Wer nicht neugierig bleibt, wird nur noch älter (Marianne Frauchiger)
Kategorie: Lesen + hören + sehen
Mein Lesegeschmack geht „querbeet“. Die meisten Bücher, die ich hier vorstelle, empfehle ich mit Herzblut, doch es kann auch mal ein Verriss dabei sein…Genauso verhält es sich mit den Hörbüchern und Filmen. Ich würde mich sehr über Empfehlungen freuen, denn man soll ja immer über den Tellerrand schauen!
Zum ersten Mal besuchten wir letzte Woche das Figurentheater „Bühne Cipolla“. Dieses tritt deutschlandweit auf und war mit diesem Stück im Duisburger Stadttheater zu Gast:
Im Vordergrund des Bildes sehen Sie Dr. Fischer, im Hintergrund stehen Sebastian Kautz und Gero John, die an diesem Abend als Schauspieler, sowie als Puppenspieler bzw. Musiker agierten. Kurz zu der Geschichte: Der Milliardär Dr. Fischer lädt zu ganz speziellen Partys ein, zu denen nur „handverlesene“ Menschen eingeladen werden. Hier einige Mitglieder dieses exklusiven Clubs:
Fotocollage mit vier Puppen: Melanie Kuhl ist verantwortlich für den Bau und der Ausstattung der Puppen. Die Augen sind so gut gelungen, dass ich dachte, die Puppen sehen mich intensiv an.
Ein Gast erhält jedes Mal ein teures Geschenk, sofern er sich von Dr. Fischer vorher erniedrigen lässt. Bei der vorletzten Party ist auch Alfred (gespielt von Sebastian Kautz) als sein Schwiegersohn in spe anwesend. Er will sich nur vorstellen und ist angewidert von Fischer und dessen Gebaren. Alfred und Fischers Tochter Anna heiraten, sind kurze Zeit glücklich bis Anna tödlich verunglückt. Alfred kehrt zu Fischer zurück und nimmt an der letzten Party, der Bombenparty, teil.
Im Stadttheater war auf der eigentlichen Bühne eine Sitztribüne für die Zuschauer installiert, so dass man gut sehen konnte.
Foto: Hinter dem schwarzen Vorhang fängt der eigentliche Zuschauerraum an.
Die Leistungen von Sebastian Kautz als Schauspieler und Puppenspieler kann ich gar nicht genug preisen.
Foto: Sebastian Kautz mit dem Puppenkopf von Dr. Fischer
Berlinerte Kautz gerade als Schwiegersohn Alfred, sprach er in der nächsten Sekunde mit rauchiger zarter Stimme als Anna, stieß Wörter mit grunzigem Unterton im Namen von Dr. Fischer hervor oder schwadronierte als General. Sieben unterschiedliche Stimmen, sieben unterschiedliche Charaktere, ein Mann- großes Puppentheater! Und die Musik dazu von Gero John war dann noch ein zusätzlicher Bonus. Seine Stücke in Moll für Violincello, begleitet von Loops, verdüsterten die Atmosphäre perfekt.
Die „Bühne Cipolla“ tritt in den nächsten Monaten immer mal wieder im Ruhrgebiet und am Niederrhein auf. Das Repertoire an Stücken ist groß, vielleicht habe ich Sie neugierig gemacht? Hier geht es zu der Internetseite, auf dem auch ein Terminkalender zu finden ist:
Die 30 jährige Japanerin Akiko hat das Töpferhandwerk erlernt und möchte Erfahrungen in anderen Ländern sammeln. Auf Anraten ihrer Mutter reist sie nach Deutschland, da ihr Urgroßvater aus Deutschland kam. Nach einer schulischen Weiterbildung findet sie im Frühling eine Praktikumsstelle bei dem Töpfermeister Friedrich im Bregenzerwald. Friedrich lebt alleine auf einem Bauernhofgelände und hat sich ganz der traditionellen Töpferei mit einem Holzbrennofen verschrieben. Er und die ruhige und zurückhaltende Akiko verstehen sich gut, Friedrich erkennt schon bald, dass die junge Frau großes Talent besitzt. Es ist Sommer und inzwischen ist Friedrich aufgeschlossener gegenüber seiner Mitbewohnerin und erzählt ihr von seinen weltweiten Reisen. Akiko hat allerdings den Eindruck, dass er um seine Japanreise eher einen Bogen macht, obwohl er in seinem Garten einen nach japanischer Gartenkunst angelegten Teich hat und ein japanisches Windspiel im Baum hängt. Im Herbst sammelt Akiko Hinweise auf Verbindungen zwischen Friedrich und ihrem Elternhaus, im Winter wird es für sie der Zusammenhang zur Gewissheit. Ihr Praktikum endet zur Weihnachtszeit. Sie kehrt zurück nach Japan mit neuen Plänen für ihre Zukunft.
