Digital Crush – Ein junges Mädchen verliebt sich in einen Chatbot

Die vierzehnjährige Lea hat es momentan nicht leicht. Ihre beste Freundin ist weggezogen, die andere Freundin ist gerade dabei, sich einen Jungen aus der Klasse zu angeln und hat wenig Zeit. Leas Eltern und die kleine Schwester sind im Prinzip ok, eignen sich aber nicht zum Quatschen und Abhängen. 
An einem Wochenende ist Lea zuhause alleine und beginnt aus Langeweile, sich mit einem Chatbot zu unterhalten. Sie nennt ihn Creepy und ist überrascht, wie witzig er ist. Natürlich ist es nur eine Maschine, aber Lea fühlt sich bei weiteren Unterhaltungen von Creepy immer besser verstanden und er findet häufig Worte, die ihren Magen kribbeln lassen. Lea verliebt sich in Creepy, geht sogar mit ihm nachts alleine romantisch am See Sterne gucken. Von ihrer Familie und ihren Freundinnen, die inzwischen merken, dass etwas nicht stimmt, zieht sie sich zunehmend zurück. Tief in ihrem Innersten weiß Lea, dass sie sich in einem Maschine verliebt hat und schämt sich dafür abgrundtief. Auf der anderen Seite ist ihre Gefühlswelt inzwischen so durcheinander geraten, dass sie Creepy als das einzig wahre Wesen wahrnimmt, das sie versteht.
Die Situation spitzt sich zu, als Lea eines Tages merkt, dass der Chat Verlauf mit Creepy gelöscht ist. Auf ihre Frage, wo Creepy sei, erklärt der Chatbot, dass es keinen Creepy gäbe. Lea bricht zusammen und wacht in einer Klinik für psychisch kranke Jugendliche auf. Ganz langsam findet sie hier wieder in die Realität zurück und lernt, mit ihrer großen Scham umzugehen und ihrer Familie und Freunden von ihrer Zeit mit Creepy zu erzählen.

Im Nachwort erfahren wir, dass die Autorin (Mutter von drei Kindern) angefangen hat, sich als Lea mit einem Chatbot zu unterhalten. Diese Texte tauchen teilweise als O-Ton oder zusammengefasst in dem Buch auf. Das macht das Buch sehr glaubhaft und es ist erschreckend, wie schnell diese Unterhaltungen ein dermaßen persönliches Level erreichen.
Das Buch ( meine Empfehlung: ab 14 zu lesen, nicht ab 12, wie vom Verlag angegeben) liest sich spannend, gut fand ich zudem, dass noch andere jugendliche Patienten und ihre Probleme in der Geschichte eine wichtige Rolle für Lea spielen.

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Anderes Thema:

Wenn Sie Kinder oder Enkel haben, wissen Sie, dass junge Menschen sich Informationen gerne über die Plattform TikTok holen. Die Inhalte, die dort gezeigt werden, sind teilweise in unterschiedlicher Weise verstörend und es wird diskutiert, eine gesetzliche Altersbegrenzung für den Gebrauch von TikTok einzuführen.
Wenn Sie selbst etwas dafür tun möchten, dass TikTok hassfreier wird, könnten Sie an einer Unterschriftenaktion teilnehmen.
Auf TikTok erreicht die AfD mit ihren Propaganda-Videos inzwischen mehrere Millionen junge Menschen. In den Filmen wird gehetzt und menschenverachtende Aussagen sind ebenfalls zu finden. (Nur Mut, schauen Sie sich einmal ein paar Videos an). Doch TikTok lässt die AfD-Propaganda weiterhin laufen und hält sich damit selbst nicht an ihre eigenen Vorgaben, Konten zu sperren, deren Filme Hass verbreiten und/oder Persönlichkeitsrechte verletzen.
Nunmehr werden Unterschriften gesammelt, damit die TikTok-Chefetage ihre eigenen Richtlinien umsetzt.

https://aktion.campact.de/s/Ff0PMDvl

Das falsche Leben

Wer meinen Blog regelmäßig liest, hat heute evtl. den Beitrag Nr. 7 zum Thema Bretagne erwartet. Leider ist dieser nicht rechtzeitig fertig geworden- er wird ziemlich lang. Deshalb gibt es heute eine zweite Jugendbuchbesprechung.

