halt und neue Kraft.

Zur selben Zeit dirigiert Karl Eliasberg das Rundfunkorchester in Leningrad. Er steht im Schatten der berühmten Dirigenten Mrawinski und ist immer nur die Nummer 2. Der introvertierte Eliasberg verehrt und hasst Schostakowitsch gleichermaßen. Er bewundert dessen Können, kann ihm aber nicht verzeihen, dass Schostakowitsch ihn nicht zu seinem Freundeskreis zählt, obwohl sie beide gemeinsam ins Konservatorium gegangen sind.

Dann beginnt die Belagerung und Bombardierung Leningrads durch die Deutschen. Während viele Berühmtheiten fliehen, bleiben die beiden Männer in Leningrad und versuchen weiterzuarbeiten, trotz immer schwereren Bedingungen. Aber das ist erst der Anfang, im Laufe des Winters werden die Verhältnisse immer menschenverachtender, viele sterben an Hunger, werden bei Bombardierungen getötet oder kommen durch Krankheiten um. Es wird verfügt, dass Schostakowitsch Leningrad verlassen muss, um auf dem Land die „Leningrader Symphonie“ fertig zu schreiben, Eliasberg wird nicht evakuiert. Er ist, wie auch alle anderen übrig gebliebenen Orchestermitglieder, sehr geschwächt und krank, aber er schafft es trotzdem, dass noch eine Konzertübertragung im Radio ausgestrahlt wird. Ist es sein letztes Konzert? Nein, denn Schostakowitsch hat die Symphonie beendet und danach wird befohlen, dass sie zur Stärkung der Moral in Leningrad aufgeführt werden soll. Eliasberg hat nur noch fünfzehn Orchestermitglieder, alle anderen sind tot. Aber er wird durchhalten, denn Schostakowitsch hat ihm geschrieben…

Das Buch lesen und danach die Symphonie hören, das war für mich eine neue, sehr emotionale, Erfahrung. Schreckliche Kriegsbilder aus dem Buch tauchten beim Hören in meinem Kopf auf, aber dann macht die Musik auch zuversichtlich und die Menschlichkeit kommt zurück. Auch in dem Buch liest man erinnerungswürdige Szenen, in denen Menschen, trotz aller Grausamkeiten, Liebe und Güte nicht vergessen. Und es gibt einen Helden: Karl Eliasberg.

Es gibt Momente…

wenn man in das „kalte Wasser des Seniorinnenseins“ geworfen wird. In einem Museum kamen mein Mann und ich mit dem Herrn von der Kasse  gesprächsweise darauf, dass ich in Kürze 60 würde und er verkaufte mir freudestrahlend ein Seniorinnenticket. Sollte ich mich freuen oder grämen? Entschied mich fürs Freuen, so habe ich jetzt wenigstens die Feuertaufe schon hinter mir.

wenn man auf dem Friedhof vor dem Grab der Eltern und Großeltern steht und plötzlich die Sirenen heulen. Wie oft haben sie diese Sirenen damals gehört? 

wenn die Katze des Nachbarn ihren Dosenöffner per Miauen jeden Abend pünktlich um 20 Uhr auffordert, die Haustür zu öffnen, um einen Spaziergang zu uns machen zu können. Bei uns wartet ein Topf mit einem Ziergras, das anscheinend für ihren Gaumen äußerst köstlich ist.

Und dann ist da noch eine Radiosprecherin, die beim Thema deutsche Fußballnationalmannschaft von dem „Glow des Neuanfangs“ sprach. Ich biete an: Glühen, Funkeln, Leuchten, Aufblitzen, Schein, Glitzern, Glut…

Und dann hörte ich noch, wie am Nachbartisch eine Mutter einer andern erzählte, dass ihre Tochter jetzt bei der Musikschule angemeldet sei. Die andere fragte in welcher Musikschule, erste Mutter antwortete: „In der „Art of Noise!“   

 

107 Seiten Italien

Die Erzählung beginnt 1919. Doktor Fadigati, ein HNO-Arzt aus Venedig, zieht nach Ferrara und wird schnell ein angesehener Bürger. Er ist höflich, gebildet, seine Wartezimmer ähneln eher vornehmen Salons, in denen „man“ sich trifft. Dass er nicht verheiratet ist, irritiert ein bisschen, Versuche, für ihn eine passende Ehefrau zu finden, verlaufen aber im Sande. Auch als vermutet wird, dass Fadigati homosexuell ist, wird dies stillscheigend hingenommen, da er sehr diskret ist und sich nichts zu schulden kommen lässt. Das Wohlwollen verwandelt sich in Verachtung und Hass, als er während der Sommerferien im Lieblingsseebad der Bürger von Ferrara mit einem jugendlichen Liebhaber auftaucht, der zudem noch als Arbeitersohn einen schlechten Ruf hat. Der Arzt wird zur Persona non grata. Seine Praxis verwaist, Freunde hat er nicht mehr, höchstens noch einen Bekannten, den Erzähler der Geschichte. Auch dieser und seine Familie sind in Ferrara nicht mehr gerne gesehen, weil sie Juden sind. Inzwischen sind der Duce und Hitler Verbündete und „die guten Bürger von Ferrara“ übernehmen deren beider Weltbild. Fadigati vereinsamt und nimmt sich das Leben.

Das Buch hat mich nicht nur wegen seines Inhalts beeindruckt. Wie kaum ein anderer italienischer Schriftsteller versteht es Bassani, dem Leser italienische Atmosphäre zu vermitteln.

 

Galadio

Galadio ist der eigentliche Vorname von Ulrich Ruden, doch er darf ihn nicht benutzen. Der Name stammt aus dem Sudan, dem Heimatland seines Vaters und alles Afrikanische ist in den 30er Jahren den Nazis suspekt. So wird Ulrich, der mit seiner deutschen Mutter in Duisburg-Ruhrort lebt, auch eines Tages verhaftet und nach Köln in eine Klinik gebracht, wo er erst einmal sterilisiert werden soll. Im Krankenhaus tauchen einige Tage später zwei Leute auf, die aus Berlin kommen. Sie suchen für eine Filmproduktion nichtreinrassige Komparsen und Galadio wird in die Filmstudios nach Babelsberg mitgenommen. Dort macht er seine Sache gut und wird während des Krieges für weitere Filme engagiert. Bei seinem letzten Film mit Hans Albers hat er während der Dreharbeiten in Afrika die Möglichkeit zu fliehen. Er muss sich 1800 km bis zu dem Heimatdorf seines Vaters durchschlagen, doch er trifft dort nur seinen Onkel an, der Vater ist nach seinem Einsatz während der französischen Besatzung in Duisburg nicht mehr in sein Dorf zurückgekehrt. Galadio bleibt einige Zeit im Dorf und meldet sich dann freiwillig beim französischen Militär.

Irgendwann ist der Krieg zuende. Galadio weiß inzwischen, dass sein Vater als Soldat gestorben ist und und er kehrt in das zerbombte Duisburg zurück. Was ist mit seiner Mutter geschehen, was mit seinen jüdischen Freunden? Vieles bleibt am Ende offen.

Mit 158 Seiten ein schmaler Roman, den ich ohne Pause gelesen habe. Die Sprache ist einfach, aber Galadios Geschichte berührt und verstärkt wird dies noch durch einige historische Fotos, die Duisburg während der Herrschaft des Naziregimes und nach dem Ende des Krieges zeigen.

Sind Duisburger Lehrer unter meinen Leser und Leserinnen? Das Buch kostet 9,90 Euro, hat also einen Taschenbuchpreis und ist bestens als Klassenlektüre geeignet.