Hat man schon einmal mit Ton gearbeitet, schafft es dieses Buch, dass diese Beschäftigung mit Ton fast wieder spürbar wird. Die Beschreibungen, wie Akiko und Friedrich in ihrer Handwerkskunst aufgehen, haben mich beeindruckt. Die Geschichte ist in einem ruhigen Ton erzählt und unterstreicht die Bedächtigkeit, wie die beiden sich annähern und ihre gemeinsame Vergangenheit ertasten. Ein schönes stilles Buch für so unruhige Zeiten.
Zwei Hände, die sich gegenseitig zeichnen…Immer, wenn ich dieses Bild von M.C.Escher sehe, stellt sich eine unbestimmbare Verunsicherung ein und ich frage mich, ist eine Hand dominant und welche Hand hat angefangen ?
Diese Verwirrung merkte ich am Anfang auch bei dem neuen Buch von Wolf Haas, das gestern erschienen ist.
Franz Escher ist Single, professioneller Trauerredenschreiber und passionierter Puzzleleger. Er hat in seiner Wohnung ein Stromproblem und ruft einen Elektriker an. Dieser ist sehr sympathisch und vertrauensvoll und Escher lässt ihn in seiner Wohnung werkeln. In der Zeit liest Escher ein Buch über den Mafiosi Elio. Er sitzt in Italien im Gefängnis und soll als Kronzeuge in ein Zeugenschutzprogramm. Nach Deutschland möchte er und sein deutscher Gefängniskumpel bringt ihm mit Hilfe eines Buches die deutsche Sprache bei. In dem Buch wird die Geschichte von Franz Escher erzählt, in dessen Wohnung ein Elektriker durch eine Unachtsamkeit von Escher stirbt.
Sie ahnen, wie der Roman weitergeht?
Im Laufe der Geschichte lesen Escher und Elio immer wieder in ihren Büchern und so erfährt man bei der Lektüre von Escher, wie Elio nach Deutschland geht und in Duisburg sesshaft wird. Bis zum Sommer 2007, als Duisburg durch mehrere Mafiamorde erschüttert wird und Elio flüchten und ein Leben mit neuer Identität in Berlin beginnen muss. Er gründet mit Gabi eine Familie und sie bekommen ihre Tochter Ala. Doch auch hier kommt Elio, der inzwischen als Elektriker arbeitet und Marko Steiner heißt, nicht zur Ruhe. Steiner liest, dass Franz Escher von der Polizei nicht verdächtigt wird, mit dem Tod des Elektrikers etwas zu tun zu haben. Doch Escher plagt das schlechte Gewissen und das möchte er mit einer besonderen Trauerrede beruhigen. Er kontaktiert die Witwe. Sie heißt Gabi…
Wolf Haas hat sich mit diesem Buch selbst übertroffen. Er bietet ein Feuerwerk an Ideen. Das Buch ist leicht zu lesen, Haas schreibt rasant und humorvoll und die Geschichte hat ein geniales Ende.