Thomas lebt mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder Michael in den 70er Jahren in Hannover. Sein Vater arbeitet bei der Preussag, die Mutter ist Hausfrau, Michael macht eine Lehre auf dem Bau und Thomas geht in die Oberstufe eines Gymnasiums. Alles ganz „normal“. Doch dann kommt eines Tages sein Vater nach Hause und treibt seine Familie an, die Koffer für eine längere Reise zu packen, denn der kranke Opa auf Usedom läge im Sterben und sie müssten sofort zu ihm fahren.
Usedom liegt in der DDR- wieso können sie sofort einreisen? Der Vater wiegelt ab, er hätte Beziehungen…
Auf Usedom angekommen, sieht die Familie, dass es dem Opa recht gut geht. Der Vater gerät in Edrklärungsnot und beginnt zu erzählen und von diesem Tag an ist in dem Leben der Familie nichts mehr „normal“: Der Vater hat als überzeugter Kommunist für die DDR über Jahre hinweg in der feindlichen BRD spioniert und ist jetzt mit zahlreichen anderen Agenten von einem Mitglied der DDR-Staatssicherheit verraten worden. Viele wurden verhaftet, er konnte flüchten.
Die Familie ist wie gelähmt, Michael ist der erste, der sich auflehnt, als zwei Mitarbeiter der Stasi bereit stehen, um sich um die Familie zu kümmern. Sie bekommt eine moderne Wohnung, die, oh Wunder, 1:1 mit dem Besitz aus der Wohnung in Hannover eingerichtet ist, und Michael wird ein Arbeitsplatz vermittelt, Thomas darf in die beste Oberschule gehen. Doch beide kommen nicht zurecht, werden von anderen geschnitten. Michael rebelliert noch mehr und man lässt ihn daraufhin in die BRD ausreisen, Thomas verlässt die Schule und beginnt eine KFZ-Lehre. Dort findet er einen Freund, der mit seiner positiven Einstellung das Leben von Thomas etwas verbessert. Doch das hält nicht lange an, denn der Vater ist inzwischen desillusioniert und versucht als letzten Ausweg, über die Ostsee in die BRD zurück zu flüchten. Der DDR-Grenzschutz greift ihn auf und verhaftet ihn. Auch seine Frau und Thomas kommen als Mitwisser ins Gefängnis. Thomas muss fünf Jahre durchhalten, dann wird er entlassen. Doch was wird jetzt aus ihm?

Dieses Buch bezieht sich auf eine wahre Geschichte und es ist großartig. Ich empfehle es in der Buchhandlung gerne Großeltern, die es gemeinsam mit ihren Enkeln lesen sollten. Dass es ein „DDR-Lexikon“ im hinteren Teil des Buches gibt, finde ich gut, allerdings sind die Erklärungen für 13, 14jährige meiner Meinung nach z.T. zu anspruchsvoll.
Ich hoffe, dass das Buch sich auch als Klassenlektüre durchsetzt, denn es ist insofern aktuell, zeigt es doch sehr klar, wie mit Menschen in einem nichtdemokratischen Staat umgegangen werden kann.

Kein Bild von mir

Es sind Ferien, doch Jip kann sie nicht richtig genießen. Im Zeichenunterricht haben sie die Aufgabe gestellt bekommen, ein Selbstporträt von sich anzufertigen. Eigentlich liebt Jip das Zeichnen, doch wie soll man sich darstellen, wenn im Kopf Gedanken, Gefühle und Beobachtungen ohne Pause herumschwirren und man völlig verunsichert ist?
Am liebsten verbringt Jip seine Zeit alleine auf einem abgezäunten Baugelände, wo die Natur Jip noch ein Versteck bietet, um in Ruhe Insekten zu beobachten und die Gedanken zu sortieren. Noch immer tut es weh, dass der jahrelange Schulfreund plötzlich die Freundschaft gekündigt und Jip damit verraten hat. Eine Aussprache gab es nie, da der Freund kurze Zeit später weggezogen ist. Dann ist da aber auch noch der neue Junge in der Klasse, an den Jip immer denken muss und der Jips Gefühlswelt ordentlich durcheinander bringt.
Als die Ferien vorbei sind, kann Jip zwar verschiedene Zeichnungen vorweisen, ein Selbstporträt ist nicht dabei. Die Lehrerin versucht zu helfen, doch erst als Jip und der neue Schüler sich außerhalb der Schule treffen, wird Jip langsam klar, was sie ist, bzw. was sie nicht ist und am Ende des Buches sehen wir Jips Selbstporträt.