Wissen Sie schon, was Sie im neuen Jahr besser machen wollen? Oder nehmen Sie sich nichts vor, weil Sie es in den letzten Jahren nicht geschafft haben? Ich habe vor ein paar Wochen das Buch von Stephen Guise gelesen. (Gibt es leider nur noch antiquarisch, das Buch von Miriam Junge ist aber eine Alternative).
Stephen Guise ist immer wieder mit seinen guten Vorsätzen krachend gescheitert. Er schreibt, dass der Fehler in den zu hoch gehängten Zielen lag, für die der Motivationsvorrat nicht reichte. Unser Gehirn ist eine faule Socke die, wenn es nicht ums Überleben geht, für jede Handlung eine Portion Motivation braucht. An Tagen, an denen wir uns krank fühlen, schlecht geschlafen haben, mit Stress auf der Arbeit oder zuhause fertigwerden mussten, bleibt dann nichts mehr für die hehren Ziele des Vorsatzes übrig. Es sei denn… Guise nennt es die „Goldene Liegestützregel“. Er hatte sich vorgenommen, mehr Sport zu treiben, mehr zu schreiben und zu lesen. So formulierte er drei Minimalvorsätze: Er macht eine Liegestütze, schreibt 50 Wörter und liest zwei Buchseiten pro Tag. Das war so lächerlich, dass der innere Schweinehund schwieg und Guise selbst an schlechten Tagen oder im Urlaub seine Vorsätze erreichte. Das machte ihn zufrieden und motivierte ihn ohne große mentale Anstrengung, an guten Tagen seine Ziele freiwillig zu übertreffen. Er geht bis heute 3x/Woche ins Sportstudio, schreibt an manchen Tagen bis zu 2000 Wörter und liest wie ein Weltmeister.
Klappt das auch bei dir, fragte ich mich und dachte mir vor ca. zwei Wochen drei Vorhaben aus, u.a.
Pro Tag 1 Glas Wasser trinken (Ich trinke zu wenig) Pro Tag auf meinem PC entweder 1 Mail oder 1 Foto löschen (Meine Festplatte ist bald voll) Pro Tag einmal Seilchen springen (Für meine Ausdauer)
Bisher bin ich im „Vorsätze-Flow“, es funktioniert tatsächlich. Diese Befriedigung, Vorhaben geschafft zu haben und das direkt mehrmals am Tag, ist ein Gefühl, auf das mein Gehirn anscheinend nicht mehr verzichten möchte.
Beim Versuch, mich politisch mehr zu engagieren, erwischen mich auch immer wieder Tage, wo meine Lust dazu rapide in den Keller geht. Dann erschöpfen mich schlechte Nachrichten und ich will nichts hören oder sehen. Um die Zahl solcher Tage zu begrenzen, las ich zwei Bücher.
Das Buch „Moralische Ambitionen“ richtet sich in erster Linie an Menschen mit frischem Uniabschluss oder an hochqualifizierte Berufstätige, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind, weil diese schwachsinnig oder nutzlos ist. Der Autor stellt verschiedene Personen vor, die in der Vergangenheit durch ihr Verhalten die Welt verändert haben, wie beispielsweise Thomas Clarkson, dem die Abschaffung der Sklaverei zu verdanken ist oder Rosa Parks, die Symbol für die Bewegung von Martin Luther King wurde. Diese Geschichten sind sehr beeindruckend und toll zu lesen. Der Autor redet uns aber auch stark ins Gewissen. Es reicht nicht, Umweltschädliches zu vermeiden und sich beispielsweise mit einem E-Auto, veganem Essen oder Secondhand Kleidung ein gutes Gewissen zu verschaffen. Solange man seine persönlichen Fähigkeiten nicht zum Wohle der Gemeinschaft einsetzt, ist man nur idealistisch, aber nicht moralisch ambitioniert wie Parks oder Clarkson. Risiken eingehen, Mut beweisen, die Welt verändern, das sollte auf der Fahne eines jeden Bürgers stehen! Suche dir ein Thema, an das bisher noch niemand gedacht hat und das unser aller Leben verbessert und brenne für die Umsetzung dein Leben lang! Da kam mir dann doch der Gedanke: Darf es auch etwas weniger sein? Eigentlich nur an einer Stelle geht Rutger Bregman ausführlicher darauf ein, wie wichtig alle Menschen sind, die solche Visionäre beim Verbreiten ihrer Ideen unterstützen. Diese Helfer und Helferinnen müssen u.U. akzeptieren, dass sie zu ihren Lebzeiten keinen großen Erfolg erleben, sondern nur an kleinen Schritten vorwärts teilnehmen. Trotzdem gilt: Nie deine moralische Ambition vergessen, damit du am Ende deines Lebens in den Spiegel schauen kannst. Auf der Seite moralischeambition.de erfährt man teilweise in deutscher, teilweiser in englischer Sprache, noch mehr „The School for Moral Ambition“.
Die Lektüre des Buches war für mich bereichernd, doch für meine tägliche Motivation brauchte ich etwas Bescheideneres.
Die Autorin des Buches „Wie wir die Welt sehen“ ist Journalistin, hat u.a. zwei Jahre in Kabul gearbeitet und schreibt jetzt für verschiedene Zeitungen, dreht Filme und hält Vorträge zu den Themen ihrer Bücher. Gleich am Anfang des Buches erzählt sie, wie sie hier in Deutschland immer häufiger bewusst keine Nachrichten sieht oder liest, da sie merkt, dass die Meldungen sie körperlich und auch psychisch negativ beeinflussen. Woran liegt das? Im Gegensatz zu anderen Ländern gibt es hier in Deutschland in den meisten Zeitungen und auf den Nachrichtenplattformen selten einen konstruktiven Journalismus, der alles Negative berichtet, aber auch Lösungswege aufzeigt, wie ein Problem behoben werden könnte. Diese Art des Schreibens ist für Lesende viel bekömmlicher und belastet weniger. Solche Artikel zu verfassen ist allerdings anspruchsvoller und leider gilt in Deutschland bei Verlegern meistens immer noch die Meinung: „Bad News are Good News“, wenn es um die erzielte Aufmerksamkeit geht. Die Autorin hat in ihrer Zeit in Afghanistan gelernt, neben Negativem auch über Positives zu berichten und versucht, dies nunmehr auch in ihren Artikeln über Deutschland umzusetzen. Sie schreibt nicht nur von Missständen, sondern auch vom positiven gesellschaftlichen Wandel und „dass sich überall … Menschen dafür ins Zeug legen, damit wir freier, sicherer und selbstbestimmter leben können.“ Geschichten von Helden, so wie die von Rutger Bregman in seinem Buch, mag sie nicht, sie hält es für wichtiger, dass täglich auch positive Geschichten über Leute wie du und ich erzählt werden, die handeln und sich nicht ohnmächtig fühlen. Dabei nennt sie schlechte Nachrichten übrigens Fehlerberichte- Fehler können behoben werden! Ein schöner Gedanke. Ronja von Wurmb-Seibel erwartet von uns keine Großtaten. Kein Schritt ist für sie zu klein. Ein Anfang könnte sein, wenn man im Privatleben eher Positives berichtet und seltener auf Negativem herumhackt und dort, wo man eine öffentliche Meinung kundtun kann, der Negativschleife neue gute Geschichten entgegen setzt. Dazu recherchiert man beispielsweise, ob es in anderen Ländern vielleicht schon Lösungswege gibt. Möchte man mehr tun, sollte es etwas sein, dass man gerne macht oder kann. Alleine oder noch besser in einer Gruppe, darin ist sie sich mit Rutger Bregman einig. Rückschläge wird es immer wieder geben, aber langsam wird bis dahin Unvorstellbares sichtbar.
Dieses Bild hängt bei der Autorin als Mahnung im Wohnzimmer. Was sehen Sie?
Einen kleinen schwarzen Punkt? Oder eine große weiße Fläche? Der schwarze Punkt ist das, was uns von der ganzen Welt in den Medien berichtet wird, das Weiße steht für alles, was auf der Welt positiv ist.