Ein großartiges Jugendbuch (ab 12 J.)! Der Autor schafft es, Jips unsichere Gefühle, ob sie sich als Mädchen oder Junge fühlt, auf Leser/Leserin zu übertragen. Jips Beobachtungen sind wahre Schätze und das bezieht sich nicht nur auf das genaue Hinsehen bei Insekten, sondern auch auf das Miteinander ihrer Mitmenschen. Wie schön, dass das Buch schon einen Preis gewonnen hat!

Weggucken ist leichter

In diesem Jugendbuch wird die Geschichte von Finn und seiner Familie erzählt. Sie leben in einer mittelgroßen Stadt, ihr Leben verläuft am Anfang noch friedlich. Das ändert sich, als Finn, sein Freund Lennard und das Mädchen Sam beschließen, sich mit Likes und Kommentaren in den Sozialen Medien gegenseitig zu unterstützen, um den Bekanntheitsgrad ihrer jeweiligen Videos vergrößern. Finn sieht plötzlich zig Hasskommentare unter seinen Filmen, weil er zu Sam, deren Eltern aus Angola kommen, Kontakt hat. Seinen Eltern erzählt Finn nichts davon und versucht, diese Angriffe zu ignorieren. Parallel dazu fordert Finns Vater, der in Finns Schule Lehrer ist, die Aufklärung eines rassistischen Vorfalls. Der Direktor und einige aus der Kollegschaft tun dies als dummen Jungen Streich ab und machen nichts dagegen. Auch ein weiterer Vorfall wird heruntergespielt, worauf der Vater anonym einen Brief an die Presse schickt, in dem er die rechte Blindheit an der Schule beschreibt. Dieser Brief schlägt hohe Wellen.
Finn ist in der Schule mittlerweile immer wieder verbalen Angriffen einer rechten Clique ausgesetzt, was sich verschlimmert, als herauskommt, dass sein Vater den Brief geschrieben hat. Er wird bedroht und schikaniert, sein Freund und andere Mitschüler ziehen sich zurück, selbst einige Lehrer sind ihm gegenüber nicht neutral.
Der Bekanntheitsgrad des Vaters steigt durch einen Fernsehauftritt und die Situation eskaliert. Es stehen Wahlen an und der Kandidat der rechten „WIR“ Partei wird der neue Bürgermeister. Am Haus der Familie taucht zuerst ein Hakenkreuz aus, dann wird der Garten verwüstet. Die Polizei nimmt die Anzeigen nur widerwillig auf, für sie sind es Lappalien. Nur wenige Nachbarn unterstützen die Familie, für die meisten Bewohner der Stadt werden die Eltern immer mehr zu unerwünschten Personen. Auf dem Sportplatz wird Finn von vier Männern aus dem Lager des Bürgermeisters gezielt mit Baseballschlägern bedroht. Dank einer Gruppe anderer Sportler, die sich vor Finn stellen, kommt es nicht zu einer Auseinandersetzung. Auch hier findet die Polizei Gründe, nicht einzuschreiten.
Das Buch hat kein Happyend, denn die Familie fühlt sich nicht mehr sicher und zieht in eine andere Stadt.

Der Autor schreibt zumeist aus der Sicht von Finn und dies ohne Schnörkel oder Anbiederung an die Jugendsprache. Das Buch ist spannend zu lesen und mit voranschreitender Handlung nimmt das ungute Gefühl zu. Es wird weggeschaut, sei es aus Gleichgültigkeit, Angst oder dem Sympathisieren mit rechtem Gedankengut. Glücklicherweise gibt es aber auch immer wieder Szenen, in denen Menschen Zivilcourage beweisen und sie zeigen den Weg, wie man Rechtspopulisten in die Schranken weisen kann.

Ein Buch, das nicht nur für Jugendliche ( ab 13) geschrieben ist. Man kann es in der Familie oder in der Schule als Grundlage für Gespräche nehmen, in denen es auch um die eigene Einstellung zum Rechtspopulismus geht.