Ich blättere in diesem Buch und würde Ihnen noch gerne mehrere Textpassagen vorstellen. Alle sind erhellend und ermutigend. Stattdessen beende ich diesen Beitrag mit einer Rezension von Joachim Dittmer, veröffentlicht am 16. März 2022 auf einer Bücherplattform:
Jetzt erst recht! Dieses Buch hilft. Es ist für mich ein Mutmacher, aus der Komfortzone der Couch ins Handeln zu kommen. Die momentanen Berichterstattungen über den Ukraine-Krieg Russlands könnten einen verschreckt zurücklassen. Der Ansatz zeigt Wege auf, Initiative zu werden, damit die Welt besser wird.
Emma Southon (40) ist Althistorikerin, lebt in Belfast und hat bisher drei Bücher über die römische Geschichte geschrieben. Dieses Buch ist das erste, das ins Deutsche übersetzt wurde.
Wir kennen Cäsar, Nero, Brutus, Cicero oder Augustus, aber fallen Ihnen auch so viele berühmte Frauen ein? Wer sind diese 21 Frauen? Sie kommen fast alle aus der Oberschicht, sind selbstbewusste Königsmacherinnen, Geschäftsfrauen, Dichterinnen oder auch zwei ausländische Feindinnen von römischen Kriegern. Emma Southon hat tief in Archiven gegraben und widmet sich u.a. auch römischen Geschichtsschreibern, die von heutigen männlichen Historikern oft als unbedeutend angesehen werden. In diesen Aufzeichnungen hat sie z.T. Material gefunden, das bisher keiner breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Chronologisch von der Gründung Roms, über das Königreich, der Republik, dem Imperium bis zum Verfall des Römischen Reiches erzählt sie von Frauen und wir begegnen z.B. einer Sabinerin, lernen die Bräuche der mächtigen Vestalinnen kennen oder sind bei dem Bacchanalienskandal mit dabei. Beim Schmökern lernt man einiges über die römische Vorstellung von Luxus, die geltenden Gesetzen bezüglich Frauen und Sklaven, über typische Alltagsprobleme, das queere Leben in Rom oder auch über das Frauenleben während der Kriegszeiten.
„History is sexy“- so heißt ein Podcast, den die Autorin veröffentlicht. Sie liebt die römische Geschichte, erzählt aber nicht zum x-ten Mal detailliert über die Schlachten, sondern sucht nach anderen Blickwinkeln. Sie schreibt sehr lebendig, frech, mit Humor und ohne Tabus. So kann ein Geschichtsbuch Spaß machen. Römermuseum in Xanten….Ich komme!
Ich hatte in der Vergangenheit schon zwei größere Anwandlungen, Dinge wegzuwerfen und das war danach jedes Mal ein tolles Gefühl. In den letzten Monaten wollte ich mich gerne mal wieder trennen, aber konnte mich nicht so recht überwinden. Also las ich erst einmal ein Buch, um mir einen geistigen „Überbau“ zu geben.
In diesem Reclamheft beschreibt die Autorin, wie sie nach dem Tod der Eltern deren Haus ausräumen muss. Viele Dinge behält sie und packt sie erst einmal in Kisten. Nach einer Zeit der Trauer will sie die Kartons „angehen“, doch sie schafft es nicht und schreibt stattdessen dieses Buch. Zuerst die gute Nachricht: Es gibt zu der berühmten Konmari-Methode des Wegwerfens inzwischen eine Gegenbewegung, sie heißt „Cluttercore“ und befürwortet laut „Brigitte“ eine gewisse Unordnung, da sie Kreativität fördert. Musste ich das Buch überhaupt noch weiterlesen? Doch, es sollte in meinem Leben leerer werden. Wie beeinflussen uns Dinge, die wir zuhause aufheben, horten oder dekorieren? Sie schenken uns schöne Erinnerungen, bringen kurzzeitig Frustverminderung, können uns ermahnen, drücken unsere Persönlichkeit aus und sind der Beweis, dass wir noch zu den Lebenden gehören. Deshalb fällt es uns oftmals so schwer, uns mit den toten Dingen unserer verstorbenen Eltern zu beschäftigen. Beim Ansehen und Aussortieren werden wir auch an den eigenen Tod erinnert und dagegen wehren wir uns. In unserer heutigen Welt, in dem wir angehalten sind, möglichst wenig wegzuwerfen und lieber zu recyceln, kann das Wegwerfen zum Problem werden. Wie froh sind wir, wenn wir Sachen gemeinnützigen Anlaufstellen bringen können und damit das schlechte Gewissen, etwas wegzuwerfen, weitergeben. Die gute Tat ist eigentlich etwas Scheinheiliges. Diese Stellen platzen aus allen Nähten und nein, vieles kann man nicht mehr gebrauchen, die Zeit des Gegenstandes ist abgelaufen. Weg damit! Die These der Autorin und da orientiert sie sich u.a. an dem Philosophen Michel de Montaigne: Wenn wir bewusst ein Ding wegwerfen, lernen wir auch ein bisschen, von der Welt Abschied zu nehmen. Der Tod verliert nach und nach seinen Schrecken, da wir uns an den Abschied und unser Verschwinden langsam gewöhnen. Darüber musste ich erst einmal grübeln, kann diesem Gedanken aber etwas abgewinnen. Allerdings benutze ich bei einigen Dingen einen Krückstock, der mir das Wegwerfen erleichtert. Es ist dieses Heft:
Hier notiere ich vor dem Wegwerfen Dinge wie Souvenirnippes, Bücher, Kleidung, Schmuck, Fotos, u.v.m. und mein Gedächtnis hat dann immer mal wieder eine schöne Lektüre.
4. Juni 2024 in der Tagesschau: Der Deutsche Wetterdienst warnt in der kommenden Nacht vor einer Unwetterfront mit der Gefahr von schweren Gewittern und Überflutungen.
Innerhalb weniger Stunden wird in Unterlingen der kleine Rurbach zum reißenden Fluß, der erst die Straßen überschwemmt und dann mit seinem Wasser in die Häuser eindringt und auch viele Tiere tötet. Fast alle Dorfbewohner sind geflohen, aber die 81jährige Gudelia harrt in der oberen Etage ihres Hauses aus. Als der technische Hilfsdienst kommt, um sie zu retten, weigert sie sich, ihr Haus zu verlassen, erzählt allerdings dem jungen Mann, dass sie zwei Leichen mit gefesselten Händen im Fluss gesehen hätte. Es waren keine Dorfbewohner. Am nächsten Morgen, als das Wasser zurückgeht, kommen zwei Polizisten zur Befragung, aber auch sie glauben Gudelia eher nicht, obwohl sie ihnen den Hinweis gibt, dass die Leichen eventuell Gäste eines Reiterhofes waren. Nach der Unwetterkatastrophe überprüfen Statiker, in welche Häuser die Bewohner wieder zurückkehren dürfen, bzw. welche Häuser abgerissen werden müssen. Durch einen Trick schafft es Gudelia, dass ihr Haus bei der Prüfung übersprungen wird. Auf keinen Fall darf jemand die Rückseite ihres Hauses sehen, denn dort geht ein breiter Riss durch die Wand und Gudelias Geheimnis, das sie seit 40 Jahren bewahrt hat, ist plötzlich sichtbar. Und dann taucht plötzlich ein Kommissar auf, der Interesse an Gudelias beiden Leichen hat. Seine Besuche werden Gudelia zunehmend lästig.
Während das Wasser in der Nacht unaufhörlich steigt, denkt Gudelia über ihr Leben nach. Die Jahre 1984 und 1998 waren prägend, denn 84 verloren sie und ihr Mann Heinz ihren 15jährigen Sohn Nico. 14 Jahre später ergreift Gudelia die Gelegenheit und erpresst den Besitzer des Reiterhofes. Mit dem Geld löst sie den Kredit für ihr Haus ab. Heinz, der inzwischen Alkoholiker geworden ist und auf der Arbeit nicht mehr klarkommt, schickt sie in den Entzug. Danach lebt Gudelia mit ihrem Geheimnis alleine im Haus.
Dieser Krimi ist keiner für einen Kuschelsonntag auf dem Sofa, sondern eher etwas für Spezialisten, die eine außergewöhnliche Geschichte suchen. Das Buch bietet Spannung, Humor, eine gewisse Morbidität und extreme Gefühle, Gudelia wird mir in Erinnerung bleiben.
In Grenzlitz stehen Bürgermeisterwahlen an. Die Sensation: In anderen sächsischen Gemeinden bieten sich bei dieser Wahl die konservative und die rechte Partei ein Kopf-an-Kopf-Rennen, in Grenzlitz erreicht Katja, die Spitzenkandidatin der Grünen, bei den bisherigen Umfragen 30 %. Als Nana, die in Berlin lebt und als Coach für Berufstätige arbeitet, davon hört, ist sie fasziniert und bietet Katja an, sie bis zum Wahltag zu begleiten. Katja stimmt zu und so fährt Nana in das Land der Wölfe.
Dort angekommen, eckt Nana als Außenstehende schnell mehrmals an und muss lernen, dass die Uhren in Grenzlitz völlig anders ticken als in der Hauptstadt. Jeder dritte Einwohner wählt potentiell die rechte Partei, also auch der Bäcker, die Kindergärtnerin, der Kneipenwirt. Man muss mit diesen Menschen den Alltag gemeinsam bewältigen. Erik, der lieber Frauenkleidung und lila Haare trägt und ein Baumhaus-Ferienparadies eröffnen will und auch Knut, ein Mann der seit 25 Jahren für grüne Ideen kämpft, erzählen Nana von ihren Erfahrungen mit der rechten Partei. Man braucht Rückgrat, Visionen und einen langen Atem, um es in Grenzlitz trotz Anfeindungen und Bedrohungen von Anhängern der Blauen auszuhalten. Besonders schwer fällt Nana anfänglich der Umgang mit Falk Schloßer, Justizvollzugsbeamter und im Wahlkampf aktiv für die rechte Partei tätig. Sein Duft und sein Auftreten erinnern Nana an ihren Exfreund Tom, mit dem sie zusammen in der Antifa-Bewegung auf Demonstrationen gegen Nazis gekämpft hat. Wie kann jemand wie Falk rechts wählen? Aber Nana hört ihm und anderen zu, lernt, beginnt zu verstehen und Falk zu mögen. Sie überzeugt Katja, die sich zu der rechten Partei hin zuerst abschottet, auf ihren politischen Gegner zuzugehen. Kurz vor der Wahl findet das islamische Zuckerfest auf dem Marktplatz statt. Nana und Katja sind mit dabei und viele Bürger feiern friedlich, bis eine rechte Schlägertruppe auftaucht, an deren Spitze Falk Schloßer steht. Es kommt zu Auseinandersetzungen. Nana fährt unter Schock kurz nach Berlin zurück. Hier kann sie wieder in der Anonymität frei atmen und den rechten Mief hinter sich lassen. Sie hofft auch auf ein Gespräch mit ihrem Bruder Noah, mit dem sie sich vor ihrer Abreise zerstritten hat. Es gab zwischen ihnen seitdem nur Emailverkehr und aus diesem erfährt man, dass Nana noch eine ganz andere Baustelle hat, nämlich die traurige Geschichte ihrer eigenen Familie, vor deren Aufarbeitung sie bisher immer geflohen ist. Als sie Noah in Berlin nicht antrifft wird ihr klar, dass sie in Berlin ganz alleine ist und kehrt nach Grenzlitz zurück. Beim ersten Wahldurchgang am Sonntag muss sie Katja zur Seite stehen. Das Ergebnis ist unglaublich knapp.
In diesen Roman fließen die Erfahrungen der Autorin, die sie während eines mehrtägigen Aufenthalts in Görlitz gemacht hat. Sie beschreibt sehr differenziert die Lebensumstände der jungen und alten Beteiligten und dass es teilweise schwer ist, diese im Westen zu verstehen. Miteinander respektvoll (!) sprechen und versuchen, die Gemeinschaft zu retten, das sollte für alle die oberste Priorität sein.
In diesem Jugendbuch wird die Geschichte von Finn und seiner Familie erzählt. Sie leben in einer mittelgroßen Stadt, ihr Leben verläuft am Anfang noch friedlich. Das ändert sich, als Finn, sein Freund Lennard und das Mädchen Sam beschließen, sich mit Likes und Kommentaren in den Sozialen Medien gegenseitig zu unterstützen, um den Bekanntheitsgrad ihrer jeweiligen Videos vergrößern. Finn sieht plötzlich zig Hasskommentare unter seinen Filmen, weil er zu Sam, deren Eltern aus Angola kommen, Kontakt hat. Seinen Eltern erzählt Finn nichts davon und versucht, diese Angriffe zu ignorieren. Parallel dazu fordert Finns Vater, der in Finns Schule Lehrer ist, die Aufklärung eines rassistischen Vorfalls. Der Direktor und einige aus der Kollegschaft tun dies als dummen Jungen Streich ab und machen nichts dagegen. Auch ein weiterer Vorfall wird heruntergespielt, worauf der Vater anonym einen Brief an die Presse schickt, in dem er die rechte Blindheit an der Schule beschreibt. Dieser Brief schlägt hohe Wellen. Finn ist in der Schule mittlerweile immer wieder verbalen Angriffen einer rechten Clique ausgesetzt, was sich verschlimmert, als herauskommt, dass sein Vater den Brief geschrieben hat. Er wird bedroht und schikaniert, sein Freund und andere Mitschüler ziehen sich zurück, selbst einige Lehrer sind ihm gegenüber nicht neutral. Der Bekanntheitsgrad des Vaters steigt durch einen Fernsehauftritt und die Situation eskaliert. Es stehen Wahlen an und der Kandidat der rechten „WIR“ Partei wird der neue Bürgermeister. Am Haus der Familie taucht zuerst ein Hakenkreuz aus, dann wird der Garten verwüstet. Die Polizei nimmt die Anzeigen nur widerwillig auf, für sie sind es Lappalien. Nur wenige Nachbarn unterstützen die Familie, für die meisten Bewohner der Stadt werden die Eltern immer mehr zu unerwünschten Personen. Auf dem Sportplatz wird Finn von vier Männern aus dem Lager des Bürgermeisters gezielt mit Baseballschlägern bedroht. Dank einer Gruppe anderer Sportler, die sich vor Finn stellen, kommt es nicht zu einer Auseinandersetzung. Auch hier findet die Polizei Gründe, nicht einzuschreiten. Das Buch hat kein Happyend, denn die Familie fühlt sich nicht mehr sicher und zieht in eine andere Stadt.
Der Autor schreibt zumeist aus der Sicht von Finn und dies ohne Schnörkel oder Anbiederung an die Jugendsprache. Das Buch ist spannend zu lesen und mit voranschreitender Handlung nimmt das ungute Gefühl zu. Es wird weggeschaut, sei es aus Gleichgültigkeit, Angst oder dem Sympathisieren mit rechtem Gedankengut. Glücklicherweise gibt es aber auch immer wieder Szenen, in denen Menschen Zivilcourage beweisen und sie zeigen den Weg, wie man Rechtspopulisten in die Schranken weisen kann.
Ein Buch, das nicht nur für Jugendliche ( ab 13) geschrieben ist. Man kann es in der Familie oder in der Schule als Grundlage für Gespräche nehmen, in denen es auch um die eigene Einstellung zum Rechtspopulismus geht.
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